1896.
0
Gießen, Donnerstag, den 26. März
Ausgabe
Gießen.
indeszeitung
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
8
Erscheint täglich mit Ausnahme der
Preis der Anzeigen: 10 Pfg.
Tage nach Sonn- und Feiertagen. für die 5spaltige Petitzeile.
Expedition:
2 Kreuzplatz Nr. 4.
tokales und Provinzielles.
* Gießen, 25. März. Die gestern zu kurzer gung zusammengetretene Erste Kammer hd sich auch u. a. mit folgenden Anträgen resp. zorlagen zu beschäftigen haben:
1) Vorlage Großh. Ministeriums des Innern
n der Justiz, den Gesetzentwurf, die Gehalte
9 7 9 4 1 2 9 f 9 5
85 2
.
ch.
lung Man,
1%
pannte
Tietzelg. ganiogs
berg Hütten
N
für
el Volksschullehrer betreffend; 2) Antrag des Abg. Köhler, die Landes⸗ turgesetzgebung betreffend; ) Vorlage des Großh. Ministeriums des zmern und der Justiz, die Errichtung einer uten Zivilkammer in Mainz betreffend; 4) Eingabe des Bundes deutscher Frauenver⸗ e, die Anstellung weiblicher Gewerbe— uspektoren betreffend; 5) Antrag der Abgg. Wasserburg und Ge⸗ gien, Einführung der direkten Wahlen für den Aundtag betreffend. Gießen, 24. März. Kürzlich fand in funkfurt eine Versammlung der Bürger⸗ dister und Vertreter der hessischen glädte statt, um über den vom Vorstand der Aers⸗ und Invaliditäts⸗Versicherungsanstalt Darmstadt gemachten Vorschlag, gemeinsam ie Heilanstalt für Lung enleidende zu dichten, zu beraten. Die Vertreter der Städte guchen sich gegen die gemeinsame Errichtung ihr solchen Anstalt aus.— Es wäre jeden⸗ ls erwünscht, wenn man über den Grund dieser lehnung etwas Näheres erfahren könnte. Die zusicherungsanstalten häufen Riesenkapitalien 9 die jedenfalls durch Errichtung von gemein⸗ ben Anstalten am zweckdienlichsten angelegt drden. Gießen, 25. März. Unserm Liebig ist le der hölzerne Winterüberzieher gezogen worden. Das Denkmal des großen Femikers mit„seinen zwei Töchtern“ zeigt sich mehr wieder in seiner ganzen Pracht. “Gießen, 24. März.(Besitzwechsel.) Ingenieur Dr. Otto Dieffenbach verkaufte die Frankfurterstraße 57 belegene Besitzung für 00 A4 an den Kaufmann S. Gans hierselbst. Gießen, 25. März. Der Gießener Rad⸗ Aler⸗Verein— gegründet 1885— hat der hörde 16 Fahrer zur Verfügung gestellt, welche u Fall einer Mobilmachung zur schnellen Be⸗ üserung der Ordres sich bereit halten.— Heute aunen unsere Schutzleute mit der Verteilung Zettel für die zu entrichtende Staatssteuer 1896/97. Gießen, 25. März. Die Gediegenheit künstlerischen Leistungen im Zirkus Lorch ährte sich auch bei der gestrigen Vorstellung er glänzend. Es fanden alle Nummern des ogramms ungeteilten Beifall, der sich wieder⸗ at zu stürmischen Kundgebungen steigerte. Der
ee Teil des Programms wurde durch eine
ijorische Ausstattungspantomime, Mazeppa's itbannung in die Ukraine, in zwei Akten Asgefüllt, die allgemein gefiel. Der Besuch des Iikus war befriedigend. Heute Abend findet i letzte Vorstellung statt und empfehlen wir u, welche den Zirkus bis jetzt noch nicht be⸗ haben, das Versäumte heute noch nachzu—
Gießen, 25. März. Ostern steht vor Thür. Da ist es denn wohl erlaubt, be⸗ den zu fragen:„Lieber Leser und vor allem schöne Leserin— habt ihr schon eurer Oster—
U
