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Nr. 83
Gießen, Donnerstag, deu 8. April
1897.
Pofiztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
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Posigtg. Nr. 3819 Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion:
2 Kreuzplatz Nr. 4..
Im Hause von Justus v. Liebig. Von Dr. Otto Frhr. v. Völderndorff. (Nach dem Gedächtnis geschildert.)
i Fortsetzung.)
Kurze Zeit nach der Theateraufführung er— krankte die älteste Tochter, die schöne Agnes (vermählt mit dem bekannten Aesthetiker und Philosophen Moritz Carriere) am Typhus. Zu ihrer Erholung begab sie sich mit ihrer Mutter nach Reichenhall, woselbst ich ebenfalls das Bad gebrauchte. Die beiden Damen hatten keine näheren Bekannten, und so übernahm ich gerne die Aufgabe, sie auf ihren Spaziergängen zu be⸗ gleiten, wobei ich regelmäßig die Rekonvales⸗ centin, welche anfänglich ziemlich kraftlos und schwach war, sorgsam am Arme führte, worüber Frau v. Liebig sehr gerührt war. Bei der ersten etwas weiteren Promenade nach Großgmain hatte sich Frau Agnes einigermaßen übermüdet, außerdem umwölkte sich der Himmel, und ich erklärte, der Rückweg sei für die Kranke nicht zu wagen, da ein Gefährt nicht aufzutreiben war. Die Damen waren anfangs sehr erschreckt über die Idee, hier so aus dem Stegreif zu über⸗ nachten. Aber die Richtigkeit meiner Besorgnis ließ sich nicht verkennen, und überdies arrangierte sich die Sache aufs beste. Mutter und Tochter erhielten das einzige Fremdenzimmer(die Gmain war damals noch ganz„waldursprünglich“). Ich übernachtete in der allgemeinen Handwerks- hurschenkammer und zahlte dafür einen(sage einen) Kreuzer österreichisch, das wohlfeilste Nacht⸗ quartier meines Lebens. Abends ergötzte uns ein„Finanzer“ durch vortreffliches Zitherspiel, und die Töchter des Hauses sangen dazu Ge⸗ birgslieder. Kurz, die Partie war sehr ge⸗ lungen, und Frau v. Liebig, die von meiner auf⸗ opfernden, brüderlichen Sorgfalt für 955 Agnes sehr erfreut war, ernannte mich zum„Vizesohn“. Als solcher gerierte ich mich denn auch fortan im Hause, und unter Anderem war es meine Aufgabe bei Bällen und sonstigen Festen etwaige Anliegen der Gäste an den Hausherrn zu bringen. Manchmal war die Misston eine heikle. Schon gleich bei unserer Theateraufführung. Der liebenswürdige Hausherr hatte uns eine pracht⸗ volle rote Schminke konstruiert; aber ein unbe⸗ sonnener Assistent verriet die Thatsache, daß die Substanz aus der sie gewonnen wurde, nicht sehr appetitlich sei. Darauf wollten die Damen thre hübschen Gesichtchen mit dieser Schminke nicht bestreichen, und ich mußte mich mit dem Auftrage unterziehen, beim Verfertiger die Dis⸗ pensation von dem Gebrauche des neuen Toilette⸗ gegenstandes zu erwirken. Liebig schüttelte den Ropf.„Lieber Völderndorff“, sagte er,„in der Themie giebt es keinen Schmutz. Aber wenn die Damen meinen, in der Schminke sei auch nur noch eine Spur des ursprünglichen Gegen⸗ standes enthalten, vor dem sie sich ekeln, so sollen sie sie nur weglassen. Indessen sagen Sie ihnen ja nicht, aus was die übrigen Schminken gemacht werden, sonst werden wir lauter„Bleichgesichter“ auf unsrer Hausbühne sehen.“
Noch schwieriger war eine Misson, die mir auf einem Balle übertragen wurde. Der Fest⸗ geber hatte versprochen, eine ganz neue Art von Punsch zu brauen, und dieser wurde denn auch in einer Tanzpause serviert. Alsbald bemerkte ich verlegene Mienen bei den Trinkenden. Man hörte wohl hie und da ein:„O, ganz gut“, „stark, aber pikant“ und ähnliches— aber die Gläser wurden alsbald auf die Seite gestellt. Da ergriff ich auch eines, aber spuckte sofort aus, und auf Herrn v. Liebig zutretend und ihm das Glas reichend, sagte ich:„Bitte Herr Geheimrat, aber ja keinen großen Schluck.“ Liebig sah mich erstaunt an, nippte, und mich auf die Schultern klopfend, murmelte er:„Lassen Sie rasch alle Gläser einsammeln und samt dem Inhalt der Bowle ausschütten; da hat mir der dumme Georg statt des Rums eine falsche Flasche ge⸗ geben.“ Was sie enthalten hat, ich habe es nie erfahren; Schwefelsäure(wie einige Gäste munkelten) war es nicht, aber weit davon weg auch nicht.
