Ausgabe 
24.4.1897
 
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Gießen, Sennabend, den 24. April

Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

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Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 23. April.(Saatenstand im Großherzogtum Hessen um die Mitte des Monats April 1897, zusammengestellt von der Großh. Oberen landwirtschaftlichen Behörde.) Die Wintersaaten sind im Allgemeinen gut durch den Winter gekommen. Wegen Auswinterung war in den meisten Erhebungsbezirken nichts, in einigen Bezirken nur wenig umzupflügen; nur aus dem Erhebungsbezirke Mainz wird berichtet, daß Winterweizen bis zu 60 Prozent ausge⸗ wintert ist. Die Frühjahrssaat ist noch nicht beendet. Frühe Saaten stehen gut. Der Klee hat vereinzelt durch Mäusefraß gelitten. Das Holz der Reben ist gut durch den Winter ge kommen.

* Gießen, 23. April. Der Bau und der Betrieb einer schmalspurigen Eisenbahn bon Gießen über Heuchelheim und Rodheim nach Bieber wurde von dem Ministerium der All⸗ gemeinen Kleinbahngesellschaft, Aktien gesellschaft in Berlin, übertragen.

* Gießen, 23. April. Mehrere Knaben vergnügten sich gestern hinter dem Viaduckt an dem Lenzschen Felsenkeller mit Pistolenschießen, wobei einem der Beteiligten eine Kugel in den Juß geschossen wurde, sodaß derselbe heute auf 1 25 Anraten in die Klinik verbracht werden mußte.

Gießen, 23. April.(Nachtfrost.) Der scharfe Nordwind, welcher durch unsere Felder und Wiesen weht, hat in letzter Nacht unseren Gärten und Fluren arg zugesetzt. Man be⸗ fürchtet, daß die prachtvoll in Blüte stehenden Obstbäume Schaden gelitten haben.

Gießen, 23. April. Beim Abbruch der Huhnschen Hofraithe in der Löwengasse wurde dleser Tage ein Fragment aus der Blütezeit des Gießener Karnevalvereins in den 70er Jahren zutage gefördert. Es ist dies ein hölzernes Schild, das gelegentlich eines Karnevalszuges angefertigt wurde und die Inschrift trägt:

Richards Morithat.

Johanna geht und niemals kehrt sie wieder. Das ist der Besen, womit sie das letzte Mal ekehrt.

Die meisten unserer har werden sich noch trinnern können, was dieser Scherz zu bedeuten

* Butzbach, 22. April. Die Verbesse⸗ rung der Beleuchtungsverhältnisse in unserer Stadt ist durch die kürzlich infolge der Hierherverlegung eines Infanterie- Bataillons eingetretene erhebliche Vermehrung der Ein⸗ ohnerzahl zur unabweisbaren Notwendigkeit ge⸗ worden. Nach einem bereits vor zwei Jahren ausgearbeiteten Voranschlag würden sich die ftosten einer elektrischen Central⸗Be⸗ leuchtungsanlage auf wenig über 70 000 belaufen, wofür ein Werk errichtet werden ann, daß neben etwa 50 Straßenlampen mehrere Bogenlampen, sowie eine Anzahl Privat⸗ unschlüsse mit Licht versehen könnte.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für die Bspaltige Petitzeile,

Bieber bei Offenbach, 22. April. Kümmel aus Groß⸗-Welzheim, der unter dem Verdachte, seinen hier wohnenden Schwiegervater,

Adam

Milchhändler Burckhardt, durch Mißhandlung getötet zu haben, am Charfreitag verhaftet wurde, ist wieder in Freiheit gesetzt worden. Durch die gerichtsärztliche Obduktion der Leiche wurde festgestellt, daß das Ableben des 66⸗ jährigen Mannes infolge eines Herzschlages eintrat.

Aus Rheinhessen, 22. April. Das Projekt der Gründung einer Zuckerfabrik in unserer Provinz auf genossenschaftlichem Weg ist so gut als gescheitert. Es sind statt der er warteten 3 5000 Morgen nur 870 Morgen zum Zuckerrübenbau gezeichnet worden. Es verlautet, die benachbarten Zuckerfabriken hätten eine Gegenagitation in Szene gesetzt. Man will nun versuchen, die kleineren Landwirte mit Anteil⸗ scheinen auf 15 Morgen lautend heranzuziehen. Auf einer Versammlung der Vorstände der land wirtschaftlichen Bezirksvereine in Alzey, die über die Angelegenheit beriet, wurde eine Kommission niedergesetzt, um einen weiteren Plan auszu arbeiten.