toilette gedacht? Sicherlich dünkt den meisten von euch diese Frage recht unnütz. Natürlich haben sie längst daran gedacht! Seit Wochen schon hängt das neue Gewand fix und fertig im Schranke und harrt in Geduld des Moments, da es aus nächtigem Dunkel zu hellem Licht auferstehn und zu Glanz und Ansehen gelangen soll. Aber im Geiste sehen wir doch auch viele, die bestürzt bei unserer Frage zusammenschrecken. „Nein, daran haben wir leider noch nicht gedacht!“ gestehen sie kleinmütig, mit tiefem Seufzer, ein. Ja, lieben Leutchen, dann ist es die höchste Zeit, und wir raten euch dringend, nicht länger zu zögern. Haltet euch nicht erst mit Seufzen auf, sondern thut Geld in euern Beutel und eilt mit der bekannten Geschwindigkeit von Null Komma fünf zur Schneiderin oder zum Schneider. Sie werden euch nicht grade liebenswürdig empfaugen, das können wir euch schwarz auf weiß geben; denn sie haben jetzt, so kurz vor dem Fest, alle Hände voll Arbeit, und wenn ihr euch nicht aufs Bitten und Betteln verlegt, so werdet ihr schwer— lich ein offenes Ohr für eure Not finden und höflich, aber sicher, an die Luft gesetzt werden. Schneider und Schneiderin sind eben auch nur Menschen, sozusagen, und was über menschliche Kräfte geht, soll man ihnen, so schmerzlich es manchmal sein mag, nicht zumuten. Konntet ihr nicht bei Zeiten eure Aufträge erteilen? Besonders du, schöne Leserin: hattest du nicht Muße genug, die neuen Frühlingsmoden zu stu⸗ dieren und deine Wahl zu treffen? Entschuldige dich nicht mit Kindererziehung und häuslichen Hindernissen. Die kluge Hausfrau versäumt über dem Nützlichen nicht das Angenehme; sie feiert die Feste nicht nur durch schmackhafte Braten und delikate Saucen(wenn sie das nötige Klein⸗ geld dazu hat!), sondern ist allzeit bemüht, sie auch äußerlich würdig zu begehen, indem sie Feiertagskleider anlegt und sich im besten Staat dem bewundernden Auge des Gatten präsentiert. Denn unempfänglich für weibliche Reize ist selbst der bärbeißigste Haustyrann nicht, wenn sie nur in geschmackvoller Hülle ihm geboten werden; und grade zu Ostern, wo Mutter Natur allen übrigen Müttern mit leuchtendem Beispiel voran⸗ 957 wird er lieber denn je gute Miene zum ösen Spiel machen, wenn seine bessere Hälfte neben dem neuen Menschen auch ein neues Ge⸗ wand anziehen will. Hat er doch selbst zu Gunsten seiner Frühjahrstoilette einen tiefen Griff in den Beutel gethan und darf daher nicht schelten, wenn die Gattin, die teuere, das Gleiche von ihm verlangt. Freilich giebt es auch Fälle, und leider nicht wenige, wo traurige Familienverhält⸗ nisse, Not und Sorge aller Art, jede nicht grade notwendige Ausgabe verbieten. Hier öffnet sich ein weites Feld für edle Wohlthätigkeit, die wir so oft schon erfolgreich angerufen haben. Man teile, so viel man irgend vermag, vom eigenen Ueberflusse den Armen und Bedürftigen mit, die niemals schmerzlicher ihre bedrängte Lage em⸗ pfinden, als an Fest⸗ und Feiertagen. Noch eine zweite Bitte wagen wir zu äußern. Wer seine Oster⸗Einkäufe noch nicht besorgt hat und nicht befürchtet, damit zu spät zu kommen, der kaufe nicht auswärts, sondern am Orte. Es ist eine üble und bedauerlicher Weise viel verbreitete Ge— wohnheit, in die Ferne zu schweifen und das Geld nach auswärts zu tragen, selbst wenn das Gute in nächster Nähe liegt und gediegen und preiswert zu haben ist. Unsere Tuchwarenhändler
und Modistinnen, von anderen Geschäftsleuten garnicht zu reden, sind leistungsfähig genug, um den Geschmack auch der verwöhntesten unserer lieben Leserinnen und Leser befriedigen zu können; das Osterfest muß sie für manche Einbuße ent⸗ schädigen, die sie im Laufe des Jahres, in der stillen, geschäftslosen Zeit, zu erleiden haben!
