blacicungs- 1—
ö gel,
Gießen, Mittwoch, den 22. April
0
Ausgabe
Gießen.
andeszeikun
Redaktion:. Kreuzplatz Nr. 4..
—
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
1 Expedition:
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 21. April. Zaghaft und scheu drücken sich unsere schulpflichtig gewordenen Kleinen auf den Bänken. Wie eine Herde furchtsamer Schäflein vor dem Gewitter, schmiegen sie sich aneinander und mustern verstohlen die schwarz von der Wand herabdrohende Tafel, den Ehr— furcht einflößenden Thron des Lehrers, der sich „Katheder“ nennt, und all' die übrigen achtung
Panne Gegenstände, die in einer richtigen
chulstube, zu Nutz und Frommen unserer lern— begierigen Jugend, vorhanden sind. Ach, so „lernbegierig“ war ihnen noch garnicht zu Mut! Sie kamen sich vor wie arme Singvögelchen, die listigen Vogelfängern ins Netz fielen und die nun traurig, hinter den Messingdrähten des Käfigs, die Köpfe hängen lassen und sich zurück nach der goldenen Freiheit sehnen. Ihre fröhlichen Lieder sind verstummt, und in bänglicher Erwartung harren sie der schrecklichen Dinge, die da kommen sollen. Kinder, die beim Spiel auf der Straße in fünf Sekunden Blutsbrüderschaft schlossen und gegenseitig in munterem Geschwätz überboten, wagen es kaum, an diesem geheiligten Orte flüsternd ihre Meinung auszutauschen, und der winzige Dreikäsehoch, der in einem Anfall uner⸗ hörter Verwegenheit ein helles Gekicher riskiert, erregt das starre Entsetzen seiner sämtlichen Ge⸗ nossen. Unruhig rutschen sie auf den hölzernen Schulbänken herum und wundern sich offenbar, daß die geschwärzte Zimmerdecke nicht straks auf das sündige Haupt des Frevlers herabgestürzt. Beim Eintritt des Lehrers, der lächelnd seine Blicke über die hoffnungsvolle Schar hinschweifen läßt, tauchen vor so mancher kindlichen Phantasie allerhand Räubergeschichten von fürchterlichen Züchtigungen und grausigen Nachbleibestunden auf, welche die älteren Geschwister daheim mit Vorliebe erzählt haben. Am liebsten möchten sie die Flucht ergreifen und das Weinen ist ihnen näher als das Lachen; aber sie trauen sich nicht, den Fuß zu heben, und die Thränen, die ver⸗ räterisch im Auge aufsteigen wollen, werden ge⸗ waltsam unterdrückt. Bald macht diese dumpfe Spannung der Gemüter freilich einer freund⸗ licheren Stimmung Platz. Der Lehrer redet ihnen so sanft zu, er greift ihnen so aufmunternd aus Kinn oder streichelt so liebevoll ihre errötende Wange, daß ihre Augen immer heller aufleuchten und ihre Zungen endlich die Sprache wieder⸗ erlangen. Eigentlich ist's doch ganz hübsch in der Schule, und es giebt da so viel Interessantes zu hören und zu 11 10 Als sie nach Schluß des Unterrichts abgeh nicht genug das väterliche Wohlwollen des Lehrers zu rühmen, können sie gar kein Ende im Be⸗ schreiben der Schulstube und des Schulhofes, wo sie ihr Frühstücksbrot verzehrt haben, finden. Eifrig hantieren sie mit Schiefertafel und Fibel, um die schwierigen Aufgaben, die ihnen gestellt sind, zur Zufriedenheit des Lehrers zu lösen, und Schulkameraden werden stolz als neu gewonnene Freunde den Eltern zugeführt. Mit Entrüstung weisen sie die Begleitung der Mutter oder der Kinderfrau von der Hand, denn sie kennen den Weg zur Schule so genau, daß sie zur Not ihn im Schlafe zurücklegen könnten, und außerdem
olt werden, wissen sie gar⸗(f
ist ihr Selbstvertrauen bedeutend gewachsen. Sie sind„voll und ganz“ von der Wichtigkeit,„Ele— mentarschüler“ zu sein, durchdrungen, und die Brüderchen und Schwesterchen, die noch an Mutters Schürzenzipfel hängen, werden von ihnen ziemlich verächtlich als menschliche Wesen niederer Gattung behandelt. Die Eltern, denen dies alles nichts neues ist, nehmen schmunzelnd von der Veränderung im Charakter ihrer geliebten Sprößlinge Notiz. Kurz: jeder Teil scheint be— friedigt. Möge es so bleiben und der Fleiß, den unsere ABC-Schützen entwickeln, für ewige Tage vorhalten!
