Ausgabe 
27.1.1897
 
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Gießen, Mittwoch, den 27. Jannar

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Ausgabe

Gießen.

Postztg. Nr. 3239. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion:*. Kreuzplatz Nr. 4..

Erscheint täglich mit Ausnahme der

Tage nach Sonn- und Feiertagen. Vreis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 26. Jan. Der hiesige Om⸗ nibusverkehr wird infolge des starken Schneefalles vorläufig eine kleine, den An schluß zu den Eisenbahnzügen nicht be rührende Einschränkung erfahren; die Fahrten Nr. 13, 14, 15, 16,(Vormittags 10% bis 11¼ Uhr) werden bis auf weiteres einge stellt.

* Gießen, 26. Januar.(Schlittschuh- Sport.) Die Eisbahn des Gießener Eisvereins muß infolge Schneever wehungen bis auf weiteres geschlossen

bleiben.

* Gießen, 26. Januar. Einer Bekannt⸗ machung des Landesverbandes der Krieger kame radschaftHassia entnehmen wir, daß der Termin zur Einreichung der Gesuche um Unterstützung von Waisen aus der Ernst Ludwig⸗ und Viktoria Melita⸗Stiftung bei den Bezirkspräsidien am 15. Februar und bei dem Landespräsidium(Herrn Major a. D. Beck) am 1. März d. J. abläuft. Später ein⸗ laufende Gesuche können keine Berücksichtigung finden. Es wird weiter darauf hingewiesen, daß nur solche Waisen aus dieser Stiftung unterstützt werden können, deren Vater Mitglied eines Kriegervereins des Verbandes gewesen ist und die im Jahre 1897 konfirmiert, eingesegnet, bezw. aus der Schule entlassen werden. Vor⸗ herige Unterstützung durch den Verein wird nicht verlangt. Mit Rücksicht auf die knappen Mittel sind nur sehr Bedürftige vorzuschlagen: Formulare zu den Unterstützungsgesuchen sind von den Bezirksvorsitzenden zu beziehen.

* Gießen, 26. Januar. Die Bestrebungen, die Fremdwörter in der Schulsprache nach Möglichkeit einzuschränken und durch deutsche Ausdrücke zu ersetzen, haben neuerdings auch die Unterstützung der Großherzoglichen Ministerial abteilung für Schulangelegenheiten gefunden. Diese Behörde hat sämtliche Bildungsanstalten und Schulaufsichtsbehörden auf das von Gym⸗ nastallehrer Dr. Karl Scheffler zu Braunschweig verfaßte SchriftchenDie Schule aufmerksam gemacht. Diese Schrift erscheint als siebende Nummer der Verdeutschungbücher des allge meinen deutschen Sprachvereins und bezweckt die Verdeutschung der hauptsächlichsten entbehrlichen Fremdwörter der Schulsprache.

* Gießen, 26. Jan. Fachschulen für Zahntechniker. In der Generalversammlung des Vereins selbstständiger Zahntechniker der Provinz Hessen⸗Nassau und des Großherzogtums Hessen, die am Sonntag in Frankfurt a. M. im Hotel Drexel stattfand, wurde u. A. be⸗ schlossen, für die Lehrlinge in Darmstadt, Frank furt und Mainz Fachschulen zu errichten. Eine aus den Herren Göhrke⸗Bensheim, Nieus⸗Frank⸗ furt und Kapp⸗Fulda bestehende Kommisston soll die nöthigen Vorbereitungen treffen.

* Gießen, 26. Januar. Der Gie ßener Festsaal war gestern Abend wieder zum Brechen voll. Selbst aus den umliegenden Ort schaften waren die Zuschauer gekommen, um der Veranstaltung zum Besten der Unterstützungs⸗ kasse des Veteranenvereins beizuwohnen. Die Kraußesche Kapelle intonierte die Fest⸗ Quvertüre von Latann und dann öffnete sich der Vorhang und Friedrichs alte und neue OperetteGuten Morgen Herr Fischer, wurde von Dilletanten ganz vorzüglich zur Darstellung gebracht. Reicher Beifall wurde den Darstellern zu Teil. Herr Schwarz blies darauf ein Trom peten⸗Solo, womit er ebenfalls lebhaften Bei⸗ fall erzielte.Weihnachten im Feld, ein leben⸗ des Bild, war recht lebenswahr arrangiert, aber alle Erwartungen waren weit übertroffen durch die ebenfalls durch ein lebendes Bild dargestellte Heldenthat des 118. Regiments:Erstürmung des Schlosses Chambord.Die Friedens⸗ glocke, eine Allegorie der Waffenruhe, bildete in seiner Massenwirkung einen effektvollen Ab schluß. Die Kraußesche Kapelle, welche, die Pausen ausfüllte, leistete sehr Gutes.