Friedberg, 24. März. Unsere Ge⸗ flügel⸗Ausstellung erfreut sich fortgesetzt eines sehr starken Besuches. In den Nachmittags- stunden des gestrigen Sonntages hielt es unge— mein schwer, sich durch das dichte Gedränge durchzuarbeiten. Aber man machte sich die Mühe nicht umsonst; denn der junge Geflügelzucht⸗ verein hatte sich keine Mühe verdrießen lassen, um etwas Schönes und Gediegenes bieten zu können. Der Katalog weist 461 Nummern auf und 114 Aussteller hatten sich beteiligt. Unter den Besuchern herrscht nur eine Stimme des Lobes über die Ausstellung. Der erst vor Jahres- frist gegründete Verein mit etwa 100 Mit⸗ gliedern hat mit dieser ersten Probe seines Kön⸗ nens gezeigt, wie ernst es ihm um die Hebung der Geflügelzucht zu thun ist. Möge er die Freude eines baldigen sichtbaren Erfolges haben!
* Aus dem Kreise Friedberg, 23. März. Einen merkwürdigen Rechtsgrundsatz hat der Verwaltungsgerichtshofß des Großherzogtums Hessen aufgestellt. Der Lehrer Hahn zu Reichels— heim hatte im März v. J. den Sohn des Karl Dielmann zu Leidingen an den unteren Extremi⸗ täten durch einen Stockhieb der Art verletzt, daß der Knabe 14 Tage im Bett und 4 Wochen im Zimmer zubringen mußte. Der Lehrer hatte sich gleich nach dem Vorfall beim Vater des so zugerichteten Schülers entschuldigt und sich bereit erklärt, alle entstehenden Kosten, sowie Schmerzens— geld zu tragen und gleichzeitig gebeten, ihm doch weiter keine Unannehmlichkeiten zu machen. Diel⸗ mann aber stellte Strafantrag gegen den Lehrer. Die Anklagebehörde mußte, um gegen den Be— klagten einschreiten zu köunen, die Sache dem Verwaltungsgerichtshof unterbreiten und dieser entschied— ohne den Vater des Verletzten zu hören— der Beschuldigte habe sich keiner strafbaren Handlung schuldig gemacht. Er habe das Züch⸗ tigungsrecht nicht überschritten. Wo fängt denn eigentlich die Ueberschreitung des Züchtigungsrechts an? Muß der Geschlagene etwa mindestens fünf Wochen das Zimmer hüten?
* Darmstadt, 24. März. Die erste Kammer verwarf gegen 5 Stimmen den von der zweiten Kammer angenommenen Beschluß betr. Auf— hebung des Weinsteuergesetzes.
* Darmstadt, 24. März. Die erste Kammer erledigte zahlreiche Gegenstände in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der zweiten Kammer. Abweichend entschied man sich für die Herabsetzung des Zins fußes für Darlehen aus der Landeskreditkasse auf 3½¼ pCt. und beließ die Tilgungsquote mit 1 pCt.; die von der zweiten Kammer beschlossene Ausdehnung der Beleihensgrenze auf/ des Schätzungswertes wurde verworfen. Die Auf⸗ hebung des Wein steuer gesetzes nach dem Antrag Haas wurde gegen 5 Stimmen abge- lehnt. Ebenso die von der zweiten Kammer befürwortete Rücknahme der Verordnung von 1896, betreffs des Bedürfnis nachweises. Anfangs der Sitzung wurden der derzeitige Rektor der Landesuniversität Prof. Behaghel
Gießen und Kommerzienrat Oehler-Offen⸗ burg in die Kammer eingeführt.
Mainz, 24. März. Eine bis nach Mitter⸗ nacht tagende außerordentlich stark besuchte Volks- versammlung lehnte nach einem Vortrage des Landtagsabgeordneten Müller nach äußerst heftiger Debatte infolge Eingreifens des Reichs- tagsabgeordneten Jöst, des Vorsitzenden der sozialdemokratischen Partei Göbel, des Ver⸗ trauensmannes der sozialdemokratischen Partei, Stock, und des Vertreters des Gewerkschafts—⸗ kartells, Schulon, den Antrag, gegen die Rheinische Bierbrauerei den Boykott zu ver⸗ hängen, mit geringer Mehrheit a b. Ein weiterer Antrag, die von den vereinigten Brauereien ab—⸗ gelehnten Forderungen nochmals zum Gegenstand von Verhandlungen zu machen und damit den Vorstand der sozialdemokratischen Partet und das Gewerkschaftskartell zu betrauen, wurde mit großer Mehrheit angenommen.
Vermischtes.
— Nachahmungswert. Die Besucher des Barmer Stadttheaters sind für die Dauer des Theaterbesuchs gegen Unfälle versichert! Während einer Essex⸗Vorstellung geschah es, daß ein Messingbeschlag von Essey' Feldherrn⸗ stab in das Parquet hinabfiel und dort eine Abonnentin an die Stirne traf. Der Gatte der Dame beanspruchte vom Direktor einen Schadenersatz. Da nun sämtliche Theaterbesucher für die Zeit ihres Aufenthalts im Theater gegen Unfälle aller Art bei einer Versicherungsgesellschaft versichert sind, so erhielt der Gatte der Beschädigten die Summe von, 60 als Entschädigung ausbezahlt.
