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Gießen, Mittwoch, den 24. Juni
1896.
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Gießen.
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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
1 5 7 7 b inziell Lokales und Provinzielles. Gießen, 23. Juni. Ein nächtliches Spinnstuben⸗ Renkontre unterlag heute Vormittag der Nachprüfung unserer Strafkammer als Berufungs⸗Instanz. Das Schöffen⸗ gericht Grünberg hatte die 19 jährigen Hrch. Grün und Konrad Reichel von Nieder-Ohmen, den Ersteren wegen gemeinschaftlicher, den Anderen wegen einfacher Körper⸗ verletzung zu 2 Monate resp. 1½ Monate Gefängnis verurteilt. Die heutige Beweisaufnahme ergab folgendes: In Nieder⸗Ohmen, wo 5—6 Spinnstuben⸗Gesellschaften bestehen, lebten einzelne Mitglieder dieser Vereinigungen in Fehde. Die Spinnstuben von Langohr, welche aus lauter 15—16 Jahre alten Burschen bestand, war tm verflossenen Winter ziemlich rauflustig. Die Spinnstube von Reitz, welche Mitglieder von 18— 20 Jahren umfaßte, war nicht minder streitlustig, und so kam es am 11. No⸗ vember v. J., an welchem sich die ersteren durch Schnaps Courage getrunken, abends zu einer Schlägerei, welche aber unblutig verlief. Am 13. November abends kam es abermals zu einer Schlägerei, und bei dieser wurden zwei der Beteiligten, nämlich Langohr und Dörr, leicht verletzt. Auf Grund der Zeugenaussagen konnte nicht festgestellt werden, wer die Hiebe ausgeteilt und wer sie empfangen hatte. Die Verletzten behaupteten, die beiden Angeklagten als die Thäter erkannt zu haben. Rechts⸗ anwalt Dr. Fuhr, der Verteidiger der Angeklagten, bat, diese milder zu bestrafen, als es das Schöffengericht gethan. Man müsse berücksichtigen, daß beide Angeklagten noch unbestrafte Menschen seien, die man auch durch eine Geld⸗ strafe auf den Weg des Rechts bringen könne. Die Ver⸗ letzungen seien nur minimale und rechtfertige sich keines Falles die vom Schöffengericht erkannte hohe Strafe, mit der man vielleicht lediglich öfters zutage tretenden Roh⸗ heiten auf dem Lande begegnen wolle. Die Anklagebehörde vertrat die Auffassung der Vor⸗Instanz, der auch vom Gerichtshof beigetreten wurde. 195 Gießen, 23. Juni. Das gestrige Koschat⸗ Konzert in Steins Garten gestaltete sich zu einem wahren Triumph für die Konzertgeber. Das war ein Beifall und ein Jubel! Die Räume waren buchstäblich überfüllt, selbst der Nebensaal und die Gallerie waren vollständig besetzt. Ueber die Leistungen der unter Leitung Koschats stehen⸗ den Künstler ein Wort zu verlieren, halten wir für überflüssig. Aber dankbar anerkennen wollen wir, daß die Künstler nicht spröde waren, den euthustasmierten Hörern gegenüber. Immer wieder stimmten sie aus ihrem reichen Vorrat von steierischen Liedern neue an. Herr Pacäl, Mitglied der Wiener Hof-Oper, brachte ein Tenor⸗Solo zum Vortrag und erntete dafür
welche Fräulein Willma v. Weise zum Besten gab. Sie entfesselte damit einen Beifallssturm, wie wir ihn lange nicht gehört. Wir wünschen der Künstlerschar zu dem glänzenden Erfolg Glück und rufen ihr nach: Auf Wiedersehen, Ende Juli! Wir erfuhren nämlich, daß es in der Absicht liegt, dann hier einen zweiten Koschat-Abend abzuhalten.
Gießen, 23. Juni. Mit dem dieser Tage verstorbenen Herrn Karl Kluge schied das letzte Mitglied der einst hier hoch angesehenen Schierholz'schen Kapelle.
* Gießen, 23. Juni. Gestern Abend war das Komitee zur Abwendung der pro— jektierten Verlegung des Viehmarktes von der Neustadt zur Beratung zusammen, um zu erwägen, was nun zu thun sei. Dem Ver⸗ nehmen nach soll beabsichtigt sein, eine öffent— liche Bürgerversamm lung einzuberufen.
