Ausgabe 
28.7.1897
 
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Gießen, Mittwoch,

den 28. Juli

1897.

Nr. 174

Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

Ausgabe

Gießen.

ische Landeszeilung.

Poftztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

Abg. Köhler als Bürgermeisterei⸗Kandidat.

Ein ländliches Wahl⸗Idyll. I

(Schluß.)

Sl- Nachdem er, wie geschildert, in erbar nungsloser Kritik bis über die Knöchel gewatet, ommt Philipp Köhler VI. in seinem Flugblatt uf das zu sprechen, was nach seiner Ansicht er künftige Bürgermeister in Langsdorf zu thun at. Er entwickelt seindorfpoltlisches brogramm, von dem er annimmt, daß es sasaller Klar⸗ und Rechtlichdenkenden sei. bier treffen wir endlich auf einige Punkte, die semfreien Franken gut zu Gesicht stehen. Seine Ansichten über die Verwaltung des Ge⸗ neindevermögens, über die Bebauung des Ge⸗ neindelandes, die Losholznutzung und Laubstreu⸗ ibgabe sowie über den Wegebau und den Wildstand ind nur zu billigen. Etwas gut Germanisches legt auch in seiner Forderung, die ganze Ge neindeversammlung zur Entscheidung aufzurufen, venn es sich um wichtige Dinge handelt, und licht stets und ständig dem Gemeinderat Alles u die Hand zu geben.

Gemeindeversammlungen haben etwas Alt⸗ Deutsches, Aechtes und Rechtes an sich. Sie erinnern an die Zeiten, da die ganze Gemeinde unter des Dorfes Linde ihre Ratsversamm⸗ lungen hielt.

Etwas romantisch ist die Begründung, die Forderung aber ganz modern, beinahesozzen⸗ aft, Das gleiche Lob gilt für den folgenden öschnitt, der das Verlangen öffentlicher Hemeinderatssitzungen enthält. Hier kommt nur bieder ein Rückfall in seine im vorigen Artikel gekennzeichnete schwarzseherische Gemütsverfassung, u der er den germanischen Volkscharakter in Grund und Boden verdammt:

Was heute noch und von jeher hinter den geschlossenen Thüren der Bürger⸗ meister⸗Bureaus gegen das Gemeinde⸗Wohl gefündigt wird und gesündigt worden ist, das ist nicht zu beschreiben.

Wir haben gesehen, daß Köhler eine recht krftige Sprache zu schreiben versteht und daß ir mit Ausdrücken nicht zu sparen braucht, wenn ir verwerfliche Chaktereigenschaften kennzeichnen bill. Raffinierte Brüder, Lügner, Betrüger, Heuchler, Verleumder und Blutegel eine sanz niedliche Sammlung, die aber nun bei beitem nicht genügt, um diejenigen zu treffen, die hinter den geschlossenen Thüren der Bürger⸗ meister⸗Bureaus gegen das Gemeindewohl von seher gesündigt haben. Von jeher! Also nicht allein seit den Tagen, in denen nach derall⸗ gemein⸗politischen Ansicht Köhlers die Verjudung hes germanischen Volksstammes unter der Herr⸗ schast des Llberalssmus begonnen hat. Nein, eon jeher! Es wäre also eine ächt germanische Sitte, daß, wie Köhler an einer anderen Stelle eines Flugblattes mit warnend erhobenem Zeige⸗ iger schreibt, das Bürgermeisteramt dazu dient, den Bürgermeister und seine Familie zu bereichern, und nicht dazu, allen Einwohnern ohne Unter⸗ chied gleiche Rechte zu gewähren. Das sind ja Iberraschende Funde, die Köhler bei seinen Bürgermeister⸗Studien zu Tage gefördert hat, zunz geeignet, seine Rassen⸗Theorie über den ae zu rennen und seinen Rassen⸗Kampf als Bisher war der temde Volksstamm, war das Judentum der Pfahl im germanischen Fleische, bislang war die ahltalitische Entartung ausschließlich auf Rech⸗ mung des jüdischen Geistes zu setzen; dem ächten Aonden Deutschen aber, in Sonderheit dem deutschen, ganz speziell dem hessischen Bauer egte Köhler in jeder Wahlversammlung die Hände aufs Haupt betend, daß Gott ihn erhalte 9 schön, so rein, so hold. Alles nicht wahr, alles Irrtum, alles Wirtschaft, Horatio! Zwar st es noch nicht rein umgekehrt so weit wird sich Köhler vermutlich nicht durchgemausert haben, daß er nunmehr im Judentum alles Heil erblickt aber der großartige Zauber des deutschen Volksgemüts ist für ihn zerflossen und dahin; er hat dies Märchen zu den übrigen gepackt, am die er einstmals glaubte, als er noch Spott⸗ geime auf den alten Bachwirt fabrizierte. Die Summe des Lebens besteht aus Enttäuschungen, lertrümmerten Hoffnungen und zerstörtem Kinder⸗ Mauben; Philspp Köhler weiß, wie wir sehen, in Lied davon zu singen. Er wird nun nicht Aumen und als Verleger der OffenbacherDeut⸗ chen Volkswacht seine Redaktion beim Ohr zu

