Gießen, Sonnabend, den 27. Juni
1896.
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Ausgabe
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Gießen.
degzel
Redaktion:
6e Kreuzplatz Nr. 4. 8
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
okales und Provinzielles.
buon a e Sießen, 26. Juni. Die Landwirte 10 000 a feinrich Semmler⸗Ehringshausen, Konrad . a borst Groß⸗Felda und Karl Heinrich Römer stern eulstan koß⸗Felda hatten sich heute vor der Straf- Pilger 1. Emmer wegen Körperverletzung zu verant⸗ ⸗sozialen 5 orten. Die Genannten kamen am 24. Okober
ebräle. m Markt zu Rupperterod. Römer hatte auf „Juni.( 155 Wagen die Schweine der Andern ge— slünderte.(den, welche diese auf dem Markt erhandelt eiche Hau atten. Hinter ihnen fuhr auf einem andern und ern Hagen der heute als Zeuge vernommene Knecht konnte 1 Iräbert von Alsfeld. Mit diesem kamen die snageklagten in Streit, zu dem der Horst die seranlassung gab. Es kam zu Thätlichkeiten, sobei ein Schirm und ein Rohrstock und die seitsche eine Rolle spielten. Die dem Träbert gefügten Verletzungen waren nur geringfügige. as Schöffengericht in Alsfeld hatte den Haupt— lastungszeugen Träbert wegen Verdacht der ellnahme nicht vereidet und die Angeklagten, heil sie sich in der Notwehr befunden, freige⸗ hrochen. Die Staatsbehörde legte Berufung in, weil der Zeuge Träbert hätte vereidigt baden müssen urd weil die Ausicht des Schöffen. brichts über das Vorhandensein der Notwehr 101 richtig sei. Der Fall an und für sich läge u milde, doch hätte der Zeuge Träbert eben⸗ s angeklagt werden müssen. Er bittet gegen uin Angeklagten mildernde Umstände zu billigen, igen Semmler 30, gegen Horst 10 und igen Römer auf 20 Mark, eventuell für 1
nagoge. 1896.
g, Verantw. J Ottmann, bebe
15 Mark 1 Tag Haft erkennen zu wollen. seechtsanwalt Dr. Fuhr, der Verteidiger des Augeklagten plaidirte auf Freisprechang. Der herichtshof hob das Urteil des Schöffen—
Feiichts auf mit der Begründung, daß sich jeder der Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzeuges schuldig gemacht, daß jedoch den Angeklagten, mildernde Umstände zuzubilligen ien. Semmler wurde zu 20 J, Horst zu 15% und Römer zu 10 x Geldstrafe ver—
Die Kosten beider Instanzen fallen den
1 urteilt.. ler Angeklagten zur Last. Der Gerichtshof sprach
die Erwartung aus, daß die Staatsanwaltschaft auch gegen den Zeugen Träbert vorgehen werde, um nach dieser Richtung gleiches Recht zu schaffen. Gießen, 26. Juni. Am Turnfest des Gaues Hessen, welches am Sonntag in Bü⸗ ngen stattfindet, beteiligen sich vom Turn⸗
Hitteilung, du rose Sal. zur Verfües
dieser Umstand hat den Bedauernswerten in den
Lehrervereins Anfang Juli in unserer Stadt ein Konzert zu geben. Die Sängerschaar, welche Bedeutendes leisten, soll besteht aus Volks— schullehrern des Kreises Wetzlar.
* Gießen, 26. Juni. Der gestern erhängt aufgefundene Arbeiter war von Mainz eines Leidens wegen zur Consultation in die hiesige Klinik gekommen. Hier erfuhr er, daß ihm ein Arm amputirtwerden müsse, und
Tod getrieben.
* Gießen, 26. Juni. Hineingefallen. Gestern Nachmittag wurden einem Augestellten einer hiesigen Weinhandlung 6 leere Flaschen von einem Stoßkarren gestohlen. Vermutlich hatte es der Dieb auf die vollen Flaschenu abgesehen, die der Bursche der Wein— handlung gerade gegen die leeren ausgetauscht hatte. In diesem Falle war wohl mehr der Dieb als der Bestohlene der Hineingefalleue.
* Gießen, 26. Juni. Heute in aller Frühe wurde ein Hausbursche eines Spezererwaren— hauses, unter dem Verdacht, seinen Arbeitgeber fortgesetzt bestohlen zu haben, in Haft genommen. Der Verhaftete räumte teilweise die Sache ein. Der Arbeitgeber wurde durch ano— nyme Briefe darauf aufmerksam gemacht, welch ungetreuen Menschen er beschäftige.