Gießen, 22. Juni. Ein Radfahrer im Dienst der Kirche gehört gewiß zu den Seltenheiten. Im vorliegenden Falle handelt es sich zwar nur um ein Vorkommnis, welches auf die Berufsthätigkeit eines Pfarrers störend wirkte, immerhin gebührt aber das Verdienst einem Radfahrer, auch hierbei den Heraushelfer aus der Verlegenheit gespielt zu haben. Am vergangenen Sonutag war der Pfarrer von Reis⸗ kirchen an der Reihe, in Beuern die Predigt zu halten. Nachdem der Geistliche angekommen, ver⸗ kündeten die Glocken den alsbaldigen Beginn des Gottesdienstes. Wer beschreibt aber die Ver— legenheit, als sich herausstellte, daß dem Pfarrer die zur Ausübung seines Berufs notwendige Amtstracht, der Talar, fehlte. Rasch entschlossen wurde ein in der Nähe wohnender Zimmermeister, der auch zu den Radfahrern zählt, herbei— geholt, um im Auftrage des Pfarrers bei dessen Amtskollegen in Großen-Buseck einen Talar zu borgen. Zugleich verständigte sich aber der Kirchendiener mit dem Fahrer, daß letzterer, so⸗ bald er in Sicht komme, ein Zeichen mit dem Taschentuche zu geben habe. Schweißtriefend langte der Radfahrer in Großen-Buseck au, währenddessen sich die Kirche in Beuern füllte. Hier(in Großen-Buseck) erhielt aber der Radler von Angehörigen des Pfarrers den Bescheid, daß der Talar wegen des alsbald beginnenden Gottes⸗ dienstes nicht abgegeben werden könne, wohl aber sei ein solcher in Oppenrod zu erhalten. Auch
Thann in schelmischer
nach dorthin setzte der Fahrer sein Rad in Be— wegung. Das Gewünschte wurde ihm ausge— händigt. Während der Fahrt, die nahezu dreiviertel Stunden dauerte, läuteten in Beuern die Glocken und erst, als der Radler in Sicht kam und dem aus dem Turmloche Ausguck haltenden Kirchendiener das verabredete Zeichen gab, konnte mit dem Eröffnungsliede begonnen werden.
Gießen, 23. Juni. Wie lebt man bei der Hitze? Zu dieser Frage hat der bekannte Hygieniker Obersanitätsrat Professor Gruber in Wien Ratschläge erteilt, denen die folgenden
entnommen sind. Eine Grundregel lautet: „mäßiges Leben“, kein Uebermaß von Speise und Trank, vor Allem kein Uebermaß an
Alkohol, weil dieser die Widerstandsfähigkeit des Organismus herabmindert. Das beste Geträuk ist Wasser. Wer ein gesundes Herz hat, kann unendlich viel Wasser trinken. Die Temperatur des Wassers soll aber nicht unter 7 Grad über Null betragen. Selters- oder Sodawasser ist sehr zu empfehlen. Pflanzensäuren, wie sie in Fruchtsäften, z. B. Himbeersaft enthalten sind, regen die Schleimhäute an, erscheinen daher sehr empfehlenswert.— Sehr zu empfehlen ist ferner, dem Wasser etwas Zitronensäure, die man krystallisiert in Apotheken und Droguenhand— lungen erhält, zuzusetzen. Es wird dadurch der durch Wasserzufuhr bewirkten Veränderung der Magensäure in rationeller Weise entgegengewirkt. Viele Landleute bekämpfen bei den Feldarbeiten den Durst, um dadurch dem heftigen Schwitzen vorzubeugen. Dieses kann unter Umständen zu gefährlichen Krankheiten führen. Der Durst ist als Mahnung zum Ersatz der dem Körper ver— loren gegangenen Flüssigkeiten anzusehen, bei Nichtbeachtung dieser Mahnung treten allmähliches Austrocknen der Gewebe und schließlich der Sonnenstich ein. Abgesehen von diesen schlimmsten Folgen leuchtet aber auch ein, daß durch den aus Mangel an Flüssigkeit geschwächten Stoff wechsel die Körpernahrung beeinträchtigt wird. Es ist daher keineswegs rätlich, den Durst völlig zu unterdrücken. Wenn man jedoch trinkt, so trinke man langsam und mäßig.
