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Poftztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Dienstag, den 2. Febrnar
Poststg. Nr 3239— Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion: 7 Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Auzeigen: 10 Pfg. für die spaltige Petitzeile.
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Expedition: 2
Kreuzplatz Nr. 4.
Lofales und Provinzielles.
* Gießen, 1. Februar. Die neuen Groß— herzoglich hessischen 3 prozent. Staatsschuld— verschreibungen sind auf Veranlassung des Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen auf den Börsen zu Frankfurt, Berlin und Hamburg eingeführt worden.
* Gießen, 1. Febr. Der Hess. Fechtverein Waisenschutz darf mit dem Ausfall seines Wiener Maskenballes, welcher gestern im Café Leib stattfand, vollauf zufrieden sein. Die Gallerie war von ca. 500 Zuschauern besetzt und im Saal unten herrschte ein Trubel und ein Ge— dränge, so daß an das Tanzen vor der Demas— kierung wenig gedacht werden konnte. Trotzdem amüsterte man sich prächtig, wenn auch die Es⸗ kimo⸗Familie nicht erschienen, sondern angeblich bei Garbenteich„im Schnee stecken geblieben“ war. Die Pausen wurden durch Vorträge von ur⸗ komischen Jobins ausgefüllt, der für seinen Bettel⸗ bub mit dem Refrain„Schenk mir was“ für den Verein eine Summe von nahe 20%, zu⸗ sammen„focht.“ Das Vergnügen währte bis gegen Morgen und dürfte nach oberflächlicher Rechnung einen Ueberschuß von ca. 300& er⸗
eben haben, welche der Oberfechteret Mainz
übersandt werden.
* Gießen, 1. Februar. Auf Grund der in der letzten Nummer unserer Zeitung enthaltenen Notiz betr. die Gründung eines Kohlen- scure⸗Verkaufs⸗Vereins wird uns von einem hiesigen Wirte noch folgendes mitgeteilt: Als seiner Zeit die Kohlensäure sich als vor⸗ zügliches Bierpressionsmittel herausstellte, gingen sämtliche Kohlensäure⸗Werke im Preise von 9 auf 7,50, ja zuletzt auf 5,50 4 per Flasche herab. Infolgedessen scheute fast kein Gast⸗ wirt die immerhin enormen Kosten der An⸗ schaffung eines Kohlensäureapparates. Jetzt, wo diese Apparate allgemein finger sind, ändert sich die Situation, es gründet fich der Kohlensäure⸗Verkaufs⸗Verein, um die Preise wieder in die Höhe zu schrauben.— Mit Speck fängt man Mäuse! Denn was sollen jetz die Wirte mit ihren teuren Kohlenscureappargten anfangen? Dieselben dem Verrosten anheim fallen lassen, dazu sind ste zu alot ipteig, Die Herren Besitzer der Kohlensäure⸗Werke wingen also diese Kategorie von Gewerbe— Nahpenden gewissermaßen zur Abnahme ihres
Sollten da nicht etwa die Gastwirtevereine auch ein Wörtchen mitreden können? a
„Lollar, 31. Jan. Am Freitag kehrte der Herrschaftskutscher Velker von Friedelhausen, aus Gießen kommend, heim. Er hatte mit seinem Schlitten, der mit 2 Pferden bespannt war, kaum die Haltestelle Friedelhausen passtert, da scheuten plötzlich die Tiere infolge eines hinter
verteuerten Produktes,
ausmachte.
ihnen herkommenden Eisenbahnzuges. Die Pferde drängten auf die Seite und stürzten in einem Graben aufeinander, wobei eines der Pferde so schwer verletzt wurde, daß Metzer Keßler von Gießen die Schlachtung vornehmen mußte. Dem Kutscher soll am Vorfall nicht die mindeste Schuld treffen.
