Gießen, Mittwoch, den 23. Dezember
1896.
ische Landeszeitun
Postztg. Nr. 3239a. Telephon⸗Nr. 112.
Ausgabe
Gießen.
Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion: Kereuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Fetertagen.
Preis der Auzeigent 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
— 2.
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
les und Provinzielles.
eßen, 22. Dez. Ernannt wurden 0. d. M.: der Schaffner bei den Ober— chen Eisenbahnen Johannes Port zum führer bei den Hessischen Staats-Eisenbahnen; remser bei den Oberhessischen Eisenbahnen Jorg Schäfer zum Schaffner bei den Hess. 5⸗Eisenbahnen. Beide mit Wirkung vom ganuar 1897 au. Gießen, 22. Dezember.(Militärdienst⸗ sahrichten.) v. Müller, Generalmajor, be— dag mit der Führung der Großh. Hess.(25.) ion, unter Beförderung zum Generallieute⸗ zum Kommandeur dieser Division ernannt. bartenberg, Oberstlieutenant und etats⸗ er Stabsoffizier des Inf.⸗Regts. Kaiser 7 Großh. Hess.) Nr. 116, als Ab⸗
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0 Asche in das Kriegsmintsterium, Bigge,
itlieutenant und Bataillons⸗Kommandeur Inf.⸗Regt. Herzog Ferdinand von Braun⸗ gig(8. Westfäl.) Nr. 57, als etatsmäßiger Boffizier in das Inf.⸗Regt. Kaiser Wilhelm roßh. Hess.) Nr. 116. Boell, Sek. Lt. Inf.⸗Regt. Kaiser Wilhelm(2. Großh. Hess.) f 116, in das 2. Hanseat. Inf.⸗Regt. Nr. 76
Irsetzt. Wolf, Unteroffizier vom Inf.⸗Regt.
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ur Wilhelm(2. Großh. Hess.) Nr. 116, zum epeefähnrich befördert. Gießen, 22. Dezember. Für das Jahr find folgende Viehmärkte für die 8 ggialhauptstadt Gießen festgesetzt: 12. mar, 2. Februar, 23. Februar, 2 Tage, 0 Närz, 2 Tage, 30. März, 2 Tage, 25. April, Auge, 11. Mai, 2 Tage, 25. Mai, 2 Tage, Juni, 2 Tage, 6. Juli, 2 Tage, 20. Juli, Aige, 3. August, 2 Tage, 31. August, 2 Tage, „September, 2 Tage, 26. Oktober, 2 Tage, „November, 2 Tage, 7. Dezember, 2 Tage. den zweitägigen Märkten ist der erste Tag den Kuhmarkt bestimmt, am zweiten Tage Il Ochsen⸗, Schweine⸗ und Krammankt statt. Steinberg, 22. Dez. Sein 27jäh⸗ Ns Stiftungsfest feierte am vergangenen tag der Gesangverein„Eintracht“ bei wirt Schmandt„Zum grünen Baum“. Gäste waren die Mitglieder des hiesigen er⸗Vereins, sowie die beiden Gesangvereine Watzenborn erschienen. Sämtliche Ge⸗ vorträge fanden reichlichen Beifall. Be⸗ is gefielen die unter Leitung des Dirigenten segtge enden Vereins, Herrn Lehrer Er ä meer, udierten humoristischen Gesangs- Vorträge. musikalische Teil des e lag in ben der Kapelle Heß aus Grüningen. Ein 0„und Kylophonsolo wurde lebhaft applau⸗ I Alles in Allem verlief die Feier ohne (Störung. Lollar, 22. Dezember. Hier wird bald elektrische Licht das Petroleum über⸗ Die Main⸗Weser⸗Hütte namlich eben mit elektrischem Licht
bereits das günstigste Resultat geliefert. Es sind bereits die große und kleine Gießerei, sowie der Maschinenraum elektrisch beleuchtet. Die Anlage wird von der Allgemeinen Elektrizi⸗ täts⸗Gesellschaft Berlin; Installationsbureau Frankfurt a. M., angelegt, die auch die Haupt⸗ werkstätte der Oberhessischen Eisenbahn in Gießen übernommen hatte. Bei genügender Kraft wird sich auch der Ort anschließen, so— daß die Beleuchtungsfrage in bester Art und Weise gelöst ist.
