Gießen, Dienstag, den 21. Juli
1896.
Ausgabe
Gießen.
ssche Landeszeikung,
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
77 —
Erscheint täglich mit Ausnahme der Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Fspaltige Petitzeile.
Tage nach Sonn- und Feiertagen.
0 2
edition: Kreuzplatz Nr. 4.
10— % Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 20. Juli. Dem Ortseinnehmer Philipp Jacob Zimmer 2. zu Lich ist in An⸗ erkennung seiner treu geleisteten Dienste das All— jemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift„Für eue Dienste“ verliehen worden.
* Gießen, 20. Juli. Reine Luft im Schlafzimmer! Alle Hygieniker arbeiten un⸗ susgesetzt daran, den Lebenden die Gefährlich⸗ eit des Einatmens verdorbener Luft nahe zu gen und ihr Bemühen ist ja auch teilweise von brfolg begleitet. Gegen eine Erkenntnis sträuben sch aber noch so Viele, daß nämlich auch des Fachts der frischen Luft in das Schlafzimmer bingang zu verschaffen sei. Wer es nicht wage, im Winter bei geöffnetem Fenster zu schlafen, 18. Jul er gleiche diese Unterlassungssünde wenigstens 0 18 z etzt aus. Ein Schlafzimmer, in dem auch nur
wal%—3 Personen bei verschlossenem Fenster die
een Nacht berbringen, ist am Morgen mit schlechter sschlagen 4 luft angefüllt. Es wundern sich so manche fitbem gap leute, daß sie morgens mit„eingenommenem“ von den Au Topfe erwachen, und merken nicht, daß das vom en würde. 2, Schlafen in ungenügend erneuter Luft kommt. Deshalb kann 1 96 10 1 werden, im
5— cqhlafzimmer die Nacht hindurch wenigstens ein 1 0 Fenster, wenn auch nur etwas, geöffnet zu halten. wee, c Gießen, 20. Juli. Ein Mann, der es in der Fremde zu etwas gebracht hat, General Louis 175 Lag 6e aus Philadelphia, seit 47 Jahren von
1
U 1
acute un 1
J tene
sbecimmt be.
sta das Porte
ommen. Al,
eundschafssih,
15 eu nach der Nit
b Mau bin dalla hn in gtößcken Tl sangenen in Fich
0
ärtien finer Heimat durch den Ozean getrennt, weilt gegen⸗ daubwürtige bartig auf kurze Zeit in seiner Vaterstadt Gießen. Als ditergs lflähriger Knabe verließ Wagner seine Heimatstadt, um
jach den Vereinigten Staaten auszuwandern. woselbst er J ncht nur ein wohlhabender Mann geworden, sondern es vührend des Rebellionskrieges bis zum Brigade⸗General jebracht, auch von seinen Mitbürgern vielfach durch Er⸗ vöhlung und Ernennung zu Aemtern und Ehrenämtern zusgezeichnet wurde. Wagners Vater war durch seine Beteiligung an den Unruhen des Jahres 1848 zur Aus⸗ vanderung gezwungen, wollte er sich nicht in seiner Heimat mudlosen politischen Verfolgungen aussetzen. Nach Be⸗ digung seiner Studien betrieb Louis Wagner das Litho⸗ sraphengewerbe bis zum Ausbruch des Rebellionskrieges. Als einer der ersten ließ er sich im Juli 1861 in die Urmee der Nordstaaten einreihen und marschierte als Oberlleutenant im pennsylvanischen Freiwilligen⸗Regiment aus. Er rückte von Stufe zu Stufe vor, bis er Brigadier wurde. In die bürgerlichen Verhältnisse zurückgekehrt, wandte sich der General mit gutem Erfolge dem Ver⸗ scherungsgeschäfte zu. Im Jahre 1866 wurde Louis Wagner als Vertreter der 22. Ward der Stadt Phila⸗ belphia in den Stadtrat gewählt, 1873 ernannte ihn dus Richter⸗Kollegium zum Mitglied des Erziehungsrates,
40
fer. ile. iter anten.
