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ber Verwaltung in eine Hand der rascheren Entwickelung bes Straßenwesens zu dienen.“
hbundelte Frage der Verstaatlichung der Hessischen
ile den Hochschulen, haben Sie dem Schulwesen, ins⸗
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drehte das zerknitterte Blättchen zwischen den
Fingern, während sich sein Blick geistlos in's Leere
werlor. 5 f Adele gab Auskunft; man habe ihr ein
Gießen, Mittwoch, den 29. Juli
1896.
Ausgabe
Gießen.
ssche Landeszeikung,
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
Hessischer Landtag.
»Darmstadt, 27. Juli. Der 29. Landtag wurde heute durch den Großherzog n der üblichen Weise geschlossen. In der Thronrede ankte der Großherzog für die mühevolle Arbeit des dundtags und für das anläßlich seiner Vermählung dar⸗ ubrachte Geschenk und fuhr dann fort:„Sehr reichlich gaben Sie zu meiner lebhaften Befriedigung die Mittel ür Zwecke der Wissenschaft und Kunst, insbesondere für le aufblühenden beiden Hochschulen des Landes bemessen. das mit ihrer Zustimmung zu errichtende neue Museums⸗ bäude wird unseren Sammlungen eine würdigere Auf⸗ ahmestätte bieten. Der von Ihnen zur Wiederherstellung ges kurfürstlichen Schlosses in Mainz bewilligte namhafte getrag wird ermöglichen, daß dieses herrliche Bauwerk leder in seiner ganzen Schönheit ersteht. Nicht minder
Ksondere dem Volksschulwesen, Ihre Fürsorge erwiesen und namentlich durch die Annahme des Ihnen vorgelegten gesetzentwurfes über die Neuregelung der Gehälter der Jolksschullehrer diesem wichtigen Stand eine ebenso zeit⸗
Dem Gewerbe und der Landwirtschaft, die fort⸗ auernd der besonderen Hülfe und Unterstützung durch den
kicherer Geldmittel und weiterer Bewilligung für ein der gentralstelle für die Gewerbe gewidmetes neues Gebäude, urch ihre Mitwirkung zur Gründung neuer landwirt-
n dankenswerter Weise bewährt. In nicht geringerem Grade war Ihre Thätigkeit der Entwickelung des Ver⸗ kehrswesens durch höchst bedeutende Bewilligung von Sfraßenbauten, Nebenbahnen und die Brückenbauten über sen Rhein bei Worms förderlich. Die Annahme des nen durch meine Regierung vorgelegten Gesetzentwurfes über die Kunststraßen ist geeignet, durch die Vereinigung
Die Thronrede erwähnt sobann die von beiden Kammern in letzter Stunde be⸗
Ludwigsbahn und der mit Preußen über den ferneren Betrieb der Bahn herbeigeführten Verständigung und der düdurch bedingten Verwaltungs⸗ und Finanzgemeinschaft mit Preußen und schließt wörtlich:„Erfordert diese letztere nach einigen Richtungen hin auch ein gewisses Maß von Selbstbeschränkung, so habe ich mich derselben dennoch gern unterzogen, weil ich die Ueberzeugung ge⸗ wonnen habe, daß ich damit meinem geliebten Lande und Volke und, wie ich glaube, auch höheren Zwecken einen großen und bleibenden Dienst erweise. Gotte segne unser llebes Heimatland!“
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 28. Juli.(Strafkammer⸗ Verhandlung.) Heute Vormittag hatte sich der Redakteur Ph. Scheidemann von der „Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ wegen Be⸗ leidigung von Offizieren des 116. Inf.⸗Reg. vor der Strafkammer zu verantworten. Der Staats⸗
anwalt Zimmermann als Vertreter der Staats-
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3 Monat zu erkennen. Der Gerichtshof erkannte auf eine Gelostrafe von 200, und Publikations- befugnis in der Mitteldeutschen Sonntagszeitung. — Gegen die 17jährige Thekla Wittmann wurde wegen Kindesmord unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt. Dieselbe hat geständiger Maßen ihr Kind gleich nach der Geburt in die Dunggrube des Hauses Schanzenstraße 2 ge⸗ worfen. Das Urteil lautete auf 2 Jahr 6 Monat Gefängnis. Verzweifelnd die Hände ringend, nahm die Angeklagte das Urteil entgegen.
