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19.3.1896
 
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Gießen, Donnerstag, den 19. März

1896.

Ausgabe

Gießen.

sche Landeszeikung,

Aus dem Verwaltungsbericht der Großh. Bürgermeisterei.

* Gießen, den 18. März 1896. Ia ee Gesetze. Bei Ausführung des Gesetzes über die Kranken⸗ bersicherung kommt für die städtische Ver⸗ paltung neben den bestehenden 14 Fabrikkranken⸗ sassen und einer Innungskrankenkasse vorzugsweise ie Ortskrankenkasse, daneben auch noch die Ge eindekrankenversicherung in Betracht.

Die Ortskrankenkasse hat im Jahre 894 durchschnittlich 2530 männliche und 343 weibliche Mitglieder gezählt mit 14135 Krank⸗ eitstagen der männlichen und 2239 der weib⸗ 1 itglieder(gegen 2277 und 258 Mitglieder 13691 und 1891 Krankheitstagen in 1893). Berstorben sind im Laufe des Jahres 22 mäun⸗ iche und 2 weibliche Mitglieder(1 weibliches Mitglied mehr als im Vorjahr).

Die Kasse hat die nachstehenden Rechnungs⸗ rgebnisse aufzuweisen:

S 8 5 So 88

Verantw. e E. Ditnazg

kol.

110 A. Einnahmen. k, 1894 1893 ., A. 1. Kassenbestand 1173 68 1468 79 2. Zinsen 5 573 62 432 93 3. Gesamtbeiträge 48074 40134 92 ug 4. Ersatzleistungen Dritter 265 70 611 25 * 5. Sonstiges(worunter 1150 1 3840 18& für Besorgung von 18 Eisen Gescäften der Invaliditäts⸗ 1 und Altersversicherung) 1619 62 1664 54 zusammen 51706 62 44312 42 B. Ausgaben. 1894 1893 1 e gc Biß, 1. Aerztliche Behandlung. N 10821 31 8618 05 0 0 2. Arznei und sonstige Heil⸗ 1. mittel ee 3. Krankengelde 13697 11 12122 15 5 4. Unterstützungen an Wöch⸗ 7 nerinnen* 199 20 272 40 5. Sterbegelder 8938 8888 5 6. Verpflegungskosten in Kran⸗ ü W ten ⸗Anstalten 3302 20 2253 60 7. Vorlage für Berufsgenossen⸗ air 288 25 Post. 8. Verwaltungskosten(darunter fl. Küche. die obigen 1150 4 18 8 für Geschäfte der Invalidi⸗ 5 täts⸗ und Alters⸗Versiche⸗ DD 5839 99 5277 54 ů 9. Sonstige Ausgaben Mer 702 80 echt 10. Kapitalanlagen 5993 62 2852 93 dach ort 2 zusammen 57092 42 41801 82 en een 1 sonach Rest, einschließlich

der Hif. Laube Ausständn... 4614 20 2510 66 1555 1 Das Kapitalvermögen der Kasse brtrug Ende 1894 0. 20681 4 33 5

(gegen 1467 71, im Vorjahr),

aal rene, u bleibt aber noch immer zurück hinter der Summe Tufelhenig, bn der Zehntel der Beiträge, welche nach 8 32 des gesendet die! Krankenversicherungsgesetzes alljährlich mindesteus aulo. Goran. icht Tonen Großimkereie

Wie es kam Novellette von H. von Schandow.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Für immer und ewig flüstert Ilka und

schaut ihn feierlich an. Er lächelt.Werd' ich

Dir auch gefallen ohne das schöne Essex⸗Kostüm? Im Alltagsrock? Ohne Romantik?

Sie streicht verächtlich über den gestickten Atlas bin.Ich liebe doch Deine Seele! Ihr ganzes, zärtliches Herz klopft in den Worten.Deine Seele! Hörst Du's? Bis hin zur Ewigkeit! Er neigte sich über ihre Hand.Du Einzige, Holde, Süße! Doch laß uns jetzt zurückkehren zu all den gleichgiltigen Menschen. Sie dürfen inser Geheimnis nicht erspähen. Zuerst müssen's doch Deine Eltern wissen! Meersberg bleibt für einen Augenblick stehen.Und Du wirst nichts zwischen uns kommen lassen? Niemals?

Welch begeistertes Gesichtchen sie zu ihm auf debt. Wie opferdurstig sie ihn anschaut!Nie nals! Sie läßt sich den Schwur von den Lippen lüssen.

Dann kehrt sie an seinem Arm in den Saal zurück. Meersberg benimmt sich vollkommen korrekt. Er kommt seinen zahlreichen Verpflich tungen nach. Auch mit der Königin Elisabeth kanzt er einen wilden, wilden Galopp. Und während des Tanzens lüstert er ihr beschwörende, beruhigende Worte zu. Trotz alledem und alledem zwischen uns kann nichts kommen. Niemals! Seinen Arm los⸗ assend, schaut sie ihn an, seelendurchforschend. Niemals, Rolf?Niemals. Ich werde meiner eukünftigen Gattin keine Liebe zu geben haben.

deubschel

hätten dem Reservefonds zugewiesen werden sollen, weshalb die Kasse schon mit Wirkung vom 1. Sep⸗ tember 1893 ab und zunächst auf die Dauer eines Jahres die Gewährung freier Medikamente an die Familienangehörigen der Mitglieder sistiert hatte; nachdem die Vertretung der Kasse es jedoch weiterhin unterlassen batte, in ihren Leistungen diejenigen Einschränkungen eintreten zu lassen, welche es ermöglicht hätten, den Vorschriften des Gesetzes wegen Bildung des Reservefonds gerecht zu werden, mußte auf unseren Antrag und mit Zustimmung des Kreisausschusses von der oberen Aufsichtsbehörde der ganze, freie ärztliche Be⸗ handlung und Arznei für die Familienangehörigen der Kassenmitglieder gewährende,§ 22 des Statuts insolange außer Kraft gesetzt werden, als nicht die Kasse den oben erwähnten Vorschriften wegen Bildung des Reservefonds in allen Teilen ge recht wird.

