Gießen, Freitag, den 20. März
1896.
Ausgabe
iche Lundeszeilung
Gießen.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 19. März. Laut Beschluß des räsidiums des Landesverbands der Krie⸗ erbereine im Großherzogtum Hessen findet die liesjährige Delegirtenversammlung sämmtlicher
ezirksverbände Hessens am 19. Juli in Lauter⸗ hach in Oberhessen statt. Die Tagesord⸗ ung ist den Bezirkspräsidenten zur Vorlage und kratung auf den im April stattfindenden Be⸗ rksversammlungen, die je einen Delegierten
hählen, mitgeteilt worden.
Gießen, 19. März.(Fortsetzung unseres gestrigen Berichts über die öffentliche Volksver⸗ summlung.) Redakteur Scheidemann erklärt, daß wohl alle Anwesenden mit den kritischen lusführungen des Referenten über die Steuer⸗ Gbesetze sowohl als auch mit der vom Stadtver⸗ rdneten Haubach beantragten Resolution einver⸗ anden seien. Er hätte gewünscht, daß Dr. Meißner die Zuckerfrage nicht so doktrinär be— handelt hätte. Die Exportprämie bei der Zucker⸗ Ausfuhr sei thatsächlich das Abscheulichste, was man sich denken könne. Der Zucker sei ein not⸗ pendiges Lebensmittel. Dabei müßten wir in Deutschland infolge unserer fürsorglichen Gesetz— gebung den deutschen Zucker um 18„ pro Pfd. euerer bezahlen, als z. B. die Engländer. Es st daher auch begreiflich, daß bei uns der Zuckerkonsum pro Kopf der Bevölkerung nur Awas mehr als ein Viertel desjenigen Englands beträgt. Redner erklärt, sich über die jüngsten Ausführungen des Dr. Jung gefreut zu haben, wie derselbe so mannhaft für die Entschädigung licht nur der 57 Verurteilten, sondern auch her unschuldig in Untersuchungshaft ge⸗ „ lommenen eingetreten sei. Man müsse sich aber ben 1 hoch wundern, daß dieser Standpunkt, den auch r. Meme, ir und seine Genossen teilen, von den Partei⸗ fort., freunden des Dr. Jung im Parlament nicht ge⸗ Tree eilt werde, wenigstens hätten dieselben in der Arbe Justiz⸗Kommission gegen einen dahin gehenden stenkteis le von den Sozialdemokraten gestellten Antrag ge⸗ „wean simmt. Der Referent habe gemeint, selbst Bebel en Stube könne das Datum des großen Kladderadatsch st erwethen, nicht angeben. Das Datum anzugeben, sei be, e allerdings niemand imstande. Der Kladderadatsch end au Je sei in dem Augenblick da, wo die Mehrzahl der e c kleinen von den Großen aufgefressen sein würde. abend 6 Ginge die Entwickelung nach dieser Richtung in hemselben Tempo wie seither weiter, dann würde 5500 das nicht mehr allzu lange dauern. Dann sei 1125 worden, es komme auf die Tüchtigkeit es Einzelnen an, wenn er wirtschaftlich vor⸗
* wärts wolle. Dieses sei aber nicht richtig. Es Abe komme heutzutage mehr auf den Geldsack an. Die Tüchtigkeit allein thue es nicht. Sehr
FTaiüchtige machen Bankerott, wenn sie kein Geld en Ranges. haben. Der Arbeiter, der heute eine Erfindung 5. 15-10% mache und kein Geld habe, sie auszubeuten, muß ten Biere,. dieselbe für ein Butterbrot dem Kapitalisten über⸗ . 0 lassen. Das Neichstagswahlrecht verteddigten die euderet B.. Freisinnigen in all ihren Reden. Wie stehe es ährkruft denn aber mit dem kommunalen Wahlrecht, da 4% oder
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Sozialdemokraten einen Verbesserungsantrag des Wahlrechts für das Stadtparlament eingebracht. Was thaten aber die Gesinnungsgenossen des Dr. Meißner in Frankfurt? Sie nahmen eine Resolution an, in deren erstem Teil sie aussprachen, die Sache sei sehr schön und gut, deren Schluß aber lautete, wir wollen davon nichts wissen, weil sie fürchten, die Sache könne schief gehen. Man müsse in solchen Fragen eben steifnackig sein und selbst vor einem Konflikt mit der Regierung nicht zurückscheuen. In Kiel seien es die Freisinnigen gewesen, die das Kommunalwahlgesetz verschlechtert hätten. Gewiß habe es einmal eine Zeit gegeben, wo die Liberalen für ihre Ideale energisch einge— treten. Er erinnere an die Zeit von 1848, wo die Liberalen den König