L. Gießen, 25. Juni.„Som mierwohnung!“ — Einigen weckt das bedeutsame Wort Gefühle der Freude im Busen, andere denken mit heimlichen Seufzern daran. Denn es ist leider nichts anderes in dieser un⸗ vollkommensten aller Welten: Einige haben das nötige Kleingeld und Audere nicht. Einige ziehen„auf Sommer— wohnung“, ohne sich deswegen Entbehrungen auferlegen zu brauchen, Andere knickern und knausern das ganze Jahr, um in den Sommerferien und während des Som—
merurtaubs etliche Wochen auf dem Lande leben zu können. Wenn sie verheiratet sind, womöglich mit Kind
und Kegel, damit sie den lieben Kollegen und befreundeten Familien nur ja recht gehörig imponiren! Lieber sich bis aufs Aeußerste eiuschränken und daheim das Not⸗ wendigste versagen, lieber hungeru und frieren oder Schul— denmachen, als offen einzugestehen, daß die knappen Mittel zu einer Sommerreise, einem sommerlichen Landaufenthalt nicht reichen. Wir übertreiben nicht, wenn wir behaupten, daß die ominöse„Sommerwohnung“, die durchaus be⸗ zogen werden muß, schon zahlreiche Familienväter ins Unglück gestürzt hat. Dann leider gehört der Luxus, sich eine„Sommerwohnung“ zu„leisten“, vielfach zum soge⸗ nannten„guten Ton“ und die Gebote des„guten Tons“ müssen strenger respektirt werden, als die Gebo te der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Wir göunen gewiß jedem von Herzeu das manchmal recht
ländlichen Umgebung keine Erholung und innere Ruhe. Und übrigens: ist es denn im Sommer thatsächlich zu Hause so unerträglich, daß man durchaus in die Ferne schweifen muß? Das Gute liegt oft näher, als man glaubt und die Genüsse, die man sich von der Ferne ver⸗ spricht, enttäuschen zuweilen selbst die bescheidensten An⸗ sprüche. Wir kennen wunderliche Leute, die alljährlich in entfernte Bäder und Sommerfrischen sich begebeu, aber die nächste Umgebung ihrer Heimatstadt nicht kennen und für laudschaftliche Reize, welche unweit der Stadt in verschwenderifcher Fülle sich ausbreiten, absolut kein Auge haben. Eine billige Fußpartie aufs nächste Dorf hinaus, in den nächsten Wald hinein ist oft lohnender, als ein kostspieliger Umzug in die auf Treue und Glauben, aber ohne Kenntuiß der Verhältnisse gemietete Sommer⸗ wohnung. Das sollten sich Alle gesagt sein lassen, die jetzt finster darüber nachgrübeln, wie sie die teuere Som⸗ merwohnung mit ihrem knappen Etat in Einklang zu bringen vermögen.
* Lollar, 26. Juni.(Berichtigung.) In unserem Bericht über das Feuerwehrfest sind die Aus⸗ führungen des Herrn Feller insofern unrichtig wieder⸗ gegeben, als derselbe nicht gesagt, daß Lollar die beste organisierte Feuerwehr in Oberhessen habe, sondern„daß Lollar eine der ersten Landgemeinden in Oberhessen ge— wesen, in der eine freiwillige Feuerwehr gegründet worden sei“.
D. Z. Aus dem Vogelsberg, 25. Juni. Im Felde wachsen heuer die Disteln in einer ganz erstaunlichen Menge. Wie gesäet stehen sie insbesondere auf den Hafer- und Gersteäckern, sowie auf den Kartoffelstücken. Werden diese Disteln nicht zur rechten Zeit, in welcher sie noch jung und zart sind, ausgejätet, dann bringen sie mehrfachen Schaden. Einmal dämpfen sie die wachsende Saat, das andremal entziehen sie dem Ackerboden seine besten Nährstoffe. Außerdem. aber erschweren sie später die Erntearbeiten, in— dem ihre Stacheln in die Hände dringen und oft peinlichen Schmerz verursachen. Endlich trägt ihr Ausxeifen sehr zu ihrer weiteren Aus— breitung bei, indem ihre Samen durch die leichte n Federkörnchen von den Winden nach allen Rich⸗ tungen getragen werden. Jetzt ausgestochen, liefern die jungen Disteln aber ein ganz vor— zügliches Futter für Rindvieh und Schweine. Die Landwirte sind deshalb fleißig am Distel⸗ ausjäten und bringen tagtäglich ganze Säcke voll nach Hause.
