Gießen, Freitag, den 23. Juli
1897.
Postztg. Nr. 3319. Telephonu⸗Nr. 112.
Ausgabe
Gießen.
ische Landeszeitung.
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
1* =
dokales und Provinzielles.
„Gießen, 22. Juli. Der ordentliche Pro— ssor Dr. Spengel ist für die Zeit vom Oktober 1897 bis dahin 1898 zum Rektor
Medaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
detllet
„Sul der Landes⸗Universität ernannt. tritt Ist o 112 22. 19 5 Bei 0 schon ge⸗ geldeten Ferien⸗Kursus an unserer Hoch— T ile für Aerzte und Studierende dozieren E e Herren: Prosektor Henneberg: Topo⸗ % Japhisch⸗anatomischer Demonstrationskurs; Geh. U Jseb.⸗Rat Bostroem: Pathologisch⸗anatomischer K au demonstrationskurs; Geh. Med.⸗Rat Riegel: Hedizinische Klinik; Privatdozent Sticker: All⸗ 2 meine Seuchenlehre; Assistenzarzt Dr. Koch: kursus der Laryngoskopie; Geh. Med.⸗Rat bageszell. öhlein: Gynäkologische Untersuchungen und g esprechung ausgew. Kapp.; Privat⸗Dozent Pfg. Palther: Geburtshülflicher Operationskurs
ud Kolloquium; Professor Poppert: Chirur⸗ Llqueuer ssch⸗klinischer Kurs mit praktischen Uebungen; —̃ä—— srofessor Vossius: Ophthalmologische Klinik; srofessor Sommer: Pspchiatrische Klinik inkl. 0 serbenkrankheiten; Assistenzarzt Dr. Daune— li die etzeben Mann: Allgem. Psychopathologie mit Kranken⸗ 199 orstellungen; Professor Steinbrügge: Otia⸗ ische Poliklinik.— Bestimmung über den Kurs s dem Gebiete der Hygiene bleibt dem näch⸗ uns zurückkehrenden Geh. Med.⸗RKat Gaffky 1 orbehalten.
al 00 Gießen, 22. Juli. Der in Heilbronn gende Kongreß der süddeutschen Feuerbestat⸗ Preislage ügs-Vereine nahm nachstehende Resolution ein⸗ nͤderter Weise uu mmig an:„Der Kongreß der süddeutschen Anerbestattungs⸗Vereine spricht in Uebereinstim⸗ zung mit dem Referat des Herrn Stadtrat II flesch aus Frankfurt a. M. und der übrigen har eedner seine Ueberzeugung dahin aus, daß es ster lufgabe der Vereine sein muß, neben der idealen —ů— ale Seite des Feuerbestattungswesens W Aruba ehr hervortreten zu lassen, insbesondere dahin tsamte Bestattungswesen auf Ge⸗— 8 selndekosten übernommen werde, was öbeln, Spiegel,. Einführung der Feuerbestattung für die Ge⸗ aller sonsig, zeinde weniger Kosten im Gefolge haben würde, flände. i bei der Erdbestattung, ferner dafür zu sorgen, b Agentur⸗ Gl aß bis zur Erreichung dieses Ziels durch Er⸗ Waren seder ut chtung von Feuerbestattungs⸗Versicherungskassen ach den minderbemittelten Klassen die Benutzung parature er Feuerbestattung erleichtert werde.“— Es ist
ren werden
wirken, daß in den großen Städten das A emerkenswert, daß die Forderung auf Ueber⸗
Vogel Ar zu Mainzlar bei Lollar wurde am 20. April 1897 von der Strafkammer beim hiesigen Amtsgericht von der Anklage wegen Uebertretung der Viehseuchengesetze vom 23. Mai 1880 und vom 1. Mai 1894, sowie von der Anklage wegen Urkundenfälschung freigesprochen. Der Re⸗ gierungspräsident zu Koblenz erließ im Sep⸗ tember 1896 eine Regierungsverordnung, be⸗ treffend die„Maul⸗ und Klauenseuche, wonach jeder, der Schweine in den Kreis einführen will, zuerst eine tierärztliche Bescheinigung beibringen muß, daß die Tiere untersucht und gesund be— funden worden sind. Der Angeklagte hat nun, wie die Anklage ausführt, vier Schweine an einen Landwirt verkauft. Das Gericht unterzog zunächst die Regierungsverordnung der Königl. Regierung zu Koblenz einer Kritik auf ihre Existenzberechtigung, und kam nach eingehender Prüfung zu dem Schlusse, daß die Regierungs- verordnung überhaupt gar nicht zu Recht bestehe, da es unzulässig sei, die Einfuhr innerhalb des Inlands von einem Kreise zum anderen zu ver— bieten oder zu beschränken; Einfuhr-Verbote und»Beschränkungen haben nur Berechtigung dem Auslande gegenüber im Verkehr mit dem