* Gießen, 21. April. Die Jakob Eiser Ehefrau von Michelnau, mehrfach vorbestraft, hatte sich heute wegen Betrugsversuchs vor der Strafkammer zu verantworten. Die Ange⸗ klagte hat versucht, unter falschem Namen vom Goldarbeiter Otto hierselbst eine goldene Uhr zu erschwindeln. Der Gerichtshof fällte ein Ur—⸗ teil auf 6 Monate Gefängnis.— Ferner wurde verhandelt gegen den Korbmacher Johann Adam Klein, 50 Jahre alt, ohne festen Wohnstitz, dahier seit 3. März in Haft, geboren zu Fauer⸗ bach. Der Angeklagte wird beschuldigt, in wieder⸗ holtem Rückfall einen Diebstahl beim Wirt Hr. Konrad Reul zu Griedel bei Butzbach be⸗ gangen zu haben. Klein versicherte dem Gerichts hof hoch und heilig, er habe das Huhn, um das es sich handelt, nicht stehlen wollen, sondern sich nur Ruhe vor dem Hinkel schaffen wollen, ohne aber bei den fünf Richtern Glauben für sein Histörchen zu finden. Dieselben bewilligten ihm zwar noch einmal mildernde Umstände, verurteilten den Angeklagten aber zu 4 Monat Gefängnis und rechneten ihm auch 3 Wochen der erlittenen Untersuchungshaft an.
* Gießen, 21. April. Am Sonntag Vor⸗ mittag 10½ Uhr tagten im Hotel Schütz hier— selbst die Vertreter des Nordbezirks des Gaues IX. des Deutschen Radfahrerbundes; zahlreich waren die Vertreter der verschiedenen Vereine erschienen und dauerten die Verhandlungen bis 2½ Uhr. Nachmittags fand im Hotel Einhorn ein recht animierter Bierkommers statt, an dem sich auch die Mitglieder unserer Gießener Rad⸗ fahrervereine in stattlicher Zahl beteiligten.— Am 3. Mai findet in Butzbach das Gau⸗Rad⸗ fahrerfest statt. Anfang Juli ist in Dillen⸗ burg ein Mannschaftsrennen geplant, an dem sich die Gießener Vereine stark beteiligen werden. Der Herbstbezirkstag wird in diesem Jahre in Gießen abgehalten und werden voraus⸗ sichtlich„Die Wanderer“ G.⸗R.⸗G. die Festgeber ein.
* Gießen, 21. April. Besitzwechsel. Das Haus Seltersweg 21, den Schultheiß'schen Erben gehörig, ging heute für den Preis von Mk. 21000 in den Besitz des Rentiers Senner über.— Herr Sorger verkaufte seine Wirt⸗ schaft zur„Schönen Aussicht“ mit totem und lebendem Inventar an einen Wirt von Frank⸗ furt für 55,000 Mark. Die Uebernahme soll am 1. Mai erfolgen. 5
* Gießen, 21. April. Uunsere gestrige Notiz über eine eventuelle Reichstags-Ersatzwahl für unsern Wahlkreis ist durch ein in der Druckerei begangenes Versehen unter den redaktionellen
Teil geraten. In der Form, die ihr gegeben, war sie nur für die Rubrik„Eingesandt“ be⸗ stimmt. Uebrigens treten Zweifel auf, ob die Uebernahme einer Postagentur den Eintritt in den Staatsdienst in sich schließt. Wir selbst sind augenblicklich nicht in der Lage, diese Zweifel auf⸗ klären zu können, neigen aber der Ansicht zu, daß die Zweifler im Recht sein könnten. In diesem Falle kann natürlich von einer Neuwahl keine Rede sein. Gießen, 20. April. Man schreibt uns: In Darmstadt fand vor Kurzem eine Versammlung des Martinviertelvereins statt, in welcher Protest erhoben wurde gegen die beabsichtigte Verlegung der Direktion der Main-⸗Neckarbahn nach einem andern Platze.„Von Neuem zeigt“, so wird aus Darmstadt geschrieben,„diese Versammlung den Segen des Bestandes der Bezirks ver— eine, in denen städtische Fragen von allgemeinem Interesse zu richtiger Zeit besprochen werden.“ — Auch in Frankfurt, in Offenbach, in Marburg, in Kassel erkennt man die Thätigkeit der Bezirks⸗ vereine als segensreich an. Warum sie nur in Gießen immer und immer wieder angefochten und mit Hohn bekrittelt werden?“—(Wir fügen dem hinzu, daß man in Marburg über die segens⸗ reiche Thätigkeit der Bezirksvereine ungeteilter Meinung ist.) Vilbel, 20. April. Gestern hielten dahier Vertreter der sozialde mokratischen Partei aus dem Großherzogtum Hessen eine außeror— dentliche Landeskonferenz ab. Es waren 31 Orte durch 49 Delegierte vertreten. 1. Die Gewerkschaftsfrage. Referent Simon⸗ Offenbach. N
