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sen istslacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 30

Dienstag, den 7. Zanuar 1913

I. Jahrgang

Die Bedentung der Entwickelungstheorie für unsere Naturauschauung).

Jeder, der sich einmal vorgenommen hat, das Leben der heutigen Kulturvölker in allen seinen verwickelten Aeußer⸗ ungen mit dem Leben derselben Völker in derzuten alten Zeit, etwa im Mittelalter, zu vergleichen, der findet bald den gewaltigen Unterschied in der ganzen Lebensführung. In erster Linie fällt naturgemäß der Unterschied in der soge⸗ nannten materiellen Kultur auf. Die Art und Weise, wie die modernen Menschen die Waren produzieren, verteilen und verbrauchen, die gesamte Verfassung des wirtschaftlichen Lebens ist grundverschieden von der mittelalterlichen. In zweiter Linie kommt dann die Umwälzung in der staatlichen Organisation, im politischen Leben der Nationen. Und erst an dritter Stelle wird wohl auch der Umwälzungen im rein geistigen Gebiet gedacht werden. Diese Reihenfolge ent⸗ spricht ganz den Bedingungen des wirklichen Lebens und dem wirklichen Stande der gesamten Kultur. Es ist nicht ein Zufall, daß wir bei der Aufzählung der verschiedenen Aeußer⸗ ungen des Fortschritts zuerst an den wirtschaftlichen, dann

Jan den politischen und zuletzt an den geistigen Fortschritt

denken. Lange bevor der moderne Mensch reif geworden ist, um seine politischen Rechte aktiv zu verteidigen, wird er ge⸗ zwungen, den Fortschritt in der Ausbildung der Produktions- und Verkehrsmittelmitzumachen. Und wenn er schon so weit ist, um das politische Leben seiner Zeit mitzuerleben, zum in Wort und Tat für die Rechte seiner Persönlichkeit, seiner Partei und Klasse einzutreten, so fehlt es ihm noch lange an Muße, um sich in Besitz der Produkte der geistigen Kultur zu setzen.

So kommt es, daß viele sich noch lange nicht klar genug vorstellen, welch tiefe Kluft das Denken des modernen Men- schen von dem Denken des mittelalterlichen trennt. Und doch ist der Unterschied hier nicht geringer als im Gebiet des tech⸗ nischen und politischen Lebens. Will man kurz ausdrücken, worin der moderne Mensch dem mittelalterlichenüber ist, so kann mag sagen: der mittelalterliche Mensch kannte weder die Welt, in der er lebte, noch sich selbst; der moderne Mensch hat das Weltall und den Menschen, also sich selbst erkannt. Sind doch das die beiden Hauptpunkte, die beiden Pole, um die sich das Denken und Grübeln des Menschen von jeher ge dreht hat: das Weltall und die Stellung des Menschen in demselben. Der hochgelehrte Züricher Stadtarzt Johann Jakob Scheuchzer schrieb noch im Jahre 1710 in seiner Physica, wenn man bedenke, wie wenig Licht die Sterne in mondloser Nacht spenden, so steigen Zweifel an ihrer Bestim⸗ mung, dem Menschen die Nächte zu erleuchten, auf.(J) Welche bösen Erfahrungen auf dem nächtlichen Heimgang in den dunklen und krummen Gassen seiner heimatlichen Stadt müssen den gelehrten und frommen Mann auf diesen ketzeri⸗ schen Gedanken geführt haben! Heute lächelt schon ein Schul⸗

Aus Entwicklungstheorie(Darwins Lehre), gemeinverständ⸗ lich dargestellt von Dr. S. Tschulok, Privatdozent für Allgemeine Biologie an der Universität Zürich. Mit 49 Abbildungen im Text. VIII und 312 Seiten. Preis broschiert 2,50 Mk., gebunden 3 Mk. erlag von J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart.)

bub über solche Aeußerungen. Dem madernen Menschen ist die Erde nicht mehr der Mittelpunkt der Welt, die Gestirn⸗ nicht mehr die ihm zum Dienste angewiesenen Leuchten. Wie ist es dazu gekommen? Kurz gesagt, durch die mit dem Fort- schritt der Wissenschaft unabwendbar eintretende gewaltige Erweiterung des geistigen Gesichtskreises nach Raum und Zeit.

Der einzelne erlebt noch heute diese gewaltige Umwälz⸗ ung an sich selbst, wenn er, von reinem Wissensdrang ge trieben, sich in das Studium der Welt und der Menschheit vertieft. Wo ist der, der, durch Schilderung fremder Länder und Völker begeistert, sich nicht danach sehnte, diese ganze Pracht der wirklichen Welt mit eigenen Augen zu schauen? Von der nächsten Umgebung schweift der geistige Blick in weitere Fernen, zu den palmenumkränzten Gestaden der Südsee und ihrer zauberhaften Inselwelt. Feuerspeiende Berge und reißende Ströme, undurchdringliches Dickicht des Urwaldes, farbenprächtige Vögel und riesenhafte wilde Tiere, fremdartige Völker mit unbegreiflichen Sitten und Ge bräuchen wo ist der, den nicht ein heimliches Verlangen nach all diesem Reichtum von Gestalten über manches Mißgeschick der harten Wirklichkeit hinweggetäuscht hätte! Doch bald wird dem Wissensdurstigen die Erde selbst zu eng. Mit kühnem Fluge erhebt sich der Gedanke weit über die Grenzen des irdischen Wohnplatzes, schweift in den weiten Fernen des Weltalls, sieht die ungezählten Sonnen mit ihren stummen Trabanten vorüberziehen, sieht die weltschwangeren Nebel im unendlichen Raume ihre Flügel ausbreiten.

Das bunte Nebeneinander von Lebensformen der Men- schen auf der Erde und von Welten im Raume bleibt dem menschlichen Geiste auf die Dauer unerträglich. Man sucht nach einem Mittel, um aus dieser unerträglichen Lage her⸗ auszukommen. Man nimmt seine Zuflucht zur Zeit.

Zweierlei Arten der wissenschaftlichen Interessen kann man bei den wissensdurstigen Menschen unterscheiden, mögen es vom Schicksal begünstigte Sonntagskinder begüterter Familien oder für Wissenschaft schwärmende Proletarier kinder sein: die einen ziehen die Naturgeschichte, Erdkunde und Himmelskunde vor, die anderen sehnen sich nach Ge⸗ schichte. Eigentlich gehört beides zusammen, das eine oder das andere bleibt für sich allein betrieben einseitig und nützt nicht viel. Wer sich dem Studium der Geschichte zuwendet, sieht sich den gegenwärtigen Zuständen und Kämpfen entrückt, sieht sich in die Vergangenheit versetzt. Der heutige Tag knüpft an den gestrigen an, der gestrige spinnt an dem Ge⸗ webe, das vorgestern begonnen wurde, weiter. Wie mit dem Raume, so hat es auch hier eigentlich gar kein Ende. Die neuere Geschichte wurzelt in der mittelalterlichen, diese in der alten, nirgends ein unvermittelter Anfang. Hat uns gar der Faden der geschichtlichen Ueberlieferung im Stiche ge⸗ lassen, so übernimmt die Urgeschichte die Führung. Wo nicht mehr die Chroniken die Quelle der Aufschlüsse über das Leben der weit zurückliegenden Zeiten bilden, da erzählen uns Tonscherben und Eisengeräte, Ueberreste von Festungen und ähnliches von diesem Leben. Bald ist auch kein Eisen⸗ gerät mehr zu finden, nur noch steinerne Beile, knöcherne Pfeilspitzen, rohe Behausungen, aus riesigen Steinen aufge⸗

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