s Uhr. ds welches er viel Eifer und Verständnis für die Besse⸗
0 tung der Volksbildung entwickelte. Eines seiner hervor⸗ ektion, zugendsten Aemter war das der Direktion der öffentlichen —— Berke in Philadelphia. Heute noch ist Wagner Präsident Hol“ ber dritten Nationalbank, sowie der„Sinking⸗Feud⸗Kom⸗
mission“ der Stadt. Vor zwei Jahren wählte ihn die Deutsche Gesellschaft zu ihrem Präsidenten, eine Wahl, durch welche dieselbe nicht nur ihn, sondern sich selbst geehrt hat. Auch als Veteran des Rebellionskriegs wurde Wagner mit vielen Ehrenämtern bedacht.— Nur noch wenige Tage wird General Wagner in Gießen verweilen, um dann noch die größeren Städte Deutschlands, die Schweiz und Frankreich zu besuchen. Seiner am 22. August erfolgenden Abreise nach Amerika wird noch ein Abstecher nach England und Schottland vorausgehen. Wir wünschen unserem Landsmann glückliche Reise und viel Vergnügen. Gießen, 19. Juli. Die gestern Abend im Postkeller stattgefundene General ver⸗ sammlung des kaufmännischen Vereins nahm den vom Vorsitzenden Karl Orbig er⸗ statteten Bericht über die Hausbau-Ange⸗ legenheit entgegen und genehmigte den seitens der Stadt wegen Ueberlassung des Baugrund— stücks stipulierten Vertrag. Ein Antrag des Vorsitzenden, die Baukommission schon jetzt zu ermächtigen, über die gärtnerischen Anlagen um das neue Haus bestimmen zu dürfen und die hierzu nötigen Geldmittel in das Ermessen der Kommission zu stellen, wurde zurückgezogen, nachdem von verschiedenen Seiten dagegen ge— spiochen und besonders darauf hingewiesen, daß dieser Gegenstand hätte auf der Tagesordnung stehen müssen und eine Beschlußfassung gegen die Statuten verstoße.
Gießen, 20. Juli. Die Strafkammer sprach heute den 19 Jahre alten Kutscher Harnisch von Friedberg, zuletzt wohnhaft zu Bad Nauheim, wegen des ihm zur Last gelegten Sittlichkeits⸗ verbrechens frei. Aus den öffentlich verkündeten Urteilsgründen ging hervor, daß die Strafkammer sich nicht entschließen konnte, auf die im übrigen schwankende Aussage des 9jährigen Mädchens hin, eine Verurteilung auszusprechen, so stark auch der Angeklagte belastet sei.
* Gießen, 20. Juli. Zu dem im Monat August zu Wiesbaden stattfindenden Süd⸗ Westdentschen Uhrmachertag Rhein-⸗Main⸗ Gauverband werden für unsern Bezirk entsendet: Die Herren Otto Schmidt, Karl Stöver und Georg Spieß sämtlich von hier. Die Tages⸗ ordnung besteht außer der Besprechung über ge— werbliche Fragen in der Erörterung über die geplante Organisation des Handwerks.
* Gießen, 20. Juli. Am vorigen Samstag Abend fanden städtische Arbeiter in dem Schor— graben in der Westanlage die Leiche eines unbekannten Mannes. Während die⸗ selben der Polizei die Anzeige machten, war ein starker Gewitterregen eingetreten und hatte das anströmende Wasser die Leiche in den Kanal fortgeführt. Eine Durchsuchung des Kanals konnte des hohen Wasserstandes wegen nicht stattfinden. Bei Schluß der Redaktion erfahren
wir, daß die Leiche heute morgen aus dem Kanal an der städt. Pumpstation geländet wurde. Sie wurde als diejenige des Studenten Hch. Liese⸗ feld aus Uedem agnoszirt. Jedenfalls liegt ein Unglücksfall vor.
Gießen, 20. Juli. Gestern Abend fand in der Kaplansgasse eine Schlägerei zwischen Arbeitern und in der Nacht eine solche zwischen Studenten und jungen Kaufleuten in der Schulstraße statt. In beiden Fällen wurde Strafanzeige erhoben.
* Gießen, 20. Juli. Die in Berlin er⸗ scheinende Allgemeine Fleischerzeitung bringt folgende beachtenswerte Mitteilung: Eine größere Anzahl von Viehhändlern, welche regelmäßig den Frankfurter Markt besuchen, haben die öffent— liche Erklärung abgegeben, daß sie Vieh nach Darmstadt nur ohne Währschaft verkaufen, so lange die hessische Regierung sich weigert, die Fleischbeschau nach den in Preußen, Bayern und Baden geltenden Bestimmungen auszuüben, welche auf Grund jahrelanger wissenschaftlicher und praktischer Versuche aufgestellt und von dem vom 16.—21. November 1895 stattgehabten in⸗ ternationalen tierärztlichen Kongreß in Bern im Prinzip als richtig anerkannt wurden.— Die Folge dieses Vorgehens, das durch das seltsame hessische Freibanksystem veranlaßt ist, wird die Verteuerung des Fleisches in Hessen sein. Es wäre nun wirklich an der Zeit, daß die hessische Regierung ihre Fleischbeschau nach den Grund⸗ sätzen einrichtet, wie sie in fast ganz Deutschland bereits geltend sind.