von Preußen zwangen, vor den Opfern der Revolution das Haupt zu entblößen. Dr. Meißner entgegnet dem Vorredner, daß dessen Vorwurf, die Freisinnigen träten für die Entschädigung unschuldig in Untersuchungshaft Genommener im Parlament nicht ein, ein un— gerechtfertigter sei. Schon 1882 habe die Fort⸗ schrittspartei und später Jahr für Jahr seine Parteifreunde Träger und Munckel nach dieser Richtung Anträge im Reichstage gestellt. Wenn der Vorredner meint, daß wenn die Kleinen alle laden dann der Moment da sei, wo der Kladderadatsch eintrete, so sei dieses ja Ansichts— sache. Die Gegner der Sozialdemokraten be— streiten eben die Möglichkeit, daß es jemals so kommen könne. Die Freisinuigen seien nie dem Konflikt ausgewichen, das beweise ihre Geschichte, im steten Kampf nach oben, allerdings auch nach unten. Auf die von den Sozialdemokraten vor— geschlagene Wahlreform in Frankfurt zurück— kommend, bemerkt der Redner: Das Kommunal- wahlrecht für die Stadt Frankfurt beruhe auf einem Ortsstatut, es sei das beste Wahlrecht in ganz Preußen, denn die andern Städte wählen ihre Vertreter zur Stadtverwaltung nach dem weit schlechteren Dreiklassenwahlrecht. Der An— trag der Sozialdemokraten an dem direkten Wahlrecht Frankfurts zu bessern, es auszudehnen, war thöricht, z. Zt. nicht opportun. Es ist unpolitisch, die jetzige Regierung aufmerksam zu machen auf diese Anomalie in Frankfurt, denn wie leicht wird dadurch das Gegenteil herbei— geführt, bei der Sucht von oben, das Wahlrecht zu verschlechtern. Dr. Gutfleisch vertritt die Meinung, daß Arbeit und Tüchtigkeit immer nochihren Lohn finden. Es würde wahrhaftig schlecht um die Menschheit stehen, wenn dem nicht so wäre. Auch er verkenne nicht die Macht des Kapitals, aber das Darlehenskassenwesen helfe dem kleinen Handwerker ꝛc. so, daß er in die Höhe komme. Daß die Armut unter der Be⸗ völkerung so zugenommen, wie die Sozialdemo— kraten immer behaupten, bestreite er. Auch der sozialistische Zukunftsstaat werde nicht verhüten können, daß die Großen die Kleinen fressen. Redner wendet sich hierauf zu der Frage der Entschädigung unschuldig in Untersuchungshaft gewesener. Scheidemann könne vielleicht Recht haben mit der Behauptung, daß die Frei⸗ sinnigen gegen die Entschädigung unschuldig
dann aus Opportunitätsgründen geschehen. Redakteur Scheidemann warf den Freisinnigen vor, daß gerade sie es seien, die den Arbeitern bei ihren gerechten Forderungen entgegentreten. Bei dem Ausschuß der Konfekkionsarbeiter sogar, die sich der weitesten Sympathie erfreuten, seien es lediglich freisinnige Zeitungen gewesen, die Unterstützungsgelder zurückgewiesen hätten. Einen weiteren Beweis nach dieser Richtung bilde der Buchdruckerstrike von 1891. Man will die Arbeiter nicht vertreten wissen. Daher die Kom— promisse bei den Stadtverordnetenwahlen 5 B. in Offenbach, Mainz und in Gießen. Dr. Gut⸗ fleisch erklärt, daß das Kompromiß hier in Gießen nicht bezweckt habe, die Arbeiter von einer Vertretung im Rathause auszuschließen. Die Ver⸗ einigung sei gegen den Einfluß der Bezirksvereine gerichtet gewesen, deren Thätigkeit er für sehr wichtig halte, wenn es gelte, die Verwaltung auf Schäden und nötige Verbesserungen hinzu— weisen, doch halte er es für verderblich, wenn neben den politischen Vereinen die Bezirks—⸗ vereine noch eine Art Nebenpolitik treiben. In der ersten Versammlung, welche ein gemeinsames Vorgehen bei der Stadtverordnetenwahl behan— delte, war auch der Sozialdemokratie Rechnung getragen, aber man erfuhr, daß diese Parkei selbständig vorgehen wollte und keines Falles paktieren würde, und man hat daraufhin davon abgesehen, der Frage näher zu treten. Er sei stets bereit, jeder Partei die ihr nach ihrer numerischen Stärke gebührende Vertretung zu sichern. Nachdem die eingebrachte Resolution einstimmig angenommen, schloß der Vorsitzen de, Rechtsanwalt Metz, die Versammlung.