W. Gießen, 28. Juli. Den Beamten, welche in den Büreaus der Hessischen Nebenbahnen hierselbst beschäftigt sind, wurde vor einigen Tagen durch einen höheren Beamten, der hier weilte, vertraulich eröffnet, daß wahr⸗ scheinlich in Bälde die Büreaus nach Grün- berg verlegt werden würden.
Gießen, 28. Juli. Der gestrige siebe nund⸗ zwanzigste Juli ist ein Tag, der doppelt und drei— fach im Kalender angestrichen zu werden verdient, wenn die wissenschaftliche Expedition, deren Abgang an diesem Tage geplant war, zur Thatsache geworden ist. Am Montag, den siebenundzwanzigsten Juli, beabsichtigte näm⸗ lich der schwedische Nordpolfahrer Andree seinen kühnen Luftballon⸗Flug nach dem Nordpol von der dänischen Insel aus zu beginnen ein Wagnis, das zu den allerkühnsten und allerschwierigsten Unternehmungen ge⸗ hört, die je von einem Entdeckungsreisenden ausgeführt wurden. Die gesamte gebildete Welt sieht denn auch mit nicht geringer Spannung dem Aufstieg des Andree'schen Ballons entgegen und wünscht dem verwegenen Forscher wie seinen gelehrten Begleitern, den Herren Ekholm und Strindberg, von Herzen Glück und fröhliches Gelingen. Wir haben unsern Lesern wiederholt von dem Vorsatze Andree's, den Nordpol auf dem Luftwege zu erreichen, ausführlich berichtet. Wir haben ihnen von den gründ⸗ lichen Vorbereitungen zu dieser scheinbar so abenteuer— lichen Fahrt erzählt, haben ihnen geschildert, wie sorgsam jede Einzelheit von dem mutigen Führer der Expedition erwogen, wie klug und verständig jedem etwaigen Hinder— nis vorgebeugt wurde. Was die moderne Technik und Wissenschaft zu leisteu vermag, um den Kampf mit den Elementen siegreich aufzunehmen, das ist bei der weisen und zweckmäßigen Konstruktion und inneren Einrichtung des Luftschiffs, welches die Forscher nach Norden tragen soll, geleistet worden. Immerhin aber sind die Gefahren, denen die energische Dreizahl so beherzt die Stirn bietet, unberechenbar für menschliche Voraussicht, und das Opfer, das hier der Wissenschaft gebracht wird, ist gleichbedeutend mit einer Fahrt ins Ungewisse auf Tod und Leben. Möge es den Männern, die unerschrocken ihre Existenz aufs Spiel setzen, und die vielleicht, während wir diese Zeilen schreiben, schon rüstig auf eisigen Winden ihrem großen Ziele zusteuern, endlich gelingen, die düstern Ge⸗ heimnisse des arktischen Landes aufzuhellen und den sagen⸗ umwobenen Nordpol, der schon so viele ihresgleichen in Tod und Verderben gelockt hat, ohne Fährlichkeit zu ent⸗ decken. Am einundzwanzigsten Juli waren genau drei Jahre verflossen, seit Fritjof Nansen mit seiner todes⸗ mutigen norwegischen Schar die heimische Küste verließ,
behörde beantragte auf eine Gefängnisstrafe von
ohne bisher ein sicheres Lebenszeichen zu geben. Auch er zog aus den Nordpol zu finden, aber auch er ist, wie Viele vor ihm, verschollen, wenn auch noch immer die bange Hoffnung sich regt, ihn eines Tages gesund und erfolgreich wieder heimkehren zu sehen. Die Andree'sche Expedition, die über ganz andere Naturkräfte als för⸗ dernde Hilfsmittel verfügt, kann schon nach wenigen Monaten von ihrer Entdeckungsreise zurück sein. In wenigen Monaten werden wir wissen, ob sie geglückt oder gescheitert ist, ob das schier Unmögliche gelang oder drei Menschenleben mehr zu beklagen sind. Wünschen wir, daß der wissenschaftlich wohl vorbereitete, aber doch tollkühne Versuch gelingen und den heimkehrenden Forschern un⸗ sterblichen Ruhm eintragen möge!