Inlande. Eine wirksame Bekämpfung der Seuche im Inlande kann nur durch Ausfuhr— Beschränkung gegenüber dem Inlande durchge— führt werden, da sonst der ganze Handel und Wandel lahm gelegt würde. Die Verordnung der Regierung besteht daher nicht zu Recht und mithin ist der Angeklagte freizusprechen. Was nun die Anklage wegen Urkundenfälschung an⸗ langt, so wurde allerdings festgestellt, daß der Angeklagte, um den erlassenen Einfuhrbestim— mungen zu entsprechen, allerdings ein Attest vor⸗ wies, aber ein gefälschtes. Da indes festgestellt wurde, daß ihm dabei das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gemangelt hatte, wurde er auch in diesem Punkte der Anklage freigesprochen. Gegen dieses Urteil legte die königl. Staatsan⸗ walshaft Revision ein, die von der Reichsan⸗ waltschaft für begründet erachtet und vertreten wurde. Die Verordnung der, königl. Regierung zu Koblenz charakterisiert sich nicht als Straf— verfügung, sondern als eine Verfügung zur Aus⸗ füllung und Ausführung des Blankettgesetzes § 66. Die Frage, ob die darin ausgesprochene Einfuhrbeschränkung auch als Transportbe⸗ schränkung aufzufassen sei, ist zu bejahen, denn der Angeklagte hat die 4 Schweine von außer⸗ halb in den Kreis hinein transportiert. Es wurde daher beantragt, den Angeklagten zu einer Geldstrase von 1. zu verurteilen. Das Reichsgericht hob entsprechend dem Antrage des Reichsauwalts das Urteil auf und verurteilte den Angeklagten, in der Sache selbst erkennend, zu einer Geldstrafe von 1(W. A.)
* Gießen, 22. Juli. Das Reichsversiche⸗ rungsamt hat die bemerkenswerte Entscheidung getroffen, daß es vor Bestrafung nicht schütze, wenn ein Arbeitgeber das Marken⸗ kleben für einen von ihm beschäftigten Arbeiter unterläßt, weil er denselben für einen Unter⸗
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für die Espaltige Petitzeile.
obwalten, ob zu kleben ist oder nicht, hat der Arbeitgeber die Verpflichtung, durch eine Anfrage an zuständiger Stelle zuverlässige Erkundigungen einzuziehen.
* Gießen, 22. Juli. Vor einem zahlreichen Publikum trat gestern die Kapelle des sächsi⸗ schen Infanterie- Regiments Nr. 105 in Steins Garten auf. Den Ruf als eine Militärkapelle ersten Ranges rechtfertigte die Musikerschar in vollstem Maße. Sie bot in der That Leistungen, die man selten zu hören be— kommt; dazu war das Programm ein äußerst interessantes. Namentlich dürften diejenigen Nummern, bei denen die sogen. Heroldstrompeten zur Verwendung gelangten, außerordentlich ge— fallen haben. Das Publikum kargte daher auch nicht mit Beifallsbezeugungen. Möge es Herrn Stein gelingen, recht bald wieder eine derartige Kapelle gewinnen 31 können.
* Gießen, 21. Juli. Die Gießener Schützen beabsichtigen am 24. August ein großes Preisschießen abzuhalten. Es soll gleich⸗ zeitig damit ein Volksfest größeren Stils ver— bunden werden.
* Gießen, 22. Juli. Nachdem der Gold⸗ arbeiter Brück an der Ecke der Kaplausgasse und des Kreuzplatzes einen Prachtbau hingestellt, sahen seine Nachbarn wohl ein, daß ihre Häuser mit dem simplen Spritzbewurf ein wenig gar zu nüchtern neben dem Brückschen Hause sich ausnahmen. Das Kinkelsche Haus wurde zuerst nach einem Entwurf des Architekten Kockerbeck in gothischer Manier durch eine neue Fassade gehoben, welche mit Oelmalerei, vom Maler— meister E. Groß ausgeführt, wirkungsvoll ge— hoben wurde. Das daneben stehende J. Kaansche Haus, mit dem augenblicklich der Malermeister Groß beschäftigt ist, wird mit wetterfester Keim⸗ scher Mineral-Dekorationsmalerei behandelt und präsentiert sich jetzt schon in recht geschmackvoller Weise. Es ist nicht zu verkennen, daß beide alte Giebelhäuser, das Kinkelsche und das Kaansche Haus, mit ihrem neuen Anstrich sehr vorteilhaft wirken.