D. Z. Aus der Wetterau, 25. Juni. Von der Witterung begüustigt, schreitet der Eisen⸗ bahnbau auf der Strecke Friedberg-Hungen sehr rasch vorwärts. Die ganze Linie ist hin⸗ sichtlich der Vorarbeiten in vier Lose abgeteilt. Die Erdarbeiten des ersten Loses(Friedberg— Beienheim), sowie des vierten(Berstadt-Hungen) sind vollständig, die des zweiten Loses(Beien— heim⸗Wölfersheimer Bergwerk) zum größten Teil fertig. Auf der letzteren Strecke ist über den
breiten, tiefen Einschnitt bei Södel eine stattliche Bogenbrücke errichtet, welche eine Weite von vierzehn Meter besitzt. Die Unterbauten des dritten Loses(Wölfersheimer Bergwerk-Berstadt) sind, soweit solche für die Anlage des Bahnhofs bei Berstadt nötig sind, ebenfalls vollendet, während dieselben für die eigentliche Strecke erst vor wenigen Tagen in Angriff genommen werden konnten. Die Ober- und Hochbauten sollen nun auch schon in kürzester Zeit in Angriff genommen werden.
Darmstadt, 25. Juni. Die erste Stände⸗ kammer tritt am 13. Juli zu mehreren Sitzungen zusamm en.
* Offenbach a. M., 24. Juni. Herr Postdirektor Bruns, der seit vier Jahren dem hiesigen Postamt vorsteht, ist mit Wirkung vom 1. Oktober d. J. in gleicher Eigenschaft an das Hauptpostamt in Düsselderf versetzt worden. Die hiesigen Handels- und Gewerbekreise werden den sehr beliebten Beamten, der den starken Postverkehr in unserer Stadt stets zu fördern bemüht war, ungern scheiden sehen.
Mainz, 25. Juni. Der 18 Jahre alte Maurer Franz Joseph Kolb stürzte heute 18 Meter hoch von einem Neubau an der Taunusstraße und hat lebensgefährliche Verletzungen davongetragen.
* Mainz, 25. Juni. Die Garnisonverwal⸗ tung untersagt den Geschäftsleuten die Veröffeutlichu ig der Resultate von Sub⸗ missionen der Verwaltung durch die Zeitungen; sollte ein Submittent ermittelt werden, der gegen dieses Verbot verstoßen, so soll er für die Folge weder bei einer öffentlichen noch einer beschränkten Submission zugelassen werden. Wozu diese Ge— heimnisthuerei?
* Mainz, 25. Juni. Die Stadt Mainz hat bei der Großh. Staatsregierung angefragt, wie sich die Regierung zu dem Projekte der Ein⸗ führung der städtischen Fäkalstoffe in den Rhein verhalten würde. Die Regierung hat nunmehr mitgeteilt, daß sie dem Projekte sympathisch gegenüberstehe.
Vermischtes.
— Ein hübscher Zwischenfall spielte sich kürz⸗ lich, wie die„Berl. N. N.“ mitteilen, vor dem Haupt⸗ portal der Berliner Gewerbe-Ausstellung ab. Erschien da ein biederes Ehepaar mit zwei Knaben im Alter von zehn und zwölf Jahren. Der Mann, anscheinend ein Handwerksmeister, trat an den Billetschalter:„Was kostet der Eintritt?“„Fünfzig Pfennige“, entgegnete der Beamte.—„Auch für die Kinder?“—„Jawohl!“— „Für die wären doch 25 Pfennige auch genug.“—„Es thut mir leid, ich kann es nicht billiger machen, der Preis ist einmal so festgesetzt.“— Der Mann vor dem Schalter legt die Stirne in Falten und denkt nach. Zwei Mark
—
gen in mel, rein Gießen 50 Mann, vom Männer⸗ weifelhafte Vergnügen einer„Sommerwohnung“ raten tegel. Turnverein Gießen 40 Mann. Der T. V. 5500 10515 1250 dann eine solche zu mieten, wenn ö sellt 3 Musterriegen und 16 Preisturner, wäh⸗ man das Geld dazu wirklich übrig hat. Wer mit Hamel. gend der M.⸗T.⸗V. 2 Musterriegen stellen wird. Kummer und Sorgen auf Sommerwohnung zieht, weil 7* Gießen, 26. Juni. Dem Vernehmen nach er nicht weiß, wie er die Kosten des gewagten Unternehmens saratur elne. heabsichtigt der Sängerchor des Wetzlarer! wieder einbringen soll, der findet selbst in der herrlichsten r 2— n ͤ—ũ—ä—m———— Tascheuuhr 0 falls soll er mit größter Aufmerksamkeit bedient 1 R 8 0 e werden und mit mir zufrieden sein! Du hast ge⸗ eine Taschl ie eee 5 1 hört, was er verlangt— absolute Diskretion. Daß 0 +4 5 Machdruck verboten.) Du mir also fein den Mund hältst und die zart f 4(JFortsetzung.) nervige Dame mit keinem neugierigen Blick be— 0,40. 4 Inzwischen war draußen die bestellte Droschkelästigst!“ 8 00 dorgefahren, und Nazi stürmte wieder herein.„Seien Sie ganz beruhigt, Meister! Ich will
Uhr ein gust.