* Grünberg, 22. Dezember. Am Samstag, den 2. Januar 1897, von vormittags 9 Uhr an, hält das Kreisamt Gießen einen Amts⸗ tag im hiesigen Rathause ab. Die Kreis-Ein⸗ esessenen aus den Amtsgerichts-Bezirken Grün⸗ erg, Homberg und Laubach können etwaige Anliegen in diesem Termin vorbringen.
Grünberg, 22. Dez.(Bienenzüchter⸗ Verein.) ie 50 Bienenzüchter aus hiesiger Stadt und Umgegend hielten gestern hier eine Versammlung ab, die den Zweck hatte, einen Zweigverein zum Oberhessischen Bienenzüchter-⸗Verein zu konstituieren. Nicht zum mindesten hatte die nächsten Sommer hier stattfindende Wander⸗-Versammlung des Oberh. Bienenzüchter-Vereins Veranlassung zur Gründung dieses Vereins gegeben. In den Vorstand des Zweig-Bereins„Grünberg⸗ Mücke“, so ist die nähere Bezeichnung desselben, wurden folgende Herren gewählt: Lehrer Ful⸗ dner von hier, Postverwalter Philippi von Mücke, Kaufmann Schott von hier, Lehrer Seib von Beltershain und Julius Zimmer- mann von Lauter.
* Bad Nauheim, 21. Dezember. Die Feier zur Erinnerung an den vor 50 Jahren erfolgten Durchbruch des großen Sool— sprudels hat größeren Umfang angenommen. Am Vorabend des Festes veranstaltete die hiesige, 120 Mann starke freiwillige Feuerwehr in Ver⸗ bindung mit einigen anderen Vereinen einen Fackelzug nach dem Sprudel, dem eine ge⸗ sellige Vereinigung in der Turnhalle folgte. Am 22. Dezember, dem eigentlichen Festtage, fand um 3 Uhr nachmittags ein Festzug der Schuljugend, des Stadtvorstandes und der Ver⸗ eine ebenfalls nach dem Sprudel statt. Pfarrer Wissig hielt eine Ansprache. Abends fand im Hotel⸗Restaurant Langsdorf ein Festbankett statt. Geheimer Bergrat Weiß hatte die Fest⸗ rede übernommen. Für den ersten Tag war die Offenbacher Feuerwehrkapelle unter Leitung des Kapellmeisters Finninger, für den zweiten Tag die Kapelle des Großh. Hess. Dragoner— Regiments(Garde-Dragoner-Regiment) Nr. 23 unter Leitung des Musikdirektors Engel engagiert.
* Bad Nauheim, 21. Dez. Das Großh. Ministerium der Finanzen beabsichtigt, den Kurpark durch Anlagen mit dem sogen. Donnersgraben, dem Johannesberg und Frauenwald zu verbinden und hatte an die städtische Verwaltung das Ansinnen gestellt,
zu diesem Behufe ihm den Donnersgraben käuf⸗ lich zu überlassen. Da der Gemeinderat sich bloß zu einer pachtweisen Ablassung verstehen wollte, so erschienen in einer dieser Tage hier stattgehabten Extrasitzung des Gemeinderats die Herren Geh. Oberforstrat Wilbrand und Ober— finanzrat Braun von Darmstadt, gaben die nötigen Aufschlüsse, und verstaud sich nun der Gemeinderat dazu, entweder den Donnersgraben gegen ein gleich großes Stück Gelände südöstlich der Stadt zu vertauschen, um auf letzterem eine Beleuchtungsanlage und ein Schlachthaus für die Gemeinde im öffentlichen Interresse zu er⸗ richten, oder auch das vom Fiskus gewünschte Gelände zum Preise von 2 Mark den Quadrat⸗ meter zu verkaufen. Durch das Projekt des Großh. Ministeriums der Finanzen würde der Kurpark ansehnlich vergrößert und in direkte Verbindung mit den benachbarten Laubwal dungen gebracht werden. Es würde dies eine sehr wesentliche Verschönerung unserer öffentlichen Anlagen und Spaziergänge bedeuten und steht man hier dem Plan sehr sympathisch gegenüber. — Das städtische Kur hospital, ein sehr statt⸗ liches Gebäude, ist nunmehr unter Dach gebracht. Leitender Architekt ist der städtische Baumeister Schmidt. Der Gemeinderat hat die nötigen Mittel zur Bestreitung der weiteren Baukosten flüssig gemacht.(D. Ztg.)