— Eine Tabakfabrik in Havanna. Einer Reiseschilderung in der„Frankf. Ztg,“ entnehmen wir folgende Stelle:„Die Hauptsache in Havanna ist gang selbstverständlich die Herstellung der Zigarren, die den Namen der Stadt in der ganzen Welt bekannt gemacht haben. Für den Fremden hat es keinerlei Schwierigkeit, eine havannesische Zigarrenfabrik zu besuchen, da der Zu⸗ tritt überall bereitwilligst gestattet wird. Die Fabrikation ist nicht wie in Spanien Staatsmonopol, sondern liegt in den Händen von Privatunternehmern, unter denen be⸗ kanntlich die deutsche Firma Upmann eine führende Stelle einnimmt. Die meisten unserer Reisegefährten ließen sich durch diese Fabrik führen, ich selbst gerieth zufällig in den ehemaligen Palacio Alhama, worin jetzt Zigarren, Zigaretten un, Rauchtabak hergestellt werden. In Spanien sind alle Tabakfabriken großartige Gebäude, die wie Fürstenschlösser aussehen, und so war ich nicht im mindesten erstaunt, in der Fabrik der Herren Alvarez, Lopez und Cia, welche die Marke La Corona führt, hohe Säle mit getäfelten Wänden und Deckengemälden, breite Marmortreppen und springbrunndurchrauschte Innenhöfe zu finden, Dies ist jedoch nicht die Regel in den havan⸗ nesischen Zigarrenfabriken, sondern das Gebäude der „Corona“ diente früher einer reichen adligen Kreolenfamilie zum Wohnsitz, und es ist erst einige zwanzig Jahre her, daß der Palacio Alhama zur Fäbrica de tabacos La Co⸗ rona umgewandelt wurde. Im übrigen sieht eine cuba⸗ nische Fabrik den spanischen nicht allzuähnlich. Der Hauptunterschied ist darin zu finden, daß in der Mehrzahl der spanischen Fabriken nur mit der Hand gearbeitet wird, nachdem die Cigarreras von Madrid und Sevilla die Einführung von Maschinen durch eine wahre Revo⸗ lution vereitelt hatten. In Havanna werden alle Ziga⸗ retten mit Maschinen gemacht, und zugleich mit der Hand⸗ arbeit schwand das bunte, belebende Element aus der Fabrik: die Cigarrera. Ganz und gar ist das weibliche Geschlecht zwar nicht aus den Fabriken gewichen, aber die Arbeiterinnen sind nur noch mit dem Aufkleben der Eti⸗ ketten, mit dem Füllen der Packete und sonstigen Neben⸗ arbeiten beschäftigt, die eigentliche Fabrikation, die Be⸗ dienung der Maschinen usw. wird von Männern besorgt. Während in den weiten Hallen der Tabakfabrik von
unterwegs.
Von Marie Polchau. (Nachdrud verboten.) (Schluß.) „Also auch jetzt liebes- und heiratsfähig. Elli, welchen Gefahren bist Du ausgesetzt? Aber haftig es wäre Schade, wenn Du, unser Aller ejournal, als ehrsame Frau Landpastorin dem⸗ in einer vorsündflutlichen Robe, in ein— figen Handschuhen—“ „Zügele Deine lebhafte Phantasie“ unterbrach A sie lachend,„Du kennst mich besser, um je an 1 Möglichkeit dieser Idee zu glauben. Uebrigens ich verspüre Hunger, darf ich Dir anbieten?“ Damit war vorläufig die Mundfertigkeit der 99 Damen auf ein anderes Terrain gelenkt und 1 ugeniertheit, mit der sie bisher verfahren, auch 1 dieses übertragen. Die niedlichen Füßchen an 1 Sitze gegenüber gestemmt, machten sie sich mit i gesunden Appetit der Jugend über ihre mitge⸗ ten Eßvorräte her. Apfelsinenschalen und shenkerne wurden dabei auf Fußboden und Sitz⸗ er zerstreut, Papiere ebenfalls, oder zusammen⸗ bl aus dem Fenster geschleudert, und zwischen— ur eine Operumelodie gesummt, oder ein bon
Während ihrer vorherigen Unterhaltung waren ihre Reisegenossen gänzlich Luft für sie, zumal sich keine Herren darunter befanden, für die man sich interessieren konnte. Es war die Zeit der großen Völkerwanderung und infolgedessen in diesem häufig Station machenden Bummelzuge ein stetes Aus— und Einsteigen und Wechseln der Reisenden. So auch in diesem Wagen. Von den anfänglichen In— sassen desselben war außer den beiden Freundinnen nur noch eine ältliche Dame da mit einem feinen, intelligenten Gesichte. Jetzt streifte Elli mit einem geringschätzenden Blick deren einfache Kleidung und machte eine Bemerkung in gedämpftem Tone, aus der jedoch das Wort„mauvais genre“ ziemlich vernehmbar herausklang. Da anzunehmen war, daß dasselbe in Beziehung zu ihrer Reisegefährtin stand, war es ein Glück, daß diese in Lektüre ver— tieft zu sein schien.