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

Standpunkt, gestellt hat, daß die Juden, mit denen Schlör zu thun hatte, die Schuld an den Schlörschen Niederträchtigkeiten trugen. Köhler hat ja inzwischen entdeckt, daß die Schlörschen Gaunereien nichts Außergewöhnliches sind, daß vielmehr von jeher hinter den geschlossenen Bürgermeister-Bureaus nicht anders verfahren worden ist.

Andererseits würden wir es der Redaktion des genannten Blattes nicht verdenken, wenn sie sich schleunigst ihren Verleger herbeiholte und ihn zwanzig Minuten lang den Röntgenschen X⸗Strahlen aussetzte. Köhler muß noch manche verborgene Herzensfalte haben, die der Unter⸗ suchung dringend bedarf. Wie ließen sich sonst folgende Sätze seinesProgramms erklären:

Für Vornahme der Feldbereinigung in der Gemeinde Langsdorf bin ich nicht. Wie sollte ich an der Vornahme einer solchen zu Langsdorf ein Interesse haben, da wie bekannt dort unsere Aecker verpachtet find? Wenn ich gleichwohl zu Bettenhausen für dieselbe eintrat, so hatte das darin seinen Grund, weil die über⸗ große Mehrheit der Bettenhäuser für dieselbe war, was daraus schon hervorgeht, daß der Bettenhäuser Gemeinderat einstimmig sein Ein⸗ verständnis mit der Vermessung nach Ablauf von zwei Jahren dem Kreisamte kundgegeben hat Ich sage also nochmals: Ich bin zur Zeit Gegner der Feldbereinigung in der Gemarkung Langsdorf und werde Jeden einen Ver⸗ leumder nennen, der das Gegenteil behauptet.

Der Gefahr, Verleumder genannt zu werden, braucht sich die Redaktion derDeutschen Volks⸗ wacht, also der Abg. und, wie wir nun wohl sagen können, frühere Gesinnungsgenosse Köhlers, Otto Hirschel, nicht gleich auszusetzen; wir bitten ihn dringend, nicht zu bezweifeln, daß Philipp Köhler zur Zeit Gegner der Feld⸗ bereinigung in Langsdorf ist. Wir fürchten nur, daß ihm diese Versicherung nicht genügen wird, da eine Versicherung, die auf Zeit eingegangen wird, überhaupt keine Versicherung ist, vor Allem nicht bei Köhler, dessen Dorfpolitik, wie er oben selber offen bekennt, in dem Grundsatz gipfelt: immer hübsch beim großen Haufen halten! In Bettenhausen war er Freund der Feldbereinigung, weil die übergroße Mehrheit der Bettenhäuser ihr geneigt war; in Langsdorf ist er Gegner derselben, weil die Mehrheit in der Gemeinde nichts davon wissen will. Voll⸗ zieht sich nun, was im dorfpolischen Leben oft vorkommt, ein Wechsel in den Anschauungen, so wechselt Freund Köhler flott mit. Nichts hindert ihn daran, denn er ist nur zur Zeit Gegner der Feldbereinigung. Nach acht Tagen kann er bequem seine Meinung wie seinen Rock gewechselt haben und dann Jeden einen Ver⸗ leumder nennen, der seiner entgegengesetzten Ver⸗ sicherung keinen Glauben schenkt. Das schmeckt denn doch bedenklich nach National⸗ liberalismus, ja es übertrumpft sogar die Anschauungen, die in der Partei der Wenn⸗ und Aber⸗Leute gang und gäbe sind. Zum mindesten haben die Nationalliberalen, die deutschen wie die hessischen, nicht die Tugend besessen, die

nationalliberale YachtDrehscheibe um Boots⸗ länge geschlagen hat!