* Darmstadt, 21. Dezember. Die hiesigen Rechtsanwälte haben im Anschluß an die Praxis der Kollegen an anderen Oberlandes⸗ gerichten beschlossen, daß die Substitution auswärtiger Rechtsanwälte am Ober— landesgericht in den künftig an diesen Ge⸗ richtshof erwachsenden Rechtssachen aus zu— schließen sei. Nur in ganz besonderen auf sachlichen Gründen beruhenden Ausnahmsfällen soll die Ausführung der Parteirechte in der mündlichen Verhandlung dem auswärtigen An⸗ walte neben dem zugelassenen Anwalte über⸗ tragen werden können.
* Mainz, 21. Dezember. Der Waaren⸗ agent Bloch von hier hatte von einem Juwelier ein Paar Ohrringe im Werte von 2200 zum Verkauf erhalten. Der junge Mann versetzte diese im Pfandhause zu Wiesbaden für 1000 K und schwindelte seinem Auftraggeber vor, er habe die Ohrringe in Wiesbaden verkauft, aber noch kein Geld erhalten. Um seinen Auftraggeber zu beruhigen, fertigte der Angeklagte einen Wechsel und übergab ihn dem Juwelier. Schließ⸗ lich kam die Geschichte heraus und die Straf— kammer verurteilte heute B. zu 5 Monaten Gefängnis.
* Mainz, 21. Dez. Die hiesige Orts⸗ krankenkasse hat in den letzten zwei Jahren einen Ueberschuß von rund 120000 4 er⸗ zielt; sie beabsichtigt, für die Familienangehörigen bei Krankheitsfällen auch noch freie Medikamente einzuführen. Diese Er⸗ klärung wurde mit großer Befriedigung ent⸗ gegengenommen.— Der Bezirksverein Mainz
des Deutschen Buchdruckerverbandes be⸗ willigte in seiner gestrigen Versammlung für die ausständigen Buchdrucker in Rheinland⸗Westfalen eine Unterstützung von 150 und für die Ham⸗ burger Hafenarbeiter 50 l * Worms, 21. Dezember. Seit gestern Morgen wird der älteste Bruder des wegen fortgesetzter schwerer Diebstähle in Untersuchungs⸗ haft befindlichen Zimmermeisters Georg Uhrig, Namens Friedrich Uhrig, Zimmermeister dahier, vermißt. Da dieses Ausbleiben äußerst auffiel, forschte die Frau des Vermißten heute enauer nach und fand nach der„W. Ztg.“ im ult eine Notiz von der Hand ihres Mannes, nach welcher sich dieser von seinen Angehörigen verabschiedet mit dem Bemerken, daß er die große Schande, die ihm von dem Bruder bereitet war, nicht miterleben könne und er den Tod in den Wellen suche werde.
Vermischtes.
— Gute Kollegen. Das schweizerische Blatt der „Grenzbote vom Kaiserstuhl“ erzählt: Will da kürzlich ein Herr zum katholischen Pfarrer von W.(das Dorf ist paritätisch und hat also auch eine reformierte Pfarrei). Im Pfarrgarten trifft er einen weißhändigen, fein in Schwarz gekleideten Mann, der mit Geschick die Baum⸗ schere handhabt.—„Sind Sie der Herr Pfarrer?“ fragt der Besuch.—„Nein, ich putze ihm nur die Bäume“, ist die mit freundlichem Lächeln gegebene Antwort,„aber treten Sie nur ein, Herr Pfarrer K. ist zu Hause.“— „Ihr Gärtner da draußen ist mir aufgefallen, Hoch⸗ würden“, sagte der Fremde im Verlaufe des Gespräches, „der scheint mir, nach Aussehen und Manieren zu urteilen, sonst nicht Landwirtschaft zu treiben.“— Der würdige Geistliche lächelte ebenfalls.„'s ist mein Kollege, der reformierte Pfarrer von W. Aufs Steinobst versteht er sich vorzüglich.“
