Freiheit! Gleichheit!
Diese Worte hört man so oft rufen und aus⸗ sprechen von Leuten, die weder wissen was Freiheit ist, noch was man unter dem Worte Gleichheit verstehet. Der sicherste Beweis, wie weit die Ver— standesgaben eines gewissen Theils(Gott sey Dank der kleinste) des hiesigen Publikums gehet, konnte sich der ruhige Beobachter leicht in der am Samstag Abend den 1. April stattgefundenen Versammlung im Busch'schen Garten wahrnehmen. Man will Freiheit, und läßt dem Einzelnen noch nicht einmal Redefreiheit!— man will Gleichheit vor dem Ge— setze, und tritt das Gesetz der Vernunft und das des Anstandes mit Fuͤßen.
Nur Leute, die die erhaltene Freiheit nicht ver— dienen, indem sie pochend auf ihre rohe Brutalität, nicht einmal anerkannte verständige Männer ihre Ansichten entwickeln lassen, sondern vorneherein ihre Geistesgaben durch Stampfen, Pfeifen, Zischen und andere Ungezogenheiten zu Tage fördern, solche Leute sind nicht werth, öffentlichen Versammlungen beizuwohnen, und es wäre sehr zu wünschen, wenn der größte und besser denkende Theil Gießens Buͤr⸗ ger dafür bedacht wäre, solche Tollhäusler unschäd— lich zu machen, indem sie bedächten, daß gerade der bessere Theil hiesiger Einwohner bei solchen rohen ungeschlachteten Demonstrationen, in den Augen aller nicht Gießer leiden müssen.
Wir wollen glauben, daß das pfeifende, zischende und pochende Publikum nur einzig und allein von Leuten herrührte, die entweder der Schule noch nicht entwachsen oder der Ruthe des Lehrers zu frühe entlaufen waren, denn der wirklich kluge frei— denkende Mann wird nimmer ein so rohes Betragen billigen können. Burger! es ruft euch einer eurer Mubürger zu, seyd auf eurer Hut und laßt euch durch ein nur geringes Häuflein Menschen, die statt Verstand nur rohe ungeschlachtete Brutalität besitzen— laßt euch durch solche Menschen nicht in den Augen Auswärtiger entwürdigen, entfernt diese Schreier, wo ihr sie findet, bedenkt, daß zur wahren Freiheit vor allen Dingen Redefreiheit gehört, bedenkt, daß klar besonnene und mit Kenntnissen aller Art aus— geschmückte Redner, welche zu Euch reden wollen und belehrend in eure Mitte treten,— durch solche Behandlungen zurückgeschreckt— nimmer wagen werden, frei zu reden, wo nur viehische Gewalt zu regieren den Anschein hat. Man berufe keine Ver— sammlung mehr, wo das Local nicht vollkommen erleuchtet ist, man lasse unwürdige der Schule noch nicht entwachsene Knaben in solchen Versammlungen nicht zu, Knaben, die ohne zu wissen was sie thun, von einzelnen exaltirten Köpfen angesteckt, Ungezo— genheiten begehen— die der freie brave Mann nie
billigen kann. Tauschet eure Meinungen gegenseitig aus mit Ruhe und in Ruhe; was dem Volke nicht gefällt, zerschlägt sich von selbst und ein einfaches Nein oder Ja reicht hin, eure Gesinnungen kund
zu geben. In jedem andern Falle, wird ein kluger und anständiger Theil, in seinen Mittheilungen ge— hemmt, sich zurückziehen, und da sich Niemand ver⸗ höhnen lassen wird! werdet ihr einer bedenklichen Zukunft preisgegeben. 5
Tauschet frei und offen mit der größten Ruhe eure Meinungen aus! belehrend stehe Einer dem Andern gegenüber; dann erst werdet ihr das Drückende verschiedener Stände beseitigen, indem ihr euch allgemein eine höhere Bildung aneignet und im sichern Gefühle dieser, die Gleichheit auch einge- räumt werden muß, nach welcher ihr sonst ver ebens ringen werdet. Mögen Euch kuͤnftig diese Worte stets vor Augen stehen, und möget ihr bei ähn⸗ lichen Fällen Alle darauf bedacht seyn, unter allen und jeden Umständen euch als ruhige kluge und thatkräftige Bürger zu beweisen.
Es leben Gießens brave Bürger!! Ein Bürger.
VVV
Mehrseitig ist der Wunsch geäußert worden, es möchte sich hier in Gießen ein Scharfschützen⸗ corps mit Büchsen und Hirschfängern bewaffnet, innerhalb der Bürgergarde constituiren. In Folge dieses erlaubt man sich alle Diejenigen ohne Rücksicht auf Stand, welche wo möglich dieser Waffengattung gewachsen sind, oder aber dazu sich zu bilden gedenken, auch aus eignen Mitteln die Armatur bestreiten wollen, auf nächsten
Mittwoch den 5. April d. J., Abends 8 Uhr, 10 die Leib'sche Wirthschaft zur Besprechung einzu- aden. a Ausdrücklich wird bemerkt, daß nur Leute ein— geladen werden, die vorneherein von der Zweck mäßigkeit eines solchen Corps überzeugt sind, und man keineswegs beabsichtigt, sich mit Personen an⸗ derer Meinung streiten zu wollen. Im Falle es
nicht genugsamen Anklang findet, soll die Sache als vorerst erledigt betrachtet werden.
Verst ande n212!


