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Gießen, Sonntag, den 29. August
1897.
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
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Ausgabe
Gießen.
undeszeilung.
ss Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion:
N Kreuzplatz Nr. 4.=
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 28. August. In den Räumen unserer Kunstausstellung im Turmhaus am Brand sind seit etwa 14 Tagen die Entwürfe eines Denkmals zur Exinnerung an die Kriegsjahre 1870/1 ausgestellt. Der Markt⸗ platz ist bekanntlich zur Errichtung dieses Denk⸗ mals ausersehen. Die ausgestellten Entwürfe im Maßstab 1: 10, in Gipsabguß hergestellt, erregten seither allgemeines Interesse. Alle vier Entwürfe haben das zu errichtende Denkmal in der Form eines Brunnens zu verwirklichen gesucht. In den nächsten Tagen tritt das Preis⸗ gericht, bestehend aus dem Geh. Hofrat Professor Dr. Schäfer⸗Darmstadt, dem Prof. Schaper⸗ Berlin, dem Baurat Stübben-Köln, unserem Oberbürgermeister und Kommerzienrat Heyligenstädt, hier zusammen, um von den eingegangenen Entwürfen denjenigen zu bestimmen, welcher zur 1 kommen soll. Wir be⸗ merken noch, daß die Denkmals⸗Entwürfe laut
den Bedingungen des Wettbewerbes noch 14 Tage
lang nach dem Spruch der Preisjury öffentlich ausgestellt bleiben.
Gießen, 28. August. Morgen, Sonntag früh 6 Uhr passiert der Zug, welcher die Pferde, Equipagen usw. des Kaisers nach Coblenz über⸗ führt, unsere Station. Soviel bis jetzt belannt, wird der Kaiser am Montag früh bei seiner Durchfahrt auf unserer Station nur einige Mi⸗ nuten Aufenthalt nehmen.
* Gießen, 28. Aug.(Zum Familien⸗ drama.) Das letzte Glied der auf so tragische Weise zerstörten Familie, die Ehefrau Noll, liegt an ihren schweren Verletzungen immer noch darnieder. Da seither das Eintreten des Todes stündlich zu erwarten stand, wurde die Beisetzung der Leichen ihres Mannes und der Kinder ver— schoben, um das von den Anverwandten erworbene Familiengrab über den Unglücklichen gemeinsam schließen zu können. Die Beerdigung ist auf morgen Nachmittag festgesetzt.
* Gießen, 28. Aug. Ein Straßenbild, das nicht geeignet war, Gießen in den Verdacht einer Großstadt zu bringen, bot heute unserer Straßenjugend eine recht„angenehme“ Unter⸗ haltung. Eine Bärentreiber-Familie durchzog den Vormittag über die Straßen, ließ ihre monotonen Gesänge erschallen, dazu ihre Bären„tanzen“ und heimste recht eifrig die dargeworfenen Kupfer⸗ und Nickelmünzen ein. Zu Hunderten hatten sich die Kinder angesammelt, wodurch die Führer von Fuhrwerken zur größten Vorsicht ermahnt wurden. In engen Straßen, wie Mäusburg, Marktplatz usw. war kaum durchzukommen. Hätte sich das nicht vermeiden lassen?
h. Grünberg, 27. Aug. In der General⸗ versammlung der Grünberger Spar⸗ und Leihkasse, welche im hiesigen Schulhaus stattfand, wurde beschlossen, den Ueberschuß im Betrag von 8000. für die Prämiierung von Dienstboten, für Unterrichts⸗ und Sanitätszwecke, für die landwirtschaftlichen Vereine zu Gießen, Schotten und Alsfeld, sowie noch für andere wohlthätige Anstalten zu verwenden. Dem Bienenzuchtverein Grünberg⸗Mücke wurden auf
dessen Ansuchen 100. als Beitrag zu den
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Bspaltige Wetitzeile.
Kosten für die Wanderversammlung zur Ver⸗ fügung gestellt und im Falle eines Deftzits noch weitere 50 1 bewilligt. Nach dem vom Direk⸗ tor, Herrn Dekan Pullmann, mitgeteilten Ge⸗ schäftsbericht betrug der Gesamtumsatz im ver⸗ flossenen Geschäftsjahr 958 384 4, die Zahl der Einlagen 2503. In den Vorstand wurden wiedergewählt: Bürgermeister Zimmer, Feld⸗ mann und Seng; neugewählt: Bürgermeister Bart⸗Beltershain. Die Kreisregierung war ver— treten durch Herrn Amtmann Würt. Nach Be⸗ endigung der Generalversammlung fand ein gemeinschaftliches Mittagsessen im Gasthause „Zum Hirsch“ statt.
