Ausgabe 
18.3.1897
 
Einzelbild herunterladen

he

iuru n en lar.

ung ber.

Aten biete Bier n Lokalitäten

Ir Ait

erhof)

59 eugsguclle

e Garantie.

pt und gewisen⸗ t. 685 3

lte ich die Lololitäten

empfohlen. tine einen sehr bi.

auereien. 1 it bestens gesorg. ist bes 26

run run.

fahr

len, Garten 10 auschlagenden

Artile 12

1

ler

Gießen, Donnerstag. den 18. Mürz

1897.

Poftztg. Nr. 3319. Telephonu⸗Nr. 112.

Hessische

10

Ausgabe

l

Gießen.

* 4

Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

2

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 17. März.(Stadttheater.) Gestern Abend gelangte das Moser⸗Trothasche LustspielDer Militärstaat zur Aufführung und zwar als Benefiz für Herrn Leuschner. DerMilitärstaat ist eines jener Lustspiele, in denen die obligaten Verwechslungen und Miß berständnisse, gute und faule Witze die Zuhörer in eine ganz fidele Stimmung versetzen. Das geschah denn auch gestern Abend. Und wenn ein Benefiziant schon dadurch belohnt wäre, daß viel gelacht wird in seiner Vorstellung, so dürfte Herr Leuschner zufrieden sein. Der ihm ge spendete Lorbeer mag ihn ob des schlechten finanziellen Erfolges trösten. Gespielt wurde gestern Abend recht gut.

* Gießen, 17. März.(Stadttheater.) err Oscar Bohnsée, der erste Held und lebhaber des Kölner Stadttheaters, der sich durch sein dreimaliges erfolgreiches Gastspiel während der ersten Hälfte der diesjährigen Theatersaison aufs Vorteilhafteste hier eingeführt hat, gastiert Donnerstag, den 18. ds. hier noch einmal alsVeilchenfresser, wie aus folgendem ersichtlich, eine seiner besten Leistungen. Man schreibt darüber aus Hildesheim: Es war ein recht genußreicher Abend, der uns in dem so beliebten Moser'schen LustspielDer Veilchen⸗ fresser geboten wurde. Die Glanzrolle in demselben gab als Gast Herr Oscar Bohnée, erster Held und Liebhaber vom Stadttheater

in Köln, welcher den Offizier Viktor v. Berndt in schneidigster, trefflichster Weise spielte und stürmischen Applaus dafür erntete. Auch den übrigen Mitgliedern unseres ausgezeichneten Ensembles sei rückhaltlos unsere vollste Aner⸗ zennung gezollt. Die Palme des Abends ge bührte aber unstreitig dem hier so gern ge sehenen Gaste Bohnse, welcher mit Schneid und 5 Bühnengewandtheit auftrat und sich so ie Herzen Aller im Sturme zu erobern wußte.

* Gießen, 17. März. Ein Leser unserer 5 teilt uns mit, daß bei der Frankfurter

ntendanz von der Agentur Wild in Wien durch Vermittelung eines Gießener Herrn eine be⸗ deutend ältere KomödieEin Gelehrter eingereicht, welche dieselbe Idee behandelt wie das erfolgreich gegebene StückGebildete Menschen von Victor Léon.

* Gießen, 17. März. Die lebenden Photographien(im Laden Neuen Bäue 1) werden täglich einer außerordentlich großen An⸗ zahl Besucher vorgeführt. Man ersucht uns, mitzuteilen, daß die Vorführungen in einstün⸗ digen Pausen geschehen, und zwar mit Rücksicht auf die Räumlichkeit des Ausstellungslokals, sowie die bedingte Dunkelheit, die bei den Vor⸗ führungen keinen steten Eintritt zulassen. Um nicht warten zu müssen, empfiehlt es sich also, die stündlich sich wiederholende Eintrittszeit zu beachten.(Siehe auch Inserat).

Gießen, 17. März. Gelegentlich der be⸗ vorstehenden Centenarfeier ist in Steins Saalbau eine Festversammlung vorgesehen, für welche mit Rücksicht auf den zu erwartenden Andrang ..

