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27.5.1897
 
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Gießen, Donnerstag, den 27. Mai

1897.

Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

Ausgabe

ische Landeszeikung

Gießen.

Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

N Redaktion: 2 Kreuzplatz Nr. 4. 2

Erscheint täglich mit Ausnahme der Preis der Anzeigen! 10 Pfg

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kokales und Provinzielles.

* Gießen, 26. Mai. Der vom Fürsten zu senburg⸗Büdingen auf die erste evangelische arrstelle zu Büdingen, Dekanat Büdingen, säsentierte Pfarrverwalter August Schäfer für diese Stelle bestätigt worden.

P. A. Gießen, 26. Mai.(Ssport⸗ und Jolksfest Gießen.) Zu den belieb⸗ sten Ausflugspunkten, an welchen die nähere lnngebung von Gießen so reich ist, gehört ohne gweifel Textors Hardt; nach Tausenden zählen jährlich die Besucher, welche von Nah und sein hier zusammenströmen, um das herrliche sanorama zu genießen, das sich dem trunkenen suge des Beschauers von der Terrasse aus dar⸗ selet. Weit schweift der Blick in das lachende, den üppiggrünen Farben des Maienschmucks kungende Lahnthal und aus dieser smaragdnen herrlichkeit lugen die Häuser Lahnathens, von Aaumgruppen halb versteckt, neugierig in die Errliche Gotteswelt hinein. In neuester Zeit at die Hardt einen neuen Magneten erhalten, r namentlich die radelnde Welt anzieht, an gesem herrlichen Fleckchen Erde hat nämlich der port eine Heimat gefunden durch die Errich⸗ ung eines Sportplatzes, der den Vergleich ut den besten Sportplätzen unseres engeren und heiteren Vaterlandes auszuhalten vermag. samentlich ist nach vorangegangenem sorgfäl gem Studium ähnlicher Institute eine Renn⸗ zahn geschaffen worden, deren Vorzüglichkeit außer Frage steht und die hoffentlich in Zukunft lebend auf den edlen Radfahrsport einwirken bird. Am nächsten Sonntag schon wird die eue Rennbahn eingeweiht werden, die vorbe eitenden Arbeiten zu der Feier neigen sich ihrem unde zu und wir können schon jetzt mit Stolz Chaupten, daß nicht allein der Sport dieses jest feiern wird, sondern daß alle Schichten der hießener Bevölkerung an dem Ereignis teil⸗ gehmen werden, daß das Fest in der That sich u einem wahren Volksfest gestalten wird. lahnathen wird auch am nächsten Sonntag etgen, daß es Feste zu feiern versteht und

auß der Radfahrsport seine feste Stütze . der Bevölkerung selbst findet. Von den isllichen Veranstaltungen, die in reichem

Maße vorgesehen sind und bei denen unsere egimentskapelle konzertieren wird, werden die mter nationalen Rennen das Haupter⸗ ignis bilden. Noch sind die Nennungen, von denen schon 165 eingelaufen sind, nicht abge⸗ schlossen, indessen sinden wir unter den bis jetzt anigemeldeten auswärtigen Gästen Namen von gutem Klang, wie Verheyen-Frankfurt, Henri Jeannin-⸗Straßburg, Michael Herty-Klein⸗Stein⸗ heim, Willy Koch-Dortmund, Thaddäus Rohl⸗ München, Georg Lust-Wien, O. Krebs-London, bonrad Lautermann-Darmstadt, Ernst Bethge⸗ Frankfurt, Ludwig Opel und Heinrich Opel⸗ süsselsheim, Zimmermann-Wiesbaden, Dönges Vockenheim, Franz Rettig⸗Höchst, H. W. Jurjans⸗ lurecht u. A., ein Zeichen, daß die junge Renn⸗ kahn in den weitesten Sportkreisen schon jetzt die löchste Beachtung findet. Ein bemerkenswerter