Gießen, 19. März. Der Zirkus Lorch beginnt heute Abend, wie aus dem Inserat in unsererer heutigen Nummer zu ersehen ist, seine Vorstellungen. Bei der großen Anerkennung, welche die Leistungen dieses größten Zelt-Zirkus überall gefunden haben, ist nicht daran zu zweifeln, daß auch in Gießen der Besuch der Vorstellungen ein recht zahlreicher werden wird.
* Gießen, 18. März. Gestern wurde der Handelsagent Clemens Karl Rothe von hier, auf Grund dessen Zeugnis das Wiederaufnahme⸗ verfahren in der Majestätsbeleidigungssache gegen die Tagelöhner-Frau Pitzer stattgegeben war, nachdem er zwei Stunden vorher das Gerichts gebäude verlassen, auf Requisition der Staats⸗ anwaltschaft in Haft genommen. Vermutlich hat der Verhaftete im Vorverfahren seine Be⸗ kundungen unter Eid abgegeben und wird der⸗ selbe zweifellos ein Verfahren wegen Meineid zu gewärtigen haben. Die Strafkammer hatte seine Vereidigung in der Hauptverhandlung abgelehnt mit der Motivierung, daß er der Begünstigung (S 56, Abs. 3 d. Str.⸗Pr.⸗O.) verdächtig sei.
* Bad Salzhausen, 16. März. Unser Bad wird auch in diesem Frühjahre wieder mit einigen Neueinrichtungen bedacht werden, durch die es den in der Neazeit an die Bäder gestellten Anforderungen gerecht werden wird. Das Kesselhaus wird neu eingerichtet und für die Herstellung des warmen Badewassers die an
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. dal Redaktion: 5 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.. Expedition: be dern Kreuzplatz Nr. 4. E Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 24 Kreuzplatz Nr. 4.
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scde ulag desselben eintreten. In Frankfurt hätten die Verhafteter gestimmt hätten. Sicher sei es] andren Orten für probat gefundene Einrichtung
gemacht werden. Sodann werden Douchen und Brausen von süßem Wasser nach genommenen Soolbädern gegeben werden. Auch eine ganz neue Installation ist im Werk. Beim Beginn der Saison wird die Einrichtung gemacht 115
Neu⸗Ulrichstein, 18. März. Zu Ende vorigen Monats waren in der Arbeiter-Kolonie 93 Mann, davon 25 aus dem Großherzogtum, 15 aus dem Regierungsbezirk Kassel, g aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden. Der peescheltigeng nach waren es 54 Arbeiter, 5 Maurer, je Bäcker, Gärtner, Kürschner, Kappenmacher, Schneider, Schuhmacher und ee viele Gewerbe hatten je 1 Vertreter. uf eigenen Wunsch wurden 19 Mann entlassen, in Arbeit durch eigenes Bemühen 1, als arbeitsunfähig 2, wegen Kontraktbruchs 3. Arbeitstage waren 2393, etatsmäßige Plätze 130 vorhanden. Die Kolonie hat seit ihrem Bestehen 3022 Mann auf⸗ genommen.
Darmstadt, 18. März. Regierungsrat Braun ist zum vortragenden Rat im Finanz⸗ ministerium mit dem Amtstitel Oberbaurat er⸗ nannt worden.— Die Wahl des Kreisamtmann Meß zum Bürgermeister von Bingen, hat die landesherrliche Bestätigung erhalten.
Offenbach, 18. März. Der zum lebens⸗ länglichen Mitglied der ersten Ständekammer er⸗ nannte Kommerzienrat Oehler hat, wie das „Abdbl.“ meldet, erst seit wenigen Tagen die hessische Staatsangehörigkeit erworben. a, ja! Es geht Alles!
