Ausgabe 
31.5.1896
 
Einzelbild herunterladen

Gießen, Sonntag, den 31. Mai

1896.

Ausgabe Gießen.

ische Landeszeikung.

Redaktion:

* Kreuzplatz Nr. 4..

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.

. 2

Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Vom neuesten hessischen Polizeigesetz. Dun Ein weiterer Bericht des zweiten Ausschusses der Zweiten Kammer über die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, den Gesetzentwurf, den Be⸗ such von Tanzbelustigungen u. Wirtschaften u, bon Seiten jugendlicher Personen, sowie den An⸗ trag des Abg. Jöckel zu diesem Gesetzentwurf betreffend, und die Vorstellung des evang. Pfarrers Schuster zu Glauberg bezw. die Eingabe des evang. Pfarrers Web er zu Londorf, den Wirtshaus besuch der fortbildungs⸗ schulpflichtigen Jugend betreffend erstattet 4) Namens der Mehrheit von dem Abg. Schönfeld, B) Namens der Min⸗ derheit von dem Abg. Metz(Darmstodt) kommt in der Hauptsache zu folgenden Ergebnissen. Die Majorität des Ausschusses erachtet, daß die Bedürfnisfrage zu bejahen sei, die Minorität dagegen bestreitet, daß ein solches Bedürfnis vorhanden sei und beharrt auf ihrem früher eingenommenen Standpunkt. ö Des weiteren hat der Abg. Jöckel zu dem vorliegenden burg, Verantn.* Gesetzentwurf folgenden Antrag eingebracht: Oltnun, bah I. Die Artikel 1 und 2 zu streichen und statt der⸗ selben zu setzen:Personen unter 16 Jahren dürfen öffentliche Tanzlokale, Gast⸗ und Schankwirtschaften, sowie andere Verkaufsstellen, mit welcher eine Verabreichung von geistigen Getränken zum Genusse auf der Stelle verbunden sst, nur in Begleitung deren Eltern bezw. Stellvertretern, U wle Pflegeeltern, Vormündern, Dienst⸗ und Lehrherren 8 N N 1. Ausgenommen ist der Besuch von Volksfesten, elnschließlich der Kirchweihen. Ferner sind ausgenommen diejenigen jungen Leute im angegebenen Alter, welche auf Ell der Durchreise sich befinden oder tagsüber an dem be⸗ W treffenden Ort sich aufhalten, ohne Privatwohnung in demselben zu besitzen. I= Die Großh. Regierung verhält sich diesem Antrag Cleider. gegenüber durchaus ablehnend. Mit dem Antrag von drei anderen Mitgliedern des Ausschusses, den Artikel I dahin zu fassen:Personen unter 16 Jahren ist die Tellnahme an öffentlichen Tanzbelustigungen gänzlich untersagt, und in Verfolg dieses Antrags in Artikel 2 zu sagen:Personen unter 16 Jahren ist der Besuch bon Wirtshäusern und öffentlichen Tanzbelustig⸗ ungen nur dann gestattet, wenn sie sich unter Aufsicht ihrer Eltern ꝛc. befinden könne sich die Regierung eher befreunden. Nach Artikel 1 des Gesetzentwurfs ist nicht nur die Teilnahme, sondern auch der Besuch öffent⸗ licher Tanzbelustigungen Personen unter 16 Jahren gänz⸗ lich untersagt. Man ging bei dieser Festsetzung von der Ansicht aus, daß wenn den in Frage stehenden Personen gestattet sei, in Begleitung ihrer Eltern u. s. w. öffentliche Tanzbelustigungen zu besuchen, es sehr schwer sein würde, zu verhüten, daß sie auch an dem Tanz teil nehmen. Indessen will sich die Großh. Regierung auch mit der erwähnten, von drei Mitgliedern des Ausschusses bean⸗ tragten Fassung der Artikel 1 und 2 des Entwurfs im Interesse des ZJustandekommens des Gesetzes einverstanden erklären, zumal ja auch nicht zu verkennen ist, daß es

Die Dertdigun s füt.

