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eßen, Sonntag, den 20. Dezember
1896.
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Pofliztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Ausgabe
Gießen.
andeszeitung.
Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion: reuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
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pedition: Kr Nr. 4.
0 in Hessen. 0 den Mitteilungen der Großherzoglich ischen Zentralstelle für Landesstatistik. Wie wir bereits mitgeteilt haben, betrug die Sanwesende Bevölkerung im Groß⸗ m am 14. Juni 1895, dem Tage der ählung, 1032 144 Personen, 512 596 unlichen und 519 548 weiblichen Geschlechts. Die sämtlichen Berufs⸗ und Erwerbsarten in 6 Berussabteilungen zusammen⸗ Die den einzelnen Abteilungen an⸗ nden Personen verteilen sich auf Erwerbs⸗ e, Dienende und Angehörige folgender⸗
Erwerbs⸗
thätige
m Haupt- beruf.
Ange⸗
hörige. 1115
sufsabteilung. sammen.
1
*
undwirtschaft, lürme ei, Tier⸗ aht, Forstwirt⸗ luft, Fischerei 1 5 Hült⸗
Dienende.
167469 197 637 6813 371 919 wesen, In⸗ rie, Bauwes.
handel und
kelehr
häusl. Dienste
162 203 225832 6256 394 291
46057 70484 6871 123 412 dienung, auch
arb. wech⸗
er Art) Nilitär⸗, Hof⸗, ö gerlicher und schlich Dienst, 0 sog. freie lrufsarten ohne Beruf u. kufsangabe 16 068 Zusammen 455 744 545 991 27409 1032144 Eine Vergleichung mit den Ergebnissen der lfszählung des Jahres 1882 zeigt, daß die sölkerung der Berufsabteilung A. Land⸗ ischaft zx. von 386 360 auf 371919 Per⸗ un zurückgegangen ist, d. h. sich um 441 Personen vermindert hat, während anderen Berufsabteilungen einen Bevölke⸗ Iszuwachs aufweisen; es hat nämlich die hölkerung der Berufsabteilung B. Industrie ꝛc. bermehrt von 339 809 auf 394 291 oder 54 482 Personen, die Bevölkerung der Ab⸗ gung C. Handel und Verkehr von 98 631 123 412 oder um 24 781 Personen, der Ab— 100 PD. häusliche Dienste ꝛc. von 14 895 auf 96 oder um 1501 Personen, der Abteilung Militär⸗, Staatsdienst ꝛc. von 54 730 auf 0 2 oder um 12 242 Personen, der Abteilung Berufslose ꝛc. von 35 332 auf 59 154 oder 23 822 Personen.
Wenn man statt der absoluten Zahlen das hältnis der Bevölkerung der Berufsabteilungen Nährer Bestandteile zur gesamten Bevölkerung Betracht zieht, ergiebt sich folgendes Bild: Es waren in Prozent:
fefufs. Erwerbs.
9 1895. 1882. 30,51 42,36 35,36 34,52 10,04 8,48
36519 26788 3665 66 972
39 298 3788 59 154
Angehörige. Dienende. Zusammen.
1895. 36, 41,55 38,20 86,55 11,96 10,61
1885. 86,20 1,36 12,01
1882. 44,70 38,51 115744
1895. D82. 24,80 26,04 22,82 24,40 25,07 25,03
17 1/66 1,66 1,62%6 0,0 1,9 1,0 1% 74 4% 4,40 18,37 13,6 6, 3,89 1 8,6 5,44 2,04 2,33 13,82 11,02 5,3 3,80 1
1882.
100,00 100, 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,0
Nach dieser Zusammenstellung hatte im Jahre 1896 die der Abteilung A. Landwirtschaft ze. angehörende Bevölkerung sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Bestandteilen(Erwerbsthätige, Angehörige und Dienende) einen geringeren Anteil an der gesamten Bevölkerung als im Jahre 1882. Der Rückgang beläuft sich bei den Erwerbsthätigen auf 42,36 36,51= 5,85%, bei den Angehörigen auf 41,70—36,20= 5,5%, bei den Dienenden auf 26,04—24,86= 1,18%, im ganzen auf 41,55 36,03= 5,52%. Bei den übrigen Berufsabteilungen zeigt sich, gleich— laufend mit den absoluten Zahlen eine Zu- nahme der Prozentzahlen. Ausgenommen hier⸗ von sind die Erwerbsthätigen in der Abteilung D. Lohnarbeiter ꝛc., sowie die Dienenden in letz⸗ terer Abteilung und in der Abteilung B. In⸗ dustrie ꝛc., welche jetzt einen geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung haben als früher; auch die Gesamtheit der Personen in der Ab⸗ teilung D. weißt einen kleinen Rückgang der Prozentziffer auf.
