1896.
Poslztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
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Gießen, Donnerstag, den 24. Dezember
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Ausgabe
Gießen.
Postztg. Nr. 3239 a.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Auzeigent 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
Telephon⸗Nr. 112. Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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0 2 7 2 sokales und Provinzielles. Gießen, 23. Dez. Die Versicherungs— hörden machen bekannt, daß die Quit⸗ gskarten der Invaliditäts- und Alters⸗ sasscherung vom Jahre 1893 ungiltig werden, ls sie nicht bis zum 31. Dezembe. d. J. bei ausstellenden Behörden, Polizeibureaus ꝛc.
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um Umtausch vorgelegt werden, weil alle
slenigen Karten, welche nicht bis zum Schlusse b dritten Jahres nach dem Ausstellungsdatum
N ugetauscht werden, auch wenn sie mit Marken
ch Jeder berechtigt ist,
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hen Mordversuch unternommen hatten.
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ch nicht vollgeklebt sind, nach dem Versiche⸗ gebe ihre Gültigkeit verlieren. Ferner ist lebei noch zu erwähnen, daß nach dem Gesetz zu jeder Zeit auf
ö lle Kosten die Ausstellung einer neuen Quit⸗
Agskarte gegen Rückgabe der älteren zu ver⸗
Agen, und er ist auch sogar von diesen Kosten
ö 1 125 die Karte mit mindestens 30 Marken * Gießen, 23. Dezember. Von hessischen hörden werden steckbrieflich verfolgt: muüfmann Heinrich Eichel aus Staudern— Im, zuletzt in Alzey, von der Polizeiverwaltung ey wegen Unterschlagung; Taglöhner Johs. ler aus Lischeid, zuletzt in Wiesbaden in „vom Amtsanwalt in Gießen wegen Be— ung; Hausbursche Karl Friesschütz aus lin, zuletzt in Darmstadt, von der Staats⸗ Awaltschaft in Darmstadt wegen Unterschlagung; Aglöhner Joh. Balthasar Müller aus Vorfelden vom Amtsanwalt II in Darmstadt igen Diebstahls; eine unbekannte Frauens⸗ Ion, die sich für eine Masseusse Schmitz uch Rohland) aus Frankfurt a. M. ausgab, im Polizeiamt Mainz wegen Diebstahls und Aechprellerei; Taglöhner Nikolaus Vogel % Oberrad, zuletzt in Offenbach, wegen Straf⸗ Ullzugs; Küfer Heinrich Vogtländer aus gf in Bayern von der Polizeiverwaltung in Iffenbach wegen Diebstahls; Dienstknecht Jakob Pettlaufer aus Ibra von der Staatsauwalt⸗ haft in Gießen wegen Betrugs; Leopoldine Hillmuts aus Mainz vom Amtsanwalt in gainz wegen Diebstahls. * Gießen, 23. Dez.(Strafkammer) lere Leser erinnern sich der Mitteilung, wonach dem Kriminalschutzmann Weiß hierselbst iglückt war, drei Personen dingfest zu machen, N che am 13. September, abends zwischen und 7 Uhr, im Diebes⸗Eichener Walde ge⸗ illdert und dann auf den Jagdaufseher 200 wei Verhafteten wurden damals als unverdächtig Amtsgericht Friedberg wieder aus der Haft Der andere Verhaftete, der Landwirt Seiffried von Heldenbergen,
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tte sich gestern vor unserer Strafkammer wegen
gdvergehens zu verantworten. Der An⸗ agte bestreitet auf das entschiedenste, gewildert haben, besonders will er nicht derjenige sein,
welcher am fraglichen Tage im Diebes-Eichener Wald auf dem Anstand gewesen sein soll. Der Gerichtshof kam nach längerer Verhandlung doch zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte un⸗ berechtigter Weise im Walde die Jagd ausgeübt habe und verurteilte ihn zu vier Monaten Ge— fängnis.
Grünberg, 22. Dezember. Auläßlich der im Laufe des nächsten Sommers hier statt⸗ findenden Wanderversammlung nebst Aus⸗ stellung des Oberhessischen Bienen- züchter vereins hatten bereits vor etwa drei Wochen eine Anzahl Imker unserer Gegend eine Besprechung zwecks Gründung eines Zweig⸗ vereins Grünberg des genannten Verbandes. In einer gestern Nachmittag in Hammels Gartensaale tagenden, von etwa 30 Bienen⸗ züchtern besuchten Versammlung schritt man nach einem Referate des als erfahrenen Bienenzüchters bekannten Herrn Lehrer Seipp zu Beltershain zur Gründung eines Vereins, der es sich zur Aufgabe machen will, die Bienenzucht in unserer Gegend nach Kräften zu fördern. Zum Vor⸗ sitzenden wählte die Versammlung Herrn Fuldner, Lehrer und Dirigent der erweiterten Volksschule zu Grünberg, zum Schriftführer Herrn Kauf⸗ mann Schott hier und zum Rechner Herrn Lehrer Seipp zu Beltershain. Möge der junge Verein recht ersprießlich wirken!