Grünberg, 1. Februar. Die„Hessische Landesztg.“ veröffentlichte bereits in ihrer Sonn⸗ tagsnummer die amtliche Bekanntmachung betr. die Revision der Maße und Gewichte im Aichamt zu Gießen. Wie diese Auf⸗ forderung hier aufgenommen wurde, zeigt deutlich eine Zuschrift der„Mitteld. Sonntagsztg.“ von hier. Das genannte Blatt schreibt:
„Durch eine von der Gr. Bürgermeisterei
im„Grünb. Anz.“ veröffentlichten Bekannt⸗
machung werden die Gewerbetreibenden
Grünbergs gufgefordert, ihre Maße, Ge⸗
wichte und Wagen an bestimmten Tagen
an das Gr. Aichamt in Gießen zur Re⸗ vision zu verbringen. Bei Nichtbefolgung dieser Bekanntmachung werden„weitere
Nachteile“ angedroht. Wir werfen die Frage auf:„Ist es nötig, die Ge⸗ schäftsleute, die wahrhaftig nicht
auf Rosen gebettet sind, mit solchen Kosten zu belasten? Wäre es nicht viel richtiger, der Herr Revisor käme zu uns, als wir zu ihm?“ Bemerkt sei noch, daß hier eine Liste zirkuliert, deren Unterzeichner für die etwaigen Reisekosten eines Revisors auf⸗ kommen.— Die könnte unseres Erachtens der
Staat auch bezahlen.“
* Aff. 31g 5, 31. Januar. Von hier wird der„Frkf. Ztg.“ geschrieben: Die vor Jahren im südöstlichen Stadtgebiet von Friedberg in Oberhessen bei Fundirungsarbeiten aufgefundenen und durch mehrmalige Aufgrabungen in ihrem noch erhaltenen Umfange gewannenen baulichen Reste eines römischen Mithrastempels enthielten u. A. einen reichen Schatz an sakralen Steinstulpturen, deren Gestaltung und Bedeutung Herr Gymnasialdirektor Dr. Goldmann in Friedberg im„Archiv für Hessische Geschichte“ bei der Publikation des Tempelfundes eingehen⸗ der Beschreibung unterzogen hat. Leider waren sämtliche Funde durch menschliche Gewalt, aber auch die zersetzende Einwirkung der Atmosphäre stark beschädigt. Insbesondere war es die große, zirka 20 Zentner schwere Relief⸗Steinplatte, das Hechte die Rückwand des im Grundplan kechteckigen Heiligtums deckende Bild, welches, den sttertötenden Lichtgott mit einigen Neben⸗ figuren darstellend, einst das bedeutungsyollste Kultusbild und in Gemeinschaft mit den seitlich 1 steinernen Fackelträgern und den Altären dem Hauptschmuck des von mattem Lampenlicht erhellten unterirdischen Tempels Das große Sandsteinrelief entstammt
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Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Ja, kennen denn gnä' Frau nicht das schöne Stück von Hamlot und Ophelia? Da ward einem ja ganz kalt, wie der Geist des Vaters kommt, und der Schildwach' schreit und davonläuft, und der Geist erzählt, wie ihm sein Bruder umgebracht hat. Und dann vom Faust, das ist noch viel schöner. Da hab' ich mir vorne aufknöpfen müssen, so hat mir's mitgenommen. Aber den zweiten Teil hab' ich mir zwei Male ansehen müssen, damit ich alles verstand.“ g
„Und dann war Ihnen alles klar, Christinchen?“
„Alles, gnä' Frau. Und ich sag' immer, über's Theater geht mir nichts.“
Da hatte Regine die ersehnte, mitfühlende Seele gefunden, wo sie sie am wenigsten gesucht. Das war wieder eine andere Auffassung der Klassiker! Sie lächelte müde, als sie dieselbe mit der gestrigen verglich. Die gute Alte! Christinchen in ihrem Unverstand hatte doch wenigstens Hochachtung vor den Werken der Geistesheroen. Ihre urwüchsige Begeisterung berührte Regine sympathischer, als das Bestreben der gestrigen Gebildeten, das Erhabene in das Lächerliche zu ziehen.
„So ist's recht, Christinchen“, sagte sie freundlich „so erzählt man sich frisch bis in das Alter“, und es war, als ob sie mit der Alten von nun an ein neues Band verknüpfte.
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Draußen sangen die Finken und blühten die Rosen; vom Hofe her hörte man lustiges, reges Treiben, das Gackern der Hühner, den knarrenden Pumpenschwengel— drinnen regte sich kräftig ein junges Leben. Regine lag in ihrem stillen Zimmer und schaute mit glücklichen Augen nach der Wiege,
in der ihr Knabe schlummerte; sie ward nicht
müde, das kleine Wunder anzustaunen. Wie das zarte Körperchen sich reckte und dehnte, wie die Augen so schlaftrunken die fremde Welt an— blinzelten und die winzigen Fäuftchen sich ballten — und wie stolz blickte Felix auf seinen Erst⸗ geborenen!
