Ausgabe 
14.4.1848
 
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durch einen ellenlangen Stammbaum dotumentirt, und lasse ihn einen goldnen oder silbernen Zaum kauen, bedecke man ihn mit der kostbarsten Schabracke; er wird, sobald er sein goldbezäumtes Maul öffnet, immer sein Nah schreien. Die Wahrheit dieses Sprich wortes bezeugt der, anonyme Verfasser desEtwas durch die barytone(plumphafte) Sprache, mit der er seinen Vortrag eröffnet. Dieser Vortrag beginnt nämlich mit einer groben Lüge, indem er, ein ge schworner Feind aller Urkundenlehre und aller historischen Rechte und Wahrheiten, das Wort Sprech halle in Blechhalle umwandelt, und dem Unter zeichneten das artige Compliment macht,es sey doch etwas Herrliches, wenn Einer seine Geschichte recht gründlich eingeochst habe. Hört ihr da nicht, meine werthen Mitbürger, trotz der Löwenhaut, die der maskirte anonyme Autor über sein grobes Fell gezogen hat, an dem Tone, wess Geistes Kind unter der königlichen Hülle steckt? Wäh rend der Herr Verfasser des bescheidenenEtwas in enthusiastischer Begeisterung für die großen Namen der Vorzeit, für einen Solon, Anacreon und sei nen Pindal, Aeschylus, Thales, Pythagoras, Mil tiades, Themistokles, Perikles, Sophokles und alle die Söhne der griechischen Republiken, die Träger der Humanität, Kunst und Wissenschaft ihrer Jahr hunderte, schwärmt und die ideale Bildung dieser großen Männer adoptirt zu haben scheint, sinkt er plötzlich in seine natürliche Rolle zurück, und ver liert sich durch sein flaches Witz- und Wortspiel, durch welches er das Wort Sprechhalle in Blech halle verwandelt, in das Gebiet einer Sprachbil⸗ dung, in welchem der derbe Witz und das sprachfer tige Talent der Frankfurter Fisch- und Gemüsewei ber sich tummelt und unsern lichtscheuen Beurtheiler in der Kühnheit und Derbheit sprachlicher Productio nen noch bei weitem übertrifft. Wir rathen daher, aus purem humanem Gefühl und aus wahrhaft christ licher Sympathie für die persönliche Würde unseres Herrn Opponenten, daß er in Zukunft in einem würdevolleren Tone spreche, und dergleichen Wort spiele dem Witze und Genie der besagten Fischweiber überlasse, oder dem aufblühenden Talent unserer kräf tigen Dorfjungen, bei denen sich der kaum verdaute Mehlbrei in dergleichen Schöpfungen des Mutter witzes vergeistigt. Denn fürwahr ein solcher ver letzender Ton, wie ihn der Herr Verfasser desEt was anstimmt, beleidigt durch seine abscheuliche Dis harmonie jedes Ohr und ist wie eine garstige Disso nanz zu den schönen Wortklängen, womit der Ver fasser seine Begeisterung für die idealischen Schöpfun gen griechischer Kunst und Wissenschaft vorträgt, wenn wir diese Worte überhaupt für baare gute Münze nehmen dürfen, und nicht vielmehr unter dem äußer⸗ lich glänzenden Gepräge gehaltlose Producte seiner

Blechfabrik vermuthen müssen. Jenes Witzspiel we⸗ nigstens berechtigt nach dem Spruchewas man treibt, das hängt Einem an zu der nicht un⸗ wahrscheinlichen Vermuthung, daß unter dem anony men Gegner, der mit geschlossenem Visir so ritterlich kühn für die Republik auf den Kampfplatz tritt, ein verunglückter Blechschmied stecke, der, weil er aus einigen politischen Journalen manche Ideen aufge griffen hat, sich in dünkelhafter Ueberschätzung seines bischen Mutterwitzes von der Vorsehung, die die Ge schicke der Menschen und Völker leitet, zum großarti gen Werkzeuge erkoren zu seyn wähnt, und sich zum politischen Reformator berufen glaubt. Diese Selbst überschätzung meines Gegners geht daraus deutlich hervor, daß er mir vorwirft:es ist doch etwas Herrliches, wenn Einer seine Geschichte recht gründlich eingeochst hat, und sich durch diesen Ausdruck zum Beurtheiler meiner wissenschaft lichen Bemühungen und Leistungen aufwirft. Ich ge stehe offen, daß ich manche Stunde auf das Studium der Geschichte verwendet habe. Denn die Lectüre unsrer besten neuern wie alten Historiker gewährt einen hohen geistigen Genuß; wir ziehen aus der Geschichte manche wichtige Lehren für das öffentliche wie für das Privatleben; sie erhebt und veredelk unser Gefühl für wahre politische und religiöse Frei heit, bewahrt und warnt uns aber zugleich vor den phantastischen Schwärmereien politischer Glücksritter. Zum Glücke haben Männer von wissenschaftlichem Klange meinem geschichtlichen Wissen Gerechtigkeit wie derfahren lassen. Gegen das Zeugniß folcher Män ner erscheint das verunglimpfende Urtheil des politi schen und geschichtlichen Reformators, wie das Ge kläffe des gegen die Sonne bellenden Hundes. Frei lich muß ich offen bekennen, daß sich jene Männer nicht angemaßt haben, wie mein hochgelehrter Geg ner, der sich auf den hohen Olymp stellt, und von diesem herab andere Gesetze der Wissenschaft, wie der Politik dictirt, zu verlangen, daß es zum Wissen und Begreifen der Geschichte auch gehöre, in das Rad der Geschichte einzugreifen. Ich gehöre frei lich nicht in die Zahl der Tausendkünstler, die ver möge ihres göttlichen Genies, wie es nur seltnen Lieblingen der Gottheit zu Theil wird, heute eine Blechfabrik dirigiren, morgen sich in das Gebiet ir gend einer höhern Kunst werfen und da ihre hohen Ideale verwirklichen, dann wieder einmal sich in das Gewühl der Politik und der Weltgeschichte stürzen, und,wenn der Unsichtbare den mystischen Wagen der Weltregierung unter donnern dem Geprassel über den Ocean der 32 ten hinfährt), in die Räder dieses Wagens

*) Worte Johann v. Müllers.