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28.4.1896
 
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Gießen, Dienstag, den 28. April

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Redaktion:. Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.. Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die öspaltige Petitzeile. 20 Kreuzplatz Nr. 4.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 27. April.(Militärdienst⸗ nachrichten.) Frhr. v. Autenried, Premier⸗ lieutenant vom Inf.⸗Regt. Kaiser Wilhelm(2. Großh. Hess.) Nr. 116, der Gewehrfabrik in Er⸗ furt zugeteilt. Strohe, Vizefeldwebel vom Land⸗ wehr⸗Bezirk Frankfurt a. M., zum Sekondelieu⸗ tenant der Reserve des Inf.⸗Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 befördert.

* Gießen, 27. April. Dem Schullehrer Johannes Krausmüller zu Heimertshausen, Kr. Alsfeld, wurde eine Lehrerstelle an der Ge⸗ meindeschule z Wieseck, Kr. Gießen, über tragen; am 13. April wurde der Schulverwalter an der Taubstummenanstalt zu Friedberg, Friedrich Usinger, zum Lehrer an dieser Anstalt, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer, an demselben Tage wurde der Schulverwalter an der Taubstummenanstalt zu Bensheim, Karl Schott, zum Lehrer an dieser Anstalt, unter Belassung in der Kategorie der Volksschul⸗ lehrer, ernannt. Erledigt ist: eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Volksschule zu Worms, mit einem Anfangs- gehalt von 1290. jährlich.

* Gießen, 27. April. Der Bericht des ersten Ausschusses der zweiten Kammer über die Vorlage der großherzogl. Ministerien des Innern und der Justiz sowie der Finanzen, die innere Einrichtung des Neubaues des hygiei⸗ nischen Instituts in Gießen betreffend Berichterstatter Abgeordneter Haas(Offenbach) kommt zu dem Antrage, die Kammer wolle: 125 Zweck des Betriebs des hygieinischen Instituts

er Landesuniversität der Großh. Regierung zu

Lasten der Ueberschüsse vorderer Finanzperioden, a) 105 einmalige Anschaffungen die Summe von 53 100 4 und b) für den laufenden Betrieb im Wintersemester 1896/97 die Summe von 1910. zur Verfügung stellen.

* Gießen, 27. April. Das gestrige Abend⸗ konzert der Kraußeschen Kapelle in Steins Garten war trotz des schönen Nachmittags doch gut besetzt. Der Spielzettel bot viel neue Nummern, und war es besonders das Duett aus der Oper Linda von Donizetti für Trompete und Posaune, welches allgemeinen Beifall fand. Die wiederholte Darbietung zweier Märsche auf den historischen Heroldstrompeten wurde ebenfalls applaudiert 115 mußte Herr Krauße noch einen Marsch zu⸗ geben.

* Gießen, 27. April. DerZitherkranz veranstaltete gestern im Festsaale des Café Leib eine mit Zitherkonzert verbundene Abendunter⸗ haltung, welche in jeder Hinsicht als eine wohl⸗ gelungene bezeichnet zu werden verdient. Wie hochgeschätzt die Veranstaltungen des ge nannten Vereins im allgemeinen sind, bewies die außerordentlich große Beteiligung; auch eine An⸗ zahl Mitglieder des Zithervereins Marburg hatte der Einladung Folge geleistet. Die musi⸗