* Mainz, 22. April. Bei den Wasserför⸗ derungsarbeiten in der rheinischen Bierbrauerei zu Weisenau, platzte heute Vormittag ein Rohr, das dazu diente, Luft in den Brunnen⸗ schacht zu führen. Durch den heftigen Luftdruck wurden drei verheiratete Arbeiter so⸗ fort getötet, und als Leichen zu Tage ge⸗ fördert. Die Verunglückten sind die Tagelöhner Jakob Lieser und Gottlieb Bux, sowie der Zim⸗ mermann Heinrich Allesbach.

Vermischtes.

Noch eine Stephans⸗Anekdote. Als Staatssekretär v. Stephan auf einer Inspektionsreise in Memel war, bemerkte er, daß am Packetschalter kurz vor Schluß der Dienststunden, wo der Andrang des Publikums am stärksten zu sein pflegt, nur ein Beamter die Ab⸗ fertigung besorgte. Der andere Unterbeamte war, ohne daß er Jemanden etwas gesagt hatte, fortgegangen und blieb etwa eine Stunde lang verschwunden. Der General⸗ postmeister war über eine derartige Pflichtverletzung em⸗ pört, und als der Beamte endlich erschien, wurde ihm ein nichts weniger als freundlicher Empfang zu Teil. Der etwa 50jährige Mann zitterte wie Espenlaub. Endlich brach er in Thränen aus.Ach, Exzellenz, entschuldigen Sie nur, ich habe schon sechs Kinder, und eben ist meine Frau von Zwillingen entbunden worden! Stephan schwieg, das gute Herz erwachte in ihm. Er zog sein Portemonnaie und drückte dem glücklichen Zwillingsvater einen 50⸗Markschein in die Hand.

Den Unrechten erschossen. Ein tragischer Vorfall soll sich nach demOldenburger Generalanzeiger in der Nähe der Station Oberhausen zugetragen haben. Ein Arrestant von der Marine, welcher nach Köln gebracht werden sollte, entsprang dort, als der Eisenbahnzug bei einer Haltestelle hielt, obwohl er von einem Gefreiten und einem Obermaat überwacht wurde. Der Erstere eilte dem Ausreißer nach, der Obermaat aber rief ihm dreimal Halt! zu. Als der Flüchtling diefen Zuruf nicht be⸗ achtete, sondern seine Flucht fortsetzte, gab der Obermaat

edition: Kreuzplatz Nr. 4.

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traf er die

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den Gefreiten, der tot zu Boden stürzte. die Kugel auch den Flüchtling am Fuße, Flucht aufgeben mußte.

Vom sauftdemütigen Herrn Pastor. Vor einiger Zeit spielte ein Knabe B. mit einigen Alters⸗ genossen Marmel. Plötzlich erschien der Pastor und Lokalinspektor N.(leider nennen die Zeitungen den vollen Namen nicht) auf der Bildfläche und versetzte dem Knaben B. eine gewaltige Ohrfeige, da ihn der Junge nicht ehr⸗ erbietig genug gegrüßt habe. Der Vater des Knaben verklagte hierauf den Pastor beim Amtsgericht wegen Mißhandlung seines Sohnes. Die Regierung erhob in⸗ dessen zu Gunsten des Pastors den Konflikt und behaup⸗ tete, dem Pastor stehe ein Züchtigungsrecht zu, wenn ihn die Knaben im Dorfe nicht gehörig grüßten. Der Vater des Knaben trieb nunmehr die Sache bis zum Oberver⸗ waltungsgericht in Berlin, das sich sodann mit der Angelegenheit zu befassen hatte. Er beantragte, den Konflikt zu verwerfen, da sein Sohn im Eiser des Spiels den Pastor nicht rechtzeitig gesehen habe; ein Diener Gottes dürfe auch nicht gleich zuschlagen. Der Kultusminister erklärte dagegen den Konflikt der Regierung für begründet. Er machte geltend, daß der Pastor in seiner Eigenschaft als Lokalschulinspektor seine Amtsbefug⸗ nisse nicht überschritten habe. Das Oberverwaltungs⸗ gericht, unter dem Vorsitz des Chefpräsidenten Persius, entschied nun dahin, daß der Konflikt der Regierung be⸗ gründet sei und daß das Strafverfahren gegen den Pastor endgültig einzustellen sei. Also darf ein Diener Gottes gleich zuschlagen!

Wider das Fluchen. Eine Agitation, welche sich gegen das viele Fluchen und Schwören richtet, haben die evangelischen Jünglingsvereine eingeleitet. Diese Agitation wird in eigenartiger Weise mittels sogenannter Fluchkarten betrieben, die dem Fluchenden sofort beim Ausstoßen einer Verwünschung oder Schmähung übergeben werden. In der Schweiz, wo die Bewegung ihren Anfang genommen hat, sind bereits 39,800 solcher Fluchkarten vertheilt worden, in Preußen und Sachsen hat man erst dieser Tage mit der Agitation begonnen.