Die ganze Welt war für Regine versunken; sie sah und dachte nichts mehr, als ihren Sohn, baute für ihn goldene Zukunftsschlösser.
Aber als sie zum ersten Male wieder hinab— ging in die unteren Räume, fielen ihr ihre Haus— frauenpflichten schwer auf die Seele. Was würde aus ihrer Wirtschoft geworden sein, während sie zur Unthätigkeit gezwungen war! Gewiß ging nun alles darunter und darüber ohne sie, ihr graute ordentlich vor der Inspizierung. Aber siehe da! Küche und Keller, alles erstrahlte blitzblank in schönster Ordnung und das Uhrwerk des Haushaltes ging in gewohnter Regelmäßigkeit. Christinchen hatte ihren Stolz darauf gesetzt, die Hausfrau nicht vermissen zu lassen, und beruhigte konnte Regine sich wieder in ihr Heiligtum, das Kinderzimmer, flüchten, konnte sich Ruhe gönnen und auch einen Blick hineinwerfen in die neu angekommenen Bücher und Zeitfchriften.
Es war ja gut, daß Christinchen so vortrefflich zu wirtschaften verstand, aber der Gedanke, so leicht ersetzt zu werden, hatte Reginens Eitelkeit doch ein wenig verletzt. Auch als sie sich wieder ganz rüstig fühlte und die alten Pflichten aufnahm, hatte sie nicht mehr die frühere Freude daran. Ihre Thätig⸗ keit verlor für sie an Wert, seit sie gesehen, daß ein so einfaches Geschöpf, wie Christinchen, derselben ebenso gut genügen konnte. Allmählich gewöhnte sie sich daran, Christinchen selbständig walten zu lasseun. Die Begeisterung für ihren neuen Beruf war zu heftig in ihr emporgeflammt, um von langer Dauer zu sein; nun kam der Rückschlag.
gleich einer im Frankfurter Museum befindlichen plastischen Mithras⸗Darstellung, dem Sandstein⸗ material nach, dem Nidderthale. Beide Bildnisse sind demnach auch einheimische Pro⸗ dukte des römischen Kunstgewerbes der Wetterau; ihre Entstehungszeit mag gegen Ende des zweiten nach christlichen Jahrhunderts zu suchen sein; die Uebereinstimmung dieser beiden Tempelheilig⸗ tümer in der Darstellung und der Behandlung des Figürlichen ist auffallend. Auch mehrere mit Inschriften versehene Votivaltäre, darunter zwei geborstene, sind s. Z. durch die Grabungen in den Besitz der Stadt Friedberg gelangt, die nun allen diesen hochinteressanten Denkmalen eines ehemals völlig entwickelten, auch in unserem nordischen Grenzland weit verbreiteten religiösen Kultus zu öffentlicher Besichtigung eine bleibende Stätte zu geben beabsichtigt. Die weit verzweigte Bethätigung dieses mysterienreichen Kultus, der von seinen Bekennern, ähnlich dem Christentum, strenge Prüfungen und läuternde Entsagungen forderte, fällt zeitlich zusammen mit der Aus⸗ breitung und dem schweren, aber siegreichen Ringen des jungen Christentums in den Reihen der römischen Legionen, wie der seßhaften römischen Bevölkerung unserer vielumstrittenen Taunusebene. Die zerbrochenen Altäre waren je in zwei, das Relief war sogar in 22 mürbe Sandsteinfragmente zerfallen aufgefunden worden, deren Bruchflächen durch die Vergänglichkeit des haltlosen Steinmaterials sich bereits stark ver⸗ ändert zeigten. Herr Architekt Thomas in Frankfurt wurde von Seiten der Stadt Fried⸗ berg mit der Wiederhellung der drei Steinbild⸗ werke betraut und hat nunmehr diese Aufgabe unter völliger Wahrung des antiken Charakters und Vermeidung willkürlicher Zufügung für das ute Aussehen so gelöst, daß jene, je zu einem
anzen unverrückbar vereinigt, nach Friedberg zurück gebracht werden und daß ihre bleibende Aufstellnng dort demnächst erfolgen kann. Dank der allbereiten Unterstützung des Herrn Konser⸗ vators Cornill haben die bezüglichen Restauri⸗ zungsarbeiten in den unterirdischen Räumen des rankfurter historischen Museums stattfinden können, aus deren Dämmerlicht die wiederer⸗
standenen Kunstschöpfungen spätrömischer Zeit nun zu neuer Würdigung emporgestiegen sind.