kalischen Darbietungen, bei denen der Zitherverein Alpenröschen, sowie eine Anzahl sonstiger Spieler mitwirkten, erregten den größten Beifall, sodaß sich der Dirigent zu verschiedenen Zugaben veranlaßt sah. Unter den Gesamtchören dürfte das von dem hochgeschätzten Dirigenten, Herrn Arnold, komponierte TonstückKlänge aus dem Lahnthal am besten gefallen haben. Der WalzerIn frohen Stunden, von dem Damen⸗ chor zu Gehör gebracht, war allerliebst. Den theatralischen Teil hatten tüchtige Kräfte in die Hand genommen. Mit einem Tanzkränzchen wurde der schön verlaufene Abend geschlossen. Gießen, 27. April. Sein 32. Stiftungs⸗ fest feierte am Sonnabend Abend der Bauer'sche Gesangverein in den Lokalitäten von Steins Garten. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich eine zahlreiche Teilnehmerschaft eingefunden, deren Erwartungen durch die auf dem trefflich gewählten Programm vorgesehenen Darbietungen bei weitem übertroffen wurden. Welche Wirkung die vorgetragenen Gesamtchöre bei den Zuhörern hervorriefen, bewies wohl am besten die lautlose Stille, welche während der Vorträge bewahrt wurde. Den Dank für seine erfolgreiche Wirk⸗ samkeit mag Herr Dirigent Polster in dem guten Gelingen der gesamten Aufführung erblicken. In äußerst animierter Stimmung wurden die Teilnehmer bei Tanz und sonstiger Kurzweil bis zum frühen Morgen beisammen gehalten. Gießen, 26. April. Gestern Abend tagte im Vereinslokal(Postkeller) die Generalver⸗ sammlung des kauf männischen Ver⸗ eins. Auf Antrag des Vorstandes beschloß die Versammlung Punkt 9 der Tagesordnung, Er⸗ bauung eines Hauses für die kaufmännische Fach⸗ schule und Vereinszwecke alssden am wichtigsten zur Debatte stehendeu Gegenstand zuerst zu be raten. Der Redner teilte mit, wie nach dem letzten Generalversammlungsbeschluß zwei Mit glieder des Vorstandes beim Oberbürgermeister gewesen, um denselben wegen einer nochmaligen Prüfung neuer oder abgeänderter Pläne zu bitten. Derselbe habe sich zwar Anfangs ab lehnend geäußert, habe aber sehr liebens würdig den Rat erteilt, sich mit der Firma, Stein u. Meyer erst in Verbindung zu setzen, so daß man geglaubt habe, die e e sehr ernst nehmen zu müssen. Stein und Meyer aufgefordert, sich an einem neuen Wettbewerb zu beteiligen, haben dies abgelehnt. Der Vor⸗ stand habe dann noch einmal versucht, die Herren durch ein Schreiben zu bewegen, neue Pläne einzureichen, aber auch dieser Versuch sei ge⸗ scheitert. Die heutige Generalversammlung sei berufen, nun weitere Entscheidungen zu treffen. Es gäbe drei Wege mit Stein u. Meyer die Differenz zu ordnen. 1) Man zahle der Firma um dieselbe abzufinden, das Honorar von ca. Mk. 1200. Ein dem Verein nahe stehender Herr habe für diesen Fall in Aussicht gestellt, den Betrag zur Verfügung zu stellen. 2) Man übertrage der Firma die Ausführung des Baues

oder 3) Man lasse es darauf ankommen, daß die Firma den Verein verklage. Es sei nun an der Versammlung das Richtige zu treffen. Journalist Wohlmuth kritisirt die Art und Weise wie der Vorstand diese Sache von Anfang an behandelt hat. Die erste Generalversamm⸗ lung, welche sich mit dieser Frage beschäftigte, habe dem Vorstand nur Vollmacht erteilt, Bau⸗ gelder zu sammeln und mit der städtischen Be hörde wegen kostenfreier Ueberlassung eines Bau⸗ platzes zu verhandeln. Der Vorstand sei über diese Vollmacht hinausgegangeu. Redner schildert ausführlich die seitherige Entwickelung der An gelegenheit. Es seien Fehler gemacht und diese seien nur wieder gut zu machen, wenn die Versammlung heute einstimmig dem Ausspruch der Jury beitritt und beschließt, der Bau wird nach dem Projekt von Stein u. Meyer ausgeführt. Es folgt eine sehr lebhafte Diskussion, an der sich die Herren Emil Horst, Gebhardt, Orbig, Grüne⸗ wald, Rosenbaum, Noll, Vaubel und Stadtverordneter Scheel beteiligen. Es wird allgemein anerkannt, daß Fehler gemacht seien, daß der Verein es auf einen Prozeß nicht an⸗ kommen lassen wolle und daß es wohl das Rechte sei, den Plan der Architekten Stein u. Meyer aus⸗ zuführen und diesen die Bauleitung zu übertragen. Stadtverordneter Scheel erklärte, daß er als Mitglied der Jury dem Beschluß derselben nicht beigestimmt habe, daß allerdings eine förmliche Abstimmung unter den 6 Mitgliedern der Be⸗ urteilungskommission nicht stattgefunden, daß aber auf die Frage ob einer der Herren Ein wendungen gegen den Spruch der Jury habe, Herr Orbig diesen Einspruch nicht erhoben hätte und somit stillschweigend seine Zustimmung erteilt habe, selbst wenn er das erst später aufgenommene Protokoll auch nicht unterzeichnet habe. Hierauf nahm die Versammlung folgenden von H. Noll gestellten Antrag einstimmig an.Die Herren Stein und Meyer werden mit der Ausführung des Baues beauftragt. Sie führen den Bau für 32000 nach dem Programme der kom⸗ binirten Pläne A. und B. und den von der Be⸗ urteilungskommission bestimmten Abänderungen ohne jede Nachforderung aus. Als Baukom⸗ mission werden gewählt: C. Orbig, der Vor⸗ sitzende der Handelskammer, die Kommerzienräte Heyligenstädt und Heichelheim und Georg Böhm. Der Baukommission wird nachgegeben bis zu 1 1000 über die Summe von 32 000 hinaus für Verbesserungen, die sich eventuell während des Baues als vorteilhaft herausstellen, bewilligen zu dürfen.(Schluß folgt.)