— Eine Selbst⸗ Hinrichtung mit dem Rade. Dieser Tage ist in Newyork ein sechstägiges ununter⸗ brochenes Radrennen zu Ende gegangen. Die Teilnehmer, die über die nötige Energie verfügten, 144 Stunden ohne Schlaf, ohne Ruhe und in steter Aufregung im Sattel zu bleiben, werden vielleicht den Rest ihres Lebens brauchen, um sich von den Anstrengungen zu erholen. Das ameri⸗ kanische Sechs⸗Tage⸗Rennen unterscheidet sich von unseren europäischen Sechs⸗Tage⸗Rennen dadurch, daß es den Wettbewerbern überlassen bleibt, Pausen zu machen, wann sie wollen, während die europäischen Rennen dieser Art den Fahrern nur gestatten, täglich sechs oder fünf Stunden zu fahren. Daß die Anforderungen, welche das erstere Rennen an die Teilnehmer stellt, fast übermenschlich sind, liegt klar auf der Hand. Hale, der bereits in der ersten Hälfte des Rennens die Spitze gewinnen konnte, hat gesiegt, aber es war ein teuerer Sieg. Am letzten Tage konnte er nur mit Mühe und unter Anwendung aller erdenklichen künstlichen Mittel dazu gebracht werden, das Rennen fortzusetzen, und schließlich bekam er sogar Hallu⸗ cinationen. Er legte trotzdem die ungeheuere Strecke von 3073 Kilometern 800 Metern zurück. Nicht besser wie Hale erging es seinen Nebenbuhlern. Einige stürzten wie leblos von der Maschine auf die Bahn und es gab einige Male förmlichen Aufruhr im Publikum. Der zweite Sieger Rice legte 3028 Kilometer zurück, dann folgte Reading(2986 Kilometer), Föster(2943 Kilometer), Schock(2844 Kilometer) und Pierre(2831 Kilometer).
kichtet und haben die Probier versuche
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Mächte der Finsternis.
Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdrud verboten., ö(Fortsetzung.). loch eine Viertelstunde lang sprachen sie in unerfahrenen, thörichten Art von der Zu⸗ und von Bernhards hochfliegenden Pläuen, n stand Elisabeth auf und erklärte, daß sie 100 in das Haus müsse, wo ihr Lehrer sie Bei dem Abschied n sie Beide Mühe, ihre Bewegung zu unter⸗ en, und es war gut, daß ihnen nicht viel Zeit
0 u ur Verfügung stand. Während Elisabeth ihn 1 0 in den Hauptweg begleitete, behielt Bernhard
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Hand in der seinigen und sie ließ es willig hen, wie sie es einem Bruder gestattet haben
15 uf Wiedersehen!“ sagte Bernhard mit be⸗ 1 55 Stimme, als sie zwischen den Büsten 0
sömischen Kaiser standen, und„Auf Wieder⸗ ae kam es von ihren feinen Lippen zurück. chauten einander in die Augen, als ob sie sich was ganz Besonderes zu sagen hätten, aber ite von ihnen fand dafür das rechte Wort, und ic urzem Schweigen befreite Elisabeth ihre Hand, 70 mit einem letzten, stummen Gruße dem kümhause zuzuwenden. a
N 1 nhard folgte ihrer zartgliedrigen Gestalt mit In Gucken, bis sie in dem hohen Portal ver⸗ unden war, dann reckte er seinen Körper empor ing erhobenen Hauptes mit festen Schritten e An die Stelle des Bildes vom Ritter und Aschenbrödel war ein anderes getreten; das men fahrenden Schüler, der sich eine
viel weniger phantastisch und unmöglich, als das vorige.
Stephan Milow hatte durchaus nichts einzu— wenden, als ihm Bernhard an demselben Tage seinen Eutschluß mitteilte, morgen zu reisen. Ja, sein zustimmendes Kopfnicken war ein so hastiges, daß es fast wie der Ausdruck einer wirklichen Er— leichterung erschien. Auch in der Stunde der Treu⸗ nung verharrte er in seiner gewöhnlichen Teilnahm— losigkeit, und kein Segenswort, kein frommer Wunsch geleitete den scheidenden Sohn, der einer so ungewissen und so wenig aussichtsvollen Zukunft entgegenging.
Siebentes Kapitel.
In goldhellem Morgensonnenschein leuchteten die waldigen Höhen, während über den Wiesenmatten in den Thalgründen hier und da noch zarte, duftige Nebelschleier flatterten. Gleich einem breiten, glitzernden Silberbaude floß der sagenumwobene Strom, der herrlichste aller deutschen Flüsse, zwischen schroffen Schieferfelsen und anmutig begrünten Rebenhügeln in vielfach gewundenem Laufe dahin, liebliche Ortschaften mit schimmernden Häuschen und zerfallene Ruinen romantischer Ritterburgen in seinen smaragdgrünen, durchsichtigen Wellen wieder— spiegelnd.