2. Die bevorstehende Landtagswahl und Be⸗ richt über die Thätigkeit der sozialdemo⸗ kratischen Abgeordneten im hessischen Land— tag. Referent Ul rich-Offenbach.
3. Der internationale Arbeiterkongreß in
London und ev. Wahl von Delegirten.
4. Neuwahl des Landes-Komitees.
Zu Punkt! wurde eine vom Referenten vor⸗ geschlagene Resolution abgelehnt, eine vom Reichstagsabgeordneten Jöst-Mainz eingebrachte Resolution aber, die weniger weitgehend war, einstimmig angenommen. Das Referat zu Punkt 2 wurde lebhaft diskutirt, aber durchweg das Verhalten der Abgeordneten gutgeheißen. Fol- gende Resolution wurde einstimmig angenommen:
„Die Landeskonferenz spricht den seitherigen
Landtagsabgeordneten für ihre Thätigkeit im
Landtag ihre Anerkennung und Zustimmung
aus und beschließt, bei den demnächstigen
Wahlen zum Landtag mit aller Kraft in die
Agitation in ganz Hessen einzutreten. Be⸗
sonders soll dahin gestrebt werden, die er—
loschenen Mandate wieder zu erobern und die
Mandate in Offenbach-Stadt im 13. Starken⸗
burger und 9. rheinhessischen Wahlkreis neu
zu erringen.“
Punkt 3 erledigte sich dadurch, daß Abg. Ulrich als Delegierter zum internattonalen Arbeiterkongreß in London gewählt wurde.
Ein Antrag, den Sitz des Landeskomites in Mainz zu belassen, wurde gegen 20 Stimmen abgelehnt und dann einstimmig der Sitz nach
1 Kreuzplatz Nr. 4. ö ö 1
1 Landeskomitees sollen von Offenbach, die drei weiteren Mitglieder von Darmstadt, Mainz und Gießen gewählt werden.— Eine recht inte ressante Debatte rief ein Antrag von Weisenaue Parteig enossen hervor, die derzeitige Partei⸗ organisation daselbst, den Arbeiterverein ferner nicht mehr als sozialdemokratische Organisation anzuerkennen, nachdem ein Teil der Mitglieder sich auch dem evangelischen Männerverein unter Leitung des dortigen Pfarrers angeschlossen habe. Die nicht übergetretenen Mitglieder sollen beauf⸗ tragt werden, eine neue sozialdemokratische Or— ganisation zu bilden. Beide Parteien hatten ihre Vertreter gesandt, um die Sache klar zu legen. Müller-Darmstadt beantragt, ein Schieds gericht zur Entscheidung niederzusetzen. Jöst erklärte sich entschieden dagegen. Wenn es sich 44 hier um einen Verein von ausgesprochen kirch⸗ licher oder religiser Tendenz handeln würde, könne man nichts dagegen sagen nach dem Grundsatz der Partei:„Religion ist Privatsache.“ Die von katholischen und evangelischen Pfarrern ins Leben gerufenen Vereine würden aber mit ausgesprochener Tendenz gegen die Sozialdemo kratie gegründet, deshalb müͤsse reiner Tisch sein Nachdem der Vertreter des evangelischen Männer vereins sich damit entschuldigt hatte, daß en „verleitet“ worden sei, auch die vom evangelischen Verein gegründete Sterbekasse verschiedene heran⸗ gezogen habe, wurde der von Weisenau gestellte Antrag angenommen und sodann die Konferenz mit einem Hoch auf die internationale Sozial⸗ demokratie geschlossen..