* Lollar, 28. Juli. Man schreibt uns: „Der Unglücksfall, von dem vorige Woche die Familie Rohrbach heimgesucht wurde, bildet noch immer das Gesprächsthema unserer Einwohnerschaft. Die Annahme, daß sich der Verstorbene mit Vorsatz ertränkt, hat sich als nicht zutreffend erwiesen, dagegen läßt das Be⸗ nehmen während der letzten Tage vor seinem Tode darauf schließen, daß man es mit der That eines Geistesumnachteten zu thun hat. Die vielen Schicksalsschläge in der Familie des Ver⸗ storbenen waren nur allzu geeignet, Letzteren dem Wahnsinn nahe zu bringen. Umsomehr ver⸗ urteilt man jetzt die Handlungsweise des hiesigen Kriegervereins bei dem Begräbnis des Ver⸗ storbenen. Der Krieger-Verein hatte sich an⸗ geblich statutengemäß„für nicht berechtigt“ ge⸗ halten, dem Verewigten, der Veteran der Feldzüge 1866 und 1870/71 war, die militärischen Ehren zuteil werden zu lassen, da man in ihm einen— Selbstmörder vermutete. Jedenfalls wäre es Sache des Krieger-Vereins gewesen, den Fall erst genauer zu untersuchen, ehe man diese für die Hinterbliebenen gewiß recht schmerzliche Maß— nahme traf.“
Bad Nauheim, 27. Juli. Die Ge⸗ samtfrequenz beträgt bis jetzt 10,846 Fremde, wovon 855 in den letzten Wochen angekommen sind. Wir sind gegen das Jahr 1895 um mehr als 1000 Personen voraus.
Mainz, 27. Juli. Der freisinnige Stadt⸗ verordnete Fischer hat der Bürgermeisterei eine Mitteilung zugehen lassen, daß er aus Anlaß der bekannten Bilderaffaire sein Mandat als Stadtverordneter niederlege.— Heute früh um 4 Uhr-kam ein Lieutenant vom 118. In⸗ fanterie-Regiment in eine Wirtschaft der Münster⸗ gasse und verlangte ein Glas Bier. Der Offi⸗ zier war in Civil und wie die„Frkf. Ztg.“ und die„Kl. Pr.“ übereinstimmend melden, stark angetrunken. Der Wirt verweigerte die Herausgabe des Bieres und wurde daraufhin von dem Herrn arg mißhandelt. Der Wirt nahm die Hilfe der Polizei in Anspruch und der Offizier mußte so lange auf der Wachtstube verweilen, bis seine Persönlichkeit festgestellt war.
Vermischtes.
— Wackere Männer. Ein aufregender Vorfall hat sich dieser Tage in dem kleinen englischen Seebadeorte Broadstairs unweit Ramsgate zugetragen. Ein Mann stürzte plötzlich unter die am Hafendamm umherlungern⸗ den Bootsleute und erklärte, es seien drei Kinder unten am Fuße der Uferfelsen ganz von der steigenden Flut eingeschlossen. Da die See zu stürmisch und die Brandung grade dort zu heftig war, konnte an Rettung durch ein Boot nicht gedacht werden. Mehrere Männer eilten daher mit einem langen Seil die oberen Uferfelsen entlang und eiuer— er hieß James Croom erbot sich hinunter zu gehen. Man ließ ihn hinab und er brachte glücklich zuerst einen Knaben zwischen acht und neun Jahren in Sicherheit und rettete dann auch einen zweiten. Er wollte zum dritten Male hinuntergehen, hatte aber in⸗ zwischen an den Uferfelsen beim Hinaufziehen und Hinab⸗ lassen seine Hände so übel zugerichtet, daß die Sache be⸗ denklich erschien. So wurde denn sein Sohn hinabgelassen, der auch glücklich den dritten Kleinen rettete. Mittler⸗ weile war ein dritter wackerer Mann Namens Tom Hor⸗ ton aus einiger Entfernung aus einem Riß in den Ufer⸗ felsen unter großer Gefahr herangeschwommen. Er rettete nun auch noch einen kleinen Hund, den die Knaben mit⸗ gebracht hatten, und wurde ebenfalls glücklich zu der Ufer⸗ höhe hinaufgehißt. Eine Masse Volkes hatte sich dort angesammelt, das in großer Erregung der Rettung zu⸗ schaute und die drei Männer mit stürmischem Beifall begrüßte.
