Ausgabe 
22.2.1896
 
Einzelbild herunterladen

Gießen, Sonnaben

d, den 22. Februar

1896.

0

Ausgabe

Gießen.

andeszeitung.

Redaktion:= Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. N Expedition: 5 nam] Kreuzplatz Nr. 4. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 2 Kreuzplatz Nr. 4. hier, Mark. 5 2

. N. nad Bedingte Verurteilung kurzzeitiger Freiheitsstrafen in den für Besserungs⸗ und erledigt. Hoffen wir, daß Hessen auch auf straf-[des Antrages Metz-Darmstadt, die Regierun 0 ut in Hessen. Saen unde e Tage zu 1 197 rechtlichem Gebiete den übrigen Bundesstaaten zu 1die. vom Jahre 1886

. eile zu vermindern, i Beispie 117555 5 0 2 9305 1 2 0 2805 In Hessen ist schon seit einer Reihe von überhaupt das Verbrechertum, insbesondere das jugend⸗ Wg per bedintten Heaven 901 welche bei der Neuerrichtung Jahren dieBedingte Begnadigung ein- liche Verbrechertum, zu bekämpfen, hat die oberste Justiz⸗ gut bewährt hat, die 0 Wien l 0 stellt 7. 1 05 0 lee E. Ott 5 geführt. In einem besonderen Artikel haben wir verwaltungsbehörde die Strafvollstreckungsbehörden im fol 0 0 0 ear i 2 9 75 zei der Vesprechung ieses utrages, Ottmann, im vorigen Jahre diese Thatsache in derHess. Anschlusse an die über die bedingte Begnadigung bereits folgen, die sich noch besser bewähren wird. 150 die 2110 pe di 300 d r Winch zandesztg. ausführlich besprochen. Am Mitt⸗ erlassenen Vorschriften unterm 29. Juni v. J. angewiesen,= 5 Em merling fest, daß die Zahl der Wirtschaften . n die bedingte Aussetzung der Strafvollstreckung in den Hessischer Landtag. in Hessen sich in den Jahren von 1878 bis

woch wurde nun in der Zweiten Kammer

wie wir gestern schon kurz berichteten ver⸗ handelt über die Anfrage des Abg. Schmitt, die bedingte Verurteilung auf dem Verwaltungswege betreffend. Da die ganze Angelegenheit außerordentlich wichtig ist, so halten wir es für unsere Pflicht, den ausführlichen Bericht, der gestern noch nicht vorlag, heute zu veröffentlichen:

Die Anfrage des Abg. Schmitt lautet:

Ist es der Großherzogl. Regierung bekannt, daß die Königl. Söchsische Regierung Versuche mit der bedingten Verurteilung auf dem Verwaltungswege angestellt hat?

Will nicht auch die Hessische Regierung alsbald Versuche anstellen?

Staatsminister Finger verliest die Antwort der Re gierung, die folgendermaßen lautet:

Schon seit einer Reihe von Jahren werden im Groß herzogtum Hessen Straferlasse in vielen Fällen an die Bedingung geknüpft, daß die Verurteilten sich innerhalb eines mehrjährigen Zeitraums gewöhnlich 5 Jahre keines Verbrechens oder Vergehens schuldig machen. Im Jahre 1891 wurde die allgemeine Anordnung getroffen, daß bei allen in dem Landeszuchthause, sowie in den

Ggefängnissen aufgenommenen Sträflinge nach Verbüßung won drei Vierteilen der zuerkannten Strafe die Frage, ob denselben der Strafrest, bedingt oder unbedingt, im nadenwege zu erlassen sei, von amtswegen geprüft werde.

Zu diesem Zwecke wurden die Strafsollstreckungs⸗ behörden angewiesen, solche Gefangene, die dem angegebenen Zeitpunkte ihrer Strafverbüßung entgegensehen und einer Berücksichtigung nicht von vornherein als unwürdig er⸗ scheinen, zu protokollarisch aufzunehmenden Straferlaß⸗ gesuchen zu veranlassen und die Protokolle mit gutacht⸗

licher Aeußerung dem Großh. Ministerium des Innern und der Justiz zur Entschließung vorzulegen. Dabei kvurde den Strafvollstreckungsbehörden überlassen, in solchen

Fällen, die sich nach dem Vorleben des Sträflings, seinem

Verhalten in der Strafanstalt und Strafthat hierzu eigneten, insbesondere auch bei jugendlichen Personen das vorerwähnte Verfahren auch schon nach Verbüßung der Hälfte der Strafzeit einzuhalten. In welchem Umfange

von dieser bedingten Begnadigung seit 1891 Gebrauch

gemacht worden ist, zeigt die in Nr. 601 der Mitteilungen

der Großh. Hessischen Zentralstelle für die Landesstatistik von 1895 enthaltene Uebersicht.