s zur Erbaut Wohugäns

Tus malccung don, unter Umständen für Eltern, welche eine öffrutliche Tanz⸗ für Musbol belustigung besuchen, mißlich ist, ihre jüngeren Kinder zu für Nauf Hause lassen zu müssen. Für den Antrag, das Verbot

auch auf den Besuch anderer Verkaufsstellen, mit welchen

aukalk und. Wii eine Verabreichung von geistigen Getränken zum Genusse

auf der Stelle verbunden ist, auszudehnen, kann die Re⸗ gierung ein eigentliches Bedürfnis doch nicht als vorlie gend erachten, da einmal solche Verkaufsstellen im Groß⸗ herzogtum wohl kaum vorkommen und jedenfalls von jugendlichen Personen unter 16 Jahren wohl kaum werden besucht werden. Daß junge Leute unter 16 Jahren bei Volksfesten und Kirchweihfesten anwesend sein können worauf der Antrag des Herrn Abg. Jöckel weiter unter Pos. 1 hinweist ist nicht zu beanstanden, aber Wirts⸗ häuser und Tanzbelustigungen sollen sie doch wohl auch bei solchen Festen nur in Begleitung ihrer Eltern u.s.w. besuchen dürfen. Die am Schlusse der Pos. 1 beantragte Bestimmung ist durch die im ersten Absatz des Artikels 2 des Gesetzentwurss vorgesehene Bestimmung und die in den Motiven gegebene Erläuterung bewahrt.

Drei Mitglieder des Ausschusses schließen sich diesen Anschauungen der Großh. Regierung an, die anderen Mitglieder bleiben bei dem in dem Ausschußbericht nieder gelegten Standpunkt. Sämmtliche Mitglieder erachten diesen Antrag des Abg. Jöckel als erledigt.

II. Als Artikel 1a ist folgende Bestimmung zu treffen: Besitzer von Tanzlokalen, Wirte und Kleinhändler mit geistigen Getränke dürfen Personen, auf welche Artikel 1 sich bezieht, in ihren Räumlichkeiten nur dann dulden und denselben nur dann Getränke verabreichen, wenn diese sich in Begleitung ihrer Eltern bezw. Stellvertreter be finden.

III. Artikel 3 zu streichen und statt dessen zu setzen: Uebertretungen der in den Artikeln 1 und 2 ent⸗ haltenen Bestimmungen, sowohl seitens der jugendlichen Personen, als auch der Wirte, werden mit einer Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft. Die gleiche Strafe trifft Eltern, bezw. deren Stellver- treter, welche ihren Kindern, Pflegekindern, Mündeln, Dienstboten und Lehrlingen unter 16 Jahren den Be stimmungen des Art. 1 zuwider den Besuch der darin genannten Lokalitäten gestatten.

IV. Den Artikel 4 des Entwurfs zu fassen:Durch Lokalpolizei⸗ʃzerordnung kann für Orte, bei welchen besondere Umstände dies angezeigt erscheinen lassen, das in Artikel 1 enthaltene Verbot des Besuchs öffent⸗ licher Tanzbelustigungen und des Besuchs von Wirts- häusern ohne Aufsicht der Eltern oder deren Stellvertreter auf Personen bis zum vollendeten 17. Lebens⸗ jahre ausgedehnt werden.

Die Großh. Regierung bemerkt:

Die unter 2, 3, 4 des Antrages des Herrn Abg. Jöckel gemachten Vorschläge sind Konsequenzen der unter Pos. 1 gestellten Anträge, sie unterscheiden sich im wesentlichen nicht viel von den Bestimmungen des Ar- tikels 3 des Gesetzentwurfs und bedürfen wohl keiner Erläuterung.

Der Ausschuß schließt sich diesen Bemerkungen an. Ein wesentlicher Unterschied des Antrages gegenüber dem Entwurf ist aber der, daß eine Zuwiderhandlung gegen das Verbot nach dem Entwurf für die jugendlichen Ueber⸗ treter des Verbots nicht mit Strafe bedroht ist. Der Ausschuß glaubt sich dieser Aenderung nicht anschließen zu sollen.

Im Uebrigen beantragt der Ausschuß:

1) den Antrag des Abg. Jöckel für erledigt zu er⸗

klären;

2) desgleichen die Vorstellung des evangelischen Pfar⸗

rers Schuster zu Glauberg, als Vorsitzenden des ebangelischen Pfarrvereins im Großherzogtum Hesseu, bezw. die Eingabe des evangelischen Pfarrers Weber zu Londorf, d. d. 2. März 1893, den Wirtshausbesuch der fortbildungspflichtigen Jugend angehend....

Wenn dieser reaktionäre Entwurf Gesetzeskraft erhält, dann können sich die Wirte auf dem Lande freuen! Wehe ihnen, wenn sie nicht jedem jungen Manne oder jungen Mädchen ansehen, ob sie dastanz- oder trinkbare Alter haben.

Und welche schönen Aussichten den Denunzianten!

Lokales und Provinzielles.