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

Karten ausgegeben werden, welche demnächst auf Namen lautend nach der Reihenfolge der Anmeldung zur Ausfertigung gelangen. An⸗ meldungen dafür werden mündlich oder schriftlich Mittwoch, den 17. März, von vormittags 9 Uhr ab bis Donnerstag mittags 12 Uhr, auf dem Zimmer Nr. 15 der Bürgermeisterei erbeten. Die Ausgabe der auf Anmeldung ausgestellten Karten erfolgt an gleicher Stelle am Freitag und Samstag dieser Woche vormittags von 10 bis 12 Uhr und nachmittags von 2 bis 4 Uhr. Gießen, 17. März. Bei einem Metzger in der Bahnhofstraße wurde vorgestern im Burschenzimmer eingebrochen und einem der Burschen das Portemonnaie mit 42% Inhalt, ein Ring und die Uhr gestohlen. Als Thäter wurde gestern ein junger Kollege des Bestohlenen verhaftet, der bereits seit 5 Jahren in dem betr. Geschäfte thätig und das größte Vertrauen genoß.

* Gießen, 17. März.(Strafkammer⸗ sitzung.) Einfeiner Stromer, der Schmied Konrad Rausch von Maar hatte sich gestern vor der Strafkammer wegen Majestäts⸗ beleidigung und Bedrohung zu verantworten. Er präsentierte sich auf der Anklagebank in schneeweiser Papierwäsche, ein wohlgepflegter Schnurr⸗ und Backenbart zierte sein Antlitz. Wegen Bettelns, Diebstahls, Sachbeschädigung mehrfach vorbestraft, bestritt der Angeklagte gestern die ihm zur Last gelegte Strafthat. Fünf Zeugen, betreffs deren Aussagen der An⸗ geklagte meinte, dieselben stimmten nicht ganz genau, bekundeten, daß Rausch am 8. Januar abends und am folgenden Tage im Dorfe Ober⸗ widdersheim in ganz unflätiger Weise geschimpft, gedroht, er werde das ganze Dorf anzünden und jeden niederstechen, der ihm in den Weg trete. Angetrunken ist der Mann dabei nicht gewesen, er scheint sich in die Wut geredet zu haben, weil der Bürgermeister des Ortes ihm kein auderes Nachtquartier angewiesen, als das in der Wacht⸗ stube im Spritzenhaus. Der Gerichtshof belegte den Angeklagten mit 8 Monaten und 2 Wochen Gefängnis. Der 15 Jahre alte Konrad Immel von Gießen hat in der Brauerei der Gebrüder Röhrle zu wiederholten Malen aus einem verschlossenen Behälter Geldbeträge ge stohlen. In zwei Fällen ist er geständig, zu⸗ sammen 26* entwendet zu haben. Weiter fällt ihm noch eine Fundunterschlagung(er hatte nämlich das Glück, auf dem Hofe des Brauerei⸗ grundstückes einen Geldbeutel mit 45 Inhalt zu finden) zur Last. Vier Monate Gefängnis, von denen ein Monat durch die Untersuchungs⸗ haft für verbüßt erachtet wurde, hielt das Gericht für eine ausreichende Sühne. Die Ehefrau Diehl von Schlitz hatte eine Polizeistrafe ge⸗ macht, sie begab sich zum Polizeidiener, der die Sache aber bereits angezeigt hatte, und bat um gut Wetter, hierbei dessen Frau eine Schürze schenkend, um diese zu veranlassen, ihren Mann für die Geschenkgeberin günstig zu stimmen. Die Strafkammer erblickte in dieser Handlungs⸗ weise eine Bestechung und erkannte auf 50 A. Geldstrafe eventuell 10 Tage Gefängnis. Der Korbmacher Hanner oder, wie er sich mit

Expedition: 2 Kreuzplatz Nr. 4.

seinem richtigen Namen nennt, Joh. Ad. Klein von Fauerbach, ein alter Kunde der Straf kammer, hat der Witwe Schultheis, Gutspächterin bet Wisselsheim zwei Tischtücher, die sie im Garten zum Trocknen aufgehängt hatte, mitgehen heißen. Er bezichtigte gestern seinen damaligen Wandergenossen Klöß des Diebstahls und er⸗ klärte, so unschuldig an der Sache zu sein wie ein Lamm. Es wurde ihm aber nachgewiesen, daß er die Tücher in Schwalheim einem Wirt verkaufen wollte, der ihm den Rat gab, dieselben wieder dahin zu tragen, wo er sie her habe. Diesen Rat hat der Hanner auch befolgt, nach dem er einsah, daß er die Tücher nicht versilbern konnte; er hing dieselben eines Morgens wieder an dieselbe Stelle, wo er sie gefunden. Nur diesem Umstande hatte es der vielfach wegen Diebstahls schon bestrafte Geselle zu verdanken, daß ihn der Gerichtshof nicht zu Zuchthausstrafe verurteilte, sondern auf acht Monate Gefängnis und drei Jahre Verlust der bürgerlichen Ehren⸗ rechte erkannte.