Gießen, 26. Januar. Wegen dringenden Verdachts des Meineids wurde in der Strafkammersitzung der Landwirt Friedrich Möckel von Engelrod verhaftet. Möckel hatte den Landwirt Heinrich Maus J der Unter⸗ schlagung beschuldigt. In der heutigen Sitzung gelang es jedoch dem Beschuldigten, durch Zeugen seine Unschuld nachzuweisen. Da Möckel trotz⸗ dem seine Aussagen beschwor, erfolgte seine Ver haftung; außerdem wurden ihm wegen falscher Anschuldigung die Kosten des Verfahrens auf erlegt.

Gießen, 26. Jan. Die Vetzberger wären gestern bald um das tägliche Brot in Verlegenheit gekommen. Der Gießener Bäcker⸗ meister, welcher die Brotlieferung nach dorthin besorgt, hatte seinen etwas kitzlichen Gaul das erste Mal in den Schlitten gespannt. Der Sohn des Meisters sollte mittels des Schlittens den Vetzbergern das Brot hinüberfahren. Das Pferd, des neuen Fahrzeuges ungewohnt, scheute aber und ging durch, raste über den Lindenplatz, Markt und Kreutzplatz wo es endlich durch Ein⸗ greifen eines Metzgermeisters zum Stehen kam. Man mußte sich entschließen das Brot auf kden herbei geholten Wagen umzuladen. 2

Gießen, 26. Januar. Unter den Stu⸗ dierenden der Technischen Hochschule in Darmstadt ist wegen Gründung der katho⸗ lischen VerbindungNassovia ein Konflikt ausgebrochen. Wir entnehmen denN. H. V. darüber folgendes: In einer von über 700 Stu⸗ dierenden der Technischen Hochschule besuchten Versammlung, hatte sich, wie mitgeteilt, eine lebhafte Debatte über die neugegründete katholische VerbindungNassovia entsponnen und war diese Versammlung einstimmig der Ansicht, daß rein konfessionelle Verbindungen an Tech⸗ nischen Hochschulen keine Existenzberechtigung

hätten. Ferner wurde beschlossen, dieNassovia

von dem Kommers zu Ehren der Feier von

Kaisers Geburtstag auszuschließen. DasM. J. veröffentlicht nun folgendes an den Ausschuß der Studierenden gerichtetes Schreiben des Rek⸗ torats der Techn. Hochschule:

An den Ausschuß der Studierenden der Technischen Hochschule zu Darmstadt. 22. Januar 1897. Auf ein⸗ stimmigen Beschluß des großen Senats teile ich Ihnen auf die unterm 18. d. gemachte Eingabe über die von der Studentenversammlung am 18. Januar gefaßten Resolutionen das folgende Ergebnis mit:

Der große Senat der Technischen Hochschule hat mit Befremden und zugleich mit Bedauern davon Kenntnis genommen, daß die Darmstädter Studentenschaft eine auf der Hochschule rechtmäßig auf Grund der seiner Zeit von der Studentenschaft mit Begeisterung aufgenommenen Disziplinarbestimmungen vom 20. März 1894 bestehende Verbindung, ohne daß dieselbe hierzu durch ihr Benehmen irgend eine Veranlassung gab, in unzulässiger Weise die Existenzberechtigung abgesprochen und von einer patrioti⸗ schen Feier ausgeschlossen hat, an welcher teilzunehmen einer jeden Verbindung Ehrensache sein muß. Die Stu⸗ dentenschaft hat die akademische Freiheit, welche sie sonst als ihr höchstes Besitztum ansieht, einfach mißachtet und ferner ohne Rücksicht auf ihre Kompetenzen über Fragen Resolutionen gefaßt, welche einzig und allein den Senaten der Hochschule bezw. dem Ministerium zustehen. Der Senat hat jedoch zu dem guten und bisher immer be⸗ währten Geiste der Darmstädter Studentenschaft das Ver⸗ trauen, daß sie selbst die Mittel und Wege zu finden wissen wird, um eine derartige Ungesetzmäßigkeit und Vergewaltigung nicht weiter bestehen zu lassen. Die augenblickliche, durch fragliche Resolutionen an unserer Hochschule geschaffene Disharmonie, die einzig und allein durch das Entgegenkommen derNassovia bei der bevor⸗ stehenden patriotischen Feier nicht zu weiterem Zwiespalt führen wird, findet hoffentlich keinen weiteren Nährboden, denn im anderen Falle würden die von der Studenten⸗ schaft so oft mit Begeisterung gesungenen WorteVivat Akademia nicht ein Herzeusbedürfnis der Studierenden sein können. Das Rektorat der Großh. Techn. Hochschule. gez. Berndt.

Grünberg, 25. Januar. Der Er⸗ ziehungsverein des Dekanats Grün⸗ berg, welchem eine zweijährige segeusreiche

Thätigkeit voraufgeht, zählt zur Zeit 350 Mit⸗ glieder mit 20 Pfarreien. Durch das freundliche Entgegenkommen der Großherzoglichen Kreis⸗ ämter ist es genanntem Verein möglich geworden, seinen Wirkungskreis in richtige Bahnen zu lenken und durch ausgedehnte Verbindungen den Hauptzweck, geeignete Pflegeeltern zu finden, in vollstem Maaße gerecht zu werden. Der Verein hat bis jetzt 10 Kinder untergebracht, und hinsichtlich weiterer sind die Verhandlungen dem Abschlusse nahe. Ueber den Erfolg der Unterbringung kann noch wenig mitgeteilt werden, da aller Anfang schwer ist, besonders für die Erziehung. Die Gesamteinnahme be⸗ trug 502 4 61, die Gesamt⸗Ausgabe 175 K. 62; somit verbleibt ein Reservefonds von 326. 99, von welchen statutarisch 100. verzinslich angelegt werden sollen. Die hiesige Sparkasse, welche gelegentlich ihres Gründungs⸗ festes 10000& für die Invaliden des nächsten Krieges ausgesetzt, hat bestimmt, daß bis zu dem Beduͤrfnisfall die Zinsen des bedeutenden Kapitals entsprechend den Bestrebungen genannten Vereins verwendet werden sollen. Der Vor⸗

N Expedition: 2. Kreuzplatz Nr. 4.

sitzende des Erziehungsvereins ist gegenwärtig a Herr Dekan Pullmann.

Neuefte Telegramme.

Hd. Frankfurt a. M., 26. Januar. Infolge des starken Schneefalles find größere Verkehrsstör ungen eingetreten. Die Eisenbahnzüge er⸗ litten bedeutende Verspätungen. Der Straßen⸗ Verkehr konnte in den Vormittagsstunden nur teilweise aufrecht erhalten werden.

Hd. Danzig, 26. Jan. Die wegen Mordes angeklagte Neumann wurde nach kurzer Beratung! freige⸗ sprochen.

Hd. Berlin, 26. Jan. Wie ver⸗ lautet, wird in der hier tagenden Kon⸗ ferenz zur Bekämpfung der Pest⸗ gefahr der Reichskanzler eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln vorschlagen, welche sich auf verschärfte Kontrolle der Seeschiffe und auf gewisse Ver⸗ kehrsbeschränkungen erstrecken.

Hd. Wien, 26. Jan. Das Amtsblatt publiziert das Verbot der Ein- und Aus⸗ fuhr von Waren aus Asien mit Ausnahme des asiatischen Rußlands.

Hd. Paris, 26. Jannar. Hier in London und New⸗MYork erscheint heute in einer Million Exemplaren ein von denunzufriedenen aller türkischen Provinzen unter⸗ zeichneter Aufruf an das türkische Volk, dem Absolutis mus des Sul⸗ tans ein Ende zu bereiten und die Kontrolle der Regierung durch das Volk zu erzwingen.