* Nidda, 27. August. Diese Woche brachte uns einen Brotaufschlag, den ersten seit längerer Zeit. Er wird mit dem allgemeinen Steigen der Getreidepreise erklärt, das wohl mit den großen Verheerungen durch Hagel und Wasser an den verschiedenen Stellen unseres Vaterlandes eee e Der allgemeine Ernteausfall n unserer näheren und weiteren Umgebung würde einen Aufschlag nicht rechtfertigen.
* Darmstadt, 27. Aug. Die hiesige Ferien⸗ strafkammer verhandelte gestern eine ursprünglich von dem Landgericht in Gießen abgeurteilte, jedoch vom Reichsgericht hierher verwiesene Sache, die weite Kreise interessieren dürfte. Als Vor- sitzender des ärztlichen Kreisvereins hatte der Kreisarzt Dr. Weißgerber in Laubach gegen den praktischen Arzt Dr. Eduard Ernst Böt— ticher daselbst Schritte gethan, um dessen Aus⸗ schluß zu bewirken. Der Provinzialverein kam ohne die Grundlage einer erschöpfenden Beweis— aufnahme zu der e een daß die Angaben frivole seien, was die bestehende Spannung nicht milderte. Am 10. Januar v. J. begegnete Dr. Bötticher dem Kreisarzte im Krankenhause und veranlaßte ihn, mit ihm in ein Zimmer zu treten. Hier fragte er ihn:„Nehmen Sie eine Forderung an?“ Auf die Gegenfrage„Von wem?“ sagte er„Von mir.“ Nun wurde ihm die Antwort„Von Ihnen? Sie zeige ich dem Staatsanwalt an.“„Das habe ich mir gedacht“, erwiderte Dr. Bötticher,„dann fühlen Sie sich von mir geohrfeigt.“ Wegen dieser Aeußerung wurde Dr. Bötticher vom Landgericht Gießen zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt, das Reichsgericht hob das Urteil wegen eines Rechtsirrtums auf und verwies die Sache zur nochmaligen Entscheidung hierher. Der Angeklagte berief sich gestern wiederholt darauf, es habe in den zurückweisenden Worten des Kreisarztes die Erklärung seiner Satisfak⸗ tionsunfähigkeit gelegen, diese schwere Beleidigung habe er nur auf der Stelle erwidert. Der Kreis⸗ arzt erklärte demgegenüber, daß er mit seinen Worten den Gegner nicht habe beleidigen wollen, für ihn habe kein Grund und Anlaß zu einem Duell vorgelegen. Das Gericht erkannte dahin, daß der Angeklagte Dr. Bötticher in eine Geld⸗ strafe von 10 Mark sowie in alle Kosten zu ver⸗ urteilen sei. Er habe weder zur Wahrung berechtigter Interessen gehandelt, noch eine Be⸗ leidigung auf der Stelle in der Weise erwidert, daß er straffrei erklärt werden könne. Nehme man selbst an, daß die Worte des Kreisarztes, „Von Ihnen, Sie zeige ich dem Staatsanwalt an“, beleidigend seien, was jedoch noch keines⸗
Expedition:
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wegs feststehe, so sei doch die Antwort des An⸗ geklagten einem älteren beamteten Arzt gegenüber viel schärfer und als die Kundgebung einer ver— ächtlichen Gesinnung aufzufassen. Unter diesen Umständen könne von einer Kompensation der Beleidigungen nicht die Rede sein.
Standesamtliche Nachrichten. Geburten. Am 14. August. Dem Kaufmann Hermann Thiele ein Sohn, Karl Adam Wilhelm.— 15. Dem Gärtner Johs. Schneider III eine Tochter, Marie Elisabeth.— 16. Dem Schneider Jacob Büttner eine Tochter, Auguste. — 17. Dem Kaufmann Heinrich Binzer eine Tochter. Dem Wirt Ludwig Flamme ein Sohn, Karl Adam Wilhelm. — 19. Dem Brauereibesitzer Eugen Asprion eine Tochter. — 21. Dem Liqueurfabrikant Berthold Kann eine Tochter, Hertha.— 22. Dem Fuhrmann Theodor Simon ein Sohn, Wilhem Theodor.— 23. Dem Weichensteller Konrad Hausrath eine Tochter, Theresia Auguste.— 24. Dem Küfer und Wirt Julius Wellhöfer ein Sohn.— 25. Dem Taglöhner Heinrich Usinger eine Tochter. Dem Kaufmann Richard Wallenfells eine Tochter. Aufgebote.