Auf der Landstraße, die vom nahen Gebirge her in die gesegnete Flußebene hinabführte, trabten in flotter Gangart zwei stattliche Pferde vor einem hübschen Landauer mit zurückgeschlagenem Verdeck. Ein Herr und eine Dame saßen im Fond des Wagens; jener war eine hohe, etwas hagere Figur mit bartlosem Gesicht und schneeweißem Haar, diese
Prinzessin gewinnen will. Und dies erschien ihm
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aber eine jugendlich schlanke, biegsame Gestalt von lieblicher Fülle der Formen und mit einem frischen, reizenden Gesichtchen, in welchem namentlich die großen glänzenden Augen von auffallender Schön— heit waren.
Sie gehörten unverkennbar beide zu den Auser⸗ wählten des Glücks; davon zeugte nicht nur der elegante Mietswagen, welcher jetzt, auf der Höhe der Raisesaison, gewiß recht teuer bezahlt worden war, sondern auch ihre Kleidung und die heitere Sorglosigkeit, mit welcher sie die erquickende Schön⸗ heit des herrlichen Sommermorgens inmitten der prächtigen landschaftlichen Umgebung genossen.
„Erinnerst Du Dich noch, Liesbeth“, fragte mit einem kleinen Lächeln der alte Herr,„welche Ant⸗ wort Du mir vor acht Jahren im Krankenhause zu Hollingstadt gabst, als ich Dich fragte, ob Du in Deine Heimat zurückzukehren wünschest? Du sagtest: In diesem kalten, grauen Lande werde ich bald sterben müssen. Und das kindliche Wort klingt mir seitdem noch immer im Ohre nach, obwohl Du ja glücklicher Weise nicht gestorben bist, sondern Dich recht kräftig und stattlich herausgewachsen hast. Ich habe manchmal darüber gelächelt, und erst in diesen letzten vierzehn Tagen habe ich gelernt, die Stim— mung zu begreifen, von welcher jenes Wort Dir eingegeben wurde. Es ist wirklich ein gar zu ge— waltiger Unterschied zwischen diesen gesegneten Ge—⸗ fildenz und unserer öden nordischen Tiefebene, und ich verstehe sehr wohl, daß der Gegenfatz auf ein empfängliches Kindergemüt geradezu erdrückend wirken konnte. Fehlt es mir doch beinahe an Mut, Dich jetzt wieder mit mir zu führen in unsere rauhe, unwirtliche Provinz.“
Mit einem Blicke voll zärtlichster Liebe hatte
sich ihm die junge Dame zugewendet, während er sprach. Nun legte sie ihre zierliche Hand auf die seinige und sagte in einen Tone, dessen volle Auf richtigkeit wahrlich nicht zu bezweifeln war:
„Ich war eben ein thörichtes Kind, das der Sehnsucht, von welcher es verzehrt wurde, noch keinen rechten Namen zu geben verstand. Mein, heißes Verlaugen nach Sonnenschein und Licht und Wärme war im Grunde nichts anderes, als ein Verlangen nach Liebe, und ich habe die Berge und Thäler meiner Heimat noch nicht ein einziges Mal vermißt, seitdem ich bei Dir, mein Herzensväterchen, die Liebe so überreich gefunden. Nicht um alle Wundergärten der Welt möchte ich jetzt den Park von Sandhofen eintauschen, und so herzlich dankbar ich Dir auch bin, daß ich an Deiner Seite die Gräber meiner lieben Eltern und die Stätte meiner ersten Kinderspiele wiedersehen durfte, so gern und freudig kehre ich doch nun in unsern Norden zurück.“
Zärtlich drückte Rodewald die Hand seines Adoptivkindes, und auch auf seinem durchfurchten Antlitz lag ein Abglanz des hellen Sonnenscheins, der rings um sie her die ganze Natur vergoldete und verklärte.
„Von Dir selber ist das Licht und die Wärme ausgegangen, mein Liebling“, erwiderte er,„und Dir allein habe ich es zu danken, daß mir aus der blutigen Saat eines schrecklichen Unglücks doch noch Friede und Freude erblühen konnten. Ich darf Dir das Zeugnis geben, daß Du mir in diesen acht Jahren noch nie eine trübe Stunde bereitet hast, und ich segne die Eingebung, welche mich da— mals mitten in meinem namenlosen Schmerz in das
Krankenhaus zu Hollingstadt führte.“(Forts. f.)


