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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volks zeitung
Nummer 18
Dienstag, den 6. August 1912
I. Jahrgang
Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe.
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Den guten und schlechten Geschmack im Kunstgewerbe be— handelt ein Buch“) von Gustav E. Pazaurek, dem Gründer und Leiter der bekannten„Abteilung der Geschmacks— verirrungen“ am Landesgewerbemuseum zu Stuttgart, jener Schreckenskammer, in der kunstgewerbliche Entgleisungen als warnendes Mene— Tekel gesammelt und zur Schau gestellt sie nd. Nicht als dünnleibige Broschüre, wie sie so reichlich jetzt über ästhetische Themata in die Welt gestreut werden, sondern gewichtig, 365 Seiten stark, mit Farben tafeln und vielen anderen Abbildungen, nach den kunstgewerblichen 1 aug⸗ nissen aller Zeiten und Völker, präsentiert sich das Werk. Dennoch wendet es sich nicht an den Fachmann, sondern an den Laien und ist deshalb mit Absicht in einem leichteren, unterhaltlichen Tone geschrieben; denn auch der Verfasser sieht in der Verallgemeinerung der Kunstbildung das Heil, und hält es für die moralische Pflicht aller bereits kulturell Höherstehenden,„nicht mit verschränkten Armen zuzusehen, wie sich das Unkraut des Ungeschmacks in entsetzlicher Frucht— barkeit vermehrt“. Es liegt ihm aber nicht so sehr daran, neue künstlerische Gesichtspunkte aufzustellen, als vielmehr die eingewurzelten Geschmacklosigkeiten zu be⸗ seitigen. Er meint mit Meier-Graese, an der Kunst ließe sich am ehesten das berechnen,„wie sie nicht kann“, und über Geschmacklosigkeiten könne man sich besser verständigen wie über Geschmacksachen. Was sich auch dagegen einwenden läßt— immerhin scheint die Methode ganz plausibel: zuerst ein Reinigungswerk vorzunehmen, den Schutt wegzuräumen, ehe die Fundamente für das Neue errichtet werden.
Pazaurek legt seinem Buche ein dreiteiliges System zu— grunde, wie er ein solches auch in der bereits erwähnten Schreckenskan imer-Abteil ung walten ließ. Er teilt die kunst⸗ gewerblichen Geschmacklos 1 ein in: Verfehlungen gegen das Material, Verfehlungen gegen die Konstruktion* Technik) und Ver⸗ 3 gegen den Schmuck.
Die Verfehlungen gegen das Material nehmen den brei— testen Raum ein. Das Kunsthandwerk kann nur jene Stoffe brauchen, bei denen Beschaffung und Behandlungsfähigkeit im richtigen Verhältnis zur Dauerhaftigkeit und zur erzielten Wirkung stehen. Ob aber ein Grundstoff an und für sich teuer oder billig ist, das scheint für die Aesthetik sehr unwesentlich. Ein künstlerisch bearbeitetes Stück Holz oder Eisen kann den Wert, auch den Marktwert eines Stück Goldes von gleicher Größe z. B. weit übersteigen. Es gibt auch von vornherein unter den Materialen keine echten oder unechten; nur muß die Behandlungsart so sein, daß das Material stets seinem Wesen nach zu erkennen ist. Das zahl⸗ reiche Aufkommen neuer Stoffe verstärkt aber die Täuschungs⸗ misere unserer Zeit. Gelingt einem Chemiker eine Erfin— dung, so weiß dieser, daß sich sein neuer Stoff am besten durchzusetzen vermag, indem er andre, alte Stoffe aus ihrer bisherigen Stellung verdrängt. Es wird dann zunächst ver⸗ sucht, den neuen Stoff im erborgten Gewande der alten Geg⸗ ner in die Praxis einzuschmuggeln. So entsteht eine sehr unerfreuliche Surrogatperiode, die zum Glück in vielen
) Im Verlage der Deutschen Verlagsanstalt,
Stuttgart. Preis gebunden 12 Mark.