Forzug der Bahn ist in ihrer günstigen Lage PPPPPPPGPCCC7777Cͤͤĩ²¹bw r

begründet. Hart am Fuße des Hügels gelegen, dessen Spitze die Terrasse krönt, ist sie von letzterer vollständig zu überschauen, und so ist es denn auch möglich geworden, durch Einbeziehung der Terrasse in den Festplatz die Rennen einer großen Anzahl Zuschauer zugänglich zu machen. Die Festleitung ist mit Erfolg bemüht gewesen, den Besuch des Festes so viel als möglich zu er⸗ leichtern. Auswärtige Besucher werden, falls sie in genügender Stärke von einer Eisenbahustation die Fahrt nach Gießen unternehmen, zu den niedrigen Taxen der Gesellschaftsfahrten befördert, zwischen Festplatz und Stadt ist während der Dauer des Festes ein ständiger Omnibusverkehr eingerichtet. Auch für ärztliche Hilfeleistung ist auf dem Festplatze gesorgt, indem beständig 2 Aerzte anwesend sind. Hoffentlich macht uns der Regengott, der im Allgemeinen den Gießener Festen hold zu sein pflegt, keinen Strich durch die Rechnung und hält während der Festtage seine Schleusen geschlossen.

* Gießen, 26. Mai. Ueber unsere Distrikts⸗ Einnehmerei resp. die mangelhafte Ab⸗ fertigung der Steuerzahler dort hört man schon wieder allgemeine Klage. Der Raum in der Bismarckstraße Nr. 10 im zweiten Stock, in dem der Staatsbürger gezwungen ist, seine Steuern zu bezahlen, ist nicht um ein Haar anders, als jener weiland in der Westanlage. Er genügt keinesfalls den Ansprüchen, die man an ein zeitgemäßes Kassenlokal zu stellen berech tigt ist. Auch klagt man sehr über all zu laug⸗ same Abfertigung. Gestern war nicht nur das Zimmer, in dem sich die Erhebungsstelle befindet, überfüllt, sondern auf dem Vorflur zu demselben, auf der Treppe u. s. w. standen in fürchterliche Enge eingekeilt stundenlang die geduldigen Men⸗ schen, um ihre Steuergroschen los zu werden. Beim früheren Rendanten Platz dauerte die Ab⸗ fertigung ebenfalls manchmal sehr lange, aber in der Art und Weise, wie dieser Herr die Ein⸗ nehmergeschäfte erledigte, lag doch wenigstens noch Humor, wodurch den Wartenden die Zeit verkürzt wurde. Der Staat sollte nun endlich daran gehen, für eine Stadt wie Gießen zeit gemäße Einrichtungen zu treffen, damit man ohne stundenlanges Warten seine Steuern los

Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. für die spaltige Petitzeile.

Expedition:

0 Kreuzplatz Nr. 4.

worfen. Eine Spinnstuben⸗Affaire von Leih⸗ gestern, welche von den Schöffen im März dieses Jahres in erster Instanz bereits abgeurteilt ist, beschäftigte heute die Strafkrammer. Es handelt sich um eine Rauferei, bei welcher das Messer eine Rolle gespielt hat und die Arbeiter Hahn und Lein die Verletzten sind. Auf der Anklagebank nehmen Platz der Landwirt Georg Will, der Bergmann Georg Häuser und der Bergmann Ludwig Luh, sämtlich von Leihgestern. Die Berufung wird seitens der Angeklagten nur von Will verfolgt, der behauptet, zu unrecht bestraft zu sein, während Häuser und Luh erklären, darum die Berufung unterlassen zu haben, weil sie zwar hart bestraft seien, diese Strafe aber als verdient hinnehmen wollen. Jedoch hat auch der Vertreter der Staatsbehörde wegen aller drei Angeklagten die Berufung gegen das Urteil des Schöffengerichts eingelegt. Der Staatsanwalt hatte Glück mit seiner Berufung insofern, als der Will, der früher nur zu sechs Monaten und vier Tagen Gefängnis und zum Ersatz der Heilungskosten und Schmerzensgeld in Höhe von 304,25. verurteilt worden war, heute acht Monate und vierzehn Tage erhielt. Will wurde sofort verhaftet. Wegen Häuser und Luh beließ es der Gerichtshof wegen der Strafen ebenso wie wegen der erkannten Bußen und Kostenvergütung an die beiden Verletzten bei dem Urteil des Vorderrichters: acht Tage Ge⸗