Gießen, 30. Mai. Ein Sonntags⸗ spaziergang im Walde! Wie itt er so reich an Reizen intimster Art gerade jetzt, wo Mutter Natur allmählich ihr sommerliches Ge wand anlegt, und das zarte Grün des Laubes und der Gräser sich dunkler und dunkler färbt. Ein wundervoller Morgen umfängt Dich; blinkende Tautropfen liegen auf dem Farrenkraut, und über Dir bilden die tausend und abertausend verschlungenen Zweige ein grünes Gewölbe. Unter dem funkelnden Sonnenlicht nimmt es sich aus, als sei es mit Goldfäden durchwirkt und mit Goldpunkten bestickt. Durch moosige Gründe schreitest Du tiefer und tiefer in die duftige Dämmerung hinein. Ab und zu sperren gefallene Baumstämme Deinen Weg, die Du überklettern mußt; in feuchten Schichten raschelt das Laub des vergangenen Herbstes, dessen Geruch weh mütiger Erinnerungen in Dir weckt. Vogel⸗ gesang, bald laut, bald leise, bald fröhlich schmetternd, bald sehnsuchtsvoll schmelzend, be gleitet Dich. Du trittst plötzlich auf eine Lich⸗ tung hinaus, welche dem Auge das liebliche Bild einer idyllischen Frühlingslandschaft erschließt. In warme Sonnenglut getaucht liegt sie in farbigem Glanze vor Dir da. Uebergrüne Hecken hinweg öffnet sich Dir eine anmutige Fernsicht auf Dorfhäuser, auf verstreute Scheunen und Hütten, überragt vom Turm der Dorfkirche. Du wirfst Dich ins lange Gras, siehst die hellen Wölkchen am blauen Zelte dahinziehen und träumst. Glockenklänge, durch reine Lüfte me⸗ lodisch zu Dir herüberhallend, wecken Dich auf. Wie winzig erscheinen die Menschen Deinem Blick, die weit, weit ab, wie die bunten Figuren eines niedlichen Puppentheaters, zur Kirche wallen! Auch Du erhebst Dich und schlägst Dich wieder seitwärts iu den Wald. Arbeitsame Bienen summen friedlich um Dich herum, lustige Mücken tanzen in wirbelndem Kreise vor Dir her. Welche traulichen Schlupfwinkel entdeckst Du, welche Fülle verschwiegener Lauben, darin es geheimnis⸗ voll rauscht! Dichter und dichter, in malerischer

eröffnet dieses Gesetz

Unordnung, umklammern sich die Aeste zu Deinen Häupten. Hier mußt Du einen herabhängenden Zweig, der neckisch nach Deinem Hute greift, beiseite schiebeu, dort stolperst Du über die arm⸗ dicken Wurzeln eines altehrwürdigen Baumriesen. Immer romantischer wird's; bist Du in eine verzauberte Wildnis geraten, wo Kobolde spöttisch kichern und 10 Wanderer ins Verderben locken? Nimm Dich in Acht! Dein Fuß sinkt

in Moorgrund, Sumpfblumen blühen auf saftiger

Rasenfläche. Da hüpft eine Kröte Dir über den Weg, und ganz in der Nähe vernimmst Du das Quaken der Frösche. Rückwärts, nach Hause! Die Sonne steigt höher und höher, und wenn Du frisch zugehst, so bist Du noch rechtzeitig daheim. Wie wird nach dem tüchtigen Marsch Dir Dein Leibgericht munden!

Gießen, 30. Mai. Die Beschaffung der Mittel zur Errichtung eines Gie⸗ ßener Volksbades war Gegenstand einer im Viktoria-Hotel von den hierzu ernannten Arbeits⸗Aus schusse des VereinsGießener Volks⸗ badgepflogenen Beratung. Die erschienenen Herren kamen zu folgendem Beschlusse: Das Anlage⸗ Kapital ist auf 60000 bemessen. Die Stadt engagiert sich dabei mit 5060000 A, je nach Rentabilität verzinslich und rückzahlbar; weitere

50 60 000& sollen im Wege freiwilliger Aktien⸗

zeichnung in verzinslichen Stücken zu 200 4 und zu 1000& erbracht werden; die Einzahlung der Aktien kann sofort oder in 3 Zielen Hescheher, muß aber jedenfalls vor August 1897 erfolgt sein. Listen zur Beteiligung werden demnächst zirkulieren und das ganze Unternehmen später in die Hände der Aktionäre übergehen. Nachdem die Errichtung vorläufig so gesichert erscheint, bleibt nur der Wunsch, daß eine rege Beteiligung und möglichste Förderung dem guten Zwecke nicht vorenthalten werde.

* Gießen, 30. Mai. Am Sonntag findet hierselbst in der Turnhalle an der Nordanlage eine Bezirks⸗Vorturnerstunde statt, an welcher sich die Turnwarte sämtlicher 17 Vereine des Bezirks beteiligen.