Hd. Ragusa, 27. Jan. An der Grenze von Montenegro fand ein Kampf zbwischen Arnauten und Montenegrinern statt.

Acad. Temesvar, 26. Januar. In Anina ist die Ruhe wieder hergestellt. Fast sämtliche Berg- und Hüttenarbeiter haben die Arbeit wieder aufgenommen.

Hd. Rom, 26. Jan. Der Aus stand der Auslader von Civita Vecchia dauert fort. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Mehrere ausständige Arbeiter) wurden zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Ver⸗ stän digung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer scheint ausgeschlossen. Die Lage ist sehrjernst.

Hd. Newyork, 26. Jan. Hier herrscht ein heftiger Schnee sturm. Der Verkehr auf den Straßen⸗ und Eisenbahn⸗Linien ist unterbrochen. Im Sturme sind Menschen

und Tiere umgekommen. Das Ther⸗ mometer ist auf 20 Grad unter Null gefallen.

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell, Druck von E. Ottmann, beide in Gießen

Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Jetzt eben dachte er, daß Faust doch ein sonder⸗ barer Schwärmer sei, und daß der gelehrte Doktor am vernünftigsten thäte, Holz zu hacken oder Un⸗ kraut zu jäten und sich durch ein bischen körperliche, nützliche Anstrengung die Grillen aus dem Kopfe zu treiben. Da fühlte er Reginens tastende Finger und blickte zu ihr hin. Wie blaß sie war! zärtlich besorgt neigte er sich zu ihr:

Du siehst mir ja ganz jämmerlich aus, Lieb ling! sagte er leise.Ich glaube, Du hast Hunger. Wir hätten doch irgend etwas essen sollen, ehe wir her gingen. Aber am Büffet habe ich nette Brödchen gesehen; davon hole ich Dir in der nächsten Pause.

Mit einem Schlage war Regine ernüchtert, zurückgerufen von derMenschheit Höhen, auf denen sie eben noch mit dem Sänger gewohnt, zur kahlen, flachen, prosaischen Erde.

Sie war erwacht aus ihrem süßen Flitter⸗ wochentraum und seufzend fühlte sie die Gewißheit in sich aufsteigen, daß sie nicht immer das erhoffte Doppelleben führen würde, daß es für ihren Geist Gebiete gab, in denen er nach wie vor einsam blieb.

**

*

Auf einer die ausgedehnte Ebene weithin be herrschenden Anhöhe ein vornehmes Herrenhaus mit fest gefügten Mauern, hohen, luftigen Sälen und Zimmern, weiten, gewölbten Kellerräumen, das bald zwei hundert Jahre auf seinem erhobenen Stand punkt thronte. Ein schattiger Garten, von Buchs baum eingefaßte Teppichbeete, die mit ihren alt⸗

modischen, würzig duftenden Blumen die breite Terrasse zierten, an deren weißer Mauer roter Wein rankte und köstliches Spalierobst zu unge wöhnlicher Vortrefflichkeit gedieh das war Reginens neue Heimat. Jetzt eben stand sie in der laubumsponnenen Veranda im leichten, blaßlila Kleide und schaute entzückten Auges auf die sonnige Landschaft zu ihren Füßen. Ihr Gatte hatte den Gärtner wohl zu leiten gewußt, daß er den gar zu üppig wuchernden, Baumwuchs in Schranken hielt und den Ausblick durch denselben nicht verdecken ließ.

Unbehindert konnte man hinter dem bunt wer⸗ denden Laube die weiten Felder übersehen, auf denen noch geschnittenes Korn in hohen Stiegen stand. In der Ferne bemerkte man die roten Gebäude des einen Vorwerks, und rechts blitzte der Spiegel eines Sees auf, dicht am dunkelen Waldessaum, der den Horizont begrenzte. Nun tauchte neben demselben ein graues Rauchwölkchen auf, das näher und immer näher zog, ein schriller Pfiff durch zitterte die Luft, und wie ein langer, schwarzer Wurm zischte ein Eisenbahnzug durch das stille Land.