— Polarlicht auf der Venus. Wenn der Planet Venus sich auf dem Teil seiner Bahn befindet, der der Erde zugekehrt ist, wenn er also seiner unteren Konjunktion entgegengeht oder die genaue Stellung zwischen Erde und Sonne noch nicht lange passiert hat, so bietet er im Fernrohr fast denselben Anblick wie der zu- resp. abnehmende Mond wenige Tage nach resp. vor dem Neu⸗ mond. Die Seite der Vollkugel, die sich uns dann zu⸗ wendet, ist fast ganz von der Sonne abgekehrt und dem⸗ entsprechend unerleuchtet bis auf ein schmales Randstück, das in zwei Hörnerspitzen ausläuft, genau wie beim Mond. Man hat nun aber oft auf dieser unerleuchteten Seite der Venus, die vollständig dunkel sein sollte, ein aschgraues Licht bemerkt, das sich bisweilen nur in der Nähe des beleuchteten Randstückes hielt, bisweilen auch über fast die ganze Nachtseite des Planeten sich ausdehnte. Mehrere Phänomene von dieser Art beschreibt Perrotin, der Di⸗ rektor der Nizzaer Sternwarte, in dem Sitzungsbericht der Pariser Akademie der Wissenschaften vom 11. Mai d. J. Die letzten derselben sind am 16. und 17. Juni resp.am 30. August 1895 vom Mont Mounier aus beobachtet. An den ersten beiden Tagen hielt sich das aschgraue Licht dicht am beleuchteten Rand, und man kann zu seiner Erklärung annehmen, daß es sich um eine Dämmerungs⸗ erscheinung handelt, wenn man die Atmosphäre der Venus der unserigen analog annimmt, indem durch Strahlen⸗ brechung in der Lufthülle noch Licht über die mathematische Grenze zwischen Tag und Nacht hinausgelangt. Solchen Dämmerungserscheinungen verdanken wir ja gerade in dieser Jahreszeit die überaus hellen Nächte, die am Nord⸗ horizont besonders auch um Mitternacht noch den Schein der unter dem Horizont befindlichen Sonne erkennen lassen. Am 30. August hingegen sahen Perrotin und Javelle die ganze Mitte der uns zugekehrten dunklen Venusseite er⸗
Das blaue Herz.
Roman von Karl Ed. Klopfer. (Fortsetzung.)
„Chlobonitz!“ entschlüpfte es ihm unwillkürlich, und sein Arm sank herab.
„Wozu das Alles?“ mengte sich jetzt wieder der Baron in nervöser Erregung ein.„Legen Sie das Ding bei Seite, lieber Graf, bis Sie es mit mehr Sammlung zur Hand nehmen können! Jetzt, wo Sie schon der Name jenes Ortes so furchtbar er⸗ schüttert, sind Sie jedenfalls nicht imstande, noch mehr von dem zu vernehmen, was Sie wie eine Botschaft aus der anderen Welt anmuten muß.“
Der Graf schien zu überlegen. Die Rücksicht auf die Braut gebot es ja auch wohl, einem weiteren Anlaß zu Gefühlsbethätigungen auszu—⸗ weichen, die als Beweis für seine unaufhörliche Klage um die Verstorbene gedeutet werden konnten.