Gießen, 30. Mai. In der am Montag unter Vorsitz des Landgerichtsrats Kullmann beginnenden Tagung des Schwurgerichts der Provinz Oberhessen kommen nach⸗ stehende Fälle zur Verhandlung: Montag, den 1. Juni, Georg Ernst Löffler von Gel nhaar wegen Körperverletzung mit tödlichem Erfolg. Ankläger: Erster Staatsanwalt Dr. Güngerich. Vert.: Rechtsanwalt Grünewald. Dienstag, den 2. Juni, Konrad Bast von Nieder⸗ Ohmen wegen Meineid. Ankl.: Staatsanwalt Zimmermann. Vert.: Rechtsanwalt Weidig. Mittwoch, den 3. Juni, Johannes Fritzger von Rainrod wegen Meineid. Ankl.: Staatsanwalt

Erste Liebe.

Humoreske von E. Duncker.

don Juchh, 1

N f(Nachdruck verboten.) telbereitung. 5 entgegen: Feuerrot im Gesicht stürzte Tom hinter den

Flüchtlingen her und brachte sie mit einem verlegen gestammeltenNimm es mich nicht übel der Eigen⸗

tte-Wetal

tümerin zurück. Ein mit holdseligem Lächeln und el Erröten begleitetesbitte sehr seitens der Dame L eine tiefe Verbeugung des Herrn dann f Nl 4 trippelten die elegant beschuhten Füßchen Fräulein f b Biermanns weiter, und Tom stürmte auf mich zu, 3 Haus). der ich mich auf der andern Seite der Straße vor ö f 1 Lachen krümmte und nicht den leisesten Versuch ge⸗ rtl El. macht hatte, der Schönen rittterlich beizuspringen. undO Ernst, rief er atemlos, ohne meinen un lechterei statthaften Heiterkeitsausbruch zu beachten,ich muß billige, bekannt werden mit das schneidige Mensch! 5 qDas Mensch, Tom! rief ich entsetzt, weißt parat Du denn nicht br 2 1Ach, never mind, das Mensch oder die Mensch! r Taschen Was ich meine zu sagen ist, she is a fine girt, a 4, e deuced fine girl, und ich meine ihr zu verheiraten, eine Tasch wann ich bin of age. 0 50 2Das geht ja wie auf der elektrischen Bahn, 10 1 meinte ich.Aber Dein Vater, glaubst Du, daß 05 30. der gleich Ja sagt? 1 45 0, 1Hang my father! war die überraschende ln an d. Antwort des sonst äußerst pietätvollen Sohnes, den

jedoch die Liebe zu dieser in de siecle Amalia urplötzlich in einen wahren Franz Moor verwandelt zu haben schien.. Veon jetzt an begann eine köstliche Zeit für uns Jungen. Tom im Stadium eines Verliebten über⸗ raf unsre kühnsten Erwartungen u. Prophezeiungen. O Elsie! ertönte beim Erwachen sein Baß aus den Kissen hervor statt des langgezogenen Gähnens, mit dem er früher die Morgenstunde zu

begrüßen pflegte.Mrs. Elsie Woodland war an allen moglichen und unmöglichen Orten zu lesen, zuweilen auch daneben der schwache Versuch einer Bleistiftzeichnung, das kecke Profil Elsies darstellend, das allerdings nur au dem herausfordernden Hütchen über und der koketten Kravatte unter demselben er kenntlich war. Außerhalb der Schulstunden floh er der Brüder wilde Reihen, um sich hinter einer Mauer sentimentaler Liebesgeschichten in der Tauchnitz⸗ Ausgabe zu vergraben, mit deren bloßen Titeln man ihn früher meilenweit hätte jagen können. Und was nun gar das Dekorieren seines äußern Menschen betraf

Ernst, ich habe gekauft ein stilvolles Krawatt, mögest Du es zu sehen? Du bist der Vernünftigste unter die chaps.

Aber Tommy, das ist ja die sechste in dieser Woche. Dein armer betrogener Vater!

Kann Dich sein schnuppe! Seh, es geht groß artig mit mein Fell.

Und Tom band sich einen gelbgrünen Schlips um, unter dem sein Gesicht erschien wie nun wie das meine nach dem Genuß der ersten Zigarre ausgesehen haben mag.