fängnis. i * Gießen, 25. Mai.(Schöffenge⸗ richtssitzung.) Wegen Diebstahls

hatte sich heute der Schuhmachergeselle Friedrich Bosse von hier zu verantworten. Der Ange⸗ klagte hatte bei seinem früheren Meister, dem Schumacher Gustav Leichinger, einige kleine Werkzeuggegenstände im Wert von ein paar Pfennigen, als er von ihm wegging, mitgenom⸗ men. Leichinger ließ deshalb bei Bosse, der be⸗ reits eine andere Stelle angenommen hatte, Haussuchung halten, wobei man die Gegenstände auf seiner Werkbank fand. Der Angeklagte gibt an, daß er durchaus nicht die Gegenstände ab⸗ sichtlich mitgenommen habe, aus Versehen hätte er sie bei sein Werkzeug gepackt. Im Uebrigen beruhe die ganze Anzeige nur auf Gehässigteit.

wird.

* Gießen, 26. Mai.(Viehmärkte.) Das großh. Ministerium des Innern hat die Abhaltung eines für den 31. Mai in Aussicht genommenen Viehmarktes zu Echzell, sowie eines solchen zu Büdingen, der am 29. Juni stattfinden soll, genehmigt. Auf beiden Märkten dürfen nur Tiere aus unverseuchten Orten des Großherzogtums Hessen, Tiere von Händlern nur dann, wenn sie mindestens sieben Tage in unverseuchten hessischen Orten in seuche⸗ sreiem Zustande zugebracht haben, aufgetrieben werden.

* Gießen, 25. Mai.(Strafkammer⸗ verhandlung.) Zwei frühere Angestellte der Firma Chr. Wallenfels, Krämer und Jung, waren vom Schöffengericht wegen wiederholt bei ihrem Chef ausgeführter Diebstähle zu zwei resp. vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die von ihnen hiergegen eingelegte Berufung wurde ver⸗

Poufssette. Von Ouida. Deutsch von B. Treumann⸗Koner. (Nachdruck verboten)

(Fortsetzung.)

Im Egoismus seines von einer niedrigen, ver⸗ erblichen Leidenschaft ausgefüllten Lebens hatte er sse Jahre lang vergessen. Jetzt kehrte ihm die Er⸗ unerung an sie zurück. Er dachte daran, wie sauftmütig und liebevoll sie gegen jedes hilflose Ge⸗ Föpf gewesen war. Bei ihr würde Poussette es scher gut haben. Und es traf sich günstig, daß er eine Reise nach Belgien in der Nähe von Bourg mierbrechen konnte, um dorthin zu gehen. Die Enverschämtheit seines Vorhabens kam ihm nicht in en Sinn. Sie, um die er sich in 10 Jahren ficht bekümmtert hatte, jetzt nur aufzusuchen, weil r eine Bitte an sie stellen wollte von einem Underen in gleichem Falle würde er es gemein und übscheulich gefunden haben. Der Wunsch, Poussette u retten, ließ jedoch für nichts weiter in seiner Seele Raum. Ueberdies hatte ihn das Leben, velches er führte, allmählich moralisch abgestumpft und die Regungen eines feinen Ehrgefühls in ihm erstickt. Es galt ihm gleich, ob sein Thun gut oder ungerecht war, sobald es nur dem Zweck entsprach, velchen er gerade im Auge hatte.

In vorgerückter Nachmittagsstunde kam er nach em vom frischen Sommergrün umschatteten stillen

im Foubourg St. Nikolas, am Ende eines gras bewachsenen schmalen Weges, der sich unter dicht belaubten Linden und Ahornbäumen hinzog. Das Häuschen war nicht viel mehr als eine Hütte, stand aber inmitten eines großen, schattigen Gartens, dessen Lilien- und Resedaduft der Nahende mit dem Westwind einsog, der seine Wange fächelte.