* Gießen, 22. Juli. Der gestrige Ochsen— markt war mit 40 Stück Vieh befahren, von denen 12 Stück nach beendetem Markt über⸗ ständig blieben. Die schwerste am Markt ge⸗ wesene Ware kaufte ein Händler aus Siegburg für 800, pro Paar; geringere Ware ging mit 7— 750 1 pro Paar ab.— Der Schweine markt verzeichnete einen Auftrieb von nur 400 Stück, darunter wenig Ferkel. Trotzdem es sehr an Käufern mangelte und das Geschäft nur sehr schwach ging, forderten die Verkäufer doch hohe Preise für die Ware, sodaß Geschäfte nur zu 10-15 Prozent höheren Preisen als am letzten Markt zustande kamen. Es kosteten: Ferkel, 6—8 Wochen alt 40 70, ältere Ware bis 95 A., Läufer bis 130 1 pro Paar. Fettvieh war nicht am Markt.
* Nidda, 21. Juli. Der am Freitag herab— gestürzte Mann ist seinen Verwundnungen er- legen. Merkwürdigerweise ist auch der erste Mann der Witwe 355 ähnliche Weise verunglückt.
tie gut m e uhme der Beerdigungskosten auf die Gemeinde 10 instimmig angenommen wurde. Diese For⸗ l u. Uhr, Lung ist eine sozialdemorratische, die oft recht a gu, tig bekämpft wurde. Dem Kongreß wohnte 3 A. auch der Oberbürgermeister von Offen⸗ ch an. In Offenbach befindet sich bekanntlich Leichenverbrennungs⸗Ofen, der aber nicht . utzt werden darf, weil es die Orthodoxen ima Biol icht zugeben wollen. 16 Gießen, 22. Juli. Verurteilung zu 1s del iner Geldstrafe von einer Mark durch ei Hiclle s Reichsgericht. Der Händler Ludwig . T—-—-.—
1.
Versöhnt! 5 ine Erinnerung aus dem Eisenbahn⸗Betriebsdienste
dune 0 ö 1 4 von Albert Roß.
1 1
frei ins Holl(Nachdrud verboten) y Bob(Fortsetzung.)
5 der Betrieb auf der Neubaustrecke ist seit 4
bocchen eröffnet, die gut besetzten Personenzüge
egen ebenso wie die starken Güterzüge, daß der e Schienenweg in dem bisher an größeren Ver⸗ krsstraßen armen Landstrich thatsächlich einem Be⸗ lefnis abgeholfen hat. Auf den Stationen und haltestellen pulsiert reges Leben, Handel und In⸗ trie entwickeln sich, ja selbst in nächster Nähe Käger kleineren Stationen kräuselt sich bereits der kimpf aus hohen Fabrikschornsteinen, an deren Er⸗ fehl sdtung bis vor kurzer Zeit kaum jemand gedacht e he. Kein Unfall ist auf der Strecke zu verzeichnen
— — 2 2— 22 — = — .
10. dee Wesen, Stations- und Zugbeamte haben es f Wohl Agende an der gebotenen Vorsicht fehlen lassen U N 15 für eine im Fundament zuverlässig sichere gaußb s eustraße hat das Bau⸗Personal pflichtgemäß das 27 77% inige gethan. Nur die Mehrzahl der Bahn⸗ 2 Hal a ist noch übel daran. Ihre volle Aufmerk- ammte alen haben diese Beamten in der ersten Zeit des Jas sirlebs fast nur auf die Ueberwachung des jungen J. 41% ichulrpere verwenden müssen, die Ordnung ihrer h falerial Vorräte läßt aus Mangel an Zeit noch Lepl st manches zu wünschen übrig. Indessen zeigen T 17 i. auf den Lagerplätzen schon deutliche Spuren, fen, 10. mit dem Aufräumen der Vorräte begonnen ist 1 Cheblh, 0 daß nur noch wenige Wochen vergehen werden, nell 0 1% fu das Material⸗Chaos überall vollständig gelichtet 1 4 bel wird. 1
Dem ersten Personenzuge, welcher früh morgens auf der kleinen Station der 4. Bahnmeisterei hält, ist auch der Revisor Norbert entstiegen. Noch kämpft die Sonne mit schweren Dunstmassen, dicker Nebel umgiebt das Stationsgebäude, kaum daß der Revisor über die Nebengleise hinweg den Weg zu dem abseits stehenden Materialien-Schuppen zu finden vermag. Aus dem Bahnmeister⸗Büreau schimmert ihm Licht entgegen. 5
„Guten Morgen, Scharzfeld! Nun? Heute schon so zeilig bei der Arbeit?“ 8 f
„Tonjours en vedette, Herr Revisor, und namentlich bei solchem Nebell“
„Ja, da heißt's freilich auch für Sie: Auf dem Posten sein! Na, hoffentlich wird's bald hell, sonst wäre meine Reise hierher vergeblich!“
„Wollen revidieren?“ fragte Scharzfeld ver⸗
ndert.