* Bad Nauheim, 22. Dezember. Die Festzeitung zur 50jährigen Jubiläums- feier des großen Sprudels ist erschienen. Sie ist von Schriftsteller Wilhelm Wagner herausgegeben und vom Buchdruckereibesttzer Peter Muth verlegt. Sie enthält u. a. die Bildnisse des verstorbenen Salineiuspektors Karl Weiß, der die erste Anregung zur Gründung der Soolbadeanstalt Nauheim gegeben, sowie des 1. Badearztes, des noch lebenden Geh. Medizinal⸗ rats Dr. Friedrich Bode. Der Durchbruch des großen Sprudels am 22. Dezember 1846, sein Ausbleiben am 2. März 1855 und sein Wieder⸗ erscheinen am 16. April 1855, das alte und das neue Nauheim und die Männer, welche sich um den großen Sprudel Verdienste erworben haben, finden in dem Blatte eingehende Besprechung.
* Darmstadt, 22. Dezember. Das auf⸗ strebende Pfungstadt plant die Errichtung eines Wasserwerks und einer elektrischen Kraft⸗ und Lichtanlage. Namentlich sind es die dortigen, recht zahlreichen Industriellen, die beiden Projekten lebhafte Sympathie entgegen⸗ bringen.— Das Projekt des hiesigen Gewerbe⸗ vereins, eine Sterbekasse für selbständige Gewerbetreibende und Handwerker Hessens ins Leben zu rufen, scheint greifbare Gestalt zu gewinnen. Der Verband beschloß in seiner letzten Sitzung, in die Vorarbeiten für eine Sterbekasse einzutreten, lehnte aber mit Rücksicht auf die entgegenstehenden Schwierigkeiten eine gleichfalls angeregte Versorgung für Witwen und Waisen vorerst ab.
* Mainz, 22 Dez. In einer öffentlichen Sattler- und Tapeziererversammlung, die gestern Abend stattfand, wurden die in der Kinkelschen Militäreffektenfabrik be⸗ stehenden Mißstände zur Sprache gebracht. Es wurde eine Kommission gewählt, die mit der Firma verhandeln soll, um im gütlichen Wege einen Vergleich herbeizuführen. Die Haupt⸗ beschwerden betreffen die gesetzwidrige Beschäf⸗ tigung ihrer Arbeiter an Sonntagen und die zu geringe Bezahlung. Es soll ein Mindestlohn von 3. pro Tag gefordert werden und eine regelmäßige Beschäftigung der Arbeiter. Die Kommission soll heute vorstellig werden bei dem Inhaber der Kinkelschen Fabrik; bei nicht ge⸗ nügendem Entgegenkommen wird über die Fabrik die Sperre verhängt.
Mainz, 22. Dez. Die sozialdemo⸗ kratische Partei hält am zweiten Weihnachts- tage, wie seit langen Jahren üblich, in der Stadthalle ihr Weihnachtsfest ab. Auf dem Programm stehen Konzert, lebende Bilder, turnerische Darstellungen und Ball. Die Festrede hält der Landtagsabgeordnete Dr. David.— Die Strafkammer des Landgerichts verurteilte heute den Taglöhner Ludwig Schäfer, der am 26. August in das Schulhaus zu Erbes⸗Büdes⸗ heim sich eingeschlichen und dort eine Uhr ge⸗ stohlen hatte, zu 3/ Jahren Zuchthaus. Den von dem Angeklagten geführten Alibibeweis erklärte das Gericht als mißlungen.
* Mainz, 22. Dezember. Der von der Stadtverordnetenversammlung kürzlich zur Be⸗ 1 des Restaurationsplanes für das urfürstliche Schloß ernannte Kunstrat tritt am 9. Januar, vormittags 10 Uhr, hier im Stadthaus zu seiner ersten Beratung zusammen. Der Kunstrat besteht aus den Herren Ober⸗ Baudirektor Durm⸗Karlsruhe, Geh. Regierungsrat Professor Julius Raschdorff-Berlin, Baurat Gabriel Seidl⸗München, Architekt Gg. Hauberiser⸗ München und Oberbürgermeister Dr. Gaßner, Baurat Kreissig, Prälat Dr. Schneider, Architekt Rudolf Opfermann und den Stadtverordneten Wilhelm und Franz Joseph Usinger, letztere sämtlich aus Mainz.