Es gab wohl keinen Gegenstand, den der große Gelehrte in seiner unermüdlichen Liebenswürdig⸗ keit mit mir zu verhandeln verschmähte. Selbst über die Grundprinzipien seiner Wissenschaft sprach er häufig mit mir, dem Laien, und gab sich Mühe, mich davon zu überzeugen, daß die organischen wie die sogenannten anorganischen Naturprodukte durch die gleichen Gesetze der Chemie und Physik regiert würden. Das wollte mir nun gar nicht recht in den Kopf gehen und
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Auzeigen: 10 Pfg. für bie Ispaltige Pettszeile.
geteilt, ob nach den in der Pfalz geltenden Ge— setzen gegen das sogenannte Gallisieren des Weines eingeschritten werden könne. Natürlich interessierte es mich im hohen Grade, wie Herr v. Liebig die soeben genannte Manipulation an⸗ sehe. Er erachtete, wenn keine Täuschung des Käufers beabsichtigt werde, die von Gall ein⸗ geführte Weinverbesserung als etwas Nützliches. Dabei setzte er mir auseinander, daß es ja ganz gleich sei, ob der Mangel des Zuckergehaltes der Traube und der Ueberfluß an Säure derselben am Stocke von der Sonne oder bei der Gärung vom Fabrikanten durch Zusatz von Zucker und Wasser beseitigt werde. Ich wollte dies durch— aus nicht gelten lassen, indem das eine ein natürlicher, das andere ein künstlicher Prozeß sei.„Ja, ja“, sagte Liebig lächelnd,„Sie stehen eben noch im chemischen Wissen des vorigen Jahrhunderts, wo man die Veränderungen der Körper durch Feuer aus einem gemeinsamen Bestandteile alles Verbrennbaren, dem Phlogiston, ableitete und fest daran glaubte, nur die soge⸗ genannte„Lebenskraft“ sei imstande, organische Verbindung zu schaffen. Ueberwundener Stand⸗ punkt seit Wöhlers Darstellung der Harnstoffe.“ —„Woran Sie wohl den größten Anteil haben“, schaltete ich ein. Da schaute mich Liebig ganz erstaunt an.„Haben Sie am Ende gar die Abhandlung gelesen?“—„Und ob“, war meine stolze Antwort. Da schüttelte aber Liebig be⸗ denklich den Kopf.„Ich fürchte immer, sehr viel verstanden haben Sie davon nicht, wenn Sie einen prinzipiellen chemischen Unterschied zwischen gallisiertem und nicht gallisiertem Wein behaupten.“
Einmal traf ich Herrn v. Liebig sehr empört. „Denken Sie sich, soeben habe ich einen Besuch von Gräfin X. gehabt, die mich ganz ungeniert gebeten hat, ich möchte doch einen populären Vortrag über die wissenschaftliche Natur der ge⸗ heimnisvollen Kräfte halten, welche dem Tisch⸗ rücken, Geisterklopfen und ähnlichem(es war dieser Sport gerade damals im Beginn) zugrunde liegen. Ich habe ihr gesagt: 1. von„Kräften“ könne gar keine Rede sein, sondern nur von „Schwächen“; 2. geheimnisvoll seien sie noch viel weniger, und 3. die Wissenschaft habe damit gar nichts zu thun, sondern nur die Praxis, und den besten Aufschluß darin könne Herr Solbrig erteilen. Als darauf Frau Gräfin etwas erstaunt äußerte, das ist ja der Direktor des Irrenhauses, erwiderte ich: Allerdings, dahin gehören aus diese Beschäftigungen.“
Unter die unsympathischsten Gegenstände außer Tischrücken, Geisterklopfen und dem Reichenbach⸗ schen Od gehörten für Liebig die Irrlichter. Er legte großen Wert auf den mittels dieses Gegen⸗ standes zu führenden Beweis, wie wenig man sich auf die gewöhnlichen Sinneswahrnehmungen verlassen könne und wie nur das exakte Experi⸗ ment als Basis einer wissenschaftlichen Forschung dienen könne.„Unter hundert Menschen“, sagte er,„glauben neunundneunzig an die Existenz der Irrlichter, Tausende behaupten, solche gesehen zu haben, alle Bücher sind voll von Erzählungen über Irrwische, mit großem Scharfsinn wird von der Selbstentzündung fauliger Gase geredet— alles Unsinn. Noch nie ist das Vorhandensein eines solchen Itrlichtes bewiesen worden. Haben Sie schon einmal eines gesehen?“„Ich bin auf dem Lande aufgewachsen“, erwiderte ich,„und habe natürlich eine ganze Menge gesehen; einmal waren es, als wir auf Befehl unseres Erziehers darauf losgingen, die Augen eines schwarzen Katers, das zweite Mal war es der Steffelbauer, der mit einer Laterne unter den alten Weiden Frösche fing, und so oft ich— immer auf strengen Befehl meines Erziehers, des Herrn Pfarrers Walther— dem Irrlicht auf den Leib rücken mußte, war es nichts. Jetzt glaube ich auch nicht mehr daran.“ Liebig bog sich vor Lachen über meine Erzählung.