5„Ja, wollen mal sehen, ob's möglich ist! Wie weit sind Sie denn mit Ihren Oberbaumaterialien, Scharzfeld? Alles schon aufgeräumt?“ 50
„Soweit es möglich gewesen ist, Herr Revisor! Schienen und Schwellen sind vollständig sortiert und gestapelt, in den Bahnwärterbuden sind die kleinen Bestände aufgenommen, auf der Strecke liegt nichts mehr und auch im Depot habe ich mit Guntermann vor einigen Tagen das letzte Klein— eisenzeug nach den einzelnen Sorten geregelt.
„Bon! Da können wir ja heute mal die Probe machen, ob's stimmt. Ihren letzten Bestandsbericht an das Kontroll⸗Büreau habe ich bei mir und was sich seither durch Ab⸗ und Zugang an Alt- und Neumaterial geändert hat, das muß ja genau in Ihren Büchern stehen! Aber warten müssen wir
nehmer hält. Sobald die geringsten Zweifel
doch, bei solcher Dunkelheit hat's Anfangen absolut keinen Zweck!— Haben Sie jetzt eilige schriftliche Sachen vor, bitte lassen Sie sich nicht stören, ich kann warten!“
„Pressiert nicht mehr so, Herr Revisor, was augenblicklich noch vorliegt, hat Zeit bis heute Abend!“
„Schön, dann wollen wir uns, bis es hell wird, die Zeit mit ein bissel Plauderei verkürzen! — Wie gefällt's Ihnen denn hier auf der Station?“
„Sehr gut, Herr Revisor! Bin ja hier in der Gegend zu Hause, kenne die nächstgelegenen Ort— schaften alle und mehr und weniger auch ihre Ein⸗ wohner. Die Eltern leben auch noch drüben in Mohrbach.“
„Richtig, jetzt fällt's mir ja aus Ihren Per⸗ sonal⸗Akten ein! Ist Ihr Vater nicht Lehrer dort?“
„Allerdings, und ihm verdanke ich auch die bessere Schulbildung, die ich von den meisten meiner Kollegen voraus zu haben glaube!“
„Hm, ja, ja! A propos, Scharzfeld, wundere mich übrigens, daß Sie noch nicht ver— heirotet sind! Haben doch jetzt Ihr Brot und seste Anstellung oder giebt's hier nicht, wie doch sonst überall auf dem Lande, nette junge Mädels, die gern einen Beamten nehmen möchten?“
Scharzfeld schmunzelte.„Das wohl, Herr Revisor, aber ich, ich— habe bereits läugst ge— wählt und hoffe auch trotz aller Hindernisse zum Ziel zu gelangen!“
„Wohl eine Jugendliebe in Ihrem Heimatdorf?“
„Jugendliebe allerdings! Nun Ihnen kann ich's
wohl sagen, hier in der Gegend ist's doch kein Ge⸗
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
2 E
Der neulich als auf Hof Dauernheim erfolgte irrtümlich gemeldete Absturz geschah auf dem Hofgute zu Ranstadt; auch dieser Abgestürzte ist infolge der erlittenen inneren Verletzungen ge- stor ben.
* Lauterbach, 21. Juli. In dem benach- barten Radmühl spendete in einer Wirtschaft ein Geschäftsreisender Schnaps an die gerade anwesenden Gäste. Hierbei sprach einer dem Getränke so eifrig zu, daß er bald stark betrunken war. Er wurde in diesem Zustande in den Stall geschafft und dort auf Streu gelegt. Als man am andern Morgen nach ihm sah, war er, wahrscheinlich infolge des übermäßigen Alkohol- genusses, tot. Der Verstorbene war ein Tag⸗ löhner aus Salßzschlirf.