Die am stärksten besetzte Berufsabtei⸗ lung(Erwerbsthätige, Dienende und Angehörige zusammen) war im Jahre 1895 die Abteilung B. Industrie ꝛc., während im Jahre 1882 die Berufsabteilung A. Landwirtschaft ꝛc. die erste Stelle einnahm, jetzt aber an zweiter Stelle steht; immerhin übersteigt auch im Jahre 1895 die Zahl der Erwerbsthätigen der Abtei⸗ lung A. diejenige der Abteilung B. Der Anteil der industriellen Bevölkerung an der Gesamt⸗ bevölkerung ist von 36,55% in 1882 auf 38,20% in 1895 oder um 1,65% gestiegen, darunter derjenige der Erwerbsthätigen von 34,52% auf 35,36% oder um 0,84%. Handel und Verkehr weisen eine Zunahme des Prozentverhältnisses von 10,61% auf 11,96% ͤ oder um 1,35(der Erwerbsthätigen von 8,48% auf 10,04% oder um 1,56%) auf. Die verhältnismäßige Stärke der anderen Berufsabteilungen, in Prozent der Gesamtbevölkerung, betrug bei der Zählung von 1895: der Abteilung D. häusliche Dienste ꝛc. 1,59%(1882; 1,60/), der Abteilung E. Mili⸗ tär⸗, Staatsdienst ꝛc. 6,49%(1882: 5,89 9%), 1 1 F. Berufslose ꝛc. 5,73%(1882:
7 00 ·
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 19. Dez. Die Kirmes zu Ober⸗ Seemen beschäftigte gestern 5 Stunden unsere Straf— kammer. Angeklagt der Mißhandlung und der gemein⸗ samen Körperverletzung waren 4 junge Burschen, nämlich der Maurer Heinrich Hofmann, Heinrich Küpper, Kaspar Nieß, Johann Gerhardt, sämtlich von Ober-Seemen. Es waren 15 Zeugen zu vernehmen. Der Thatbestand der Anklage war der folgende: Der Müller Karl Obernheim von Gedern war im Oktober d. J. zur Kirchweihfeier nach Ober⸗Seemen gekommen. Abends trat er in die Festwirt⸗ schaft, wo im Tanzsaal großer Trubel herrschte. Er forderte die Karl Hof Ehefrau zu einem Tanz auf und begann, ohne vorher in der Reihe angetreten zu sein, zu tanzen. Nach 3 oder 4 Umdrehungen legte sich der An⸗ geklagte Heinrich Hofmann ein, der damals in seiner Eigen⸗ schaft als Kirmesbursch den Tanzkommissar machte, hielt das Paar an, um dasselbe„Solo“ zu stellen. Nachdem dann Frau Hof mit ihrem Tänzer an die Reihe kam und wieder einige Umdrehungen gemacht, hielt die edle Musik im Spiel inne, so daß das Paar ohne eigentlich das Tanzbein geschwuugen zu haben, abtreten mußte. Als
galanter Kavalier führte Obernheim seine Tänzerin an die Schänke. Auf dem Wege dahin will er bemerkt haben, daß der Kirmesbursch Hofmann ihm drohende und höhnische Gesichter geschnitten habe. Er äußerte, er wolle doch ein Mal hören, was dieser von ihm wolle. Frau Hof, deren Mutter und deren Ehemann, suchten, um Streit zu ver⸗ hüten, den Gast von diesem Vorhaben abzubringen, da meinte jener aber, er würde über die Grenze des Zulässigen nicht hinausgehen, trank von seinem Bier und mit dem halb gefüllten Glase in der Hand trat Obernheim auf Hofmann zu, der von Ober⸗Seemener Burschen umringt war, und erklärte diesen, er wäre noch zu grün, als daß er sich von ihm beim Tanzen Solo stellen ließe. Obernheim erhielt, wie er und weitere Zeugen bekunden, ohne weiteres vom Angeklagten Hofmann mit dessen Bier⸗ seidel, den jener am Henkel gefaßt hatte, einen Hieb aufs Auge. Der Verletzte giebt an, er wisse nicht mehr, was nachher mit ihm geschehen. Man habe ihn gepackt, ge⸗ stoßen, geschlagen, geschoben und zum Saale hinaus die Treppe hinabspediert. Da hätten sich seine Freunde seiner angenommen und erst auf dem Hofe habe er wieder Ge⸗ fühl bekommen und bemerkt, daß er bei der Affaire auch