Lollar, 22. Juni. Als Ergänzung zu unserem gestrigen Bericht über das Feuer wehr⸗ fest erhalten wir noch folgende Zuschrift: Der Festzug, welcher sich kurz nach zwei Uhr am
Nuhnschen Dampfsägewerke aufstellte, ordnete sich, wie folgt: 1. Voran die Musikkapelle Kümmel. 2. Der Ortsvorstand und die Vertreter der frei⸗ willigen Feuerwehr Gießen. 3. Die gesamte Lollarer freiwillige Feuerwehr. 4. Eine Abteilun Trommler und Pfeifer. 5. Der Veteranen⸗ un Kriegerverein,„Ludwig zur Treue“, Lollar. 6. Der Gesangverein„Germania“.. Der Gesang⸗ verein„Liedertafel“. 8. Der Turnverein Lollar. 9. Der Turn- und Gesangverein und 10. Der Männergesangverein. Der 319 bewegte sich durch die Hauptstraße von Lollar und zurück ins Fest⸗ lokal.— Durch Gesang verschönten das Fest die Gesangvereine„Germania“, Turn- und Gesang⸗ verein, sowie Männergesangverein. Der Gesang⸗ verein Liedertafel konnte leider wegen Fehlens ihres 1. Tenoristen und 1. Bassisten nicht singen.
Echzell i. W., 20. Juni. Wegen eines Hündchens führen zwei hiesige Wirte einen eigenartigen Prozeß. Dem Kläger wurde unlängst ein kleiner, gut dressirter Spitzbomm er auf der Straße bei einem Renkontre mit dem Metzgerhund des Gegners derart gebissen, daß das Tier daran zu Grunde ging. Der Eigen⸗ tümer schätzt den Wert dieses ob seiner viel⸗ seitigen Gelehrigkeit ihm noch nicht feil gewesenen Hündchens auf mindestens 75 4 und verlangt von dem Gegner Zahlung dieser Summe sowie Ersatz der durch die tierärztliche Sektion er⸗ wachsenen Kosten, weilvetzterer seinen Hund nicht gehörig beaufsichtigt habe. Da außer einer An⸗ zahl schon vernommener Zeugen auch noch Sach⸗ verständige gehört werden, so dürften die Pro⸗ zeßkosten bald den Wert des Streitgegenstandes übertreffen.
* Aus Oberhessen, 20. Juni. Im Walde bei Lanzenhain band beim Holzfahren ein Knecht einem störrischen Pferde die Zunge an die Wagendeichsel! Dieselbe schlug beim An⸗ ziehen nach der entgegengesetzten Seite und riß dem Tiere die Zunge aus dem Halse. Das Pferd mußte getötet werden. 0
*Darmstadt, 20. Juni. Die 52. Jahres⸗ versammlung des hessischen Haupt⸗ vereins der Gustav⸗Adolf⸗ Stiftung findet am 7. und 8. Juli in Schwabsburg bei Nierstein statt. Da der Präsident des Vereins Oberlandesgerichtsrat Heinzerling-Darmstadt gestorben ist, so sieht man in aller Kürze der Er⸗ nennung eines neuen Präsidenten entgegen. Im
reichen Beifall, besonders aber gefielen die Lieder,
Der geheimnisvolle Neffe. H. Erlin.
(Nachdruck verboten (Fortsetzung.)
Dann bat er um Nachricht und Auskunft der zu vermietenden Wohnung wegen, worauf der Fremde mit großer Freundlichkeit erklärte, daß er selbst der Vermieter der Wohnung wäre. Das Haus wäre sein ständiger Sommerwohnsitz, leider nur etwas zu groß für seine Ausprüche.
„Aber wollen die Herrschaften nicht näher treten?“ 5 5
Mit einladender Handbewegung öffnete er eine Zimmerthür.
Ueber Herrn Pfeifers Gesicht flog ein Sonnen— strahl, als er ein Sofa und auf dem Tische davor eine Flasche Wein erblickte; Frau Eleonore aber war im Stillen längst darüber einig, daß hier bei dem„neffengesegneten“ Maune und nirgends anders gemietet würde. Tekelchen hiergegen dachte gar⸗ nichts, wenigstens sah sie so aus. 15 a
Ehe man sich niederließ, folgte natürlich die gegenseitige Vorstellung..
„Herr Rechnungsrat Pfeifer mit Frau und Tochter!“ 15
„Herr Worbke aus Berlin!“ Aus einigen neben⸗ sächlich hingeworfenen Bemerkungen Herrn Worbkes ging noch hervor, daß er Besitzer einer großen Süd⸗ fruchthandlung in Berlin war und sich in Ahlbeck erholungshalber aufhielt. 5
Dann setzte man sich. Männes Hoffnungen mit der Weinflasche erfüllten sich, deun Herr Worbke schenkte gastlich vier Gläser voll des edlen Reben⸗ saftes, die er mit einem freundlichen:„Auf den Schreck von vorhin, meine Herrschaften!“ präsentierte.