Der älteste Radfahrer der Welt. Gladstone the grand old man(der große, alte Mann), wie die Engländer den berühmten Politiker nennen, istauf seine alten Tage unter die Radfahrer gegangen. Obgleich be⸗ reits 87 Jahre alt, unterzog er sich den Mühen der Er⸗ lernung des Radfahrens und es ist dem Greise, der so oft das europäische Gleichgewicht in der Hand hatte, auch gelungen, die Balance auf dem Rade zu finden. Er findet, wie er einem seiner Londoner Freunde schrieb, viele Freude und Erholung in diesem gesundheitsfördernden Sport. Der große Politiker dürfte nebst seinem übrigen Ruhme wohl auch den für sich beanspruchen dürfen, der älteste Radfahrer der Welt zu sein.

Modeblödsinn. Ueber allerlei Modenarrheiten plaudert Jemand imN. W. Tgbl. Da heißt es u. A.: Wenn vom Erhabenen bis zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, dann liegt zwischen weiblichem Chie und weiblicher Geschmacklosigkeit nur eine kaum merkbare Linie, an der Konflikte schwerer zu vermeiden sind, als heutzutage an der griechisch⸗türkischen Grenze. Rothe und lila Taschen⸗ tücher? Gut, müssen aber die Tücher achteckig sein? Und ist es geschmackvoll, mittels einer winzigen goldenen Sicherheitsnadel ein Riechkissen(Sachet) daran zu hängen oder gar dieses Anhängsel in ein winziges, am Taschen⸗ tuch angebrachtes Täschchen zu stecken? Eine Tasche am Taschentuch! Wer hat da noch ein nachsichtiges Lächeln? Es wäre gar nicht zu verwundern, wenn ein solches Tüchlein größenwahnsinnig würde. Daß es nicht mehr in der Tasche, sondern am linken Aermel getragen

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wird, sieht beinahe vernüftig aus. Das Taschentuch ist auch dersaisongemäße Platz für Autogramme oder für Zeichnungen bekannter Maler. Wer weiß: vielleicht kommen unsere Raffaels und Rubens in solchen Taschentücher⸗ meisterwerken auf die Nachwelt und man liest in den Gallerikatalogen der Zukunft bei solchen Bildern den un⸗ gewohnten Vermerk:In der Wäsche stark mitgenommen... Auf diesem zum mindesten strittigen Grenzgebiete zwischen Chic und Geschmacklostigkeit seien noch erwähnt: Radieschen als Hutaufputz. Veilchen sind auf diesem Platze nichts Neues mehr und verlangen eben Ersatz. Weiter: Ein Derbyschirm, zu dem 1000, sage und schreibe: tausend Meter Bändchen verwendet worden sind. Der Schirm verdankt sein Entstehen einer in unseren Mauern weilenden fremdländischen Modedame. Außen von ganz bescheidenem Ansehen, läßt dieser mit einem kostbaren Emailknopf aus der Zeit Marie Antoinettes gezierte Schirm beim Auf⸗ spannen viele tausende kleiner, dicht aneinandergereihter Schlupfen aus vielfarbigen Nullerbändchen erblicken; man stelle sich die mühsame Herstellung dieses Sonnenschützers vor, da die Schlupfen mit mathematischer Genauigkeit be⸗ messen sind und ferner regelrecht abgestufte Kaskaden bilden. DieGigerlkönigin trug im Schuh ihr Mono⸗ gramm; die Modedame von heute bringt die Wäschemarke an ihren Ohren an. Die Mode schrelbt nämlich heuer für jedes Ohr einen anderen Ohrring vor, und am aller⸗ modernsten sind zu diesem Zwecke aus Golddraht gewundene, womöglich in japanischem Stile gehaltene Anfangsbuch⸗ staben des Namens: man wählt für das linke Ohr den⸗ jenigen des Taufnamens, für das rechte den des Familien⸗ namens. In diese verkehrte Welt gehört auch die That⸗ sache, daß die Damen jetzt kurze Socken und die Herren lange Strümpfe tragen. Kein Scherz; die etwa um 10 Ctmtr. den Stiefelrand überragenden Damensocken werden mit runden, die übers Knie reichenden Herrenstrümpfe werden mit langen Gummihaltern befestigt!