mit einem Messer bearbeitet sei. Von 6 Stichen, die nach ihm geführt, seien 3 in den Körper gedrungen, sodaß er zehn Tage bettlägerig und drei Wochen arbeitsunfähig gewesen sei. Der 22jährige Angeklagte Heinrich Küpper hat sich seiner Zeit freiwillig als derjenige gemeldet, der die Heldenthat mit dem Messer ausgeführt hat. Er will in fürchterlichen Zorn darüber geraten sein, daß der Gederner Müller die Kirmesfreude zu stören versucht habe. Gerbardt und Nieß bestreiten jede Thätlichkeit bei dem Renkontre, sie haben nur, um Ruhe und Frieden wieder herzustellen, den Müllerburschen mit hinausgethan. Dem Angeklagten Nieß wird jedoch nachgewiesen, daß er dem Verletzten einen wuchtigen Hieb vor die Brust versetzt. Der 18jährige Zeuge Harnischfeger ist der Einzige, der gesehen haben will, daß Obernheim dem Angeklagten Hof⸗ mann, als dem zuerst Angegriffenen, mit dem Bierglas einen Hieb auf den Mund versetzt hat, sodaß dieser blutete. Die 18 Jahre alte Zeugin Marie Pfeiffer er⸗ klärt, der Müllerbursch von Gedern habe mit seinem halb gefüllten Bierglas zuerst zum Schlage auf Hofmann aus⸗ geholt, ihr, der Zeugin sei dabei der Inhalt des Glases über das Gesicht und über ihre Kleider geschüttet. Den beiden Zeugen, deren Aussagen zu Protokoll ge⸗ nommen sind, werden andere Zeugen gegenübergestellt; sie bleiben jedoch bei ihren Depositionen, wobei sich Harnisch⸗ feger verdächtig macht, indem er bei jeder Antwort, statt nach den Richtern hinzusehen, von denen die Fragen kommen, immer erst nach der Anklagebank schaut. Der Zeuge stellt in Abrede, mit dem Hofmann seit jener Kirmesfeier ein Wort gesprochen zu haben, muß aber später zugestehen, er habe dem Angeklagten doch seine Wahrnehmungen betreffend der Rauferei am Abend mit⸗ geteilt. Staatsanwalt Koch, der die Anklage vertritt, beantragt gegen Küpper, der das Messer gebraucht hat, und dessen unvergleichliche Rohheit eine strenge Strafe verdient, 2 Jahre, gegen Hofmann, der den Schlag mit dem Bierglase geführt, 9 Monate und gegen Gerhardt 3 Monate Gefängnis. Justizrat Dr. Rosenberg, der die Angeklagten verteidigt, erklärt, daß es im höchsten Grade verwerflich sei, daß Küpper vom Messer Gebrauch gemacht habe, dafür verdiene derselbe allerdings eine Strafe, die er aber bedeutend geringer zu bemessen bitte, als sie der Staatsanwalt beantragt habe. Auf Grund der Aussage des Hofmann, in Verbindung mit den Be⸗ kundungen der Zeugen Pfeifer und Harnischfeger stehe fest, daß dieser der Provozierte, der Augegriffene gewesen ist. Aus diesem Grunde beantrage er für diesen Angeklagten, sowie wegen Nieß und Gerhardt, die nur Ruhe und Frieden zu stiften versucht hätten, die Freisprechung. Der Gerichtshof erkannte gegen Küpper, der vom Messer Ge⸗ brauch gemacht, auf 10 Monate, gegen Hofmann auf 4 Monate und gegen Nieß auf 14 Tage Gefängnis, während Gerhardt freigesprochen wurde. Dem Küpper,
der seit Ende Oktober in Untersuchung gesessen, wurde diese Haft angerechnet, jedoch dessen Haftentlassung wegen Fluchtverdachts abgelehnt. Die Angeklagten erkannten die Rechtskraft des Urteils sofort an. Staats auwalt Koch ließ Heinrich Hofmann, die Marie Pfeiffer und den Harnischfeger, den Ersteren unter dem Verdacht der Anstiftung zum Mein⸗ eid, die anderen Beiden unter dem Verdacht des wissentlich falschen Eides in Haft nehmen. Die Pfeiffer erklärte noch bei ihrer Abführung unter Thränen, die Wahrheit beschworen zu haben.