Ermutigt durch die im allgemeinen günstigen Erfahrungen, welche mit der bedingten Begnadigung ge⸗ macht worden sind, und geleitet von der Ansicht, nichts unversucht zu lassen, was dazu beitragen kann, die mit der Vollstreckung

hierzu geeigneten Fällen mit gutachtlichem Berichte auch dann zu beantragen, wenn mit dem Straf- vollzuge noch nicht begonnen worden ist.

Als besonders hierzu geeignete Fälle wurden hierbei den Behörden solche bezeichnet, in denen es sich um jugend liche, d. h. solche Personen handelt, die zur Zeit der Be⸗ gehung der That zwar das zwölfte, aber noch nicht das achtzehnte Lebensjahr vollendet hatten, oder in denen die mit dem Strafvollzuge verbundenen Nachteile schwerer wiegen, als die Bedeutung der Strafthat.

Besondere Erfahrungen über die Erfolge dieses weiter⸗ gehenden Schrittes konnten der Kürze der Zeit wegen noch nicht gemacht werden.

Nach dem Vorgetragenen besteht für die Großh. Re⸗ gierung, der übrigens die von dem Königlich Sächsischen Ministerium der Justiz erlassenen Bestimmungen über bedingten Aufschub der Strafvollstreckung und bezw. der Strafverfolgung bekannt sind, zur Zeit keine Veran⸗ lassung, weitere Versuche in dieser Richtung anzustellen.

Abg. Schmitt beantragt Besprechung und wird dieser Antrag angenommen.

Abg. Schmitt: Er müsse gestehen, daß die Antwort der Regierung ihn sehr gefreut habe, besonders aus dem Grunde, weil nach den statistischen Mitteilungen die be⸗ dingte Verurtheilung schon jetzt in großem Umfang geübt werde. Er sei zu seiner Anfrage dadurch bewogen worden, daß erst nach Verbüßung von Dreiviertel oder Einhalb der Strafe an Erlaß des Restes gedacht werde. Bei jugendlichen Verbrechern aber sei das beste Besserungsmittel, daß man sie vor dem Gefängnis selbst bewahre, aber immer das Damollesschwert über ihrem Kopfe hängen lassen müsse. Er halte einen Punkt der Antwort nicht für richtig. Nach seinem Ermessen wäre es am richtigsten, daß die Entscheidung der Frage, ob die Strafvollstreckung auszusetzen sei, nicht dem Er⸗ messen des Strafvollstreckungs richters, sondern desjenigen Richters, der in der Sache entschieden hätte, anheimgegeben werde; denn dieser, der alle Umstände genau kennen gelernt habe, sei am besten in der Lage, über diese Frage zu entscheiden. Weiter sei er der Ausicht, daß diese Frage ex officio geprüft werden müsse. Denn, wenn man verlange, daß der jugendliche Verbrecher eine Eingabe machen müsse, so würden die Wohlthaten der Strafaussetzung nur den Reichen zugute kom⸗ men, nicht aber den Arm eu, da diese sich nicht einen Rechtsbeistand nehmen könnten, der sie aufmerksam machen könnte.

Staatsminister Finger: Er mache darauf aufmerksam, daß ein Erlaß bestehe, der ein Vorgehen ex oflieio vor⸗ schreibe.

Damit war die Angelegenheit für die Kammer

Zweite Kammer. Darmstadt, 20. Februar.

Heute nahm die Zweite Kammer die Beantwortung einiger Interpellationen entgegen; sie beschloß, dem Gesuch des Vereinsvorstandes der Mainzer Kaufleute wegen Offenhaltung der Schaufenster der Ladenge schäfte an Sonn- und Feiertagen keine Folge zu geben. Dagegen nahm sie einstimmig einen Antrag Schmitts an, welcher das Gesuch der Regierung überweist und diese ersucht, eine gleichmäßige Behandlung mit den angrenzenden Landestheilen anderer Staaten herbei zuführen. Die Regierungsvorlage, welche den Handel mit, Antheilen und Abschnitten zu Lotterien und Ausspielungen unter Strafe stellt, wurde angenommen. Das Gesuch der Antisemiten in Trebur auf Uebersetzung des Schulchan aruch aus Staatsmitteln wurde ab⸗ gelehnt.