Oefters pflegte Herr v. Liebig Beispiele zu erzählen, wie bahnbrechende Entdeckungen langem, hartnäckigem Suchen widerstanden und dann plötzlich unerwartet dem Forscher in den Schoß fielen. Etwas derart ist die Geschichte seines Fleischextraktes, durch welchen der Name des Chemikers vielleicht populärer wurde als durch alles, was er sonst geleistet. Es war allerdings schon seit Anfang dieses Jahrhunderts vielfach versucht worden, Fleisch auf ein Minimum einzudampfen, und so ein leicht ver dauliches Nahrungsmittel zu schaffen. Allein es blieb den Apothekern überlassen und fand keineswegs all⸗ gemeinen e Da, Mitte der fünfziger Jahre, erkrankte, wie oben bemerkt, die älteste
zwar aus einem besonderen Grund. Ich arbeitete damals im Justizministerium, und es hatte mir
der Minister den Vortrag über die Frage zu⸗
Tochter Liebigs am Typhus, und in ihrer Re⸗ konvalescenz wollte es mit der Ernährung nicht recht gehen. Der besorgte Vater war, wie ich
mich bei meinen Besuchen selbst überzeugen konnte, längere Zeit emsig beschäftigt, auf die verschie⸗ denste Art Fleisch zu bearbeiten, sodaß es alles Fette und Schwerverdauliche abgeben müsse und nur das absolut zur Ernährung Taugliche übrig bleibe. Eines Tages, als ich wieder zu ihm kam, sagte er:„Jetzt glaube ich, habe ich es“, und er ließ mich eine braune Brühe versuchen, die ungefähr so schmeckte, wie jetzt der Fleisch⸗ extrakt, wenn er in Wasser aufgelöst wird. So blieb die Sache einige Jahre; es wurde, soviel ich mich erinnere, in der Hofapotheke, auf be⸗ sonderen Wunsch für Kinder, Kranke und Schwächliche solcher Extrakt bereitet, aber nur aus Gefälligkeit. Eines Abends beim Thee stellte mir Herr v. Liebig einen exotischen, schwarz gebräunten Herrn vor, ich glaube er hieß Gilbert oder dergleichen. Derselbe erzählte von dem Leben und Treiben seiner Heimat Uruguay, über den ungeheueren Viehreichtum und wie man dort selbst die Tiere nur der Häute wegen züchte. Mir imponierte besonders eine Geschichte, in der er uns erzählte, wie einfach dort Feldbau und Viehzucht miteinander verbunden werden. Der Besitzer einer ungeheueren Bodenfläche bepflanzt diese mit Mais, dann werden nach und nach Tausende von Rindern durch diese Maisfelder getrieben, woselbst sie alles abfressen, und wenn sie am Ende der Maiskultur herauskommen und inzwischen zu stattlichen Stieren und Kühen herangewachsen sind, werden sie geschlachtet und ihre Häute nach Europa geschafft.„Nun, und das Fleisch?“ frug ich.„Ja, das kann man nicht alles essen, das bleibt eben liegen für die Raubvögel und wilden Tiere.“ Jetzt rief Herr v. Liebig, dessen Augen immer glänzender ge⸗ worden waren, plötzlich:„Heureka“. Wir sahen erstaunt auf ihn, aber er sprach nicht weiter. Es war einige Jahre später, ich besuchte meinen Gönner in seinem Arbeitszimmer. Da nahm er ein Porzellantöpfchen vom Fenstersims. Er⸗ innern Sie sich noch jenes Abends, wo der Süd⸗ amerikaner zum Thee bei mir war? Ja? Nun sehen Sie, in solchen Töpfchen befindet sich jetzt das Fleisch, welches ehedem nutzlos zugrunde ging.“ Es war die erste Sendung der in Fray⸗Bentos errichteten Fabrik, von der ich einen der jetzt so wohlbekannten Porzellantöpfe in der Hand hielt.(Schluß folgt.)