* Gießen, 19. Dezember. Die amtliche „Darmst. Ztg.“ enthält eine Bekannt⸗ machung betreffend die Einsetzung einer Eisen⸗ bahndirektion in Mainz. Danach wird am 1. Februar 1897 eine dem Königlich Preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten als der Zentralstelle der gemeinschaftlichen Eisenbahnverwaltung unmittelbar unterstehende Eisenbahndirektion mit dem Sitze in Mainz und der Bezeichnung„Königlich Preußische und Großherzoglich Hessische Eisenbahndirektion“ er⸗ richtet und dieser Behörde
a. für die Zeit bis zum 1. April 1897 Ver⸗
waltung und Betrieb der zum Hessischen Ludwigs⸗Eisenbahnunternehmen gehörenden Strecken,
vom 1. April 1897 ab aber Verwaltung und Betrieb der ihr alsdann anderweit zu überweisenden Strecken des zu einer Be⸗ triebs und Finanzgemeinschaft vereinigten Hessischen und Preußischen Staatseisen⸗ bahnbesitzes
übertragen werden.
* Gießen, 19. Dezember. Gestern fand man in den Stallungen des Schlachthofes ein Schwein verendet vor, welches loch Stunde vorher munter sich getummelt hatte. Die sofort vorgenommene Sektion ergab, daß dem Tier von Außen ein Schlag oder Tritt versetzt worden war, infolgedessen die Milz zertrümmert wurde. Das Tier war bei der Gießener Schlachtvieh-Versicherung ver⸗ sichert. Man nimmt au, daß jemaud absicht⸗ lich, um die Gesellschaft zu schädigen, die ge— fühllose rohe That begangen hat. Der Polizei ist Anzeige erstattet. 8
* Gießen, 19. Dezember. Ein aus Offen⸗ bach gebürtiger junger Mann, der hier seiner Mililärpflicht genügen sollte, war seit 14 Tagen spurlos verschwunden und glaubte man schon, er habe sich ein Leid angethan. Am Mittwoch wurde nun in Frankfurt ein Mansardendieb ver— haftet, der sich als der Vermißte entpuppte. Der gefährliche Mensch wurde bereits nach hier transportiert. 5
*Herbstein, 18. Dez. Heute hatte sich der Viehhändler Feist Sommer von Crain⸗ feld wegen Betrug vor dem Schöffen⸗ gericht hierselbst zu verautworten. Derselbe war beschuldigt, einen Betrag, den er zu fordern gehabt, zweimal verlaugt und beide Male ein⸗ kassiert zu haben. Der Angeklagte, durch einen Gießener Geusdarmen vorgeführt, wurde kosten— los freigesprochen.
* Mainz, 18. Dez. Für die hier zu er⸗ richtende Eisenbahndirektion sind jetzt nach Mainzer Blättern sämtliche Mitglieder bestimmt. Von der seitherigen Spezialdirektion der Hessischen Ludwigsbahn treten nur zwei Mitglieder in die
a 6 Mächte der Finsternis. 5
N Roman von Helmuth Wolfhardt.
(Nachdruck verboten.)
.(Fortsetzung.)
Da standen nun allerdings in der langen, geraden Hauptallee noch dieselben vielfach be⸗ igten Postamente mit den riesigen Büsten römischer n, denen der unbarmherzige Zahn der Zeit weg bereits recht übel mitgespielt hatte, und
dem Portal des Herrenhauses am Ende der den Zufahrt hielten noch dieselben geflügelten in Wacht, deren fabelhafter Körperbau vor Jahren seine unvollständigen naturwissen⸗ lichen Kenntnisse in arge Verwirrung gebracht Von menschlichen Wesen war rings umher ie zu sehen, und Bernhard glaubte sich keines klrchts schuldig zu machen, als er kurz vor dem osse in einen der gewundenen Seitenwege ein⸗ welche in das Innere der Parkanlagen 8*
Auch das kleine Rundteil mit der moosüber.
senen Wasserkunst in der Mitte, welche wohl hrzehnten nicht mehr in Thätigkeit ge⸗ erkannte er wieder, als er es jetzt be⸗ grüßten ihn vertraut rings um das aus Bassin die anmutigen Gestalten der
schen Götterwelt, und eben wollte er näher ben herantreten, als sein Fuß zaudernd
er plötzlich erkannt hatte, daß er auf⸗
—
gehört habe mit den Erinnerungen seiner Kindheit allein zu sein.