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„Hier ist der Wagen, mein Herr!“
„Danke!“ Der Fremde ließ ein Trinkgeld in Nazis schier von Freudeuschauern durchbebte Rechte gleiten und wandte sich zur Thür.
het 2„Also auf morgen abends, mein Lieber! Und iue 5.— daß Sie nicht vergessen; vermeiden Sie jede An—
rede der Dame, jede Frage! Sie ist, wie bemerkt, außerordentlich schüchtern.“
„Sie dürfen sich auf die delikateste Bedienung verlassen, mein Herr!“
„Ich will es hoffen!“
men; u, dan begnügte sic nicht vam, die adenchm
5 fel aufzureißen, sondern stürzte sogar hinaus, dem
tiefe 15 Fremden den Wagenschlag zu öffnen, während
en drang Meister Dingelmann sich an der Schwelle in oh. pendelartigen Verneigungen erschöpfte.
her Gro„Wohin?“ fragte der Droschkenkutscher von
lhose. stinem Bocke herab, respektvoll den Hut lüftend.
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Der Herr wollte rasch antworten, besaun sich aber— im Aublick des ihm wohl allzu dienstfertig erscheinenden Jünglings, der da den Wagenschlag hielt. *„Zum Café Maximilian!“ warf er dan kurz hin und stieg ein. 5 Der Mietwagen rasselte davon, und Prinzipal und Lehrling kehrten in den Laden zurück. „Das war einmal ein nobler Kerl!“ schwor Nazi begeistert.— Der Meister seufzte.
„Jg, solche Kunden könnten wir brauchen. Sthade! Es scheint ein Fremder zu sein, sonst hätte er sich kaum zu mir verirrt— und wird wohl nicht lange in unserer Stadt bleiben.— Na, jeden-
mich so dünn als möglich machen.“
„Schön. Die vornehmen Leute halten ja darauf, daß sie wie von geräuschlosen Maschinen bedient werden.“
Am Abend des anderen Tages rüstete sich Meister Dingelmann mit seinem jungen„Assistenten“ zum Empfange der in jeder Beziehung außer⸗ 1 Kundschaft— mit einer Alkkuratesse und einer stummen Feierlichkeit, als sähe er der verantwortungsvollsten Operation in seinem Berufe als„approbierter Bader“ entgegen. Genau fünf⸗ zehn Minuten vor Zehn mußte Nazi den Laden schließen, daß nur durch einen Thürspalt das Licht der Gasflamme auf die Gasse hinausdrang, den Erwarteten den Weg zu weisen.
Eine halbe Stunde später rollte eine Droschke in das Gäßchen und hielt vor dem Friseurgeschäfte.
„Da sind sie!“ lispelte Nazi, und der Prinzipal drohte ihm schon mit dem Finger, ihn zum Schweigen zu ermahnen, als hinge davon ihr
irdisches Heil ab.
Der Mann stieg zuerst aus und half einer dicht vermummten, weiblichen Gestalt aus dem Wagen.