Aehnliches gilt für die elfte Programmforde⸗ rung unseres Flugblättlers!

Kirchen und Schulen sollen wohl gepflegt, jedoch niemals in den ersten hundert Jahren es zugegeben werden, daß ein neues Schulhaus gebaut werde.

Das ist schon kein Windstoß aus dem preußischen Osten mehr, wo die armen Groß⸗ grundbesitzer unter ihren geflickten Strohdächern als verbissene Schulfeinde hausen; die Luft kommt weiter her, sie birgt slavischen Duft und den Geruch der russischen Knute. Puh, es friert die freien Franken. Oder hat der Verkehr mit den Stützen des Bundes der Landwirte den Redak⸗ teur Hirschel so abgebrüht, daß er die zwanzig Grad unter Null dieser asiatischen Anschauungen als eine ganz angenehme Zimmertemperatur empfinden? Wir werden ja sehen. i 5

Wir als verweichlichte Bewohner des Westens sind zu Kristal locale e

isige Bildsäule für das nächste. ce f wenn uns nicht Köhler⸗

nehmen, die sich im Falle des Bürgermeisters Schlör von Wächtersbach im Schwabenlande och auf den nach Köhler gänzlich veralteten

zehnt stehen bleiben,

alsky selbst mit den wärmenden Strahlen

unfreiwilligen Humors doch noch zu neuem Leben

N edition: 8 Kreuzplatz Nr. 4.

lerweckte. Die neunschwänzige Knute hat er in 11 ngen Faust und also spricht Köhler al sky:

Zum Schluß verwarne ich nochmals meine Gegner, bei der gegen mich in Szene gesetzten Gegenagitation Ehrenrühriges, Verleumdungen gegen mich zu gebrauchen. Insbesondere ver⸗ warne ich den in der ganzen Umgegend bekannten Bäcker Heinrich Kneipp V. Es ist derselbe, der, als ich den Wildschaden⸗Abwehr⸗Verein zu Langsdorf ge⸗ gründet hatte, und er nun ohne Pacht zahlen zu müssen, in Langsdorf frei und gratis auf die Jagd gehen konnte, einHoch auf meine Thätigkeit und meine Verdienste um das Zustandekommen des Werkes ausbrachte, nun aber ganz ohne Grund und nur weil mein alter Feind Bachwirt sein Schwiegervater ist, mich im Dorf in meinem Ansehen zu verdächtigen bestrebt ist.

Ebenso verwarne ich seinen ledigen Bruder Heinrich.

Ebenso den alten Bachwirt, der es mir niemals verzeihen kann, daß ich als Jüngling von 18 Jahren aus jugendlichem Uebermut(in Gemeinschaft mit Kneipp, Jakob Bausch und Eckenbausch) einmal ein Spottlied gegen ihn verfaßt habe, das damals auf Wegen und auf Stegen gesungen wurde. Wähler! Ihr kennt mich, daß ich niemals rachsüchtig gewesen bin, aber diese ewigen Beschimpfungen durch diese Leute werde ich mir nun länger nicht mehr gefallen lassen.

Ich verwarne ich verwarne ich ver⸗ warne es gehört ein wenig Feinschmeckerei dazu, um die ganze Würze dieser kindlichen

Naivetät oder des prügelpädagogischen Tons wie man will nachschmecken zu können.

Aus vollem Herzen stimmen wir deshalb der Schluß⸗Empfehlung bei:

Im Uebrigen stelle ich die Angelegenheit der Bürgermeisterwahl Eurem Ermessen anheim. Ver⸗ lasset endlich einmal die alten Bahnen dorf⸗ politischen Schlendrians und lasset Neid, Heuche⸗ lei, Habsucht und Mißgunst dahinten! Heute gilts für Ehrlichkeit, Treue und Wahrheit zu fechten! Und das rühme ich mich stolz vor allem Volk und niemand vermag hierin mir zu widersprechen: wo es galt den Kampf für Ehrlichkeit, Treue und Wahrheit zu fechten, insonderheit aber auch für der ärmeren Bevölkerung Recht und Interesse in die Schanze zu treten, da war ich der Ersten Einer!