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 7. April. Der Amtsrichter bei dem Amtsgericht Gießen, Amtsgerichtsrat Adolf Stammler, ist auf sein Nachsuchen und uuter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste in den Ruhestand versetzt.
„Gießen, 7. April. Bei der zweiten hessischen Kammer ist eine Eingabe ein⸗ gelaufen der Gemeindevorstände zu Watzenborn, Steinberg, Hausen und Grüningen, den Zustand der Haltestelle Schiffenbergander Gießen— Gelnhausener Bahn und dessen Berbesserung be⸗ treffend. Es wird das Ersuchen ausgesprochen, die Zweite Kammer wolle beschließen, 1) daß in „Schiffenberg“ eine ordentliche Haltestelle oder Station errichtet werde, an der alle Züge nach beiden Richtungen anhalten, und daß durchgehende Fahrkarten nach allen Stationen der Oberhessischen Bahnen ausgegeben werden, 2) daß ein zweites Schienengeleise angelegt und eine Güter⸗Ein⸗ und Ausladestelle für Wagen verkehr alsbald hergerichtet werde.
* Gießen, 7. April. Zum Vorsitzenden des Schiedsgerichts für die Sektion 6 der Hessen⸗ Nassauischen Baugewerks⸗Berufsgenossenschaft ist der großherzogliche Kreisamtmann Dr. Wüst hierselbst, zu dessen Stellvertreter der großherzog— liche Regierungsrat Dr. Wallau ernannt worden.
* Gießen, 7. April. Zu der gestern Abend im Postkeller stattgefundenen öffentlichen Prüfung der Kauf männischen Fach⸗ schule hatten sich außer dem Vorstand des Kaufmännischen Vereins und dessen Schul⸗ kommission, als Vertreter der Stadt: Beige⸗ ordneter Wolff, für die großh. Handelskammer deren Präsident Kommerzienrat Koch und dessen Stellvertreter Scheel, für den Ortsgewerbe— verein der Hauptlehrer Traber eingefunden. Der Lehrer Will prüfte zuerst die 1. und 3. Klasse, die erstere in Effekten, die letztere in Münzen⸗, Maße⸗ und Gewichtsrechnen. Lehrer Knauß bewies durch ein Examen der 2. Klasse, in wie weit die jungen Leute über das Wesen der Buchführung Bescheid wissen, während Lehrer Habicht mit der 2. Klasse eine Prüfung im Prozentrechnen vornahm. Zum Schluß der Prüfung bewies mit der 1. und 2. Klasse Lehrer Kuauß, wie auch in der Fachschule den jungen Leuten der richtige Begriff über den Wechsel und
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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den Wechselprozeß im Gegensatz zum gewöhn⸗ lichen Zivilprozeß beigebracht wird. Die schrift⸗ lichen Arbeiter der Schüler, welche während und nach der Prüfung zur Einsicht offen lagen, ließen erkennen, daß auch auf diesem für den Kaufmann so überaus wichtigem Gebiete die Schüler tüchtiges leisten. Der Vertreter der Stadt, welcher mit großem Interesse diese Ar⸗ beiten beachtete, sprach dabei den Lehrern seine Anerkennung betreffs des erreichten Erfolges aus. Die Schule wurde im Winterhalbjahr von 125 Schülern besucht. Unterricht wurde er⸗ teilt in doppelter und einfacher Buchführung je 2 Klassen Wechsellehre. Rechnen und Korre⸗ spondenz je 3 Klassen, Französisch und Englisch je 2 Klassen.
* Gießen, 7. April. Die diesjährige Landes⸗ versammlung des hessischen Fechtvereins findet am 20. Juni in Mainz statt.