* Bad Nauheim, 16. März. Vorgestern hielt der im Jahre 1892 gegründete hiesige Radfahrer-Klub sein fünftes Stiftungsfest ab, wobei auch das von den Frauen und Jung⸗ frauen des Vereins gestiftete Banner eingeweiht wurde.

* Groß⸗Eichen, 16. März. Einen schweren Unfall erlitt hier ein Schneidermeister von Ruppertenrod. Derselbe wollte mit einem bei der Molkerei haltenden Milchfuhrwerk nachhause fahren, glitt aber, als er seinen Sitz einnehmen wollte, aus und stürzte von dem ziemlich hohen Wagen herab auf Steine. Das Nasen⸗ bein wurde ihm vollständig zertrümmert, sodaß die Knochensplitter hervordrangen; auch an der Stirn erhielt er eine klaffende Wunde.

* Offenbach a. M., 16. März. Die gestern Nachmittag in der Schuhmacher-Lohnbe wegung abgehaltene Besprechung der Arbeit⸗ geber mit dem Vorsitzenden des Gewerbegerichts führte zu dem Ergebnis, daß die Fabrikanten sich nochmals bereit erklärten, mit den Arbeitern weiter zu verhandeln. Sie gaben weiter die Erklärung ab, die bis jetzt als Ersatz eingestellten Arbeiter nicht mehr entlassen zu können. Heute Vormittag war eine Besprechung der Arbeit⸗ nehmer mit dem Vorsitzenden des Gewerbe⸗ gerichts. Auch sie erklärten ihre Bereitwilligkeit, nochmals alle Fragen mit den Fabrikanten durchzuberaten. Nach den vorliegenden Um⸗ ständen dürfte eine Einigung erzielt werden.

* Mainz, 16. März. In dem Kurzwaren⸗ geschäft von Heimann in der Ludwigsstraße sind im vorigen Jahre Warendiebstähle vor⸗ gekommen, die endlich zur Verhaftung des dort beschäftigten 24 jährigen Hausburschen Val. Sinz führten. Gestern stand S., dessen Ehefrau, Mutter und noch drei Personen vor der Straf⸗ kammer. Bei den vorgenommenen Haussuchungen sind für etwa 750 Mark Waren vorgefunden worden, doch behauptete der Bestohlene, daß be⸗ deutend größere Massen Waren fehlen, wie die Inventuraufnahme ergeben habe. Das Gericht Jahr Ge⸗

fängnis wegen Diebstahls. Wegen Hehlerei er⸗ hielt seine Ehefrau ein Monat, seine Mutter drei Monate, der Schuhmacher Hanseler und dessen Ehefrau je einen Monat Gefängnis. Zwei Angeklagte wurden freigesprochen.

* Mainz, 16. März. Der Mittel- rheinische Fabrikanten verein hält am Donnerstag im Neuen Kasino eine Versammlung ab. Herr L. Sonnemann-Frankfurt spricht über die Arbeitslosenversicherung und Herr Dr. Fuld⸗Mainz über Unfallversicherung und Haftpflicht. Das städtische Arbeitsamt soll am 1. April in Thätigkeit treten. Die Einrichtung desselben wird nach Stuttgarter Muster erfolgen. Nach einem Antrag der Bürgermeisterei soll die hiesige Schutzmannschaft um 12 Schutzleute vermehrt werden. Der städtische Zuschuß zur Polizei erhöht sich dadurch um 18 800&, und beträgt im ganzen 211 160&.

Neueste Telegramme.

Hd. Berlin, 17. März. Die sozial⸗ demokratische Fraktion erörterte in ihrer letzten Sitzung auch die Vorgänge auf Kreta. Man einigte sich dahin, in der Art Stellung zu nehmen, daß das Selbstbe⸗ st i mmungsrecht der Kretenser aner⸗ kannt und gegen jegliche gewaltsame Einmengung Deutschlands Protest erhoben werden soll.

Hd. Berlin, 17. März. In der heutigen Sitzung der Budgetkommission wird die Finanzierung des ganzen Reichshaus⸗ halts⸗Etats festgestellt werden. Abg. Müller⸗ Fulda(Ztr.) hat dieserhalb einen detailierten Finanzplan ausgearbeitet, den er der Kom⸗ mission übergeben wird, um deren Zustimmung zu erhalten.