Wer vermag das Gegenteil zu behaupten? Niemand, niemand! Seine Wahrheitsliebe,

seine Ehrlichkeit und Treue hat Philipp Köhler VI. durch das Flugblatt aufs Neue glänzend bewiesen. Es wäre jammerschade gewesen, wenn es aus Langsdorfs Gemarkung nicht herausgekommen wäre. Weil wir das erkannten, haben wir uns der Mühe unterzogen, die vielen Perlen, die es enthält, an dieser Stelle der breiten Oeffentlich keit zu staunender Bewunderung vorzulegen.

Wenn die Langsdorfer auf unseren Rat hören, wählen sie ihren Mitbürger einstimmig zum Bürgermeister; auch der alte Bachwirt sollte mit seiner Stimme nicht zurückhalten.

Wenn es gilt, den Kampf für Ehrlichkeit, Treue und Wahrheit zu fechten, dann stürmt Philipp Köhler voran. Das hat er immer be⸗ wiesen und das beweist er jetzt aufs Neue.

ü der Rückgratslosigkeit so offen zu Daher: 1991 Das sollte der Redaktion derDeut⸗ Wenn es gilt, im nächsten Sommer einen schen Volkswacht doch zu denken geben. Wo⸗ neuen Reichstags Abgeordneten zu von will sie publizistisch leben, wenn auch der küren, auf wen sonst könnten die Stimmen Kampf gegen den hessischen Nationalliberalismus aller Klar⸗ und Rechtlichdenkenden fallen als auf eingestellt werden muß, nun der Verleger mit unseren, ehrlichen, treuen und vollen Segeln nach Ablauf der Kieler Woche die wahrheitsliebenden Köhler-

al sky?!

1 0 5 2 Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 27. Juli. Das Programm für die am 15. August d. J. auf unserer neuen Rennbahn stattfindenden großen Radwett⸗ fahrten ist nunmehr wie folgt festgefetzt: Samstag, den 14. August: abends: Zu⸗ sammenkunft und Begrüßung der erschienenen Gäste im Restaurant Elges. Sonntag, den 15. August: vormittags Frühschoppen daselbst mit Musik. Nachmittags Uhr Aufstellung des Corso an Steinsgarten. Uhr pünktlich Abfahrt desselben. Uhr Beginn der Rennen. Abends 8 ½¼ Uhr gesellige Zusammenkunft mit Damen auf der Hardt⸗Terrasse, Konzert, Preis⸗ verteilung und Tanz. Wegen der Aus schrei⸗ bungen zu den Rennen verweisen wir auf das Hauptblatt.

* Gießen, 27. Juli.(Stenographi⸗ sches.) Bei dem am 13. Juni d. in Höchst a. M. anläßlich des Verbandtags des Stenographen⸗VerbandsGabelsberger für Hessen und Nassau abgehaltenen steno⸗ graphischen Preis⸗Wettschreiben er⸗

Gabelsberger zu Gießen in der höchsten Ab⸗ teilung den ersten Preis.

* Gießen, 27. Juli. An der katholischen Kirche ist man beschäftigt, den sehr schadhaft gewesenen Kalkputz herunter zuschlagen. Das darunter befindliche Bruchstein⸗Mauerwerk wird sauber ausgefugt. Es geschieht dies wohl weniger aus Schönheitsrücksichten, als lediglich deshalb, die sich wiederholenden Verputzreparaturen zu ersparen.

* Gießen, 27. Juli. Am alten Schloßge⸗ bäude am Kanzleiberg läßt die Stadt seit einigen Tagen den Fachwerksbau, zwischen dem Restaurant Bavaria und dem Hauptgebäude ge⸗ legen, abtragen. Tabula rasa wird allerdings mit der Schloßruine noch nicht gemacht. te man erfährt, seien die Pläne für deren Ausbau immer noch nicht ganz fertig.

* Gießen, 27. Juli.(Besitzwechsel.) Die Brauerei Ihring zu Lich erwarb das in der Neustadt gelegene Haus der Witwe Harms (zum Lahnthal) für den Preis von 46,000 Mark.