* Gießen, 20. Juli.„Vor Taschen⸗ dieben wird gewarnt!“— Diese beachtens— werte Mahnung kann man jetzt vielfach anf Bahnhöfen, in viel hesuchten Kurgärten und Ver⸗ gnügungslokalen, in großen Hotels und an Ausstellungskassen, lesen. In der That ist die weiße Warnungstafel, die in deutlichen schwarzen Lettern dem Publikum anempfiehlt, sich vor Taschendieben zu hüten, nicht überflüssig. Denn mit der erholungsbedürftigen Menschheit, die Bäder und Sommerfrischen aufsucht, die Gast⸗ höfe und Wartesäle bevölkert, geht auch die weit⸗ verzweigte und vielgefürchtete Spezies der Taschen⸗ diebe auf Reisen. In Pferdebahnwagen und Eisenbahnkupees, auf Gebirgskämmen und Dampfschiffsverdecken sind sie zu finden. Wo in Straßen odersim Freien die Menge zusammenströmt, wo Konzerte oder Volksfeste stattfinden, treiben sie mit Vorliebe ihr unwürdiges Handwerk und fischen im Gedränge nach willkommener Beute. Keine Börse, keine Brieftasche, keine Brosche oder Uhrkette ist vor geübten Fingern sicher. Sie knüpfen Bekanntschaften an, die durch lustige Bowlen und übermütige Sektgelage besiegelt
werden und die, wenn die Sinne des unglück⸗ lichen Opfers genügend benebelt sind, ihnen reichliche Ernte an Geld und Schmucksachen bringen; sie schleichen auf leisen Sohlen in fremde Hotelzimmer, berauben fremde Röcke und Beinkleider ihres Inhalts und nehmen fremde Hüte und Spazierstöcke mit. Sie treten mit echter und schäbiger Eleganz auf; sie wissen ebenso trefflich den„schneidigen Kavalier“ wie die„Unschuld vom Lande“ zu spielen. Achtung also, und Vorsicht vor ihnen! Jeder, der jetzt in der Heimat oder Fremde seinen sommerlichen Passionen nachgeht, präge sich die bedeutungs⸗ vollen vier Worte fest ins Gedächtnis:„Vor Taschendieben wird gewarnt!“
*Wieseck, 20. Juli. Vom schönsten Wetter begünstigst, ist gestern das 34. Stiftungsfest unseres Turnvereins verlaufen. Um 3 Uhr Nachmittag durchquerte der interessante Festzug unser Dorf. 10 Fahnen waren im Zuge, welcher sich in das Dorfeld'sche Etablissement begab, wo der Schriftführer des Turnvereins, Herr Lotz, eine markige Festrede an die versammelten Turner hielt. Die Turngesangs⸗Riege sang hierauf den Turnermarsch Frisch-⸗fromm⸗fröhlich⸗ frei und leitete so über zu den turnerischen Vor⸗ führungen, welche in Freiübungen, Schau- und Kürturnen und in einem Stabreigen bestanden. Her Dorfeld'sche Garten war mit Menschen überfüllt, die sich unter den schattigen Bäumen amüsierten. Auf einem im Freien errichteten Tanzplatz wurde fleißig getanzt. Die Gesang⸗ vereine füllten mit ihren Vorträgen die Pausen aus und so verging uns und unsern Gästen der Nachmittags 15 die angenehmste Weise. Nach 10 Uhr abends stellten die Turner Pyramiden, die sich des allgemeinen Beifalls erfreuten. Auch im Restaurant Gambrinus herrschte Nachmittags über ein reger Betrieb. Die vielen Fremden konnten in der eigentlichen Festwirtschaft nicht Unterkunft finden, doch kamen sie nicht zu kurz, denn auch im Gambrinus gab es Musik und Tanz. Im ganzen Dorfe herrschte am gestrigen Tage ein reges Leben und Treiben. Das Fest nahm den denkbar schönsten Verlauf und wird in angenehmster Erinnerung bleiben.