Wie in China gefreit wird. Die ganze devote Höflichkeit und Geringschätzung ihrer eigenen Person bei den Chinesen spricht sich in dem Briefe eines Mannes aus, welcher die Tochter seines Nachbars zur Schwieger⸗ tochter wünscht. Da heißt es:Auf meinen Knieen flehe ich Dich an, diese gewagte und unterthänigste Bitte nicht mit Verachtung zu strafen, sondern meinen demütigen Worten Gehör zu schenken. Gieb Deine Tochter meinem Sohn, der Dein ergebenster Sklave ist, zur Frau, und möge das junge Paar, durch seidene Fäden verbunden, stets in größter Freude leben. In der schönen Früh⸗ lingszeit werde ich meine Hochzeitsgaben darbringen und Dir ein paar Gänse zum Geschenk machen. Laß uns auf endloses, beständiges Glück hoffen und mag jeder Wunsch der jungen Leute, die in Liebe an einander hängen, in Erfüllung gehen. Nochmals bitte ich Dich auf meinen Knieen, diesen Vorschlag in Güte aufzunehmen und den spiegelgleichen Glanz Deiner Augen auf diesen Zeilen gnädig ruhen zu lassen. Auf dieses Schreiben ant⸗ wortet der Vater der Braut, daß er seine demutsvolle, armselige Tochter gern dem edlen Jüngling geben wolle und dafür sorgen würde, daß sie nicht ganz ohne Betten, baumwollene Kleider, Haarnadeln und Ohrringe in die Ehe käme.

Der Fall Chimay⸗Rigo. Prinzessin Chimay ist schließlich auch in Paris nicht aufgetreten. Der Direktor der Folies Bergéres erstattete das Geld für die Karten zu der Vorstellung, wo die Prinzessin auftreten sollte, zurück, läßt aber ankündigen, die Prinzessin werde, nachdem sie von der Grippe wieder hergestellt sei, als Eva, Andromeda und Salambo in drei lebenden Bildern sich zeigen. Nach anderen Meldungen erfolgte das Poli⸗ zeiverbot des Auftretens der Prinzessin Chimay auf Ver⸗

Fata Morgana. Novelle von H. René. (Fortsetzung.) So vergingen die Stunden. Die Nachtigall schwieg, langsam erwachten andere Vogelstimmen,

leise rötete es sich im Osten, feurige Strahlen,

Vorläufer der Sonne, durchzuckten den Horizont. Ein kühler Luftzug trieb Nebel und Wolken aus⸗ einander, allmälig lichtete sich die Finsternis, immer deutlicher traten einzelne Gegenstände her, nun traf unkelnd der erste Sonnenstrahl das goldene Kirch urmkreuz; ein neuer Tag war angebrochen.

Therese erhob sich von ihren Knieen.Er liebt mich ja, das muß mir genug sein, sagte sie mit sester Stimme.

Dann ging sie mit leisen Schritten durch das fille Haus in des Onkels Zimmer und beugte sich äber den bewußtlosen Greis.

Die schlafende Wartefrau in ihrem weichen Polsterstuhl merkte nichts von ihrer Anwesenheit.

Junig küßte sie die welke Hand, die so oft (iebkosend auf ihrem Scheitel geruht.

Wenn Du alles wüßtest, würdest Du mich segnen, Du Gütiger, flüsterte sie.Dir geschieht sa kein Unrecht. Du wolltest gewiß nicht, daß ich zanz glücklos durch's 1 5 gehen sollte.

Auf diese Weise kann es nicht weiter gehen, mein Herr Doktor, für jeden unbeschäftigten Arzt est es von äußerster Wichtigkeit, sich durch sein Ver⸗ valten, durch seine ganze Persönlichkeit Vertrauen m Publikum zu erwerben, und Sie thun seit einiger Zeit alles, um das Gegenteil zu bewirken. Ruhig,

einen Schuß auf ihn ab; dieser traf jedoch den verfolgen⸗

nicht auffahren! Ich bin weit davon entfernt, Ihnen eine Moralpredigt zu halten, wir Männer denken in gewissen Dingen vorurteilsfreier wie die Weiber, obgleich ich, im Hinblick auf meine beleidigte Tochter eigentlich anders mit Ihnen sprechen sollte. Ein kleiner Seitensprung vor der Hochzeit, damit kann man immer später noch ein guter Ehemann werden. Eine Bagatelle, die man am klügsten thut, nicht zu einer Staalsaktion aufzubauschen. Die Baronin ist ein apartes, geistvolles Weib, etwas verblüht zwar, aber immer noch reizend geuug, um die Fantasie zu fesseln. Sie glücklicher Schmetterling, haben jetzt aber lange genug diese späte Rose um⸗ flattert. Jetzt hat diese Sache ihr Ende; jetzt ist es genug.