Am 23. August. Otto Gustav Eugen Neumann, Büchsenmacher zu Butzbach, mit Anna Pauline Marte Küchler zu Eppenrod. Gustav Anton Friedrich August Schneider jun., Fabrikbesitzer zu Hachenburg, mit Luise Henriette Elisabeth Franziska Kühl zu Schwerte. Martin Philipp Schmall, Bildhauer zu Gießen, mit Karoline Steuernagel zu Windhausen.— 24. Heinrich Döll, Spengler dahier, mit Anna Babette Hofmann zu Laubach. Konrad Bender, Müller zu Reiskirchen, Kreis Wetzlar, mit Karoline Born hierselbst.— 25. Gustav Adolf Schwarz, Hoboist dahier, mit Elisabeth Albertine Hengst hierselbst.— 26. Karl Kas par Käs, Weißbinder zu Homberg, mit Elisabeth Nett zu Muschenheim. Dr. Arthur Ernst Herz, Chemiker zu Köln, mit Clothilde Burkhardt zu Basel.— 27. Heinrich Kiefer, Landwirt zu Nonnenroth, mit Luise Zimmer zu Villingen. Justus Formhals, Zigarrenfabrikant zu Allen⸗ dorf a. d. Lumda, mit Emma Amanda Scheffer zu Pr.
Oldendorf. Eheschließungen.
Am 26. August. Karl Philipp Enz, Eisendreher
dahter, mit Katharine Elisabethe Weinhardt hierselbst. Sterbefälle.
Am 20. August. Wilhelm Friedrich Otto Scheel, 1 Jahr alt, Sohn des Kaufmanns Otto Scheel dahier. Margarethe Seibert, geb. Schmidt, 72 Jahre alt, Witwe des Werkstätten-Vorstehers Heinrich Seibert dahier.—
21. Katharine Noll, geb. Ronstadt, 64 Jahre alt, Ehe⸗ frau des Privatiers Emil Noll dahter. Elise Becker, 18 Jahre alt, Dienstmagd von Alten-Buseck.— 22. Johannes Born IV, 74 Jahre alt, Müller von
Homberg a. d. Ohm.— 23. Anna Frank, 39 Jahre alt, Privatin dahier.— 24. Wilhelmine Sophie Auguste Eidmann, 1 Jahr alt, Tochter des Agenten Philipp Eidmann dahier.— 26. Wilhelm Noll IV, 39 Jahre alt, Kaufmann dahier. Willy Noll, 8 Jahre alt, Sohn des Kaufmanns Wilhelm Noll IV dahier.— 27. Minna Henriette Noll, 10 Jahre alt, Tochter des Kaufmanns Wilhelm Noll IV dahier. Adolf Noll, 4 Jahre alt, Sohn des Kaufmanns Wilhelm Noll IV dahier.
Neueste Telegramme.
Hd. Dresden, 28. Aug. Der Ver⸗ band der deutschen Landwirt⸗ schafts⸗Genossenschaft hat be⸗ schlossen, die Genossenschafts⸗Or⸗ ganisation des Getreidehandels und Lagerhaus ⸗ Betriebes überall den Landwirten zu empfehlen. 5
Hd. Berlin, 28. August. Die Kotze⸗ Affaire soll einem Gerücht zufolge neuerdings
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Kreuzplatz Nr. 4.
wieder Gegenstand einer eingehenden Unter⸗ suchung gewesen sein, jedoch handelt es sich, wie der„Lokalanz.“ mitteilt, lediglich um die Autorschaft der vor etwa einem Jahr er⸗ schienenen von dem früheren Friedmannschen Büreau⸗Vorsteher v. Langen gezeichneten Broschüre. Hd. Berlin, 28. Aug. Heute Vormittag 9 Uhr fand vor dem Kalser in Anwesenheit des Königs von Siam und der hier weilenden Fürstlichkeiten und zahlreichen fremdländischen Offizieren und einer glänzenden Suite die diesjährige große Herbstparade statt. Zu derselben waren sämtliche Truppenteile des Gardekorps befohlen worden. Hd. Hamburg, 28. August. Der inter⸗ nationale Gärtnertag, verbunden mit dem Verbandstag der deutschen Handels- gärtner ist gestern eröffnet worden. Hd. Konstantinopel, 28. Aug. Zwischen Rußland und Frankreich ist mit England eine Verständigung angebahnt, wodurch die Räumung Thessaliens gesichert wird, desgleichen die erste Zahlung Griechenlands und die Finanz⸗Kontrolle seitens der die Anleihe⸗ Garantie übernehmenden Mächte. Die Verein⸗ 5 soll im Friedensvertrag als besonderer Artike aufgenommen werden.