Es folgt die Berathung des Antrages Wasserburg auf Einführung direkter Wahlen zum Landtag. Der Antragsteller nannte dabei die heutige Vertretung eine solche der Vormünder des Volkes, nicht einer Vertretung des Volkes selbst. Die Liberalen verweisen so oft auf Baden. Dort verlangte die Nationalliberale Partei selbst die direkte Wahl und das Ministerium Eisenlohr verhalte sich keineswegs so ablehnend, wie das hessische Ministerium. In Württemberg verlange niemand mehr zum indirekten Wahlsystem zurück und als in Sachsen Wünsche darnach laut wurden, erhob sich ein Sturm der Entrüstung durch das ganze Land. Im Weiteren polemisierte Redner gegen die Nationalliberalen, insbesondere gegen frühere Auslassungen Osanns. Die Majorität des hessischen Volkes wolle ihre Ab geordneten selbst wählen. Staatsminister Finger hält das verfassungsmäßige Wahlrecht als den Interessen des Landes entsprechend. Regierung und Volk seien mit dem bestehenden Wahlgesetz zufrieden. Köth, Ullrich, Metz(Gießen) und Schmitt befürworten zum Teil in sehr ausführlicher Weise die Einführung direkter Wah⸗ len. Nur Osann(Nationalliberal!) wandte sich noch gegen den Antrag Wasserburg. Bei der namentlichen Abstimmung gaben außer dem Zentrumsabgeordneten die Sozialdemokraten, Deutschfreisinnigen, Antisemiten und die Nationalliberalen Metz(Darmstadt), Haas(Offenbach), Reinhardt und Westernacher ihre Stimmen zu Gunsten der direkten Wahlen ab. Der Antrag Wasserburg wurde mit 23 gegen 20 Stimmen angenommen.

Lokales und Provinzielles. * Gießen, 21. Februar. In der Zweiten Kammer erfolgte am Mittwoch die Annahme

1893 um etwa 12% vermindert hat. In den größeren Städten dagegen hat sich die Zahl vermehrt. Obennan steht Gießen, wo sich in 15 Jahren die Gastwirtschaften um 35,% und die Schankwirtschaften um 35,1% vermehrt haben. Das heißt: die Zahl der Wirtshäuser hat sich in Gießen in der an⸗ gegebenen Zeit verdoppelt. Allerdings muß dabei berücksichtigt werden, daß auch die Ein⸗ wohnerzahl in der angegebenen Zeit außordent⸗ lich zugenommen hat. Während Gießen 1870 etwa 15000 Einwohner zählte, waren es 1893 bereits 22000.

Gießen, 21. Febr. Die Firma Hager u. Laußberg⸗Köln, der die Erbauung der Bieberthalbahn konzessioniert ist und welche mit den betreffenden Gemeinden die Verhand- lungen bis jetzt führte, hat nunmehr die Kon⸗ zession zum Bahnbau sowie alle hierzu erworbenen Rechte an die Allgemeine Kleinbahnbau- Gesellschaft, Aktiengesellschaft zu Ber⸗ lin übertragen. Es soll nun endlich demnächst mit der Erbauung der Schmalspurbahn begonnen werden.

Gießen, 21. Febr.(Strafkammersitzung.) Der Hilfsrangiermeister Ludwig Wagner von Lollar hatte sich heute Vormittag vor der Straf kammer wegen Gefährdung eines Eisen⸗ bahntransportes zu verautworten. Es han⸗ delte sich um den am Morgen des 1. No vember v. J. auf Bahnhof Lollar vorgekommenen Zu⸗ sammenstoßes eines Rangierzuges mit dem um 7 Uhr 35 Minuten von Wetzlar einlaufenden Personenzug, wobei der Eisenbahnfiscus einen Schaden von Mk. 2000 erlitten hat. Der An⸗ geklagte entschuldigte sich, daß er am fraglichen Morgen des Nebels wegen das gegebene Ein fahrtssignal für den Wetzlarer Zug nicht gesehen habe und daß eutweder dieser vor der fahrplan⸗ mäßigen Zeit die Strecke passiert oder seine Taschenuhr etwa 10 Minuten nachgegangen sein muß. Durch die Zeugen wird aber konstatirt, daß der Wetzlarer Zug pünktlich eingetroffen. Sachverständige und die als Zeugen vernommenen Eisenbahnbeamten bekunden aber übereinstimmend, daß auf Bahnhof Lollar die Weiche 20 den technischen Fehler habe nicht an die Sig⸗ nalleituug des Südturmes angeschlossen

Im südamerikanischen Carthago. Reiseskizze von Dr. Paul Remer. (Nachdruck verboten) (Schluß.)