Vermischtes.
— Die Verhandlung gegen den Bürger meister Seidel von Neustadt bei Koburg, einen
industriereichen Städtchen von über 6000 Einwohnern.
die mit der Fabrikation der sog. Sonneberger Spielwaarer sich beschäftigen, hat ein eigenthümliches Licht auf Zu stände geworfen, die in der städtischen Verwaltung noch möglich sind. Seidel war 1892 zum Bürgermeiste dort gewählt worden, nachdem er vorher Bürgermeister il Lobenstein gewesen war. Seinem Beruf nach war ei eigentlich Schlosser, dann war er zum Militär ge gangen, Schutzmann geworden und auf der Leite kommunaler Aemter allmälig bis zum Bürger meister hinaufgeklettert. Daß er schon einmal wegen Diebstahls mit einer Gefängnißstrafe belegt worden war, schien man weder in Lobenstein, noch in Neustadt noch im Ministerium gewußt zu haben, sonst würde ibn dieses wohl nicht bestätigt und im vorigen Jahre gar noch durch Verleihung des Ritterkreuzes des Erne stinischen Hausordens ausgezeichnet haben. Seide hatte gegen eine Remuneration auch die Oberleitung de N städtischen Gasanstalt, aber Arbeiten war seine Freud 1 nicht, und so übertrug er die Einnahme der von de Gaskonsumenten eingehenden Gelder seinem Stadtschreiber einem jungen Menschen von 20 Jahren. Als er ir September 1894 zum Thüringer Städtetag reisen wollte fehlte es ihm an Geld; in der Stadtkasse hatte er sig. schon Vorschüsse geben lassen, so wandte er sich an den Stadtschreiber und ließ sich aus der Gaskasse ι 2 geben. Die Weigerung des Stadtschreibers half nichts der Bürgermeister brachte seine Autorität zur Geltung und verlangte nun alle paar Tage neue Summen, balj wenig, bald viel, wie es gerade das Bedürfniß dee Tages mit sich brachte, von 10 an hinauf bi zu. 330. Während im Anfang der Stadtschreibe allmonatlich die eingegangenen Gelder an die Stadtkass⸗
——
Offenbach verlegt. Zwei Mitglieder des
Eine sixe Idee? Von Martin Böttcher. (Fortsetzung.)
Der Winter, der gestrenge Herr, alterte schon sehr; aber er dachte noch nicht daran, den Herrscher⸗ stab in die milde Hand des Nachfolgers, des Lenzes, zu legen. Noch nicht! Wie eine kalte Bettdecke— dicht und schwer— lag der Schnee auf den zarten Keimen, die sich in jugendlichem Uebermut hervor⸗ gewagt hatten, den jungen Herrscher zu begrüßen, der sich neulich zum Regierungsantritt gemeldet, aber sofort zum Lande hinausgejagt worden war vom gestreugen alten.— Und wie weiße Daunen, durch ein ungestümes zorniges Schütteln aufge⸗ wirbelt— tausend und aber tausend an der Zahl — flogen die Schneeflocken durch die Luft und senkten sich nach und nach auf die Decke herab und machten sie immer dichter und schwexer.— Jawohl, der Winter war zornig! Aber hatte er nicht auch alle Ursache, es zu sein? Es geschah ihnen recht, den zarten Keimlein:— Unartige Kinder müssen ins Bett.