Marktpreise.
Gießen, 28. August. Auf dem heutigen Wochen⸗ markt kostete: Butter p. Pfd. 1,15— 1,30 Mk., Hühnereier per St. 6—7 Pfg., Euteneier 7 Pfg., Gänseeier 12 Pfg., Käse 5—8, Käsematte 3, Erbsen per Liter 18, Linsen 27 Pfg., Tauben per Paar 0,65— 0,75, Hühner p. St. 0,90—1,10, Hahnen 0,60 1,00, Enten 1,60— 1,80, Gänse per Pfund 00—00, Ochsenfleisch 6674, Kuh⸗ und Rindfleisch 60 bis 66, Schweinefl. 64— 72, Schweinefl., gesalzenes 76, Kalbfleisch 56— 60 Pfg., Hammelfleisch 50— 60, Kartoffeln pro 100 Kilo 6—8, Zwiebeln per Zentner 6—8 Mk., Kirschen per Pfund 00—00 Pfg., Milch per Liter 16 Pfg. Gurken 100 Stück 75— 2,00 Mk. 5
Für die Ueberschwemmten werden außer in unserer Expedition, Kreuzplatz 4, noch an folgenden Plätzen: Arnold(Schipkapaß), Bob(Bahnhofstraße), Otto(Deutscher Hof, Prell(Kreuzplatz), Nagel(Kaplansgasse), Schneider(Marktplatz), Meyer(Wallthorstraße), König(Kaplaneigasse), Harnikel(Café Leib), Albold(Kirchstraße), Meuser(Steinstraße), Bourgeois(Nordanlage), Sauer(Neustadt), Leyerer(Neustadt), Schneider(Neustadt),
Hehner(Westendhalle), Elges(Selters weg), Hotel Prinz Karl, Knorr(Grünbergerstraße), Schmidt(Licherstraße), Wellhöser(Schloßgasse), Rahnefeld(Asterweg), Jughardt(Marburgerstr.), Berg(Marburgerstraße), Grün(Neustadt), Rausch(Neustadt), Heil(Bahnhofstraße), Spuck(Hess. Hof), Boller(Bahnhofstraße), Fries(Ludwigstraße), Seeger(Neuen Bäue) Flammé Schiffenberger⸗ Dickoré(Grünbergerstraße), thal) Geldunterstützungen angenommen und von uns an das Zentral⸗Komitee in Berlin abgeführt. Skat⸗, Billardspieler
und Stammtischgesellschaften gedenkt der ueberschwemmten!
Veranstaltet Sammlungen!
Wer schnell giebt, giebt doppelt! Exped. der„Hess. Landesztg.“
Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell in Gießen; Druck der E. Ottmanyschen Buchdruckerei, Gießen, Schloßgasse 13.
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Eine reiche Partie.
Erzählung von Felix von Stenglin. (Nachdruck verboten). (Fortsetzung.)
Und mal jeht er doch abends noch raus un flieht'n Menschen mit'ne Laterne jeh'n un er⸗ kennt boch sein' Vater. Er jeht'n also nach un sieht, wie er in en alten Seitenflüljel von't Schloß verschwindet. Nu mein Sohn hinterher un versteckt sich in'ner Jallerie, bis der Olle kommt un schließt ne jeheime Thür uf. Da hat er nämlich'n Menschen einjesperrt un hat sich dat Vermöjen von ihn anjeeignet, un dadurch warer blos so reich. Un kein Sonnenstrahl kam rin. Un das sieht nu alles der Sohn un hört nu, wie der Jefangene mit selne Ketten rasselt un schreckliche Ver⸗ wünschungen uf den Jutsbesitzer ausstößt. Un da⸗ durch erfährt der Sohn nun alles. Denken Se, so in schlechter Mensch! Et is doch jräßlich, wat t für schechte Menschen jibt. Un durch die jeheime Thür bracht er ihm jeden Tag's Essen, soviel Anstand hat er doch noch jehatt, dat er den armen Menschen nich hat verhungern lassen. Un wie is't rausjekommen?
enn der Sohn mocht' et nich anzeijen, weil't sein eigener Vater war. Aber er jing öfter hin un hat durch in Luke Essen rinjeschoben. Un wie er doch mal widderkommt, da hat der Jefangene'n Jewehr un schießt'n dodt, weil er jedacht hat, et
jejangen, er hat'ne schreckliche Krankheit bekommen un bei lebendigem Leibe verhungern hat er müssen, aber seine unschuldige Tochter hat den Hauslehrer un frühere Off'zier jeheirat' un haben sehr jlücklich jelebt. Un konnte ja ooch nich davor.“
Frau Puhlmann war beim Erzählen ihrer Ge— schichte in großen Eifer geraten, und sie hätte noch mehr erzählt, wenn nicht ihre Tochter ste jetzt unterbrochen hätte.