Dann wurde allerhaud gesprochen, schließlich aber kam zur Freude Frau Eleouores die Rede wieder auf Herrn Worbkes Neffen.
Sie erkundigte sich nämlich, ob denn der er⸗ wartete Herr irgendwelche Aehnlichkeit mit ihrem Manne habe, die das Mißverständnis erklärlich mache.
Da lachte der Südfruchthändler schallend auf. J bewahre! Jetzt finde er seinen Irrtum selbst unbegreiflich. Sein Neffe— eine hohe, schlanke Gestalt— und dann doch noch in Jünglingsjahren—.
Frau Eleonore lächelte beruhigt und suchte nähere Erkundigungen über den Nffen einzuziehen.
Merkwürdig aber: der sonst so beredte Herr Worbke that da geheimnisvoll.
Sein Neffe—7 Mit wahrhaft väterlicher Wonne drückte er die Augen zu, lächelte er schlau und machte allerhand dunkle Andeutungen.
„Ein bildhübscher Kerl, mein Neffe, sage ich Ihnen— dabei schneidig— hm— ach, und be— gabt, sage ich Ihnen, Sie haben keine Idee, wie begabt der ist! Wird's mal weit bringen— ist jetzt schon in Staatsdiensten. Na, Sie lernen ihn hoffentlich kennen. Schade nur, einen Halt müßte so ein talentvoller Mensch haben, eine gute Frau zum Beispiel. Wünsch' ich ihm schon lange! Der Bengel ist aber wählerisch— kann's ja auch.“
Bei solchen Bemerkungen blinzelte er ein paar— mol prüfend zu Tekelchen hinüber, die sich in süßen Träumen von einer Südfruchthandlung wiegte.
Endlich fand man es auch an der Zeit, wieder auf die zu vermietende Wohnung zurückzukommen.
Natürlich wurde hier gemietet! Das war ja so gut wie abgemacht. Freilich ließen die Zimmer zu wünschen übrig, wie Herr Pfeifer bei der Be— sichtigung konstatierte; aber der freundliche Wirt— man konnte nicht wieder weggehen. Und der Preis, der eigentlich viel zu hoch bemessen war— über— legte Frau Eleonore— doch der Neffe siegte, den mietete man sozusagen mit, seine Bekanntschaft
wenigstens. Familie Pfeifer hatte also eine Wohnung, ge— funden.— Tekelchen mußte nun sofort nach der
Bahn gehen, um die Besorgung des Gepäckes an— zuordnen. Inzwischen entspann sich daheim zwischen ihren Eltern folgender kleiner Dialog:
„Weißt Du, Männe, wenn der Neffe Herrn
Worbkes seinem Onkel ähnelt, muß er ein sehr netter Mensch sein— innerlich wenigsteus.“ Herr Worbke macht einen sehr guten Ein—
druck“, war Männes ausweichende Erwiderung. „Ich denke mir, der Nefie wird auch aus Berlin sein. Warum nur Herr Worbke das uns nicht sagte— nicht mal den Namen seines Neffen nannte er. Gott, bei der Geheimnisthukrei wird er sich nichts gedacht haben— wir lernen ihn ja noch keunen, den jungen Herrn. In Staatsdiensten? Was soll man darunter verstehen? Regierungsrat — Assessor? Mindestens doch Assessor! Weißt Du, Männe, ich hab' eine Bitte! Laß uns Herrn Worbke
nicht sagen, aus welchem kleinen Neste wir sind.
———— Du kannst ja die größere Nachbarstadt nennen, Es ist wegen Tekelchen.“
„Was Ihr Weiber doch gleich alles ausheckt! Mach' was Du willst, und laß mich aus dem Spiele!“
Frau Eleonore kannte ihren Gestrengen. Wenn er in dem Tone redete, war nicht alle Hoffnung zu verlieren, wenn es auch vorläufig besser war, das Thema abzubrechen. Ueberdies mußte Tekelchen jeden Augenblick heimkehren; nun, man würde ja wohl morgen Gelegenheit zu Weiterem finden.