Hier wirst Du es gut haben, Poussette, sprach er zu dem Hündchen, das, nicht ahnend, was ihm bevorstand, munter im Grase hinlief. Die den Garten vom Wege abschließende hohe Ligusterhecke war an einer Stelle von einer Pforte

durchbrochen. Diese ließ sich von außen öffnen, ihnen freien Eintritt gewährend. Neugierig trabte Poussette voran in den Garten hinein, der ein

Gewirr von Zweigen und Blüten ihr offenbar außerordentlich gefiel. Es hatte kurz vorher ge⸗ regnet, und noch blitzten die krystallhellen Tropfen an Halten und Blättern. Eine scharfe Biegung des Weges brachte plötzlich das Haus in Sicht ein altes, niedriges Gebäude mit Rautenfenstern, einem vorspringenden Dach, unter welchem Schwalben nisteten, und einem fast unter Gaisblatt und Rosen versteckten Vorbau über dem Eingang. Es machte alles ein so lauschigen, friedlichen Eindruck, daß Vallarec au ein Gedicht Verlaines erinnert wurde:

Le ciel est par-dessus le toit Sie bleu, si calme! Un arbre par-dessus le toit

Heinen Städtchen. Marie Desjardins Haus lag

Balance sa palme.

Leichinger habe in der letzten Zeit alle seine Ge⸗ sellen in ähnlicher Weise behandelt, sodaß inner⸗ halb 4 Wochen 3 Gesellen bei ihm gewechselt hätten. Aus dem Umstand jedoch, daß der An⸗ geklagte in einen der mitgenommenen Gegen⸗ stände die Anfangsbuchstaben seines Namens ge⸗ schnitzt hat, wird er zu drei Tagen Gefängnis verurteilt.

* Gießen, 26. Mai.(Vieh marktbericht.) Der gestrige Markt war von fremden Käufern vom Rhein, von der Mosel und aus dem Sieger Land sehr gut besucht. Infolge davon machte sich der Handel sehr flott, sodaß um 11 Uhr der Markt geräumt war. Aufgetrieben waren etwa 600 Kühe, 60 Rinder und etwa 200 Kälber. Am Markt waren Vogelsberger und Landrassen nur vereinzelt schwerere Ware, welche gesucht war. Es wurden gegen den letzten Markt höhere Preise erzielt und kosteten Kühe, frischmeltend und tragend, 1. Qualität 375 425 K, 2. Qual.

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La cloche dans le ciel qu'on voit Doucement tinte;

Un oiseau sur Parbre qu'on voit Chante sa plainte.

Mon Dieu, mon Dieu, la vie est la Simple et tranquille!

Cette paisible rumeur la Vient de la ville.

Qu'as-tu fait, o toi, que voila Pleurant sans cesse? Dis, qu'as-tu fait, toi, que voila De ta jeunesse? Blau dehnt sich der Himmel über dem Dach So klar und weit! Ein naher Baum wiegt über dem Dach Die Aeste breit.

Und leiser Glockenton herab Vom Himmel klingt; Sein klagend Lied vom Baum herab Ein Vogel singt.

O Gott, mein Gott, zu leben da Wie still und traut!

Vom Städtchen nur kommt ab und zu Friedlich ein Laut.

Und was hast Du gethan, daß Du Weinst bitterlich?

Was hast mit Deiner Jugend Du Gethan, o sprich!

.

275-325, geringere Ware nach Wert. Fette Rinder wurden gehandelt: 1. Qual. 5458 K, 2. Qual. 5052, schwere Kälber(die für Badeplätze gesucht und stark abgingen) wurden mit 5658 /, leichtere mit 5052. pro 100 Pfund Schlachtgewicht abgegeben. Auf dem heutigen Ochsenmarkt waren 20 Stück 2 jähr. Stiere Vogelsberger⸗ und Simmen⸗ thalerrasse aufgefahren. Es mangelte zuerst an Käufern, sodaß es anfangs schien, als ob der Markt ungeräumt bleiben sollte, doch entwickelte sich zum Schluß noch das Geschäft und wurde zu einigermaßen guten Preisen, was am Markt war, abgesetzt. Die erzielten Preise schwankten zwischen 160 und 225.. per Stück, je nach Oualität.