Mainz, 18. März. Heute hat die Stadt⸗ verordnetenversammlung mit der Be⸗ ratung des städtischen eam e 1896/97 begonnen. Die Versammlung nahm u. A. den von dem Referenten Herrn Kommerzienrat St. C. Nickel namens des Finanzausschusses ge⸗ stellten Antrag, den in das Budget eingestellten Betrag von 75000& als erste Rate für die Renovation des Kurfürstlichen Schlosses vorerst ganz zu streichen, bis die Großh. Regierung der Bürgermeisterei die Beschlüsse der beiden Kammern der Stände bezüglich des staatlichen Zuschusses zur Kenntnis gebracht hat, an. Herr Dr. Horch stellt noch weiter den Antrag, die Pläne zur Renovation des Kurfürstlichen Schlosses von einer Kommission von Sachverständigen, darunter in erster Linie den Herrn D. Fried. Schneider, prüfen zu lassen. Auch dieser Antrag findet einstimmige Annahme. Für die Herab⸗ setzung des Gaspreises auf 18„ per Kubikmeter treten ganz entschieden die Herren George Hirsch und Jean Falk ein; der Antrag wird der Gas⸗ deputation unterbreitet, doch soll bei Annahme des Antrags einer Herabsetzung des Gaspreises erst bei der nächsten Budgetperiode stattfinden. Bei der Beratung des Kapitels über die Volks ⸗ schule traten besonders die Herren Reis, Schäfer und Tiefel für die unentgeltliche Liefe⸗ rung der Lehrmittel ein; es wurde be⸗ schlossen, über diesen Gegenstand in einer der nächsten Sitzungen zu beraten. Herr Dr. Horch giebt auch in Erwähnung, in den höheren Klassen der höheren Mädchenschule Kochschulen einzu⸗
5 seien sie nicht diejenigen, die für eine Verbesserung 8 il *
155 2 Im Spiegel. 1 Skizze von M. Elsner. Jöhrle.„Nachdruck verboten.) 0„Herr Doktor Jordan, gnädige Frau!“ 29000 Mit einer hastigen Bewegung, die deutlich er⸗
40 lennen ließ, wie ungeduldig sie bereits auf diese Ach 5
Meldung gewartet hatte, warf die schöne junge Frau hren französischen Roman auf das Onnxtischchen 0 der Säulenlampe und richtete sich aus ihrer be— guemen, halb liegenden Stellung empor. Ein tummes Zeichen wies die Zofe an, den Besucher 1 Vbereinzuführen; aber während der anderthalb Mi⸗ nuten, die bis zu seinem Eintritt vergingen, legte is sich wie eine dunkle Wolke des Unmuts über das klassisch regelmäßige Antlitz der Baronin von Hersberg. Ihre Lippen schlossen sich fest zusammen end die dunklen Augen, die nach der Versicherung ses berühmtesten zeitgenössischen Portraitmalers icht ihresgleichen in Deutschland hatten, sahen dem
old,, Erwarteten mit ernstem, fast strengem Blick ent— 1 06 gegen. Der aber schien nichts von diesem fatalen pkapass 10 Anzeichen einer üblen Stimmung zu bemerken. Ein ö strahlendes Lächeln war auf seinem blondbärtigen
der unter
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887 J 570 Hesicht, als er auf der Schwelle erschien, und mit
0 geiterem Gruß streckte er der jugendlichen Witwe
eine Hand entgegen. „Wie froh bin ich, Sie noch zu Haus zu
reffen, Frau Leonie!— Wußte ich doch, daß dies
onst die Stunde Ihres Spazierrittes ist!“
Sie hatte ihm langsam, wie zögernd, die
Jingerspitzen gereicht, und als er ihre Hand an
eine Lippen führen wollte, zog er sie rasch zurück.
„Sie wußten es, und Sie wählten dennoch gerade diese Zeit für Ihren Besuch?— Das sollte mich fast bedauern lassen, daß ich Sie empfing!“
Ihr Benehmen und der herbe Klaug ihrer Stimme machten es dem Doktor unmöglich, diese Begrüßungsworte für einen Scherz zu nehmen. Er sah fast erstaunt empor und gewahrte erst jetzt den verdrießlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht.