* Gießen, 26. April. Auch dieFrankfurter Zeitung teilt die von juristischer Seite in unserer Nummer 98 geltend gemachte Meinung über die Folgen der Uebernahme eines Staats⸗ amts durch den Reichstagsabgeordneten Köhler und sie belegt ihre Auffassung, daß das Mandat erlösche, durch Beispiele aus der parlamentarischen Praxis. In der That rüsten die Parteien sich auch bereits auf die bevorstehende Neuwahl; es

haben schon Vorstandssitzungen stattgefunden. Am besten vorbereitet dürfte die sozialdemokratische ö f Partei durch ihre ununterbrochene Agitationsarbeit sein. Antisemiten, Bund der Landwirte, Na⸗ tionalliberale, Rechtsfreisinnige, Linksfreisinnige, Sozialdemokraten an Kandidaten wirds nicht

fehlen! 26. April.

Gießen, Der neugewählte Vorstand und Aufsichtsrat der Gießener Om nibusgesellschaft hat sich gestern konstituiert. Der Vorstand besteht aus den Herren Adami, Hanau und Kirch, welche die Geschäste unter sich verteilen, der Aufsichtsrat(bestehend aus den Herren Flett, Kitz, Heichelheim, Grünewald, Becker) wählte Herrn Rechtsanwalt Grüne⸗ wald als Vorsitzenden, Herrn Rentner Flett als Schriftführer. f

Lollar, 27. April. Der Müller Frey, der schon seit längerer Zeit krank war und Spuren 5 von Geistesstörung gezeigt haben soll, suchte und fand gestern Mittag seinen Tod in der Lahn, nahe der Badenburg.

Butzbach, 26. April. Den Touristen und Naturfreunden bieten Touren und Spaziergänge nach verschtiedenen Richtungen der Umgebung unserer Stadt viel Anregung und Genuß. Die schönen Wälder und Walddörfer sind dem Wanderer 1 zugänglich gemacht, indem vor mehreren Jahren der Hausberg- und Verschönerungsverein Butzbach Weg bezeichnungen anerkennenswerter Weise anbringen ließ. Um sich über dieselben orientieren zu können, sind zwei Hauptstationen errichtet, die eine an der Restauration Kalbfleisch, die andere 1 auf dem Hausberg.