„Mutter, Du hast aber doch in meinen Büchern viel schönere Sachen gelesen, die viel wahrschein— licher und besser geschrieben waren.—“
„Ach nee, Deine Bücher, mein? Dochter!“ er⸗ widerte Frau Puhlmann ärgerlich über die Unter⸗ brechung.„Die sind immer nich auserzählt un man weeß jarnich, wat aus die Leute wird. Ich kenne'nen Buchhändler“,— damit wandte Frau Puhlmann sich wieder zu Frau von Jürgen,—„'n sehr jebild'ter Mensch, der bringt mir immer de Fortsetzungen, un die Jeschichten sind alle so schön, nee so schön,— un wenn'ne Jeschichte alle is, jibt't noch'n schönet Oeljemälde zu. Nee wie ooch der Mann zurecht kommt, ich weeß nich....“
Die Erörterungen der Frau Puhlmann wurden durch Röper unterbrochen, der die Meldung machte, daß angerichtet sei, nicht ohne auf Frau Puhlmann einen scharfen, forschenden Blick zu werfen. So etwas hatte er eben in Frauensee noch nicht
wär der Olle. Den Jutsbesitzer aber is't schlecht
gesehen.
Hellmuth freute sich, in Röschens unmittelbarer Nähe sitzen und mit ihr plaudern zu können. Wenn er zu ihr sprach, betrachtete er sie von der Seite, ihre glatten, frischen Wangen, ihren Nacken mit den Löckchen, ihren hübschen, feinen Mund,— und gelang es ihm, einen Blick von ihr zu er— haschen, so tauchte er den seinen tief hinein in die braunen Augen Am liebsten wäre er jetzt gleich aufgesprungen und hätte sie als seine Braut in die Arme geschlossen.
Was im übrigen bei Tisch vorging, bemerkte er kaum, selbst was er aß und trank, war ihm gleichgültig, und als er einmal dem erstaunten Blick Röschens auf seinen Teller folgte, merkte er, daß er sich zwei ganze Rebhühner aufgethan hatte. Er vermochte bei seiner Gemütserregung nicht den vierten Teil davon zu vertilgen.
Es summte förmlich in seinen Ohren wie ein berauschender Jubelchor.
Nur hin und wieder drang eine Bemerkung von Röschens Mutter, die neben ihm saß, an sein Ohr. So als sie den Kalbsbraten lobte, weil er so weich wäre und wie in Verzückung ausrief:„Nee aber ooch zum Runterlutschen!“
Das Mahl neigte sich seinem Ende zu. Für Frau von Jürgen war es eine Qual gewesen, daß ihre Gäste zum Essen die Finger mehr als nötig benutzten und das Messer anstatt der Gabel,—
war etwas, das sie vorausgesehen hatte und mit
leisem Schauder überwand. Auch daß Frau Puhl⸗ mann mit dem sie bedienenden Röper Scherze machte, was dieser übrigens taktvoll mit würdigem Schweigen erwiderte,— ließ sich allenfalls ertragen. Am unangenehmsten war es aber der Frau von Jürgen, daß sie sich mit den Leuten über nichts anderes als Essen und Trinken zu unterhalten ver⸗ mochte. Der Gesichtskreis, die Auffassung waren zu verschieden.
Dem Hausherrn gelang es eher, sich in den Interessenkreis der beiden Bauersleute hineinzu⸗ versetzen, und er fand so manche allgemein mensch⸗ liche Berührungspunkte. Er fragte Frau Puhl-⸗ mann, ob sie noch mehr Kinder gehabt, und als sie erzählte, daß zwei ihr in zartem Alter gestorben wären, sprach er von Mutterliebe und Elternglück, von der Charakterentwickelung der Kinder, von naturgemäßer Abhärtung, erzählte, wie er in einer Kaltwasserheilanstalt die Lungenkranken habe draußen im Schnee sitzen und im Winter bei geöffnetem Fenster ihre Mahlzeiten habe einnehmen sehen. Dadurch kam man auf Schlittschuhlaufen auf Eis⸗ verhältnisse und Herr von Jürgen berichtete von
den Thaten eines Nordpolfahrers.
5 Seine Gattin sah ihn verwundert an. Nein,
solche Selbstverleugnung brachte sie nicht fertig. (Fortsetzung folgt.)