* Darmstadt, 21. Juli. Wie aus zuver⸗ lässiger Quelle verlautet, wird der Leiter des hessischen Forstwesens Ministerialrat Muhl am 1. August von seinem Amt zurücktreten. Als Nachfolger Muhls gilt Geh. Oberforstrat Wil⸗ brandt, während Oberforstmeister Thaler in Darmstadt an Wilbrandts Stelle treten soll. Die seither innegehabte Stelle eines Hofjäger⸗ meisters wird Muhl beibehalten.
* Offenbach a. M., 21. Juli. Ein be⸗ trunkener Russenbrenner wurde vorgestern wegen Beteiligung an einer Schlägerei verhaftet. Als man gestern Vormittag seine Zelle öffnete, lag er leblos auf der Erde; er war in der Nacht an einer bei der Schlägerei erhaltenen Verletzung gestorben.
* Mainz, 21. Juli. Die Nachricht, der verhaftete Müller Thomas spiele im Unter⸗ suchungsgefängnis den wilden Mann, ist nicht richtig. Thomas ist im Gegenteil ruhiger ge— worden, bei seinen Verhören weigert er sich indes hartnäckig, die Protokolle zu unterschreiben. Der Zustand des Gendarmeriewachtmeisters Ditter ist immer noch besorgniserregend. Die Kugeln und Rehposten befinden sich noch alle im Körper.
Vermischtes.
— Die Bibel der Emanzipierten. Be⸗ kanntlich stoßen die Vorkämpfer der Frauenemanzipation in manchen Kreisen nicht selten auf religiöse Bedenken, die sich auf die verschiedenen Bibelstellen, worin dle Unter⸗ ordnung des Weibes unter den Mann klar und deutlich ausgesprochen ist, stützen. An der Entfernung dieses Hindernisses wird aber gegenwärtig in Amerika emsig ge⸗ arbeitet, denn auf Anregung der bekannten Frau Elisa⸗ beth Cady Stanton hat sich vor eintger Zeit eine Kom⸗ mission gebildet, die„sämtliche Texte und Kapitel der Bibel, die sich auf die Frau beziehen und worin der Frau absichtlich und ausdrücklich eine untergeordnete Stellung angewiesen ist, einer gründlichen Revision unter⸗ ziehen soll.“„Denn warum“, meint genannte Dame, „sollte man nicht Moses ebenso gut wie Blackstone korri⸗ gieren dürfen und weshalb soll das jüdische Gesetzbuch außerhalb des Bereiches der Kritik bleiben, während dles bei der englischen Gesetzgebung in umfassender Weise ge⸗ schieht? Wohlan, ihr Herren, wischen Sie ihre Brille einmal gut ab und überzeugen Sie sich, daß die Welt vorwärts schreitet? In der Kommission wird von einigen des Hebräischen und Griechischen mächtigen Damen der ursprüngliche Text der Bibel untersucht, andere behandeln
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heimnis mehr. Die Christel ist's, dadrüben im Dorfe Breitleben, des Gastwirts einziges Töchterlein!“
„Schau, schau! Interessant! Also heimlich verlobt?“
„O, Ehristels Vater weiß ebenfalls um unsere gegenseitige Zuneigung, leider ist er aber immer noch nicht zum Jawort zu bewegen gewesen. Da muß jemand dahinter sitzen, der entweder selbst Ab⸗ sichten auf die Christel hegt oder mich bei dem Alten angeschwärzt hat!“
„Sagen wir also Nebenbuhler! Wahrscheinlich so ein eifersüchtiger Bauernbursche, hm?“
„Weit gefehlt, Herr Revisor! Glaube vielmehr bessimmt, meinen Gegner in anderen und zwar in den höheren Kreisen Ihrer Großstadt suchen zu müssen!— Ich bitte, sehen Sie es nicht als Ver⸗ schlossenheit an, wenn ich mich darüber nicht ein⸗ gehender auslasse! Gewisse Rücksichten, die Sie be⸗ gründet finden würden, verbieten mir, meiner Mut⸗ maßung hier weiteren Ausdruck zu geben!“
„J Gott bewahre, Scharzfeld, nehme so leicht nichts krumm! Habe ja auch weiter kein Interesse daran und wünsche nur, daß alle Ihre Herzens⸗ wünsche sich bald erfüllen möchten!— Nun ist's aber draußen hell geworden, die Sonne kommt durch. Lassen Sie uns gleich mit der Revision be⸗ ginnen! Am besten wird's wohl sein, wir nehmen erst die Bestände auf der Strecke und in den Wärterbuden auf, im Depot kann Ihr Guntermann inzwischen noch etwaige Reste übersichtlich ordnen, so daß wir heute Abend vielleicht fertig sein werden. Kommen Sie!“
(Fortsetzung folgt.)