Vor der Bildsäule der Artemis, deren zum Köcher erhobener Arm ebenso spurlos verschwunden war, wie das linke Vorderbein des Rehbocks an ihrer Seite, saß auf einer niedrigen Steinbank die zarte Gestalt eines halberwachsenen Mädchens, das ein aufgeschlagenes Buch auf den Knieen bielt und ganz in die Lektüre vertieft zu sein schien. Bernhard war unentschlossen, ob er sich zurückziehen solle oder ob er es wagen dürfe, an ihr vorüber zu gehen. Noch ehe er sich aber für das Eine oder das Andere entschieden hatte, hob die Lesende zufällig das Köpfchen empor, und sie blickten einander gerade in's Gesicht.
Die erste Ueberraschung des Jünglings war so groß, daß er wie festgewurzelt an seinem Platze stand. Erschien dies unerwartete Wiedersehen doch so wunderbar, daß er sich inmitten der romantischen Umgebung wobl in die Wunderwelt eines Märchens versetzt glauben konnte. Erst als das Mädchen aufstand und ein paar Schritte gegen ihn that, löste sich seine Erstarrung in ein Gefühl schranken— loser, jubelnder Freude.
„Elisabeth!“ rief er.„Bist Du es denn wirklich? Hier, im Parke von Sandhofen?“
Sie war seltsamer Weise heute ohne Schüchternheit, und wie einem alten reichte sie ihm ihre Hand.
alle Bekannten
„Ja, ich bin es“, erwiderte sie mit ihrer weichen, lieblichen Stimme,„und ich habe längst erwartet, daß Du mich einmal besuchen würdest.“
Wie unbeschreiblich glücklich machte es ihn, daß auch sie sich des vertrauten Du bediente, obwohl er es bei seiner hoch aufgeschossenen Gestalt gewöhnt war, von Jedermann mit Sie angeredet zu werden. Er ließ ihre Hand nicht wieder los und betrachtete ihr feines Köpfchen wie ein verloren gegangenes und durch einen wunderbaren Zufall wieder ent— decktes köstliches Kleinod.
„Konnte ich denn auf den Gedanken kommen, Dich zu besuchen“, sagte er,„da ich gar nicht ahnte, daß Du so ganz in meiner Nähe seist? Ich wähnte Dich ja weit draußen in der Welt, denn der Pförtner des Krankenhauses in Hollingstadt wußte nur, daß Du von einem alten Manne in einem Wagen abgeholt worden wärest.“
„Du hast also dort nach mir gefragt?“
„Gewiß, Elisabeth! Sobald es mir möglich war, dahin zu kommen! Ich habe ja so viel an Dich ge— dacht. Aber wie ist dies Alles zugegangen? Es ist mir wirklich noch wie ein Traum!— Deine arme, arme Tante! Als wir mit einander sprachen, während sie so fest und ruhig schlief, ahnten wir wahrhaftig nicht, daß sie nie mehr aus ihrem Schlafe erwachen würde“, beteuerte Bernhard.
Sie waren Hand in Hand zu der Steinbauk,
hatte, und nun zog er sie sanft neben sich auf die— selbe nieder. Er sah erst jetzt, daß seine junge Freundin sich merklich verändert habe seit jenem Unglücksabend. Ihre schmalen Wangen hatten sich gerundet und waren von einem zarten Rot der Ge— sundheit überhaucht. In ihrer zierlichen sast ele— ganten Kleidung erschien sie ihm viel größer und anmutiger als in dem dünnen, abgetragenen Kleidchen, dessen fadenscheiniges Gewebe sie so wenig gegen den kalten Regenwind zu schützen vermocht hatte. Aber, wenn auch bei all diesen überraschenden Wahrnehmungen für einen Moment die alte Ver⸗ legenheit über ihn kam, so mußte sie doch vor Elisabeths zutraulicher, fast kameradschaftlicher Offen⸗ heit rasch wieder verschwinden.
Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie von der Schreckensnacht und von dem traurigen Schicksal ihrer Tante sprach, aber ihre Züge hellten sich bald wieder auf, und in ihren schönen Augen leuchtete es freudig, da sie der plötzlichen Wendung ihres eigenen Geschickes und ihres so unverhofft er⸗ schienenen Wohlthäters gedachte.
„Der Besitzer von Sandhofen war es also selbst, welcher Dich holte?“ fragte Bernhard mit neuem Erstaunen.„Und er ist wirklich gut gegen Dich?“
(Fortsetzung folgt.)
zurückgekehrt, von welcher Elisabeth sich erhoben