* Södel, 17. Juli. Der durch seine an⸗ schaulichen, leicht faßlichen Vorträge und prak⸗ tischen Unterweisungen auf dem Gebiete des Obstbaus in den Vereinsbezirken Friedberg und Büdingen des Oberhessischen Obstbau⸗ vereins wohlbekannte Obstbautechniker John von Friedberg ist gegenwärtig in hiesiger Gegend thätig. In unserem Orte hat Herr John in den Gemeinde-Baumstücken Anleitung zum Sommerschnitt erteilt, woran auf Anordnung Großh. Kreisamts Friedberg auch die oberen
—
—
dene. 05 —
Digitalis purpurea. Eine Erzählung nach dem Leben von
A. Oskar Klaußmann. (Fortsetzung.) 0 Es ist ein armes Volk, das in elenden Dörfern Ieh der Fremdenverkehr in jener Gegend hat ber Geld gebracht und einzelne Dörfer fangen an seh zu kultivieren und weisen schon massive Häuser auf. Rrisende, deuen daran liegt, billig zu leben und sich ganz von allen sonstigen Gewohnheiten bszulösen, nehmen wohl Privatquartier in den lesseren Häusern der Gorallen, und wenn auch die Birtschaft ein wenig lüderlich und unreinlich ist, so kutschädigt dafür wieder die Liebenswürdigkeit und Liederkeit der Bewohner, die einen wirklich kind⸗ lichen Charakter haben. 5 Daß sich Brettschneider für den„falschen Arinkmann“ interessierte, war selbstwerständlich. Er lennte ihn hier im Auslande in Oesterreich⸗Ungarn licht wegen der Breslauer Affaire zur Recheuschaft ziehen; aber es lag ihm doch viel daran, zu er⸗ fahren, wer der Mann war, der ihn belogen und i Ungelegenheiten wegen seiner Gutmütigkeit ge⸗ kracht hatte. Den Wirt konnte Brettischneider nicht ihne Weiteres zu seinem Vertrauten machen; er wußte es dem Zufall überlassen, etwas über den emden zu erfahren. Da man in verhältnismäßig einem Kreise lebte, war die Wahrscheinlichteit ja licht ausgeschlossen, daß Brettschneider jenem Men⸗ pen bald wieder begegnete.——————
inige Tage später unternahm der junge Frivatdozent einen auf mehrere Tage berechneten kotanisikrausflug in die Berge. 5
Am zweiten Tage landete er hoch oben in den zergen in einem Gorallendorfe. Er war von der soitze sehr erschöpft und trat in ein ziemlich sauber zussehendes Haus, ul sich hier gegen Bezahlung ein Glas Ziegenmilch auszubitten. Die Gorallenfrau ver⸗ zand nicht, was er wollte, da sie kein Deursch lonute; sie rief aber aus dem Juneren des Hauses
1
einen alten Mann herbei, der ein gebrochenes Deutsch sprach und den Dolmetscher machte. Brett- schneider erhielt gegen wenige Kreuzer ein Glas leichten Ungarwein, gutes Brot, Butter und Ziegen— käse, sogenannte„Brinse“, und hielt ein fürstliches Mahl. Dem Alten machte er sich durch die Spende von einigen Zigarren sehr geneigt, sodaß er während des Essens mit ihm eine sehr angenehme Unterhaltung hatte. Der Goralle war jahrelang in Deutschland herumgezogen, hatte länger als zehn Jahre in einem Berliner Vororte sich aufgehalten, und wenn er auch nicht ganz richtig und gewandt die deutsche Sprache redete, konnte man sich doch mit ihm ganz gut verständigen. Er war sehr redselig und kramte gern, wie alle alten Leute, Erinnerungen au seine Reisen in Deutschand aus.
Während Brettschneider ihm zuhörte und tapfer schmauste, sah er plötzlich den Pseudo-Brinkmann ziemlich dicht am Hause vorübergehen. Das er⸗ regte seine Aufmerksamkeit derartig, daß er un⸗ willkürlich aufstand und an das Fenster trat. Er sah den Pseudo⸗Brinkmann auch in ein Nachbar- haus auf der anderen Seite der unregelmäßigen Dorfgasse treten.
„Ihr habt hier fremde Dorfe?“ fragte er den Gorallen.
„Isse Herr von Wien, sehr reiches Herr mit viele Geld. Hat kranke Schwester, was trinkt hier Thee von Blumen aus Karpathen. Armes Freliczta“*) sehr krank. Kann nich mehr gehen urntlich. Muß werden geführen.“
„So, so!“ sagte Breitschneider. Leute schon lauge hier?“
„Schon von zwei Monat. Aber Freliczka immer mehr krank. Und geht fremder Herr immer selber in Berge, holt Pflanzen, kocht Thee. Isse sehr tluges Herr, isse berühmte Letschnik““), wie sagt man doch in deitsche Sprache zu Mann, was giebt zu trinken Kranke, daß wieder werden gesund?“
Sommergäste im
„Sind die
) Fräulein.) Arzt.