* Darmstadt, 31. Jan. Nach einer vor⸗ läufigen Uebersicht betragen bei der städtischen Sparkasse im Jahr 1896: Die baren Ein⸗ lagen 4297 619,85. in 41 112 Posten gegen 4 482 842,97. in 39 369 Posten in 1895. Die Rückzahlungen 3 635 544,56. in 16 398 Posten gegen 3 759 242,83. in 16 537 Posten in 1895. Die Zahl der Einleger betrug Anfang 1896 28 833, hierzu neue Einleger 4684, Abgang 3124, bleiben 1560, Einlegerstand Ende 1896 30 393. Die Ausleihungen be⸗
tragen in 1896: gegen Hypotheken und Kauf⸗
schillinge 1697 360,47, gegen Wertpapiere 1121 142,20, gegen Schuldscheine 5125, im Konto⸗Korrentverkehr 1277 838,34, zu⸗ sammen 4 101 466,014 gegen 3 476 372,56 1 in 1895. Die zurückempfangenen Kapitalien betragen in 1896 auf Hypotheken und Kauf- schillinge 317 285, auf Wertpapiere 1016 989. A. 58&, auf Schuldscheine 57 995,61, im Konto⸗Korrentverkehr 1656 998,37, zusammen 3 049 268,56 K gegen 2 438 820,16 1 in 1895.
* Mainz, 30. Januar. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten versamm⸗ lung wurde, laut„Frankf. Ztg.“, unter dem Vorsitze des Herrn Rudolph Bamberger die Be⸗ ratung der Verwaltungsrechenschaft der Bürger⸗ meisterei für das Rechnungsjahr 1895/96 vor⸗ genommen. Herr St. C. Michel als Referent des Finanzausschusses erstattete sehr eingehend Bericht über diesen Punkt. Es wurden alsdann die betr. Anträge und Vorschläge des Finanz⸗ ausschusses angenommen. Die städtische Rech⸗ nung schließt ab mit einer Einnahme von 6 257 538,02 1 und einer Ausgabe von 5 404 736,01, so daß ein Ueberschuß von 852 802,0 1 x verblieb.— In der vorgestrigen Sitzung des Ortsgesundheitsrats wurde, nach dem hiesigen„Anzeiger“, der Antrag der Bürgermeisterei, für Mainz einen Stad tarzt zu bestellen, vorerst abgelehnt. Herrn Kreisarzt Dr. Balser, der sich dazu bereit erklärte, wurde die Inspektion der hygienischen Verhält⸗ nisse usw. übertragen. Der Stadt erwachsen dadurch keine Kosten. Weiter beschloß der Orts⸗ gesundheitsrat, eine Milch verkaufsordnung für die Stadt Mainz einzuführen.
* Worms, 31. Januar. Der Vorstand der allgemeinen Ortskrankenkasse Worms er⸗ läßt einen Aufruf, worin er bekannt macht, daß im Anschluß an die bestehende Kasse eine neue für die Familienangehörigen der Mit⸗ glieder ins Leben gerufen werden soll. Gegen einen geringen Beitrag werden denselben freie ärztliche Behandlung, Medikamente und Heil⸗ mittel gewährt.
Vermischtes.
— Ein„Wunderdoktor““ stand kürzlich in der Person des Heilkünstlers Ernst Tauchert unter der An⸗ klage des Betruges und der Körperverletzung vor der 9, Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Der An⸗ geklagte betreibt in dem Hause Dresdenerstraße 135 seine Praxis, welche die Anklagebehörde als ein„Kurpfuscher⸗ gewerbe der gefährlichsten Art“ bezeichnet. Er ist schon vielfach vorbestraft, auch schon wegen fahrlässiger Körper⸗ verletzung und thätlicher Beleidigung mit ein Jahr drei Monaten Gefängnis. Nach den Ermittlungen und dem Ergebnis der Beweisaufnahme behandelt er hauptsächlich Unterleibskranke; Kranken, die nicht mit einer solchen be⸗ haftet sind, dichtet er einfach eine solche an. Seine medizinische Ausbildung besteht darin, daß er während seiner Militärzeit im Lazarett als Kalefaktor angestellt
Die Beschäftigungen ihrer Mädchenjahre ge— wannen in ihren Augen höhere Bedeutung. Es wäre doch schade gewesen, ihre schönen Talente un— gepflegt liegen zu lassen, um inzwischen die Wäsche durchzusehen oder das Kuchenbacken zu beaufsichtigen, was jede andere auch gekonnt hätte. Darum blieb sie ruhig am Flügel sitzen, wenn Christinchen sie abrief.