* Mainz, 22. Dez. Der vor etwa acht Tagen nach Unterschlagung von 2200& flüchtig gegangene Hausbursche Jakob Erlen bach ist durch die englische Polizei in Liverpool verhaftet worden. Unterhandlungen wegen Auslieferung des Flüchtigen an die hiesige Staatsanwaltschaft sind im Gange.
* Worms, 21. Dezember. In vorletzter Nacht wurde in der Restauration„Zum Ele⸗ fanten“ ein Einbruch verübt, und sollen hier⸗ bei in einem Zimmer, das als Lokal eines hiesigen Vereins dient, Geld und andere Gegen— stände entwendet worden sein.— Wie wir hören, fand noch ein zweiter Einbruch in einem hiesigen Geschäfte in selbiger Nacht statt. Von dem Thäter fehlt jegliche Spur.
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— Wenn man zu schön ist. In eine recht komische Situation wurde kürzlich in Wien ein junger Mann, Gehilfe in einer Konditorei in der inneren Stadt, durch seine— Schönheit gebracht. Er hat ein Gesichtchen wie Milch und Blut, blondes, lockiges Haar, blaue Augen, eine zierliche Gestalt. Kürzlich hatte er für seinen Chef einen Geschäftsgang zu besorgen. Als er die Goldschmid⸗ gasse passierte, fiel seine Erscheinung einem zufällig vor⸗ übergehenden Ehepaar auf, und der bessere Teil desselben, eine sittenstrenge Dame, schüttelte ihr weißes Haupt, da ihr der schöne Junge für einen Mann zu schön war. Die mißtrauische Dame ging also dem Jungen mit ihrem Manne nach, und als sie gar sah, daß derselbe das Aus⸗ lagefenster eines Damenkonfektionsgeschäftes besichtigte, war es für sie ausgemacht, daß dieser Mann eine ver⸗ kleidete Dame sei. Da hefteten sie sich denn, immer empörter, an seine Fersen. Sie erzählten endlich einem Wachmanne, an dem sie vorbeikamen, in kurzen Worten, daß dieses junge Herrchen mit seinem mädchenhaft zarten Gesichte und dem wiegenden Gange doch gewiß kein ehr⸗ liches Herrchen sei... Und in der That war auch der Wachmann, der den jungen Mann zur Rede stellte, sowie übrigens auch jeder Andere, der sich in der rasch ent⸗ standenen Korona befand, frappiert durch die geradezu mädchenhafte Erscheinung des Jungen, und als dieser ver⸗ sicherte, daß er Zuckerbäckergehilfe sei und seinen, sowie seines Arbeitgebers Namen nannte, rief die empörte Dame, die ihn angezeigt hatte, beim Anblick seiner feinen weißen Hand:„Diese Ausrede auch noch! Sind das Zuckerbäcker⸗ hände?“ Und schon sollte der junge Mann auf die Wach⸗ stube mit, wo er sich vielleicht hätte einer Visitation unter⸗ ziehen müssen, wogegen er schon jetzt— neuer Verdachts⸗ moment in den Augen der Entrüsteten!— ebenso schamhaft als energisch protestierte. Schließlich löste sich aber die Sache doch in Wohlgefallen auf, da sein Dienst⸗ ort sich in der Nähe befand und man also mit ihm hin⸗ ging. Und das Resultat? Der Zuckerbäckergehilfe ist wirklich ein junger Mann, dem bereits zum zweiten Male das gleiche Abenteuer passiert ist. Und nun erklärt er ganz verzweiflungsvoll:„Soll ich mir das Gesicht mit Vitriol überschütten, damit mich in Zukunft nicht alte Frauen mit blauen Augengläsern und Galoschen an den Füßen für ein verkleidetes Dienstmädchen halten?