* Gießen, 7. April. Vom 30. April bis 3. Mai d. J. begeht die Universität Straß⸗ burg die Feier ihres 25jährigen Bestehens. Die offizielle Vertretung unserer Landesuniversität bei den damit verbundenen Veranstaltungen und Festlichkeiten wurde den Herren Studierenden H. Breidenbach-Eberstadt, W. Becker⸗ Darmstadt und W. Wüstenhöfer-Butzbach, sämtlich Mitglieder des hiesigen Philologisch⸗ historischen Vereins, übertragen.
* Gießen, 7. April.(Strafkammer⸗ sitzung.) Ein kleiner Dr. Volbeding stand heute in der Person des Ludwig Georg Pöhler von Offenbach vor Gericht. Der Angeklagte erdachte sich allerlei Mittel, mit denen er von Ort zu Ort reiste und diese an die kranken Leute für erhebliche Beträge absetzte. So kam er auch bei die Wittwe Maria Schneider in Willofs bei Schlitz, welche mit Rheumatismus behaftet ist, und verkaufte an dieselbe ein Fläschchen Spiritus vermischt mit Salmiak ꝛc. zu dem Preis von 2 Mark. Die Frau benutzte einmal das Mittel, welches jedoch jede Wirkung versagte. Das Gericht erblickte hierin einen Betrug und verurteilte den Angeklagten, der wegen ähnlicher Delikte eine Zuchthausstrafe verbüßt, in eine Gesammtzucht⸗ hausstrafe von 2 Jahren und 4 Monaten. Die Zusatzstrafe beträgt 8 Monate Gefängnis, welche in 6 Monate Zuchthaus umgewandelt wurde.— Gestern hatte sich der 21 Jahre alte noch un⸗ bestrafte Installateur Peter Emil Reutzel von Eckhartshausen wegen Urkundenfälschung und Betrug vor der Strafkammer zu verantworten. Der Angeklagte ist geständig, ein Wechsel⸗Accept in Höhe von 40 Mark fälschlich angefertigt und diesen Wechsel bei der Spar⸗ und Vorschußkasse in Ober⸗Mockstadt diskontiert zu haben. Als Entschuldigung führt der junge Mann an, daß er den Namen seines damaligen zukünftigen Schwiegervaters auf den Wechsel geschrieben habe, weil er sich die Tragweite der Sache nicht bewußt war. Das Accept ist bei Verfall vom Bruder des Angeklagten bezahlt. In Rücksicht hierauf wurden dem Angeklagten mildernde Umstände zugebilligt und auf eine Gefängnisstrafe von 4 Monat erkannt, auf welche 1 Monat der erlittenen Untersuchungshaft in Anrechnung kommt.— Die Strafkammer verhandelte unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen den 20jährigen Otto Frank von Rüddingshain wegen Sittlich⸗ keitsverbrechens begangen an einem noch nicht ganz 13 Jahr alten Mädchen. Der Staatsanwalt beantragte 4 Jahre Zuchthaus. Der Gerichtshof billigte jedoch dem noch unbestraften Angeklagten mildernde Umstände zu und erkannte auf 2 Jahre Gefängnis.
* Bad Nauheim, 6. April. Das von Frau Sanitätsrat Dr. Müller gegründete und geleitete Kindersanatorium„Emmaheim“, das im vorigen Sommer von 53 Kindern besucht war, hat am 1. April l. J. seinen diesjährigen Sommer kursus wieder eröffnet. Leidende Kinder der besseren Stände erhalten darin eine vorzügliche Verpflegung und wird durch den Aufenthalt in der segensreich wirkenden Anstalt die kostspielige Begleitung erwachsener Familienangehörigen er⸗ spart. Durch die Ausbildung von Kinderpflege⸗ rinnen und Kinder-Krankenpflegerinnen wird zugleich unbemittelten gebildeten Damen ein neuer, in der letzten Zeit immer mehr gesuchter Erwerbs⸗ zweig geschaffen.
* Darmstadt, 6. April. In früheren Jahren hatte die zweite Kammer der Landstände einen Antrag des verstorbenen Abgeordneten Arnold auf Aufhebung des auf dem Mühlen⸗ gewerbe lastenden Wasserfallzinses angenommen, die erste Kammer sich dagegen nur für eine Ab⸗ lösung der Last in Geld ausgesprochen. Nun haben sich die Müller des Modau⸗ und Beer⸗ bachthals, die ein Vierteil des vom Staate ein- gehobenen Wasserfallzinses tragen, in einer