Hd. Königsberg, 17. März. Der sozial⸗ demokratische Reichstagsabgeordnete Schultze ist gestern Nachmittag gestorben.

Hd. Athen, 17. März. Nach Berichten aus Kan ea begann gesteru die Blokierung mehrerer kretischer Häfen.

Hd. Athen, 17. März. Gestern Nachmittag fand ein Kriegsrat unter dem Vorsitz des Königs statt, in welchem endgültige Beschlüsse über die Bewegung der griechischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande gefaßt wurden. Bis heute werden sämtliche Truppen mit Ausnahme der Leibwache des Königs die Stadt verlassen haben. Ueberall herrscht fieberhafte Thätigkeit.

Marktpreise.

Gießen, 16. März. Auf dem heutigen Wochen⸗ markte kostete: Butter per Pfund 1, 1,10, Hühner⸗ eier pr. St. 4 5, Enteneier 56, Gänseeier 1011, Käse 5 7, Käsematte 3, Erbsen per Liter 16, Linsen 27 Pfg., Tauben per Paar 0,90 1,00, Hühner p. St. 1,20 1,40, Hahnen 1,30 1,50, Enten 1,70 2,00, Gänse per Pfund 48 54, Ochsenfleisch 66 74, Kuh⸗ und Rindfleisch 60 bis 66, Schweinefl. 56 66, Schweinefl., gesalz. 70- 72, Kalbfleisch 50 54, Hammelfleisch 50 65, Kartoffeln pro 100 Kilo 4,00, 5,00, Zwiebeln per Zentner 6,00 6,50 Mark, Milch per Liter 16 Pfg.

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell, Druck von E. Ottmann, beide in Gießen. .KKKÜ ͤ ͤ ͤͤ ͤ Ä

verurteilte den Val. Sinz zu ein ͥͤ

Heimat. Novelle von H. Rense. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Der Ehegatte hatz sie nicht lange füberlebt, nicht wahr? Der Fremde fragte es mit heiserer Stimme.

O doch, drei ganze Jahre, und die sind dem einsamen, alten, vergrämten Mann doch gar zu lang geworden. Jeden Tag, Sommer und Winter, ist er hinausgewandert, begleitet von seinem treuen Pudel und einzigen Gefährten. Als der Mucki blind geworden und den Weg nicht mehr finden konnte, trug er ihn auf seinen Armen hinauf. Und so haben die Beiden hier auff dem Bänklein ge sessen, dis der Abend hinabsank, und der Toten⸗ gräber, der zusperren mußte, mit seinen Schlüsseln klapperte. Doch in Ihnen Herr, unterbrach er sich plötzlich,muß doch eine Krankheit stecken, Sie find ja aschfohl im Gesicht.

Ich vertrage die Hitze schlecht, bin die Nacht hindurchgefahren; so etwas geht vorüber. Doch er⸗ zählen Sie weiter.

Ich bin bald am Ende. Auch der Mucli ver⸗ ließ ihn; fterbend hat er ihm noch die Hand geleckt, als ob er ihn wolle um Verzeihung bitten, daß er ihn nun so ganz allein zurücklasse. Noch finsterer und menschenscheuer ist nun der Herr ge⸗ worden, seine hohe Gestalt brach zusammen, der starke, eisenfeste Mann kränkelte, obgleich er es selbst nicht glaubte. Und so fanden wir ihn ein⸗ mal tot im Sessel vor seinem Arbeitstisch, ohne

daß eine liebende Hand ihm die Augen zugedrückt.

Ein sonderbares Testament hat er hinterlassen, fuhr der Alte fort.Man sah so recht daraus, daß er die Sache mit dem Sohne nie verwunden und bis zum letzten Augenblick auf dessen Rückkehr gehofft. Der gesamte Nachlaß, Haus, Hof usw. wird für den Verschollenen verwaltet, bis die Urkunde seines Todes hier bei Gericht eintrifft. Und der Herr Rat hatte eine große Praxis und brauchte so wenig für sich; es ist viel geblieben, ich glaube ganze acht tausend Thaler.

Ganze achttausend Thaler! Der Fremde lachte kurz und bitter auf. Das war also der Mühe Preis, der Ertrag eines langen arbeitreichen, mühe⸗ vollen, ehrenhaften Lebens gewesen. Da hatte Cailleron, der alte, schlaue Fuchs, das Geschäft besser verstanden. Wie ihm die ererbte Million auf der Seele brannte; es ließ sich so schwer ver gessen, daß er einst seines Vaters Sohn gewesen.