Fällen jetzt durch das Herbeiziehen eines tüchtigen Künstler
beendigt wird, der, falls das neue Material überhaupt 8 9 ch⸗ bare Eigenschaften besitzt, diese auch aus ihm hervorlocken und s seiner Eigenart gemäß behandeln lassen kann. Ich möchte hierbei z. B. an das Linoleum erinnern, das in 55 Anfängen, um sich durchzusetzen, es für nötig hielt, Fliesen, e Dielen, Pakett 5 oder e vorzutäuschen, bis es dann schließlich, da seine Brauchbarkeit vollauf erkannt! war, seinem Mat erial entsprechende Entwürfe von Künstlern erhielt. Schlimmer liegt der Fall, wenn das Material an und für sich verdorben oder minderwertig ist, und wie häufig kommt dies nicht in unserer Zeit der Unter— bietungen vor! Die Großindustrie sowohl wie das gesamte Handwerk leiden unter dieser Richtung des modernen Kon— Eurrenztümpfes Am krassesten wohl das Bauhandwerk, und mit Recht nennt R. Schaukal die modernen Zinshäuser„aus schlechtem Material errichtete Schandsäulen des kulturmörde— rischen Parvenütums“. Alle Fehler, die ein Material wäh, rend der Herstellung erhalten kann, werden auf die raffinier⸗ teste Art im modernen Kunsthandwerk zu verdecken gesucht, und ein ganzer Stab von Reparaturkünstlern ist einzig dazu ausgebildet und tätig. Namentlich in der Keramik, wo so leicht verzogene Formen und Brandrisse, blasige, fleckige Glasuren, ausgebrannte Farben entstehen, blüht diese Ver— tunschungspraxis. Ablenkende oder verhüllende Montierun— gen, Streublümchen oder andere deckende Malerei werden gern dazu verwandt. Wo findet man noch diese Ehrlichkeit wie beim alten Meißener Porzellan, das seine Aus sschußware durch ein deutliches Zeichen kenntlich machte, oder jenes Ja— paners, der die Bruchstellen eines ihm wertvollen Teekänn— chens allen sichtbar mit Gold nachzog? Merkwürdigerweise wird aber auch oft von Haus aus gutes Material absicht⸗ lich verdorben oder in der primitiven Technik früherer Zeiten behandelt. So hat man in Ssôvres neuerdings die „Pate ter dre“„das altfranzösische Weichporzellan, wieder ein⸗ geführt, während man doch jetzt allgemein froh war, endlich ein gutes Hartporzellan erzeugen zu können. Und viele Glashütten, die sonst einwandfreie Erzeugnisse produzieren, stellen absichtlich schlecht entfärbtes, blasiges Glas, wie das „Waldglas“ des Mi ttelalters 3 oder der Renaissance her. alles einer„altdeu Mode zuliebe, gleichzeitig aber auch 17 Objekt für die Fälscherkünste mancher Emailmaler. Auch
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cht nur wenn betrügerische Absichten damit verbunden sind, 15 ein solches Vorgehen auf alle Fälle zu verdammen. Wir
sollten froh über die gewaltigen technischen Fortschritte unse⸗ rer Industrie sein, die uns die meisten Materialfehler, die früheren Zeiten selbstverständlich waren, zu vermeiden ge⸗ lehrt hat, und uns in unserer Entwicklung nicht bewußt zurückschrauben.
Von einer anderen merkwürdigen Verirrung des Kunst⸗ handwerks ist dann die Rede, von den„wunderlichen Materialien“. Besonders frühere Zeiten— namentlich das 17. Jahrhundert— waren mit großer Vorliebe dafür erfüllt. Auch der menschliche Körper mußte als Stoff dazu herhalten. Menschenschädel dienen als Trinkgefäße, Weihwasserkessel und Streusandbehälter. Aus Knochen werden Kronen, Wap⸗ pen, Lamprequins und Kronleuchter hergestellt. In der Bibliothek zu Göttingen findet sich ein in gegerbte Menschen⸗ heit gebundenes Buch und ein ebensolches auch im Pariser Karnevaletmuseum, das die Konstitution von 1793 enthält, „wie überhaupt eine N Förderung der Menschen⸗