Sie traten in den Laden, von Dingelmann und Nazi nur mit stummen Verneigungen begrüßt. Der Herr mit dem Cylinderhut sprach ebenfalls keine Silbe und bedeutete dem Friseur bloß durch einen Wink, den Laden zu schließen. Nazi that es in einer gewissen fieberischen Erregung, die von Sekunde zu Sekunde zunahm. Diese geheimnis umgebene Dame, die ihr Bruder mittlerweile zu einem Stuhl geführt hatte, fesselte sein ganzes Interesse. Ein
dunkler, grünlich schillernder Seidenpelz ohne Aermel umhüllte die schmächtige, kleine Gestalt vom Halse bis fast zu den Füßen, eine schwarzseidene Gesichts— larve mit dichtem Unterschleier ließ gerade nur die kleinen Ohren und einen schmalen Hautstreifen der Stirne frei; ein kostbarer, schwarzer Spitzen— shawl, mit vieler Grazie umgeworfen, bildete die Kopfbedeckung. Ihr Begleiter trug unter seinem Pelze ebenfalls schon das Maskenkostüm, wie aus seiner hellbraunen Beschuhung, dem grauen Trikot an den Waden und aus einer roten Sammetmütze zu ersehen war, die aus der einen Tasche seines Pelz⸗ rockes hervorsah. Zu diesem Aufzuge eines mittel— alterlichen Nobile, wie er gestern angedeutet hatte, mußte sein brünettes, gelbliches Gesicht mit dem pechschwarzen Haupt- und Barthaar ganz vorzüglich passen. Aber Nazi hatte nur einen ganz flüchtigen Blick für den Mann. Sein Hauptbestreben richtete sich darauf, die„schöne Unbekannte“ auszuforschen, — denn daß sie wirklich schön,„schön wie eine Göttin“ sein müßte, das war für seine jugendliche Phantasie eine sofort ausg machte Sache.
Der Bruder zeigte für sie eine ganz außer— ordentliche Sorgfalt. Er ließ es sich nicht nehmen, ihr selbst alle die Dienstleistungen zu widmen, die zur Vorbereitung des von Herrn Dingelmaun be— dungenen Toilettenwerkes gehörten. Er nahm ihr
geschickt das Spitzenfichu ab, nestelte ihr den Kragen des Pelzmantels auf und schlug diesen soweit über die runde Lehne des Frisierstuhles
zurück, daß der herrlich geformte, schneeweiße Nacken der Dame, umschlossen von dem goldgestickten Rande einer hellblauen, ausgeschnittenen Kostümtaille, sicht bar wurde.
Wenn aber Nazi darauf gerechnet hatte, nun auch endlich der Gesichtszüge der Dame ansichtig zu werden, so sollte er sich getäuscht haben. Dieser fatale„Bruder“ schien es sich in den Kopf gesetzt
welt verschlossen bleiben müsse. Er flüsterte ihr einige Worte in einer fremden Sprache zu, die sie nur mit einem leisen Kopfnicken beantwortete. Die Maske nahm er ihr nicht vom Gesichte Ja, als er bemerkte, daß Nazi unausgesetzt in den Spiegel
sah, vor dem die Dame saß, um wenigstens die Augen zu fixieren, die aus der Seidenlarve leuchteten,— da rückte er sie mit dem Stuhle so—
weit seihwärts, daß sie zwischen die beiden Wand— spiegel zu sitzen kam und nunmehr ihre Rückenseite zu sehen war.
Ehe Meister Dingelmann an sein Werk schritt, bedeutete er dem Nazi unter einem Rippenstoß, sich hinter den Vorhang des„Kämmerchens“ zurück— zuziehen. da er sofort wahrnahm, wie lästig dem eleganten Fremden die Gegenwart des neugierigen Burschen war. Nazi war aber gar nicht böse über diese Verbannung; jetzt brauchte er ja dem Prin— zipal nicht an die Hand zu gehen und konnte— durch Vermittlung eines Loches in dem ver— schlissenen Vorhange— seine Beobachtungen in un— gestörter Muße fortsetzen.
Meister Dingelmann löste den griechischen Knoten, in welchem das Haar der Dame aufge- bunden war. Die Maske war mit feinen Gummi— spangen an ihren kleinen, rosigen Ohren befestigt, sodaß sie bei der Aufgabe des Friseurs kein Hinder— nis bildete. Dingelmann war sehr überrascht von dieser Fülle herrlichen Haares, die seine kunstge— übten Hände entfesselten. Was war das für eine Marotte, diesem seltenen Blond, um das sie Tausende beneiden konuten, durch ein Färbemittel künstliche„Auffrischung“ verleihen zu wollen! Wäre er nicht so dringend genötigt gewesen, sich allen Launen seines Auftraggebers zu unterwerfen, so hätte er die Gegenvorstellungen des gewisseuhaften Fachmaunes nicht zurückgehalten. So begnügte er sich nur mit einem fragenden Blick, auf den der
zu haben, seine Schwester wie ein Märchengeschöpf zu behandeln, dessen Aublick der profanen Alltags—
Herr mit einem leichten Kopfnicken autwortete. (Fortsetzung folgt.)