Am beunruhigendsten von allen Symptomen war jedoch das Abnehmen seines früher so gesunden Appetits. Meine gute Tante war nahe daran, Blut zu weinen, wenn ihr Liebling von der Chocoladenkreme mit Schlagsahne die zweite Portion zurückwies oder sich einganz kleine Stück von das Schwein erbat. Und es sollte noch schlimmer werden: die platonische Schwärmerei, die für Tom ganz bekömmlich gewesen war, artete in ein regu⸗ läres Techtelmechtel aus, als er zum zweitenmal mit seiner Angebeteten zusammentraf. Diesmal war der Schauplatz die einzige Konditorei in Nordau, wo sich Fräulein Biermann mit ihrer Freundin

Anna Meier, von unsder Fleischkloß benannt,

bel einer Portion Eis niegergelassen hatte. Als

Tom und ich auf der Bildfläche erschienen, waren die Damen bereits mit ihrem Pensum durch, mußten also schicklicherweise den Rückzug antreten. Doch erspähten Toms Augen plötzlich einen roten Sonnen schirm, den dasfesche Skelett unabsichtlich oder absichtlich hatte stehen lassen. Sich darauf stürzen und ihn draußen der Eigentümerin apportieren war für ihn ein Werk des Augenblicks. Was zwischen den beiden vor der Ladenthür verhandelt worden, darüber hat Tom sich mir gegenüber nie geäußert, aber jedenfalls war seit diesem Augenblick seine Weiberscheu geschmolzen wie Schnee vor der Sonne. Unter dem Schutz der fünf Pensionsfreundinnen trafen sich fortan die bereits achtzehnjährige und der noch nicht ganz achtzehnjährige zu allen Tageszeiten und an allen Orten. Frau Röse, die vielbeschäftigte Hausfrau, schien dieser betrübenden Thatsache gegenüber blind, und mein Onkel nicht allein blind, sondern taub dazu.

Aber Georg, klagte Tante Josepha an einem Sonutagnachmittage, wo die übrigen Jungen einen Ausflug machten, ich jedoch eines verstauchten Fußes wegen das Zimmer hüten mußte,wo soll das mit dem Ton hinaus? Hast Du wohl bemerkt, wie er er heute Mittag von den sechs Klößen in der Suppe zwei liegen ließ? Und klagtest Du selbst nicht gestern, daß es mit seiner Trägbeit nicht mehr zum Aushalteu sei?

Mein Onkel that mit phlegmatischem Lächeln einige Züge aus seiner Nachmittagshavan na.

Josepho, sagte er nach einer Pause,jungem Wein muß man die Zeit gönnen zu gären. In Toms Alter ist die Liebe eine unumgängliche Kin derkrankheit, die sich nicht zurückdrängen läßt. Freue Du Dich, daß er in Fräulein Biermann einen Blitzableiter für seine heißen Gefühle gefunden

hat. Oder möchtest Du lieber überall den Namen

Josepha Winkler geschrieben und eingeschnitzt lesens

Gott soll mich bewahren! rief meine Tante empört und entsetzt dazwischen.

Was nun seine jetzt allerdings kaum zu glaubende Arbeitsscheu betrifft, so wäre ich dieser halb schon thatkräftig eingeschritten und hätte ihn den Verkehr mit seiner Flamme durch irgend ein probates Mittel unmöglich gemacht. Da ich aber höre, daß dasfesche Skelett(wie in aller Welt war ihm diese Benennung zu Ohren gekommen?) in acht Tagen unter das väterliche Dach zurück⸗ kehrt, will ich unserm Jungen noch die Zeit lassen, sich auszutoben.

Und in der That, die zukünftige Mrs. Woodland dampfte bald nach dieser Unterredung ab in Be⸗ gleitung einer kolossalen Bonbonniere und eines wahren Monstrebouketts, in dem sich sämtliche Kohl köpfe des Nordauer Wochenmarktes ein Rendezvous zu geben schienen, und das mehr den guten Willen als den Schönheitssinn des generösen Spenders ver⸗ riet. Merkwürdig rweise benahm sich Tommy nach der Treunung ganz vernünftig. Er arbeitete ebenso gut oder ebenso schlecht wie vor dem Beginn der verhängnisvollen Bekanntschaft und konnte sonn⸗ täglich eine Rieseuportion süßer Speise vertilgen. Mein Onkel hatte also Recht gehabt.

Wie gedenken Sie die Michaelisferien durchzu⸗ bringen, lieber Tom? fragte er ihn eines Tages. Wollen Sie an unserm gemeinsamen mehrtägigen Ausflug in die Berge teilnehmen?

Ich wunsche zu gehen nach Lübeck vor die Zeit, war Toms unerwartete Antwort.

Aber was um alles in der Welt wollen Sie in diesem langweiligen Nest? rief mein Onkel

erstaunt. (Schluß folgt.)