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Erinnerung an seine Schuld stieg taglich mit ihm auf den Postwagen und stand jeden Abend und
jeden Morgen an seinem Bett. Die achtzehn Jahre seit dem Morde schwächten nichts von seiner Schuld ab. Als der Tod seine kalte Hand auf ihn legte, war er sich bewußt, daß sein Weg nun vor einen Richter führen sollte, vor dem weder Leugnen noch Lügen helfen konnte. Da bekannte er im Angst⸗ schweiß des Todes.— Denkst du, daß solches Be— kenntnis Frieden und ewige Vergebung bringen könnte? Ich fürchte, daß er unversöhnt und friedelos in die Ewigkeit gegangen ist. Ob er noch durch den Blick auf das Kreuz die Gnade Gottes in Buße und Glauben ergriffen habe, davon sagt die Zeitung nichts, Gott weiß es. Welch trauriges Leben! Tag und Nacht stand dieser Mann im Bewußtsein seiner Schuld, und daun ging's in die Ewigkeit, um vor dem heiligen Gott zu erscheinen, der alles ge⸗ sehen hatte als ein unbestechlicher Zeuge.
Die meisten Menschen stehen so unter dem Banne der Menschenfurcht und Unwahrheit, daß sie wünschen, ihre Sünden zu verschweigen und so mit in das Grab zu nehmen.
Wie eine untreue Magd die Scherben der zer⸗ brochenen Teller heimlich in den Müllkasten wirft und dann sagt:„Ich habe nichts zerbrochen,“ so wollen viele ihre heimlichen Sünden in den Müll⸗ kasten der Vergangenheit werfen. Wieviel Betrug, Ehebruch und Treubruch wird da hineingeworfen! Vermag die Erde, welche dir auf den Sarg gehäuft werden wird, die Lebensschuld zuzudecken? Dazu reichen selbst jene riesigen Steinberge nicht aus, die Pyramiden, die Grabdenkmäler der Könige Agyptens; dazu reicht auch das Schweigen deiner Lippen nicht aus, o Menschenkind!
Es gibt nur eine Macht, welche Sünden wirklich verschwinden macht, ein wunderbares, herrliches Mittel, um die Last vom Gewissen und die Schuld vom Leben wegzubringen, das ist das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, auf dem Kreuze von Golgatha vergossen, um jeden Sünder, der glaubend zu Jesu kommt, der in Wahrheit und Buße Ihm huldigt, völlig zu versöhnen.
Auf den Herzen der meisten Menschen liegt mehr Gewissenslast, als man ahnt. Das kann man den Leuten äußerlich nicht ansehen. Mancher schon, der seine Gewissenslast nicht länger tragen konnte, ist in den Selbstmord gegangen, wie Judas Ischarioth. Das ist der Fluch der Unaufrichtigkeit. Man wollte nicht ins Licht kommen, man wollte im Dunkel bleiben, da zieht die Finsternis den armen, verlornen Sünder ganz in die Tiefen. Aber das ist nicht der Wille
„Gottes. Jesus ruft zum Leben, zur Ver⸗
gebung, zum Frieden. Geistlich tote, schuld⸗
beladene Menschen sollen die Stimme des
Sohnes Gottes hören und leben!
Was dann!
„Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?“ Matth. 16, 26.
Sehr lebhaft erinnere ich mich noch einer Be⸗ gebenheit aus meiner Jugendzeit: Ein wohlhabender Mann wurde glötzlich ganz arm. Unvorsichtigerweise hatte er aus Gefälligkeit für einen Freund einige Wechsel unterschrieben, die auf bedeutend hohe Summen lauteten. Trotzdem konnte der Bankrott jenes Schuldners nicht aufgehalten werden, und der freundliche Wohltäter hatte die ganzen Folgen des Bankrotts nun zu tragen. Welche Bewegung tiefen und herzlichen Mitleids ergriff damals die Leute in der ganzen Landgegend! Dieser hatte sein ganzes Vermögen verloren, und was dies besagte für einen Mann in solchen Verhältnissen, davon hatten die Landleute eine tiefe Empfindung. Vermögen ver⸗ loren— viel verloren!
Es war ein andermal. Vor mir sitzt ein junger Mann mit rotverweinten Augen. Man merkte, wie schwer und sauer ihm der Weg zur Sprechstunde gewesen war. Nun aber hatte er es gewagt, mochte man von ihm halten, was man wollte. Aber in der Brust tobt der Kampf, und auf der Stirn stehen die Schweißtropfen. Er setzt zum Bekenntnis an; aber die Worte bleiben im Halse stecken, und wieder und wieder setzt er an, bis zuletzt nur die paar gepreßten Worte über seine Lippen kommen: „Nun, Sie wissen ja schon!“ Der hatte seine Moral verloren. Vermögen verloren— viel verloren! Ehre verloren— mehr verloren!
Und wieder war es ein andermal. Hastig stürzt ein Mann ins Zimmer herein:„Alles zu spät! Ich habe die Sünde begangen, die nicht mehr ver⸗ geben werden kann: die Lästerung wider den Heiligen Geist!“ Der meinte seine Seele verloren zu haben. Gewiß verriet die Sorge um seine Seele, daß von einer solchen Sünde nicht die Rede sein konnte. Aber wie, wenn seine Worte bitterste, furchtbarste Wahrheit gewesen wären! Was hätte ich ihm dann sagen, und womit hätte ich ihn trösten können? „Was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?“ Vermögen verloren— viel verloren! Ehre verloren— mehr verloren! Seele verloren— alles verloren! Und wohl mögen über dem Eingang einer alten Klosterkirche die Worte stehen:„Ein ein⸗ ziger Gott— wenn er mein Feind ist, wer rettet mich dann?! Eine einzige Seele— wenn ich sie verliere, was bleibt mir dann übrig?!“ Der Ver⸗ lust der Seele ist in der Tat der eigentliche und entscheidende Verlust. Aller andere Verlust läßt sich irgendwie wieder wettmachen. Ist jemand um Haus und Hof gekommen, so mögen für ihn auch wieder bessere Zeiten kommen, und meistens kommen sie auch
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