Und die Gelegenheit fand sich, indem Frau Pfeifer früh morgens bereits, als sie sich mit Tekelchen auf dem Wege zum Bade befand, mit Herrn Worbke zusammentraf, der ihr sofort freudestrahlend erzählte, daß er soeben von seinem Neffen einen Brief erhalten habe, worin ihm dieser seine Ankunft für übermorgen Mittag fest— setzte. Als Herr Worbke aber zum untrüglichen Wahrheitsbeweis seiner Mitteilung den Brief trium— phiernd vorzeigte, suchte Frau Eleonore einen raschen Blick auf den Stempel desselben zu werfen. Richtig! Ihre Vermutung hatte sie nicht betrogen, der Brief kam aus Berlin.
An diesem Morgen ging die biedere Frau Rech— nungsrat nicht mehr zum Bad! sie hatte ganz andere Pläne, und die veranlaßten sie, ihre Schritte gen Heringsdrf zu lenken.
Wenn Herrn Worbkes Neffe aus Berlin kam, war er verwöhnt wie alle Großstädter, und da war es leicht möglich, daß Tekelchen auf seine verfeinerten
Nerven den Eindruck eines Landpomeränzchens machte. Das mußte um jeden Preis verhütet werden, denn man konnte nicht wissen... Ein
elegantes, kleidsames Kostüm macht manchmal viel aus bei jungen Mädchen Gut denn! Mit mütterlichem Opfermut entschloß sich Frau Eleonore zu der großen Ausgabe und bestellte in Heringsdorf ein reizendes, mattgelbes Strandkostüm für Thekla, für sich selbst aber kaufte sie einen
Hut, der nachher Herrn Pfeifer beinahe Nerven krämpfe verursachte. Dann kehrte sie befriedigt heim.
So kam der große Tag endlich heran. Unten im Garten hatten Pfeifers den Kaffee— tisch gedeckt.
das Licht ihrer häuslichen Erziehung leuchten zu lassen. Herr Rechnungsrat aber lehnte malerisch in seinem Korbßsuhl und las„seine Zeitung“, während Eleonore, angethan mit einem lebensmüden Schwarzseidenen, von Zeit zu Zeit Telelchen einen Absatz aus Kuigges Umgang mit den Menschen in's Gedächtuis zurückrief. Zuweilen auch warf sie unruhige Blicke nach dem Hauseingang, ob sich denn dort noch immer nichts von dem„großen Ereignis“ zeigte.
Da— plötzlich ertönen im Hausflur Schritte, — dann lassen sich Stimmen hören.„Er“ war also da!
„Männe,“ flüstert aufmerksam zu machen.
Frau Pfeifer, um diesen In diesem Augenblick er⸗ scheint im Thürrahmen eine wohlbekaunte Gestalt — Herr Worbke. Ihr folgt eine andere, hoch und schlank, wie es schien,— jetzt kann man deutlicher sehen und
„Himmlische Mächte, habt Erbarmen! Das ist ja Schnittchen, der leibhaftige Schnittchen aus N.!“
Frau Eleonore droht zur Salzsäule zu erstarren, während ihr Ehegemahl ein kräftiges:„Himmel⸗ kreuz..„ das kann gut werden!“ losläßt.
Mehr zu äußern war ihm leider nicht vergönut, denn schon nahte Herr Worbke mit seinem Neffen.
Nun war die Reihe an diesem, verblüfft seinen Vorgesetzten anzustarren. Das that er denn auch wortlos, während sein Onkel freudeleuchtend die gegenseitige Vorstellung besorgte, die Schnittchen mit keiner Silbe unterbrach, da er aus allem ge⸗ hört hatte, daß Rechnungsrats das Städtchen, aus dem sie gebürtig waren, hier verleugnet hatten. Mit Tekelchen aber wechselte er einen stummen, bedeutungsvollen Blick. Dann ließ er sich am Kaffeetische nieder, erzählte in der harmlosesten Weise und versicherte einmal über das andere, er wisse seinem Onkel garnicht Dank genug für die liebenswürdige Bekanntschaft, die er ihm hier ver⸗ mittelt habe. Schade nur, daß er sich durch einen kleinen Abstecher nach Berlin um einige Tage ver⸗ spätet hätte. Freilich, er konnte ja nicht ahnen.. Und wie er das sagte, warf er Tekelchen wieder einen jener geheimnisvollen Blicke zu, unter denen sie jedesmal errötete.
(Schluß folgt.)
Tekelchen stand im neuen Kleide und servierte. Es war ihr überhaupt anbefohlen worden, heute