Die beiden juogen Mädchen nahmen jetzt den Faden ihrer Unterhaltung wieder auf und nachdem sie den Vergnügungen der letzten Saison, ihren Er— oberungen und Kurmachern einige rege Erinnerungen geweiht, kamen sie auf ihr früheres Thema, die Familie zurück, deren Gastfreundschaft Elli zu ge— nießen im Begriff stand. Natürlich legten sie weder ihren Worten noch ihrer Stimme irgend einen
Zwang auf; wozu auch?— sie hatten ja keinen
Familiennamen genannt, und die Greta's laufen ja zu tausenden herum in der Welt! Sie überboten sich in witzigen Einfällen, indem sie ausmalten, wie „spießbürgerlich“ das bevorstehende Hochzeitsfest arrangiert sein, wie„gelungen“ die handelnden Personen, besonders die Hauptperson, dabei figurieren würden. Sie amüsierten sich so sehr darüber, daß ihr lautes Lachen mehrmals einen älteren Herrn, der in süßem Schlummer in einer Ecke lehnte, er— schreckt auffahren ließ.
„Ich konnte Dich beneiden, Elli,“ rief Mieze schließlich,„daß Du diesen ganzen Schwindel mit— machen darfst,„es wird doch ein zu gelungener Spaß?“
„Und ich ärgere mich fast, daß ich nicht unter irgend einem Vorwand abgelehnt habe,“ erwiderte Elli.„Gerade jetzt hätte ich mich zu Haus himm— lisch amüsirt. Bei Geheimrat N's ist ein Vetter angekommen, ein flotter, schneidiger Lieutenant mit einem großen, schwarzen Schnurrbart und Augen! — ich sage Dir, göttlich! Blitzblauen! Miß Jessy sagt:„sie sind wie zum flirten geschaffen!“ Er hat bei uns vorgestern Besuch gemacht und wird wohl nicht lange bleiben. Natürlich wird es Ihm zu Ehren Gesellschaften in den Bekauntenkreisen reguen und— ich habe nichts davon.“
Mit der letzten Station vor N. hatte Miez e
ihr Reiseziel erreicht. Eli vectrieb sich nun die
Zeit damit, Toilette zu machen. Refraicheur, Brennmaschine, Kamm, Bürste und Haudspiegel walteten ihres Amtes, sogar— die Puderquaste.
Das Herzpochen, das Schnauben und Keuchen des dampfenden Ungeheuers nahm stärkere Dim en⸗ sionen an,— der Zug lief ein.
„Willkommen, Elli!“ rief eine wohltönende Stimme und ein großes, schlankes, in seiner Frische und Natürlichkeit auf den ersten Blick sympathisch berührendes, junges Mädchen bot ihr herzlich die roten Lippen zum Gruß.
„Süße Herzensgreta, wie grenzenlos habe ich mich auf dieses Wiedersehen gefreut, wie ehrt es mich, an Deinem schönsten Feste Dir zur Seite zu sein!— Laß Dich erst mal anschauen, wie reizend Du aussiehst, wie—“
„Ach, da ist ja auch meine liebe Schwieger- mutter!“ damit unterbrach jetzt plötzlich die stürmisch umarmte Greta diesen Redeschwall und eilte auf Ellis Reisegenossin zu, welche, noch mit ihrem Handgepäck beschäftigt gewesen, soeben das Koupee verließ.
„Mein Fräulein ich bin diskret!“ flüsterte die alte Dame der wie erstarrt dastehenden Eli ins Ohr, nachdem die übliche Vorstellung erfolgt war.
Tableau!