Im Wohnzimmer hatte man einen käustlichen Lenz hervorgezaubert.— Der große Ofen verbreitete eine milde Wärme über den ganzen Raum, und Hyacinthen, Narcissen, Konvallgria und andere
Früblingsblumen standen in Töpfen und erfüllten
ihn mit ihrem Duft.— Vater und Tochter waren allein. Auf seinem Antlitz lag etwas wie Frühlings— sonnenschein; aber sichtbar bemühte er sich, seine Freude zu verbergen; denn er stand am Fenster,
anscheinend ganz versunken in aufmerksame Be⸗ trachtung der wirbelnden Schueeflocken. Er hatte sich einige Mal geräuspert, als ob er etwas zu sagen hätte, aber nicht wüßte, wie er es anfangen sollte.— Ihr Antlitz trug das Gepräge ruhigen Ernstes, verriet aber zugleich durch einen zerstreuten, träumerischen Ausdruck, daß ihre Gedanken weit ab weilten von den Blumen, über welche sie sich eben neigte, um sie zu orduen.
Er räusperte sich wieder, wandte sich aber nicht um.—„Ich werde alt und hinfällig und bedürfte eigentlich eines Helfers oder eines Ablösers“, be— gann er— etwas unbeholfen und tastend, wie es in der Regel der Fall ist, wenn man sich bemüht, ein Anliegen recht fein einzuleiten.
Es erfolgte keine Autwort, aber eine veiche Hand streichelte teilnehmend und liebkosend sein dünnes, weißes Haar.
„Aber wo finde ich einen solchen— wer wird mich ablösen?— Ja, wenn er“ bald zurückkehrte, dann— dann... fuhr er ebenso unbeholfen und tastend fort, wie er angefangen hatte.——
Der Satz wurde nicht beendet. Er wurde von
der Tochter unterbrochen, welcher die übermäßig
starke Betonung des Wortes„bald“ sofort aufg e— fallen war.— Die so lange getäuschte Hoffnung und die Sehnsucht nach deren Erfüllung hatte ihr das Gehör geschärft.
„Wenn er bald zurückkehrte,“ wiederholte sie mit atemloser Eile.„Du hast sonst immer durchblicken lassen, daß Du die Möglichkeit, die Du eben aus⸗ sprachst, bezweifeltest.—— Weißt Du etwas, sage, weißt Du etwas, oder ahnt Dir etwas?— Ich bin stark geuug, eine große Freude tragen zu können.“
Nun wandte er sich um und blickte forschend hinein in das glühende Antlitz.
„Ich weiß,“ antwortete er, daß mein Zweifel feige war, und daß die Möglichkeit der Erfüllung Deiner starken Hoffnung, die ich bis jetzt für weib— liche Schwäche, für krankhafte Illusion hielt, nicht ausgeschlossen ist.—— Ein Schiffbrüchiger kann gerettet werden, selbst weun das Unglück auf hoher See geschieht, und— und ein Kranker kann wieder gesund werden, selbst wenn die Krankheit ein Sta⸗ dium erreicht hat, in dem es uns Meuschen un— möglich erscheint. Das haben wir ja erfahren.— Wenn er nun krank gewesen wäre— wenn er wie Du lange Zeit mit umnebelten Sinnen gelegen hätte und aus diesem Grunde nicht instaude ge⸗
wesen wäre, uns Nachricht zu geben... Wir wollen uns deu Fall denken....“
„Vater, Vater!“ unterbrach ihn die Tochtey „Du weißt etwas! Laß mich nicht länger in de tötenden Ungewißheit bleiben!— Ich wiede hole es: Ich bin stark genug— alles zu tragen.
Es hatte nun keinen Zweck mehr, sich der Un wege ferner zu bedienen. 1
„Ich weiß, daß Deine starke Hoffnung nich zu schanden werden wird,“ antwortete er.„J. weiß es ganz gewiß, obgleich mir eine Nachrich über ihn zugegangen ist, die nicht so gut ist, w. ich es gewünscht hätte. Doch, sie hätte auc hundertmal schlimmer lauten können: Er leb. Er wurde vom Ertrinken gerettet, ist aber kran, sehr krank.“ 1
„Ich bin stark genug, eine große Freude trage 1 zu können!“ hatte sie gesagt. Nun zeigte es lle 1 aber, daß selbst das sehr gemischte Gefühl, unte dessen Einwirkung sie gestellt worden war, fas— drohte, sie zu überwältigen. 4
Die Thatsache, daß er lebte, uahm augenblick lich alle ihre Gedanken und Gefühle so ausschlies lich iu Anspruch, daß sie einstweilen gar uicht daran dachte, über die näheren Umstände eingehender Aufschlüsse zu begehren.
(Schluß folgt.)