„Ihr meint wohl einen Arzt?“
„Serr gut, serr gut, mein ich ein Arzt. Herr sehr berühmtes Arzt. kann er nicht helfen.“
„Ist die Schwesterr noch jung?“
„Sehr lieber, junger Mädchen, vielleicht von zwanzig Jahre oder etwas mehr, aber krank, sehr krank.“
„Das thut mir sehr leid! Wie heißen denn die Leute?“
„Heißen auf Name?“
„Ja, wie ihr Name ist.“
„Haben sie Name ungarisches sehr schweres, aber fällt mir jetzt ein: Kecskemet. Er heißen Laezle(Ladislaus), Schwester heißen Flora.“
„So, so! Und wie heißt das Dorf hier?“
„Heißen Ladna.“
Eine halbe Stunde später verließ Brettschneider wieder das Gorallendorf Ladna und trat seinen Rückweg nach Ernstdorf au.
Er freute sich über den merkwürdigen Zufall, der ihn in den Ort gebracht hatte, in welchem die Persönlichkeit, für die er sich inter ssierte, in solcher Abgeschlossenheit wohnte.
Also Kecskemet hieß der Fremde.
Es fiel Brettschneider plötzlich ein, daß Kecskemet der Name eiuer ungarischen Stadt sei. Wahr⸗ scheinlich führte jener sonderbare Manu auch hier einen falschen Namen, ebenso wie er sich in Breslau falschlich Brinkmann genannt hatte. Das war ja ein ganz geheimnisvoller Bursche, der sich unter falschen Namen in der Welt herumtrieb und sich in der Einsamkeit eines Gorallendorses begrub. Was machte der Mann hier, wenn er so reich war, wie der Goralle erzählte? Er suchte heilsame Kräuter für seine kranke Schwester und bereitete daraus Thee.
Breitschneider blieb plötzlich auf der Strauße stehen, als wäre etwas ganz Unerwartetes vor ihm aufgetaucht.
Hatte der Mann damals nicht im botauischen
Isse Aber gegen Krankheit,
Garten zu Breslau eine sehr gefährliche Giftpflanze
ausgerissen, um sie mit sich zu nehmen?
Er hatte zwar gethan, als wisse er nicht, daß es eine sehr giftige Pflanze sei, aber dieser Mensch log und betrog.
Es wurde Brettschneider plötzlich ganz unheim— lich, er kam sich vor wie ein Kriminalbeamter, der plötzlich ein gefährliches Verbrechen entdeckt hat.
Am Abend kam Brettschneider sehr ermüdet in Poprad an und ging im Gasthofe zeitig zur Ruhe.
3
Am nächsten Morgen in früher Stunde brach Brettschueider wieder von Poprad auf, um Erust⸗ dorf noch vor Abend zu erreichen. Er trug ziemlich schwer an den notdürftig präparierten Pflanzen und mußte sich beeilen, nach Hause zu kommen, damit die Pflanzen, die nur provisorisch verpackt waren, ordentlich bearbeitet werden konnten.
Gegen Mittag machte er Halt in einem unga⸗ rischen Dorfe. Während er sich mit frugalem Mahl in der Schenke stärkte und mit Behagen das scharf paprizierte Gulyasfleisch aß, das man ihm vor⸗ setzte, trat eine Gendarmeupatrouille in die Schenke, um hier ebenfalls Rast zu machen. Es waren drei prächtige Gestalten die beiden Gendarmen und ihr Postenführer. Ihre Uniformen, bestehend aus grünen Waffeuröcken nach preußischem Schutt mit roten Aufschlägen und Kragen, vor Allem aber ihre runden Hüte mit den an der linken Seite dicht herabwallenden grünen Hahnenfeldern gaben ihnen
etwas Eigenartiges und Achtunggebietendes. Die österreichisch-ungarische Gendarmerie kann sich rühmen, eine der tüchtigsten Polizeitruppen der
ganzen Welt zu sein, und wenn man daran denkt, wie Großartiges sie unter den schwierigsten Ver⸗ hältuissen und bei der vielsprachigen Bevölkerung der Monarchie leistet, kaun man ihr die höchste Anerkennung nicht versagen.
(Schluß folgt.)