Mit einem tiefen Atemzuge riß sich Regine von dem schönen Bilde los, das sie andächtig mit un willkürlich gefalteten Händen bestaunt hatte, und wandte sich dem an ihrer Seite kochenden Samowar zu, um ihren Pflichten als Hausfrau zu genügen. Wohl keine lieblichere Herrin hätte man diesem schönen Besitze schenken können, als sie das dachte in diesem Augenblicke nicht nur Felix, der sie leuchtenden Auges betrachtete, das dachte auch die alte Frau an seiner Seite mit dem feinen stillen Gesichte: seine Mutter. Sie hatte dem Sohne bis her treu und emsig die Wirtschaft geführt und war

nunjbereit, zu einer verheirateten Tochter zu ziehen, die ihrer jetzt mehr bedurfte, als das junge Paar. Vorher wollte sie noch die Schwiegertochter im neuen Heim willkommen heißen und sie herum führen in Küche und Keller, in Garten, Hof und Stall.

Die begeistertste Bewunderung für ihr kleines, wohlgeordnetes Reich lohnte ihre Mühe und er frischte ihr Herz. Regine jubelte über alles, was sie sah. Zum ersten Male lernte sie einen großen, ländlichen Haushalt kennen, und was für einen! Das war ja eine husterwirtschaft, wie sie in Büchern geschildert wird, die sich da vor ihr auf⸗ that. Die Linnenschänke bargen die schönsten, alten Damastgedecke von Großmutter und Urahne her. Die zahlreichen Fremdeustuben mit ihren blüten weißen Vorhängen und Bettdecken, den blendend gescheuerten Dielen und den alten Holzschnitten an den Wänden harrten nur der Gäste, die dort zur Jagdzeit ihr munteres Wesen trieben. Einstweilen aber dienten sie noch manch anderem Zwecke. Da lag auf einem massiven Tische aus Tannenholz frisch gefertigte Seife; im Nachbarraume erblickte man eine dickbauchige Terrine, in der ein kräftiger Wachholderschnaps bereitet wurde. Denn die Vor ratskammern mit den im Dorfe gesponnenen Flachs, mit großen Tonnen voll zartester Damenfedern, voll gedörrten Obstes und verschiedener Hülsen früchte; die Räucherkammer, der ein vielversprechen der, kräftiger Geruch entströmte Regine, die da heim an ein bescheidenes Vorratsschränkchen ge wöhnt war, schlug die Hände zusammen über diese Herrlichkeiten, und zum ersten Male regte sich in

ihr hausfraulicher Stolz und Ehrgeiz. Sie sah

2 ZZGU UUMUU sich schon als Verwalterin dieser Schätze eifrig treppauf, treppab eilen, alles beaufsisytigend und leitend. Nun betraten sie ein sonniges Stübchen, in dem ein Dompfaff im Bauer saß, und wunderbare, alte Porzellansächelchen, die den Jahrmärkten der Umgegend entstammten, die nach Lavendel duftende Kommode zierten. Hier saß der gute Geist des Hauses, Mamsell Christinchen, und stopfte fleißig Tüllgardinen. Sie war einst in ihrer Jugend sehr schön ge wesen und noch jetzt eine imponierende Erscheiuung zu nennen. Trotz ihrer dreiundsechzig Jahre hielt sie sich gerode und aufrecht, hatte noch keinen ihrer weißen, regelmäßigen Zähne zu vermissen, und ihre vollen Scheitel leuchteten in unvermischtem Schwarz; daß sie heimlich in einem Kasten schwarze Stangen⸗ pomade barg und damit etwas nachhalf, den Schimmel des Alters zu vertreiben, war ja eine verzeihliche, kleine Eitelkeit. Galt es ihr doch nur, als würdige Repräsentantin des Gesindes aufzu treten in jenem Hause, mit dem sie nun seit über vierzig Jahren Freud' und Leid geteilt. Ihre Herr⸗ schaft war die einzige Liebe ihres Herzens gewesen, eine Anhäuglichkeit, die Regine wunderbar berührte, wie eine mittelalterliche Sage von der Mannentreue bis in den Tod, die fremd und romantisch hinein⸗ klingt in die moderne Zeit, in der die Dienstboten

sich schon abwechslungshalber gerne alle paar Jahr verändern.* An Bewerbern hatte es Mamsell Christinchen nicht gefehlt. Aber keiner hätte ihr Ersatz bieten können für ihre Stellung in dem vielgeliebten Hause. (Fortsetzung folgt.)

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