Der Robert kommt doch nicht mehr wieder, meinte der alte Krause hüstelnd und schnupfend, der ist dort drüben wohl längst verdorben, gestorben, und wenn er auch noch lebte, wo sollte der wohl das viele Geld zur Ueberfahrt herbekommen. Nicht wahr, Herr, das ist auch Ihre Meinung?

Sicherlich, das teure Billet und solch ein armer Schlucker. Dabei dachte er heimlich an den ele⸗ ganten Dampfer, der ihn und Cecila damals nach Europa gebracht. Sie mußte ihn wohl auch sehr lieb gehabt haben, wenn auch auf ihre Weise, die ihm nicht gefiel. Wie hätte sie ihn denn sonst ge⸗ wählt, gerade ihn, der nichts besaß, nichts war,

als ein hübscher, schlanker, verwegener Bursche. Ju seinem roten Arbeitshemd, mit dem zerfetzten Som brero mußte er sich für sie malen lassen. Viele Jahre später, in ihrem Nachlaß, fand er dann das verblichene Bildchen. Ja, er hatte die Herzen, die ihm entgegen schlugen, gering geschätzt, die Liebe, die man bot, mißachtet, deshalb stand er nun in⸗ mitten seines Reichtums verlassen da, einsam bis zur Verzweiflung.

Unten im Städtlein läuten sie jetzt Mittag, meinte der alte Mann, sich mühsam erhebend. Jh muß jetzt gehen, sonst warten Tochter und Enkel kinder auf mich mit dem Essen. Und heute, zum Sonntag, giebt es etwas Extragutes, sonst ist ja Schmalhans oft bei uns Küchenmeister. Mein Gott so viel hungerige Mäuler, aber satt sind wir ja alle noch immer geworden. Na, Gutenmorgen auch, Herr. Wenn Sie einen schönen Ueberblick auf das Oesterreichische hin haben wollen, müssen Sie noch ein Stückel hinauf steigen, bis zu jener Waldecke; es lohnt sich.

Der Fremde nickte; finster brütend starrte er vor sich hin. Wie er ihn beneidete, jenen alten Mann, der an seinem ärmlichen Tische eine frohe Enkelschaar vorfand, während sich mit ihm nur die Erinnerung und quälende Reue zu Tafel setzten.

Langsam erhob er sich. Hier war seine Mission erfüllt. Nun konnte er gehen, zurückkehren nach dem eleganten su ablonenhaften Hotelzimmer und von dort nach seinem türkischen Landsitz, wo ihn Niemand vermißte, Niemand erwartete. 5

Noch einen Abschiedsblick über die Stätte seiner

Kindheit, noch ein Grüßen hin nach jenen alten Bäumen, die sein Elternhaus umrauscht.

Das Städtlein vermeidend, wollte er auf Um⸗ wegen, über jenen wohlbekannten Bergrücken, die Station erreichen.

Wie verändert doch alles war, Dämme aufge⸗ schüttet, Tunnel ausgebrochen. Wie fremd der schrille Pfiff der Lokomotive an den ernsten Felsen⸗ wänden wiederhallte!

Diesen Hohlweg, eng wie die berühmte Küß⸗ nachter Gasse, kannte er noch, aber der blitzende Schienenstrang war auch neu. Doch, mitten auf dem Geleise, das dunkle Etwas, was war das? Großer Gott. Sein scharfes Auge hatte schnell einen unförmlichen Felsblock in ihm erkannt.

Ein Bubenstück, ruchlose Hände hatten ihn bierhergewälzt, gemeiner teuflischer Rache sollten hunderte von Menschenleben vielleicht zum Opfer fallen.

Horch in der Ferne dumpfes Rollen. Himm⸗ lische Barmherzigkeit der Schnellzug! Schon hörte man die Maschine keuchen.

Er besann sich keinen Augenblick, gewandt, durch sein Abenteuer-Leben an jede körperliche Uebung gewöhnt, kletterte, schwang er sich hinab, oft bröckelte der steinige Grund unter seinen Füßen, oft hing er schwebend an einem Baumast, doch er kam vorwärts, das immer näher kommende Donner⸗ getöse beschleunigte sein waghalsiges Thun, der glühende Wunsch zu helfen verlieh' ihm Riesen⸗

kräfte. (Schluß folgt.)