Grünberg, 26. April. Eine Frau, die im Keller mit dem Auslesen der Kartoffeln be⸗ schäftigt war, wurde bei dieser Arbeit vom To 9. überrascht. Ein Hirnschlag hatte die erst 23jährige, seit einigen Monaten verheiratete blühende Frau dahingerafft. Kurz vorher war dieselbe noch bei ihren im Nachbarhause wohnenden Eltern gewesen und hatte dieselben im besten Wohlsein verlassen. 6 Der Schmerz der Angehörigen findet allgemein herzlichste Teilnahme. ö ö

* Darmstadt, 26. April. Der zweiten Kammer ist das Ansinnen gestellt worden, dem Gesetzentwurf sowie dem Staatsvertrag betr. die Herstellung einer Nebenbahn von Friedrichsdorf nach Friedberg die Zustimmung zu erteilen. 1

* Mainz, 26. April. Die 42 jährige Dienst magd Anna Maria Ketterer aus Hechelsheim hat sich im Hofe des Urmetzer'schen Hauses erhängt. Auf einem in ihrem Zimmer hinterlassenen Zettel standen die Worte:Adieu liebe Herrschaft! Das übereifrig fromme Mädchen scheint die That in religibsem Wahn verübt zu haben.

Vermischtes.

Teuflische Bosheit. Einen Akt absch lichster Bosheit begingen am Freitag zwei vierzehnjährig Fabrikarbeiter in Langenbielau(Schlesien.) Es gelang ihnen, ein Stück giftigen Farbstoff aus der Fabrik, in

Sascha. 5 Novelle von Graf Günther Rosenhagen. (Fortsetzung.)

Sie hatte sich von ihrem Lager halb erhoben, sie stützte den schönen Kopf mit dem dichten, blonden Haar auf die schmale, weise Hand, der man die harte Arbeit, die sie oft verrichten mußte, nicht ansah, und schloß sinnend die Augen.

In einer großen deutschen Handelsstadt als die älteste Tochter eines hohen Beamten in sorgloser glücklicher Jugend aufgewachsen, hatte Vera sich, kaum 19 Jahre alt, mit dem reichen und auge sehenen Herrn von Smirninghoff, der in einer russischen Hafenstadt ein großes Handelsgeschäft be⸗ saß, vermählt. Nur mit Widerstreben hatten die Eltern ihre Einwilligung gegeben, in dem sicheren Gefühl, daß die Ehe mit dem um viele Jahre älteren Mann keine glückliche werden würde. Aber mit ihrem heiteren, hellen Lachen hatte sie jeden Widerstand überwunden. Die Hochzeitsreise führte sie nach dem Süden, aber die Freude und der Genuß, die sie sich hiervon versprochen hatte, blieben aus. Lag es an ihr, lag es an ihrem Gatten, dem jede Unbequemlichkeit etwas Entsetzliches, jeder Ausflug etwas Furchtbares war und der sich nur wohl fühlte, wenn er die reichbedeckte Tafel vor sich sah sie wußte es nicht. Sie drängte nach Hause, seinem schönen Rußland, seinem Heim, von dem er ihr Wunderdinge erzählt, nach den eigenen vier Wänden, in dem sie fortan wirken und schaffen und die ihr die Heimat ersetzen sollten. Aber auch hier fand sie das ersehnte Glück nicht. Ihr Gatte,

kam erst gegen Abend nach Hause und sein durch die angestrengte Arbeit ermüdeter und abgespannter Geist verlangte dann nach Erholung, Erheiterung und Zerstreuung. Gar bald bemerkte sie, daß sie nicht im Stande sei, ihren Mann zu unterhalten und daß sie allein ihm nicht genüge, obgleich sie klug und stets heiter und fröhlich war. Kein Tag verging ohne Gäste. Die Vorbereitungen für die vielen opulenten Mahlzeiten nahmen ihre ganze Zeit und Thätigkeit in Anspruch, denn nur das Beste und Feinste war gerade gut genug für ihren Manu; er war ja reich und konnte sich jeglichen Luxus ge statten. So verrann ein Monat nach dem andern, immer nur in der Sorge für die Befriedigung seiner materiellen Leidenschaften.