„Sind Sie mir etwa böse, weil ich weniger frei über meine Zeit verfügen kann als die Mehr— zahl Ihrer Bekannten? Muß ich Ihnen wirklich erst zu meiner Entschuldigung sagen, daß ich auch einen Beruf habe— und zwar einen recht ernst— haften, anspruchsvollen Beruf?“
Die Baronin hatte sich wieder in die Chaise— longue sinken lassen, und mit einer leicht ab— wehrenden Geste erwiderte sie:
„Nein! Zu sagen brauchen Sie mir das aller— dings nicht mehr, nachdem Sie es mich gestern so deutlich empfinden ließen. Es war eine sehr inte— ressante Erfahrung, um die Sie mich da bereichert haben, Herr Doktor!“
Auch über die Stirn des Arztes glitt ein Schatten; aber es klang doch noch herzlich und liebenswürdig wie zuvor, als er, näher an sie herautretend, Antwort gab:
„Deshalb also Ihre Verstimmung? Nun wohl, ich bitte noch einmal um Verzeihnng, daß ich Sie gestern Abend vergeblich auf mich warten ließ. Aber glauben Sie denn, daß ich mir selber diese
harte Entbehrung auferlegt haben würde, wenn ich eine Möglichkeit gehabt hätte, sie mir zu ersparen?“
„Eine sehr wohlfeile Entschuldigung, mein Freund! Sie wurden im letzten Augenblicke zu einem Patienten gerufen, und deshalb betrachteten Sie unsere Verabredung einfach als nicht vor— handen, obgleich Sie wußten, daß ich auf eine amüsante Soiree verzichtet hatte, um Ihnen auf Ihre dringende Bitte diesen Abend zu gewähren. Und Sie haben, wie es scheint, nicht einmal ein Verständnis für die Schwere der Beleidigung, die die Sie mir damit zufügten.“
„Eine Beleidigung?— In der That, Leonie, daß Sie es dafür nehmen könnten, hatte ich nicht für möglich gehalten,“ sagte der Doktor in einem Tone ungeheuchelten Erstaunens.„Wäre es Ihnen denn lieber gewesen, wenn ich um den Preis einer schweren Pflichtverletzung—“
Die schöne Frau ließ ihn gar nicht ausreden. In ihren dunklen Augen wetterleuchtete jetzt ein wirklicher Zorn.
„Weshalb sprechen wir denn überhaupt noch davon?“ unterbrach sie ihn hart.„Ich zweifle garnicht, daß Sie nach sehr edlen und erhabenen Grundsätzen gehandelt haben. Und ich habe ja auch bereits meine Lehre daraus gezogen. Sie brauchen nicht zu fürchten, Herr Doktor, daß ich jemals wieder einen Versuch machen werde, Sie Ihren Patienten zu entziehen.“
„Das heißt: Sie sind ernstlich erzürnt, Leonie? — Nun, Sie werden die Ungerechtigkeit dieses Zornes einsehen, wenn ich Ihnen sage, daß es die geängstigten Angehörigen eines Sterbenden waren, die gestern nach mir verlangten.“
„Und haben Sie diesen Sterbenden durch Ihre wunderthätige Gegenwart vom Tode gerettet?“
„Nein.“
„Vermutlich wußten Sie das im Vorhinein. Aber Sie gingen doch hin und ließen unterdessen eine Dame, der sie zuvor in allen Tonarten Ihre Ergebenheit versichert hatten, vergeblich auf Sie warten. Als wenn es nicht Aerzte genug außer Ihnen gebe!— Und als wenn es nicht schließlich ganz gleichgiltig wäre, ob Jemand mit ärztlichem Beistand oder ohne ihn aus dem Leben scheidet.“
Zwischen Doktor Jordans Augenbrauen erschien plötzlich eine tiefe Falte.
„Sie meinen nicht im Ernst, was Sie da so— eben sagten, Leonie!— Es war ein häßliches Wort, denn es könnte einen Andern als mich fast an Ihrem weiblichen Empfinden irre machen. Vielleicht aber ist es in der That besser, wenn wir jetzt, da Sie in so übler Laune sind, nicht weiter von diesen Dingen reden.“
Ungeduldig, fast heftig warf die Baronin das zierliche Köpfchen zurück.
„Weder jetzt noch später— denke ich! Die Sache war für mich schon in dem Augenblick ab- gethan, da Sie mich erkennen ließen, daß Ihnen ihre Praxis wichtiger ist als die Rücksicht auf mich. Denn ich bin wirklich nicht anspruchslos genug, mein Freund, mich mit einem so bescheidenen Plätz— chen in Ihrem Interesse zu begnügen. 8
(Fortsetzung folgt.)