Sonst gibt es nur wenig Ruinen in Cartagena. Nach meinem Klosterbesuch drang ich in die Stadt selbst ein durch ein finsteres Thor, in dem ein paar kolumbianische Soldaten faulenzten. Wessen Augen nur an der Oberfläche haften, wessen Denken und Fühlen in die enge Gegenwart eingesperrt ist, der wird Cartagena für eine häßliche Stadt erklären, mit alten schmutzigen Häusern, mit engen, kotigen Straßen, und er wird von seinem Standpunkt aus

5685000 5 Gloss

ate 0. Recht haben. Cartagena ist eine der schmutzigsten, An heißesten, ungesundesten Tropenstädte, die ich ge⸗ fule d sehben habe; die hohen Festungsmauern ringsum balten jeden Luftzug von der See her ab und machen 75 es zu einem Herd aller möglichen Kraukheiten Es 8 4247 hat den Anschein, als sei seit der Erbauung durch 97 600 die Spanier nichts, gar nichts an der Stadt ge⸗ 1488% than; wenn manu sich einen Augenblick die Be⸗

1 wohner wegdenken könnte, so würde Cartagena wie

eine seit Jahrhunderten verlassene Stadt erscheinen, Da ist kein neues Haus, ja selbst keine Reparatur, die auf eine arbeilende Gegenwart hindeutet. Die Stadt ist unverändert dieselbe, wie sie in den Jahren 153240 erbaut wurde; die Faulheit und die Ikleichgültigkeit des Kolumbianers haben hier das Alte anangetastet gelassen. Wie im Traum schritt ich dug die engen finstern Straßen, wie im Traum

ah ich zu den Balkonen der alten grauen Häuser Hinauf, und dunkle Sehnsuchtsaugen schauten zu mir herab. Tiefer und tiefer verlor ich mich in den Schatten der Vergangenheit, mein geschichtliches

Wissen bekam Leben und Farbe, und das alte stolze 05 glänzende Cartagena, der wichtigste Hafenplatz des panischen Südamerika, der Sam nelort der großen

Silberflotten, stand vor mir auf. Wer weiß, in welche Arme und welche Abenteuer mein Traum mich geführt hätte, wenn nicht hin und wieder der

Zuruf oder auch der freundschaftliche Rippenstoß des lebendigen 19. Jahrhunderts in Gestalt eines farbigen Arbeiters oder eines weißen Kaufmanns den Träumer in die Gegenwart zurückversetzt hätte?...

Die Disharmonie that meiner nach einem ein heitlichen Eindruck ringenden Seele weh, und ich rettete mich in eine Kirche, aus deren offenen Thüren mir Gesang und Orgelmusik entgegenwogten Ein Blick auf die verblaßten Goldbuchstaben einer Tafel am Eingang belehrte mich, daß der Bau unter Karl V. im Jahre 1536 begonnen war. Die Kirche war sehr besucht, besonders von Frauen; es wurde gerade eine Totenmesse gefeiert. Feierlich ballten Gesang und Gegeugesang von getragener Orgelmusik begleitet, durch den hohen Raum dahin. Ich lehnte zur Seite an einem Pfeiler und schaute in das andächtige Publikum hinein: meist waren es dunkeläugige, dunkelhaarige Spanierinnen und Kreo linnen, schmale, blasse, von Spitzentüchern einge rahmte Gesichter, die unter dem Bann der Todten messe oder auch eines wirklichen Schmerzes einen feinen Zug des Leidens trugen. Hin und wieder flog hinter einem schwarzen Fächer, den eine weiße Hand bewegte, der neugierige Blick eines dunklen Auges zu mir hinüber, und ich glaubte dann, dem Schmerze selbst ins Auge zu sehn, einem jungen Schmerze, der die Hoffnung auf kommenden Sonnen⸗ schein noch nicht aufgegegeben hatte. Aber dann fiel mein Blick auf eine knieende weißhaarige Greisin, aus ihrem Runzelgesicht starrte eine so müde trost⸗ lose Verzweiflung sie hatte wohl auch ihr Letztes zu Grabe getragen und betete jetzt vielleicht um die baldige Gewährung ihrer eigenen Todtenmesse.. Der Schmerz macht die Menschen zu Brüdern und ich, der ich unter einer andern Religion, unter einem andern Himmel, in einem fernen Erdteil groß ge worden bin ich Fremdling fühlte mich eins mit diesen Menschen und ihren Gebeten, und mein Herz hatte hier plötzlich in der Fremde eine Heimat ge funden. Hätte ich nur nicht den modernen Pariser⸗ hut und die kneifergeschmückte Stumpfnase darunter in der Menge entdeckt! Sie zerstörten jäh meine

Stimmung und setzten Seine Hoheit den Verstaud wieder auf den Thron, der spöttisch den sentimen talen Deutschen belächelte. Ich sah jetzt alles mit andern Augen: hinter den wie Schmetterlingsflügel auf⸗ und niedergehenden Fächern die Koketterie schwarzer Glutaugen, und, wo auf einzelnen Ge sichtern wirkliche Andacht zu lesen war, den Aberglauben einer armen unwissenden Seele.