„Wie kommen Sie zu diesem— Exinnerungs— zeichen?“ fragte er dann langsam, mechanisch, und
Medaillon vorgelegt, von dem man vermutete, daß es Thekla verloren hätte— eine Mutmaßung, die ssich ihr durch diese Handschrift, die sie im Innern der Kapsel gefunden, denn auch unzweifelhaft be⸗ stätigt habe. 555
Degenstein nickte, aber es schien fast, als habe ser die Erklärung der Baronesse nicht angehört. Nun hob er den kleinen Zettel abermals zu den Augen empor und las ihn mit großer Aufmerk⸗ samkeit.
„Chlobonitz, den 2. Februar 1889. 5 birg auch Du, und nur Du, kleine Kapsel, Herz an meiner Hand, die große Botschaft, die das Herz in meiner Brust erzittern macht! Vor vier Tagen
himmlisch begnadet durch die endlich zur Gewißheit gewordene Ahnung: Du bist Mutter! Norbert, dem ich es heut früh gestand, war zuerst sprachlos vor Entzücken. Jetzt regt sich in mir die Hoffnung: Das wird uns wieder ver⸗ einigen!— Gott geb' es!— Noch will ich's niemand sonst sagen— Norbert meint, es sei nicht angenehm, Nachbarn und Domestikenvolk davon schwatzen zu wissen. Und es ist ja auch köstlich, so ein süßes Geheimnis zu hegen!“
Degenstein hob den Kopf, sah der Reibe nach in die drei Gesichter, die an seiner Miene hingen, und— las dann die ganze winzige Schrift, Zeile um Zeile, nochmals mit dem größten Jnuteresse durch.
Hierauf griffen seine Finger zu, als wollten sie das Papier zerpflücken, da intervenierte aber Adele, indem sie rasch seine Hand faßte.
„Nicht doch! Lassen Sie es mir, dieses Au— denken, Norbert, wenn Sie sich nicht schon über— winden können, es selbst zu behalten! Ich verspreche Ihnen, es nie wieder vor Ihren Blick kommen zu lassen und seiner nie zu erwähnen. Ich wollte ja überhaupt, ich hätte Ihnen den Schmerz dieser traurigen Erinnerung erspart!“
Der Graf verneigte sich galaut, etwas starren Lächeln auf den Lippen.
„Es ist— was Eigenes um solche Erinne— rungen“, sagte er nach einer Weile.„Thekla war immer etwas träumerisch angelegt; symbolische Handlungen waren ihr zuweilen Bedürfnis. Aus einem solchen muß der wunderliche Eutschluß ent— sprungen sein, ihre Hoffnungen— das süße Ge⸗ heimnis, wie sie da sagt— gewissermaßen verbrieft und besiegelt zu hinterlegen. Sie ahnte nicht, wie bald diese Zeilen zu einer— Hinterlassenschaft werden sollten.— Mir hätte es zu weh gethan, das Geheimnis, das ich mit ihr begraben glaubte, im teilnehmenden Freundeskreise hinterher nach zu
mit einem
noch mehr seelisch als körperlich krank— heute
offenbaren. Ich glaubte das Traurige besser allein zu
tragen.— Nun scheinen allerdings die indiskreten Blicke gänzlich fremder Personen dies schwärmerische Selbstbekenntnis der armen Frau entweiht zu aber
„Ich glaube, nein“, erwiderte Adele und er— zählte, wie sie zu der Kapsel gekommen war. Der Finder des Medaillons scheine von dem eigenartigen Verschlußsystem desselben keine Ahnung gehabt zu haben. Audernfalls hätte er ja des darin befind- lichen Zettelcheus doch erwähnen müssen, als eines Faktors, der auf die Spur der Verlustträgerin leiten könnte.
Sie zeigte ihm jetzt auch das blaue Herz und die Art, wie dessen zwei Hälften zusammengefügt werden konnten.