* Grünberg, 25. Mai. Die diesjährige Wander-Versammlung des Oberhessischen Bienenzüchtervereins findet am 13. Sep⸗ tember hier statt. Die damit verbundene Aus⸗ stellung wird voraussichtlich in Hamels Garten veranstaltet werden. Wie in früheren Jahren ist auch diesmal dem Verein die behördliche Genehmigung zur Veranstaltung einer Verlosung von Bienenvölkern,⸗- Produkten und⸗Gerätschaften erteilt worden. Der Vertrieb der Lose ist für die ganze Provinz Oberhessen gestattet.

Neueste Telegramme.

Hd. Berlin, 26. Mai. Prozeß Tausch⸗ Lützow. Die heutige Sitzung gestaltete sich in den ersten Stunden zu einer wenig interessanten. Es wurde die Lützowsche Urkundenfälschung weiter besprochen. Lützow, der ja bereits gestern Abend dieselbe eingestanden hat, suchte heute ver⸗ geblich seine Handlungen in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. von Tausch bemühte si nachzuweisen, daß es im Interesse der Polizei gelegen habe, diese Urkundenfälschung nicht zur Anzeige zu bringen. Er habe es mit seiner Pflicht und Beamten⸗Qualität nicht vereinbar gehalten, die Sache anzuzeigen. Dann wird dem Präsidenten ein für die Geschworenen ein⸗ gegangener Brief überreicht. Der Präsi⸗ dent halt sich nicht für befugt, den Brief zu öffnen, glaubt aber, daß Beeinflussungen der Geschworenen darin enthalten sind. Die Geschworenen verweigern die Annahme des Briefes.

Hd. Berlin, 26. Mai. Eine gestern Abend stattgehabte von etwa 3000 Frauen und Mädchen besuchte Versammlung nahm nach dem Referat der sozialistischen Agitatorin Frau Zetkin eine Protest-Resolution gegen die Vereinsgesetznovelle an. Von sozialistischer Seite war für gestern Abend auch eine Studentenversammlung einberufen worden, welche sehr stürmisch verlief.

Hd. Mailand, 26. Mai. In Udine haben 1200 Seidenspinner wegen Lohn⸗ Differenzen die Arbeit ein⸗ gestellt.

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Nedal⸗ tur: Wilhelm Sell in Gießen; Druck der E. Ottmannschen Buchdruckerei, Gießen, Schloßgasse 13.

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Verlaine hatte in demselben Strudel des Lasters sein Leben vergeudet wie er.

Aus dem Halbdunkel des blütenduftenden Laub⸗ ganges hervor trat eine in Schwarz gekleidete hohe Frauengestalt. Tiefer Ernst lag auf den schönen Zügen. Er wußte, daß dies Marie Desjardins war. Nun erst wurde er sich seiner unerhörten Kühnheit und egoistischen Rücksichtslosigkeit bewußt. Noch, da die Sonne sie blendete, hielt sie ihn für einen Fremden, und mit ruhiger Miene kam sie näher. Dann aber, als sie ihn erkannte, überflog eine flammende Röte ihr Gesicht, das im nächsten Augen⸗ blicke leichenblaß ward. Sie blieb in der Mitte des Weges stehen, und ein schwacher Ausruf kam über ihre Lippen.

Das in ihm aufwallende Gefühl von Scham machte ihn stumm. Unwillkürlich blieb er stehen, während er ehrerbietig den Hut zog. Auch Poussette regte sich nicht vom Platz; ein Vorderpfötchen er⸗ hoben, horchte sie ängstlich erwartungsvoll auf.

Und keines von den Beiden, die einst ein Liebes⸗ paar gewesen, unterrbach die Stille, in welcher nichts hörbar war, als das Summen der an den Lilienkelchen hängenden Bienen und das Gezwitscher der Schwalben unter dem Dachgesims.

Noch immer schweigend, in tiefer Erregung, sahen sie einander an, und es entging ihnen nicht, wie die Zeit sie verändert hatte; ihn am meisten, während sie, die in reiner Luft und bei gesunder Thätigkeit ein ruhiges Leben geführt hatte, weit jünger aussah, als sie war.(Fortsetzung folgt.)