Der Herr Bürgermeister, der während dieser Rede, die Hände in den Taschen, mehrmals die Länge seines Arbeitszimmers durchschritten, blieb nun vor dem Doktor Senglin stehen, der mit der Miene eines Schuldbewußten in der Ecke des harten Ledersofas saß.

Ich denke, Sie wiffen jetzt, woran Sie mit mir sind, begann er von neuem. Größerer Nachsicht werden Sie nirgends begegnen, aber nun wünsche ich auch, daß Sie Farbe bekennen; das sind Sie sich und auch uns schuldig. Auf die letzten Worte hatte er besonderen Nachdruck gelegt, und als er seine Wanderung wieder aufnahm, bewies seine stramme Haltung, daß er nicht gesonnen sei, mit sich spaßen zu lassen.

ge mebr der Bürgermeister den Kopf hob, je mehr fiel Walter Senglin in sich zusammen. Er

dachte an allerlei unangenehme Dinge, an ver⸗

schiedene schriftliche Verpflichtungen, die wohlver⸗ wahrt im Pult des rechtskundigen Schwiegervaters ruhten. Ebenso leichtsinnig hatte er sie damals ge geben, wie er jetzt das Verhältnis mit Therese an geknüpft. Alma mit ihrem rosigen Gesichtchen und ihren kleinen Koketterien gefiel ihm, die Eltern schienen geneigt, die weitgehendsten Opfer zu bringen. Schlinge fügte sich an Schlinge und ehe er es ge dacht, war eine Kette daraus geworden. Sorglos hatte er dahin gelebt, es angenehm und bequem gefunden, auf diese Weise zu Frau und Praxis zu kommen. Wer konnte auch ahnen, daß er später derjenigen begegnen würde, die alten Gluten leiden⸗ schaftlicher Liebe in seiner Brust entfachte. Was sollte daraus werden?

Leise fröstelnd erhob er sich. Ihm blieb wohl keine Wahl. In jedem Fall stand er als wort⸗ brüchiger Schurke da. Therese war gefesselt, galt vor dem Gesetz wenigstens als eine verheiratete Frau, und anderseits lag seine ganze Existenz in des Bürgermeisters Händen. Hatte dieser nicht eben noch betont, daß eines jungen Arztes Haupt⸗ pflicht es sei, auf sein Renommé zu achten. Wenn er sich hier unmöglich gemacht, folgte ihm dann nicht der Ruf als Libertin in die Welt hinaus, ihm überall Achtung und Vertrauen raubend. O, Welt! O, Leben!

Er stöhnte auf, und der Bürgermeister, der bisher eifrig auf den menschenleeren Marktplatz hinausgesehen, wandte sich um.

Bitte kein Wort mehr darüber, sagte er mit einer majestätischen Handbewegung.Die Sache ist zu allseitiger Befriedigung geordnet, wird nun

anlassung der belgischen Gesandschaft in Paris, die totgeschwiegen. Eine kleine Schuld trifft uns ja auch dabei, gleich nach ihrem Hierherkommen hätten wir die Verlobung verkünden sollen, Ihnen und Alma wäre viel unnötige Aufregung erspart ge blieben. Doch nun noch eins. Wann gedenken Sie zu heiraten?

Als ob man mit siedendem Wasser ihn langsam verbrühe war ihm zu Mut, und doch hieß es unter den scharf beobachtenden Blicken den letzten Rest von Mut zusammenraffen.

Wenn Sie meinen, daß mein kleines Ein kommen für einen Hausstand ausreicht, wohl noch in diesem Jahr, sagte er, vergeblich hoffend, der Boden unter ihm würde sich öffnen und ihn ver schlingen.

Das wird sich einrichten lassen, einige Fixums stehen noch in Aussicht, später fällt Ihnen Doktor Borrmanns Praxis doch von selbst zu; mit den Füßen will es doch immer noch nicht recht gehen. Und bis dahin zahle ich der Wirtschaftskasse einen kleinen Zuschuß; habe ja nur das einzige Mädel.

Walter verbeugte sich, etwas von außerordent⸗ licher Güte und Fürsorge murmelnd. Der Bürger⸗ meister rieb sich die starkknochigen Hände, ein Zeichen seiner guten Laune.Dann setzen wir den Hoch⸗ zeitstermin zum Frühherbst fest, hoffentlich brauchen wir ihn nicht zu verschieben, meinte er.Was Wohnungs- und Ausstattungsfrage anbetrifft, da⸗ rüber müssen Sie mit meinen Damen konferieren. (Fortsetzung folgt.)