Ausgabe 
18.11.1913
 
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Wissenist

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 33

Dienstag, den 18. Movember 1913

2. Jahrgang

Ein moderner Faust. Zum Tode von Alfred R. Wallace.

In London ist am 7. November dieses Jahres der Na turforscher Alfred Russell Wallace gestorben. Er lebte noch unter uns So sagten erstaunt die N Wenigen, denen sein Wirken und seine Bedeutung klar war, bei dieser Todesnachricht. Denn Wallace reicht tief hinein

in die Zeiten, in denen Naturwissenschaft noch nicht in aller Munde war, ja er ist noch ein Naturforscher des Bieder maier, ein Zeitgenosse Goethes der in den 91 Jahren seines Lebens die wunderbarsten geistigen Umwandlungen gesehen und mehr als man sich im allgemeinen denkt, an der Herauf führung der neuen Zeit mitgearbeitet hat. 8 Er hat auch äußerlich viel erlebt. Als echtes Kind des Volkes, für dessen Wohlfahrt sein Herz zeitlebens glühte, hatte er einen schweren Lebensweg. Er beschrieb ihn selbst in einer zweibändigen Lebensgeschichte und stellt sich darin als einer der vielen Talente dar, die durch mißliche Umstände sauf einen ganz andern Platz des Lebens gestellt werden, als ihnen ihrer Natur und Fähigkeit nach zukommt. Tausende ringen auch in der arbeitenden Schicht unseres Volkes danach, ö mit Begabung und eisernem Fleiß sich aus der eisernen Umklammerung einer hoffnungslosen Lebenslage zu be freien, wenn sie das Ungück hatten, als Sohn eines Armen 0 zur Welt zu kommen und doch die Kraft zu hohen Leistungen 6 in sich fühlen. Aber wie wenigen gelingt es, sich aus den, wie man bei uns so mephistofelisch sagte:Gottgewollten Abhängigkeiten so zu erlösen, wie Wallace, dieser Sohn eines kleinen Mannes, dem es schon als höchster Lebenszweck hingestellt wurde, wenn er Landmesser werden konnte tatsächlich heißt es oft, daß er zum Architekt bestimmt war, der aber dann aus eigener Kraft Schullehrer wurde und in Wales vier Jahre lang bis zum Revolutionsjahre 1848 das damals so untergeordnete, von den englischen Landbaronen nicht weniger geflissentlich wie von den deutschen Junkern Anna 1913 mit Füßen getretene Amt eines Landlehrers ver sah. Damals mag er den Grund gelegt haben aus eigenster Erfahrung zu seiner heiligen Ueberzeugung von der not wendigen sozialen Umgestaltung, für die er im Alter als Präsident der von ihm gegründeten Gesellschaft zur gerechten Verteilung des Grundbesitzes an das Volk, so herzenswarm eintrat.

In der Enge seines stillen Berufes bildete er sich aber damals auch zu jener Universalität als Naturforscher, die später sein Wesen und seine Bedeutung ausmachen sollte. Diese alten Naturforscher traten alle mit einem ganz an deren Begriff an die Welt heran, als derSpezialist von heute. Ihnen war es darum zu tun, sich ein möglichst um

fassendes Naturbild, sich eine Philosophie der Natur zu ver⸗ schaffen, in der auch der Mensch, das allgemein menschliche Gefühl, die Verantwortung, als Naturforscher ein Diener, ein Aufklärer, ein Belehrer und Vorkämpfer des Volkes zu sein, nicht verkümmerte. Immer werden ihre Verdienste durch diesen Hintergrund scharf herausgehoben und Wallace, den die Engländer nicht umsonst gern denGroßen alten Mann der Wissenschaft ihres Volkes(The great old mau of Seience) nannten, verdient als einer der letzten dieser Reeihe von Männern, die auch im deutschen Kulturkreis in Ernst Haeckel noch ein Gegenstück finden, schon deshalo besondere Beachtung.