„Thekla trug es an einem in derselben Farbe emaillierten Armband. Ich habe es damals getreu— lich auf ihr Portrait gesetzt, ohne mich jetzt noch daran erinnern zu können. Der Bediente des Attachés Fröden glaubte es gleich zu erkennen.— Und Sie, Norbert, wissen sich auch nicht mehr darauf zu besinnen? Ich dachte, es wäre vielleicht ein Geschenk von Ihnen selbst— in Neapel ge— kauft, wie die Inschrift darauf erraten ließe.
Degenstein drehte das Berlok kopfschüttelnd zwischen den Fingern.
„Von mir rührt es nicht her. Thekla mag sich das Ding— samt dem Armband, von dem Sie sprechen— wohl während unseres Aufenthaltes in Neapel selbst gekauft haben. Sie hatte viel Freude an so zierlichem Schmuck und besaß eine große Menge davon. Ich kaun nicht behaupten, gerade dieses an ihr gesehen zu haben.— Wo und wann soll es übrigens gefunden worden sein?“
„Das habe ich den Mann eigentlich zu fragen vergessen. Ich habe der ganzen Angelegenheit ja erst später, als ich den Inhalt des Berloks ent— deckte, Bedeutung beigelegt.“
„Der Lakai mag es vielleicht schon aus dritter vierter Hand haben“, setzte die Baronin
oder
—
einstigen Domestiken
—
hinzu,„von einem Ihrer auf Chlobonitz.“ (Fortsetzung folgt.)
— Wider die Haberfeldtreiber. Die Unter⸗ suchung gegen die bayrischen Haberfeldtreiber schreitet, wie die„Allgem. Ztg.“ offiziös berichtet, rasch vorwärts.„In höheren Juristen- und Verwaltungskreisen giebt man sich der Hoffnung hin, daß der Abschluß des Verfahrens dem ebenso eigenartigen wie gefährlichen Unwesen endlich den Todesstoß versetzen könnte. Wenn es früher hieß, daß das Haberfeldtreiben eine Art von Sittengericht darstelle, so ist doch dieser Nimbus längst gründlich zerstört worden. Es wurde vielmehr erst neuerlich wieder nachgewiesen, daß beim Haberfeldtreiben(z. B. im vorigen Jahre bei einem solchen nächst Nikasreut) auch die harmlosesten, unbe⸗ scholteusten Leute der schändlichsten Dinge bezichtigt werden, und daß der bekannte, sonst an das Epigramm streifende Witz der Oberländer mit der größten Rohheit vertauscht worden ist. Solche sonderbare„Sittengerichte“, bei denen überdies die self made Richter jeden Augenblick bereit sind, den sie etwa störenden Gendarmen und Soldaten eine Kugel in den Leib zu jagen, vertragen sich selbstver⸗ ständlich mit der Ordnung und Sicherheit der Bürger in einem geordneten Staatswesen nun und nimmermehr. Es hat sich auch, wie man schon länger annahm, jetzt heraus⸗ gestellt, daß sich unter den Haberern selbst seyr unlautere Elemente befinden. Die Sympathien, welche das Haber⸗ feldtreiben in früherer Zeit selbst in gebildeten Kreisen ge⸗ funden hatte— namentlich in romantisch angehauchten und in solchen, welche das Haberfeldtreiben eine kernige, altbayerische Sitte nannten,— scheinen ganz verschwunden zu sein. Das Merkwürdigste vielleicht, was die diesmal mit mehr Glück als sonst eingeleitete Untersuchung gegen die Haberfeldtreiber zu Tage fördert, ist— neben der Erscheinung, daß es endlich einmal zu Geständnissen kam — für jeden Kenner von Land und Leuten die Thatsache, daß von diesen in mancher Gefahr gehärteten rauflustigen Leuten, die nach einem Miesbacher Trutzlied selbst mit dem Teufel raufen, jetzt viele nur aus Angst bei Haber⸗ feldtreiben mitgethan haben wollen; aus Angst vor dem „roten Hahn“ und den treffsicheren Büchsen ihrer Genossen.
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