„Gehen Sie nur, Alterchen, schauen Sie selbst nach dem Rechten, Sie verstehen es ja doch besser als ich!“
Christinchen ging seufzend und kopfschüttelnd, und plagte sich doppelt eifrig, um das fehlende Beispiel der fleißigen Herrin zu ersetzen, so gut es eben ging. Es hätte ihrem alten Herzen einen Todesstoß gegeben, wenn jemand die Wirtschaft in Hellingsthal nicht mehr zauf der alten Höhe fand — aber ihre Schultern fingen an sich zu beugen unter der großen Last, und sie seufzte und seufzte, wenn sie die Müdigkeit in ihren alten Knochen spürte und daran dachte, was ohne sie einst werden sollte.
Auch Felix seufzte manchmal, wenn auch ganz leise, ganz verstohlen. Es war so hübsch gewesen, Regine herum hantieren zu sehen wie früher sein Mütterchen. Er konnte es nicht verstehen, daß ihr die Wirtschaft nicht wie dieser mit der Zeit immer mehr an das Herz wuchs. Anfangs entschuldigte er sie mit körperlicher Angegriffenheit, glaubte an eine Umkehr. Aber als er sie eines Tages anstatt mit Nadel oder Gartenschere mit dem Pinsel be— schäftigt fand, konnte er ihr sein Erstaunen nicht verbergen.
„Hast Du kürzlich nachgesehen, wie die neuen, amerikanischen Ferkel gedeihen, Regine?“ fragte er.
„Ich bin gespannt, wie sie sich bei uns ein— bürgern werden.“
„Nein, Lix', versetzte si„aber ich glaube,
Christinchen war heute im Schweinestall; ihr Urteil ist kompetenter als meines.“
— ͤ. UdA——— „Es ist aber doch von Wichtigkeit, daß Du selbst nachsiehst, Regine. Du glaubst nicht, welch ein ganz anderer Geist die Dienstboten beherrscht, wenn sie wissen, daß das Auge der Hausfrau überall ist. Ist denn Deine Malerei so wichtig?“
„Ganz ungeheuer wichtig, Lix“, erwiderte sie scherzend,„sieh nur, diese herrlichen Wolkengebilde muß ich schnell skizzieren, ehe sie mir enteilen. Nach den Schweinen kann ich ja immer noch sehen.“
„Wenn Du fertig bist und Zeit für mich hast, möchte ich Dir gerne einmal etwas zeigen“, er⸗ widerte er ernst.
Sie unterbrach ihre Arbeit nun doch, und freundlich zog er ihren Arm unter den seinen und führte sie in eines der Fremdenstübchen, in welchem an der Wand eine unvollendete Zeichnung hing, angelegt in der peinlich sorgfältigen Manier der vierziger Jahre, in der Wirkung einem Kupferstiche nicht ganz unähnlich. Sie stellte eine junge Frau dar, die dem heimkehrenden Eheherrn das jauchzende Kind entgegen hält.
„Sieh, Regine“, sagte er bewegt,„dies Bild hatte meine Mutter ihrem Gatten als Hochzeits— gabe bestimmt. Aber es wurde nicht rechtzeitig fertig, und als Frau hat sie sich zum Zeichnen nie mehr Muße gegönnt; die vielen Pflichten hatten ihr den Stift für immer aus der Hand genommen. „Talente dürfen nur Schmuck, niemals Inhalt des Lebens sein“, meinte sie oft lächelnd,„aber wenn das Stopfen und Wirtschaften auch nicht so amüsant ist, wie das Zeichnen, so finde ich doch mehr Segen dabei, weil es meinen Lieben zu gute kommt.“ Mein Vater rahmte das unbeendete Kunstwerk ein und hatte größere Freude daran, als an dem schönsten Oelgemälde.“ 5
(Fortsetzung folgt.)
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