— Ueber die Heilung der Kurzsichtigkeit hielt kürzlich der Breslauer Ophthalmologe Prof. Her⸗ mann Cohn in dem dortigen Humboldtverein einen interessanten Vortrag, dem wir nach der„Bresl. Ztg.“ Folgendes ent⸗ nehmen: Einleitend führte Professor Cohn aus, daß, wenn auch sonst nur Hygieine und Vorbeugung von Krankheiten die Aufgaben der populären Medizin seien, doch aus⸗ nahmsweise auch über Heilung einer weitverbreiteten Krankheit gesprochen werden müsse, wenn dieselbe auf einer neuen, epochemachenden, bewährten Methode beruhe; eine solche sichere, gefahrlose und schmerzlose operative Heilung der Kurzsichtigkeit sei jetzt gefunden, eine Methode, deren Kenntnis die weiteste Verbreitung verdient. Die Kurz⸗ sichtigkeit beruht auf Verlängerung der Augenaxe von vorn nach hinten, daher sehen Kurzsichtige in der Ferne un⸗ deutlich in sog. Zerstreuungskreisen. Die schwachen Grade bis Nr. 3 und die mittleren Grade bis Nr. 6 sind nur ein Gebrechen, welche die Wahl des Berufs stören, aber aus den mittleren Graden entstehen oft durch anhaltende Nahearbeit die hohen Grade bis Nr. 10 oder die höchsten Grade, bei denen nicht einmal bis auf 10 Centimeter ge⸗ lesen werden kann. Diese hohen Grade sind wahre
Mächte der Finsternis. Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Sie waren Beide bewegt, und eine geraume 0 ehe sie wieder von gleichgiltigen ingen zu sprechen vermochten. Sie waren dem gele ihrer frühen Spazierfahrt einer hübsch ge⸗— genen und wegen ihrer bedeutenden Etablissements Nätbekannten Stadt am Flusse, nun ziem lich nahe ge—⸗ ummen, und zu ihrer Rechten ragten aus einer lieb⸗ shen Thalsenkung bereits die schmucken Backsteinbauten ud die schlanken, hochstrebenden Schornsteine einer doßen Fabrikanlage hervor. Das Stampfen und 9 71 der Dampfmaschinen wie das Pochen Ihwerer Hämmer klang durch die Stille des Morgens en herüber, und weiße Rauchwolken stiegen rzengrade zu dem lichtblauen Himmel auf. „Dies ist eine der namhaftesten Maschinen⸗ sbriken Deutschlands“, erklärte Rodewald.„Ich n mit ihrem Besitzer gut bekannt, und wenn es Lich interessiert, liebe Liesbeth, die Einrichtung s solchen Etablissements kennen zu lernen, so urd er uns die Besichtigung gewiß gern gestatten.“ Die junge Dame stimmte sehr bereitwillig zu, er Kutscher erhielt den Befehl, nach der Fabrik fahren. Der Portier führte die eleganten Be⸗ icher zu dem Privatkabinet des Herrn Morris, und geser hatte kaum einen Blick auf die ihm über⸗ chte Visitenkarte geworfen, als er seinen Gästen st entgegeneilte und sie in der liebenswürdigsten ise empfing. Nach dem Austausch der gewöhnlichen Be⸗ Fungworte äußerte Rodewald seinen Wunsch und orris war natürlich mit Freuden bereit, zu erfüllen.
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„Leider verbietet mie eine fast erdrückende Fülle unaufschiebbarer Geschäfte, selbst Ihren Führer zu machen“, sagte er mit einem schelmischen Blick auf die schöne junge Dame,„aber der Ersatz, welchen ich Ihnen zu bieteu gedenke, wird Sie hoffentlich reichlich entschädigen. Mein erster Ingenieur ver— steht viel mehr von diesen Dingen und ist zudem ein viel besserer Erklärer als ich.“
Er trat für einen Moment in das anstoßende Gemach und kehrte in der Begleitung eines Herrn zurück, dessen jugendliches Aussehen bei einer so be— deutsamen und verantwortlichen Stellung, wie die eines ersten Ingenieurs ist, Rodewald einigermaßen überraschte. Seine Verwunderung wuchs, als Morris ihn obendrein mit den Worten vorstellte:
„Mein Cbef⸗Jugenieur und der technische Leiter der ganzen Fabrik. Unter seiner Führung werden Sie viel mehr und viel Interessanteres sehen, als wenn ich selbst es versuchen wollte, Ihren Cicerone zu machen.“ 6
Da man ihm gerade in diesem Augenblicke einen ganzen Stoß von Briefen und Deveschen brachte, vergaß der vielbeschäftigte Herr, die Namen derer zu nennen, die er mit einander bekannt machen wollte, und der Ingenieur, der die Besucher mit einer stummen Verbeugung begrüßt hatte, hielt es augenscheinlich nicht für angezeigt, dieses Versäum⸗ nis dadurch gut zu machen, daß er sich selber vor— s1tellte. i
„Darf ich Sie also bitten, sich meiner Leitung anzuvertrauen?“ sagte er nur mit einer tiefen, an⸗ genehm klingenden Stimme und dabei öffnete er galant die Thür, durch welche Elisabeth als die Erste ins Freie hinaustrat.