Nach einem Jahr gebar sie den Knaben, der nach seinem Vater in der Taufe den Namen Alexander erhielt, doch mit der russischen Abkürzung stets Sascha genannt wurde. Die Freude ihres Mannes über den Sohn kannte keine Grenzen, er überhäufte sie mit Geschenken und den frei giebigsten Beweisen seiner Dankbarkeit und fast schien es, als ob das Kind ihr bringen würde, wonach sie fich bisher vergebens gesehnt hatte die Liebe und das Interesse ihres Gatten. Aber sie hatte sich getäuscht, er war und blieb ihr fremd. Unter dem Vorwande, daß die Unruhe im Hause, das Weinen des Kindes seinen ohnehin überreizten und überarbeiteten Nerven schade, brachte er selbst die Abende außerhalb zu, bis die wiederhergestellte Gesundheit seiner Frau und das zunehmende Alter des Knaben ihm gestatteten, den geselligen Verkehr

in den eigenen vier Wänden wieder aufzunehmen.

So lebten sie nebeneinander weiter, in der scheinbar glücklichsten Ehe.

Stets behandelte er Vera mit der vollendetsten Rücksicht, er war der gentleman comme il faut, der Kavalier vom Scheitel bis zur Zehe gegen Andere eben so sehr wie gegen sich selbst, nie kam ein unfreundliches oder gar böses Wort über seine Lippen, schon weil er geglaubt hätte, dadurch in seiner eigenen Achtung und in seiner Selbstschätzung zu sinken. Wie zwei gute Kameraden gingen sie nebeneinander her, nur durch Gewohnheit und den Besitz des Kuaben verknüpft. Aber was ist Freund schaft für ein Herz, das sich mit allen Fasern nach Liebe sehnt? Alle Beweise der Freundschaft, seien sie noch so wahr und aufrichtig, sind nichtig und wertlos gegen die Seligkeit der kurzen und doch eine Welt an Glück enthaltenden Worte:Ich liebe Dich.

Die zahlreichen Gäste, Freunde und Bekannten ihres Mannes, die täglich in ihrem Hause aus und ein gingen, für die zu sorgen und den Tisch zu be reiten ihre ganze Lebensaufgabe gewesen, waren ihr fremd und gleichgültig geblieben. Als Deutsche geboren und erzogen, vermochte sie sich nur schewer an die neue Umgebung und deren fremde, den ihrigen oft ganz zuwiderlaufende Ideen zu gewöhnen. Mit einem strengen, stark entwickelten Rechtsgefühl ausgestattet, verachtete sie die Bestechlichkeit und Verlogenheit, die sich bis in die ersten Kreise er streckte. Auch ihre Bemühungen, zu helfen und der bitteren Armut, dem oft grenzenlosen Elend in den unteren Schichten der Bevölkerung entgegenzu treten, fanden weder Verständnis noch Teilnahme.

Mehr und mehr schloß sie sich ab und ging ihren stillen Weg für sich. Nur einen Einzigen von Allen sah sie gern bei sich und freute sich jedes Mal aufrichtig über sein Kommen das wa

Iwan von Markewitz. Er war der jüngste vo den vier Söhnen eines russischen Edelmannes, dessen alter Name weit und breit guten Klang halte. Im Auslande, hauptsächlich in Deutschland er zogen, war Iwan mit fünfundzwanzig Jahren, nachdem er vorher nocheine Weltreise unternommen, in die Heimat zurückgekehrt und hatte sich dort niedergelassen. Eine feste Thätigkeit hatte er nicht, da der Arzt ihm, wegen eines geringen Lungen⸗ leidens, jede anstrengende Arbeit untersagte, und er, als verwöhnter Sohn eines reichen Vaters den Wunsch nach Arbeit auch nicht sehr mächtig in sich fühlte. Mehr aus Gefälligkeit gegen Herru vo Smirninghoff, als um daraus einen Nutzen 3 ziehen, hatte er das ihm bei seiner Mündigkeit zu gefallene große mütterliche Erbteil seine Mutter war schon bald nach seiner Geburt gestorben diesem in das Geschäft gegeben und war stille Teilnehmer an dessen großartigen, stets vom Gl begünstigten Unternehmungen geworden. Von Zei zu Zeit unternahm er eine Reise auf die Besitzunge seines Vaters, sah hier und dort nach dem Rechten verwaltete das Vermögen seiner Brüder, die ale Offiziere bei einem Gardekavallerieregiment in Petersburg standen und hatte hiermit nach seinen Meinung vollstäudig genug zu thun, mehr, als ihn manchmal lieb war. 0

(Fortsetzung folgt.)