Ich durchstreifte wieder die Stadt, ziemlich aufs Geratewohl, und entdeckte nacheinander die Plaza Bolivar(hübsche Anlagen von Tropengewächsen, in deren Mitte sich das Standbild Bolivars, des Be freiers der südamerikanischen Nordstaaten erhebt), ein zweites noch beuutztes Kloster aus dem 16. Jahr- hundert(das Augustinerkloster, heute die Residenz des Bischofs), und schließlich führte mich mein Weg auch an die Festungsmauern. Die Festung Cartagena ist wohl das Gewaltigste, was die Spanier während ihrer Herrschaft in Südamerika geschaffen haben; die Anlagen sollen zu ihrer Zeit 60 Millionen Gold piaster gekostet haben. Diesen Mauern gegenüber hat selbst die Zeit sich ohnmächtig erwiesen; hie und da ein verfalleuer Wachtturm, das ist alles, was dafür zeugt, daß über dies Menschenwerk Jahr⸗ hunderte gerauscht sind. Ich sagedahingerauscht; das Wort liegt mir nahe, denn unten rauscht das Meer an den Strand, ohnmächtig wie die Zeit selbst, hier zu zerstören. Ich bin auf die Mauern gestiegen und habe mich in einen der kleinen Wacht⸗ türme gestellt um Ausguck auf die blaue See zu halten. In der Ferne taucht ein Segel auf, welche Aufregung, welche Spannung wohl früher eine solche Entdeckung in der Stadt hervorgerufen haben mag! Ist's ein eignes Schiff aus dem fernen Mutterlande? Oder ein verwegener Seeräuber, der lüstern nach den Reichtümern Cartagenas ist?... Aber heute ist es friedlich hier; ich bin einsam auf den Mauern, und Cartagena ist eine arme stille Stadt, wo kaum viele Schätze zu holen sein dürften!

Von den Mauern aus erblicke ich jetzt hoch über der Stadt die sogenanntePopa, auf einem steil ansteigenden Bergkegel ein altersgraues Kloster, das

weit in die Lande und ins Meer hinausschaut. Es ist der erste Punkt, der auf hoher See von Cartagena sichtbar wird. Ich entschließe mich, noch einen Be such dort oben zu machen, und mache mich auf den Weg. Ich gerate dabei aus der alten Stadt heraus und durchschreite ein modernes Villenvietel, in dem 'ich die ersten neuen Gebäude sehe. Der Aufstieg zur Popa selbst ist ziemlich steil und in der Hitze mühsam und beschwerlich; aber die Aussicht oben entschädigt vollauf für den vergossenen Schweiß. Zu Füßen Cartagena, nun ganz eine alte Stadt, da das störende moderne Leben und Treiben dem Auge entschwunden ist; dicht vor mir das gewaltige, finster drohende Fort Filippo; und im Hintergrunde das Meer in blauer verschwimmender Unendlichkeit. Auf der Cartagena abgewandten Seite liegt eine tief ins Land eiuschneidende Meeresbucht, in der einst die Expeditionen der Flibustier gelandet sein sollen. Die Popa selbst ist ein mächtiger, aber wenig reiz voller Bau; sie dient heute einem Verwalter zum Aufenthalt und einem wunderthätigeu Heiligenbild, zu dem alljährlich die Bevölkerung von Cartagena einmal hinaufpilgert. Zu den Zeiten der Spanier führte von der Popa ein unterirdischer Gang in die Stadt hinunter; ich konnte nicht erfahren, ob er noch heute gaugbar ist, es wäre schon möglich, da hier alles wie für die Ewigkeit gebaut ist!

Leider, leider war die Abfahrt des Schiffes be reits für den Abend desselben Tages festgesetzt. Ich mußte Abschied nehmen von Cartagena mit der traurigen Gewißheit, daß durch den kurzen Aufent halt mir wahre Schätze von interessanten Funden und Seheuswürdigkeiten, großen und tiefen Ein⸗ drücken verloren gingen. Noch einmal sah ich die alte Stadt der neuen Welt in dem weiten dunklen Gedanken des Abends, und dann war sie mir nur noch Erinnerung, eine der schönsten Erinnerungen, 142 ich als Frucht meiner Tropenreise gewonnen M