Als sie hart neben ihm auf der Schwelle stand,
begegnete ihr Blick dem seinigen, und es war, als
ob ihre Augen Sekunden lang in einander gebannt seien. Hatte sie diese kraftvolle, elastische Gestalt mit dem freimütig offenen, von blondem Vollbart umrahmten Gesicht denn schon früher gesehen? Und waren ihm die wundersam leuchtenden Sterne in dem feinen Mädchengesicht nicht vielleicht alte, liebe Bekannte?
Aber wenn sich ihnen in diesem Augenblick wirklich derartige Empfindungen aufdrängten, so fand doch Keines von ihnen einen Ausdruck für dieselben. Schweigend überschritten sie den ge— räumigen Vorhof und betraten die große, mit Glas gedeckte Halle, in welcher die fertigen, vollständig montierten Maschinen zur Aufstellung kamen. Hier begann der Ingenieur seine Erklärungen, und nun war es Elisabeth, als mutete sie seine Stimme wie seine Ausdrucksweise ebenso bekannt an, als vorhin sein Gesicht. Sie kamen zu einer Stelle, wo eben eine Anzahl von Arbeitern mit dem Zusammen— stellen einer für landwirtschaftliche Zwecke be— stimmten Maschine beschäftigt war. Hier zeigte Rodewald begreiflicher Weise ein besonderes Inter— esse, und als der Ingenieur beiläufig bemerkte, daß es sich da um eine ganz neue und für den prak— tischen Gebrauch sehr viel versprechende Konstruktion handle, war jener nicht mehr zum Weitergehen zu bewegen.
„Ich will Dir nicht zumuten, Liesbeth, Dich mit mir in die Einzelheiten dieses eisernen Unge⸗ heuers zu vertiefen“, sagte er,„mich aber mußt Du schon auf ein halbes Stündchen beurlauben Der Monteur wird mir ohne Zweifel erklären, was mir zu wissen nötig ist, und der Herr Chef—
Ingenieur hat wohl die Liebenswürdigkeit, Dich inzwischen allein weiter zu führen.“
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Elisabeth fand es wirklich nicht sehr angenehm und unterhaltend, hier zu verweilen, und nach einem kleinen Zögern ging sie darum auf den Vorschlag ihres Adoptivvaters ein. Aber sie bereute es schon nach den ersten fünfzig Schritten, die sie an der Seite des Ingenieurs zurückgelegt hatte. Nicht etwa, daß er einen Versuch gemacht hätte, die Situation zu mißbrauchen; jede andere junge Dame würde vielleicht im Gegenteil gefunden haben, daß er immerhin hätte etwas weniger steif und zurück— haltend sein können. Aber es wurde ihr bei den nüchternsten und gleichgiltigsten Erklärungen, die er gab, so merkwürdig gepreßt und beklommen um das Herz, und von den interessantesten Dingen, welche er ihr zeigte, sah sie kaum die Hälfte, weil es ihr aus Furcht, noch einmal seinem Blick zu begegnen, an Mut gebrach, die Augen vom Boden zu erheben.
Gewissenhaft führte er sie durch alle Teile des Etablissemeuts, mit welchem auch ein Eisenwalzwerk von großartiger Einrichtung verbunden war. Es wurde Elisabeth fast ein wenig unheimlich inmitten dieses wüsten Lärmens und Pochens der Maschinen und inmitten dieser um gluthauchende Oefen be— schäftigten, riesenhaft gebauten, rußgeschwärzten Ar⸗ beiter, welche mit mächtigen, funkensprühenden Blöcken weißglühenden Eisens hantierten, als wären es nur harmlose Ballen und Fässer. Das tobende Geräusch um sie her war so stark, daß ihr Begleiter darauf verzichten mußte, sich ihr verständlich zu machen, und einmal fühlte sie sich sogar von seiner starken Hand zu ihrem Schrecken am Arme er— griffen und bei Seite gezogen, weil sie in Gefahr gewesen war, von einem der kleinen Wagen, auf denen das erhitzte Metall befördert wurde, gestreift zu werden.
Eortsetzung folgt.)