* Gießen, 27. Juli.(Unfall.) In Aus⸗ übung seines Berufs stattete heute Morgen der Zeitungsberichterstatter Wohl muth dem alten Schloß am Brandplatz, von dem gegenwärtig der südöstliche Teil abgebrochen wird, einen Besuch ab. W. stürzte hierbei in eine nahezu 4 Meter tiefe Grube, in welcher er, da seine Hülferufe nicht gleich gehört wurden, einige Zeit zubringen mußte. Mittelst Wagen in seine Wohnung gebracht, wurde ärztlicherseits kon: statiert, daß sich der Verunglückte eine nicht un⸗ bedeutende Verletzung am linken Fußgelenk zugezogen. Es ist dies schon der zweite Fall, daß Besucher dieser altertümlichen Räume durch Absturz in die Grube verunglückten. Seit heute Mittag ist nun auf Anordnung der Behörde die Zugangsthür zu dem betr. Raum mit Brettern vernagelt worden.

* Gießen, 27. Juli. In verflossener Nacht traf eine Schutzmannspatrouille auf dem Markt⸗ platz einen 15 jährigen anscheinend geistes⸗ gestörten Jungen und brachte ihn vorläufig im Polizeigefängnis unter. Heute Morgen stellte sich heraus, daß derselbe in einer Wirtschaft zu viel Branntwein getrunken hatte und in⸗ folgedessen in diesen Zustand geraten war. Er gab an, daß ihm von einem ihm Unbekannten der Branntwein aufgenßötigt worden sei.

* Gießen, 27. Juli. Seit vorigem Samstag wurde hier ein junger Mann vermißt. Gestern meldete sich derselbe in der medizinischen Klinik und gab an, er habe in selstmörderischer Absicht Schwefelsäure getrunken. Dies bewahr⸗ heitete sich nicht, jedoch mußte derselbe wegen Geistesgestörtheit in die psychiatrische Klinik aufgenommen werden.

* Laubach, 26. Juli. Heute Abend sprach im christlich-sozialen Verein für Lau⸗ bach und Umgegend im GasthauseZum Schützenhof Herr Hofprediger Stöcker vor Damen und Herren in einem langatmigen Vor⸗ trage über die Sozialdemokratie, ihre Förderer und Bekämpfer. Der Graf von Laubach eröffnete die Abendunterhaltung anders kann man wohl eine derartige gemischte Versammlung nicht bezeichnen mit einem Hoch auf unseren Kaiser und Großherzog. Der Vor⸗ trag Stöckers richtete sich weniger gegen die vaterlandslose Sozialdemokratie, als gegen den Liberalismus, welcher schuld an der Förderun

der Umsturzpartei sei. Er mußte zugestehen, da der Sozialdemokratie die Berechtigung zu ihrer Eristenz infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse

nicht abgesprochen werden konnte und suchte durch einige rein sachlichen Beispiele das gegenwärtige soziale Elend zu charakteristeren ohne dabei auf das anwesende Auditorium Interesse erweckend einzuwirken. Kurz, die Rede Stöckers bot keine neuen Gesichtspunkte und hat K deesan sein Ziel nicht erreicht, weil er nur zu seinen Getreuen sprach, die die soziale Frage, das Schreckens⸗ gespenst der Besitzenden, von einer anderen Seite als vom christlich⸗sozialen Standpunkte aus be⸗ leuchtet, nicht kennen und in dieser Beziehung keine eigene praktische Lebensanschauun haben. Beherzigen sollten aber die Christlich⸗Sozlalen jenes von höchster Stelle aus esprochene Wort, welches heißt: Christlich⸗Sozial ist Un⸗ finn! Debattelos wurde die Versammlung mit den üblichen Hochs geschlossen.

* Laubach, 26. Juli. Infolge eines Schlaganfalles, der ihn vor etwa Jahresfrist er⸗

J. eilte und aufs Krankenlager warf, starb am ver⸗

gangenen Donnerstag Herr Lehrer und Organist Kern hier im 61. Lebensjahre. Der Verlebte,

rang ein Mitglied der Stenographengesellschaft!

der eine lange Reihe von Jahren in unserer Stadt als Lehrer der ersten Volksschulklasse segensreich wirkte, erfreute sich allgemeine r