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Der Wendepunkt seines Lebens trat im Jahre 1848 ein. Mit einem Freund, dem nicht weniger berühmt gewordenen späteren Sekretär der geographischen Gesellschaft in London, Henry Bates, der aber ursprünglich Lehrling in einem Wollwarengeschäft war, ging er nach Südamerika. In jenem Teil, der kurz zuvor von Alexander Humboldt so klassisch durchforscht wurde, an den Amazonenstrom und an die Ufer seines Hauptflusses, den Rio Negro, dessen weiteres Gebiet noch heute zu den unbekanntesten Gegenden der Erde zählt. Vier Jahre blieb Wallace dort, elf Jahre lang Bates. Die beiden Naturforscher schwelgten wie im Paradiese an der reichen, namentlich zoologischen Ausbeute ihrer Reise; das Lebenswerk des kleinen Schullehrers von Leicester schien ge sichert, da verlor er durch Schiffbruch auf der Heimreise seine ganzen Sammlungen und Aufzeichnungen...

Aber das Mißgeschickt drückte ihn nicht nieder. Nicht verloren war die tausendfältige Anregung und Vertiefung seiner naturpilosophischen Ideen, die durch seine große Reise langsam so feste Gestalt annahmen, daß er auf einer zweiten Forschungsfahrt durch die indische Inselwelt, von Singapore bis Neu⸗Guinea, die ihn dort acht Jahre lang festhielt, wäh rend er auf Borneo vom Wechselfieber genesend, zur Un tätigkeit verurteilt war, eine fertige Theorie niederschrieb,

der er, als er sie nach seiner Rückkehr im Jahre 1858 dem Sekretär der Linnéschen Gesellschaft zu London, dem be

den Titel voransetzte: unbegrenzt von dem

rühmten Geologen Lyell, übergab, Ueber die Tendenz der Varietäten, Originaltypus abzuweichen.

Wie erstaunte Lyell, als er die Handschrift las und bis auf die gleichen Kapitelüberschriften, darin dieselben Ideen entwickelt fand, über die ihm ein anderer jüngerer Natur forscher, Charles Darwin bereits Mitteilung gemacht hatte. Darwin hatte seinen Bericht darüber sogar schon seit 1842 fertig liegen! Nun entschloß er sich unter dem Druck der Wallaceschen Wettbewerbung zur Veröffentlichung, und am 1. Juli 1858 wurden in der Sitzung derLin nean Society die beiden im Wesen identischen Arbeiten von Darwin und Wallace vorgelesen.

Was man heute Darwinismus nennt, ist durch diese beiden Männer gleichzeitig, von einander unabhängig, be⸗ gründet worden. Wenn Wallace nicht zufällig sich an den mit Darwin bekannten Lyell gewendet, sondern seine Arbeit anderweitig veröffentlicht hätte, würde man heute von Wallaceismus sprechen, statt von Darwinismus.

Wieder einmal hatte er also dicht vor dem Ziel Schiff bruch gelitten. Aber wieder einmal konnte er dadurch seine Charaktergröße beweisen. Er versuchte gar keinen Kampf gegen Darwin. Er trat freiwillig zurück und verzichtete auf den Weltruhm.

Hat er es getan ohne innere Krisen? Wir wissen es nicht. Er lebte in bescheidenen äußeren Verhältnissen als Schriftsteller noch 65 Jahre lang; er hat viel und vielerlei. aber nichts mehr von solcher Bedeutung, wie seine beiden Reisen und ihre Frucht: die Idee der Naturzüchtung ge leistet; er hat zeitlebens im Schatten eines anderen leben müssen.

Daß er es mit Würde getan hat, bringt ihn uns mensch⸗ lich nahe. Und eine ausgleichende Gerechtigkeit versöhnt sein merkwürdiges Lebensschicksal dadurch, daß er auch den Nie⸗ dergang des Darwinimus, den großen Kampf der Zweifel gegen die Selektionshypothese, erlebt hat. Er selbst hat