Auch im Jahr 1894 war die Beteiligung an der, für die unständigen gewerblichen Arbeiter und für etwa freiwillig sich Versichernden be bestimmten, Gemeindekrankenversicherung sehr gering. Es gehörten der Kasse durchschnitt lich 5 Mitglieder mit zusammen 96 Krankheits- tagen an, sodaß die Rechnung bei 31/ 56. Mitgliederbeiträgen einen Zuschuß aus der Stadt⸗ kasse von 108/ 78& erforderte.

Die Bedenken gegen die Beibehaltung des Kreisstatuts über die Krankenversicherung der unständigen Arbeiter erfuhren auch bei diesem Anlaß eine erneute Rechtfertigung.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 18. März. Die gestrige öffent⸗ liche Versammlung des freisinnigen Vereins wurde durch Rechtsanwalt Metz nach 9 Uhr eröffnet und ertheilte derselbe dem Redner Rechtsanwalt Dr. Meißner-⸗Frankfurt das Wort. Seit 10 Jahren, so führte der Referent etwa aus, beschäftige sieh die Gesetzgebung des Reiches nur noch mit wirthschaftlichen Interessen der Nation. Nach idealer Seite habe man nur Errungenes zu vertheidigen gehabt. Das Reichswahlrecht, ja die Civilehe seien bedroht und man müsse immer gefaßt sein, Angriffe nach dieser Richtung energisch abzuwehren. Eine Fülle solcher idealer Fragen harren noch ihrer Lösung, aber hierzu komme man nicht, weil eben die wirthschaftlichen Kämpfe die Nation zu sehr beschäftigen. Diese Kämpfe wurden mit der Schutzzollpolitik der Regierung inaugurirt und diese stellte sich damit in den Dienst der agrarischen Interessen, in die Interessen der begehrlichen Junker. Dazu komme das Schwinden des intelligenten Bürgerthums im Parlament, an dessen Stelle die Sozial demokratie nicht im Stande sei, als sachlicher Beirath der Regierung zur Seite zu stehen. Dazu kommt, daß die Nationalliberalen die Schutzzollpolitik mitgemacht und dahin gekommen sind, daß sie in wirthschaftlichen Fragen pro grammlos sind und die Partei als solche in

diesen Dingen getheilt dasteht. Die Stellung der Regierung zu den Agrarfragen hat es dahin gebracht, daß diese den Mittelpunkt bilden bei allen Gesetzesvorlagen und alles im Interesse der Junker zugeschnitten wird, obgleich diese für den Staat eine größere Gefahr bilden, als die So zialdemokraten. Eingehend schildert Redner die Ursachen der traurigen Verhältnisse Ostelbiens und tadelt scharf, daß die dortigen Großgrund besitzer, statt selbst Hand anzulegen, um aus der Misére herauszukommen, nach Staatshilfe schreien. Die Regierung schwankt in diesem Interessen⸗ kampfe, der sich als der Verzweiflungskampf eines untergehenden Standes darstellt, hin und her, sie nimmt keine feste Stellung ein in allen Fragen, wo die Staatsinteressen mit denen der Agrarier collidieren. Zwar den Antrag Kanitz hat der Minister Hammerstein-Loxten im gewissen Sinne schroff zurückgewiesen, aber man hat dies gethan, in der Voraussetzung, mit den sogenanntenkleinen Mitteln Zuckersteuer, Mar⸗ garinegesez und der Börsenvorlage, den Zorn der Agrarier besänftigen zu können. Dr. Meißner kritisiert nun in scharfer Weise das Gesetz gegen die Börse, die man unter staatliche Kontrolle stellen will, die ganze Leitung dieses Instituts soll durch Staatsbeamte gesche hen; als ob die Börsen von Wien und Paris, wo diese Organisation besteht, dadurch vor Erschütterungen bewahrt geblieben wären. Ebenso verwerflich ist die Einfuhrung des geplanten Börsenregisters, mit der Erschwerung des Terminhandels. Der ganze Börsengesetzentwurf ist durchtränkt von einem Mißtrauen ohne gleichen gegen die Ehr lichkeit unseres Handelsstandes, wogegen sich dieser mit Recht energisch wehrt. Derselbe Geist durchweht die Zuckersteuervorlage, woran nur der Norden Deutschlands ein Interesse hat. Diese Vorlage bezweckt, nur einem verhältnis⸗ mäßig kleinen Kreis ungeheuere Vorteile zuzu⸗ wenden, die selbst die berühmte Branntwein liebesgabe in den Schatten stellt. Der Redner erörtert die Zuckervorlage und kommt zu dem Schluß, daß diese Prämienwirtschaft kein geeig⸗ netes Mittel sei, um die Konkurrenz auf dem Weltmarkt aus dem Felde zu schlagen und dabei würde der Konsum im Julande um beinahe 60 Mill. belastet werden. Diese Vorlage bedeute nicht nur eine Schädigung der deutschen Industrie, der Landwirtschaft und der Konsumenten, son⸗ dern sei in ihrer Wirkung auch nachteilig für die Finanzen des Reiches. Ist das eine Sozial⸗ politik, so fährt der Redner fort, ein so gutes und billiges Nahrungsmittel, wie die Margarine, zu verteuern oder die Gewerbeordnungsnovelle mit ihrer Ersch serung der Erwerbsthätigkeit für die wirtschaftlich Schwachen, wie es die Hausierer sind? Das wirtschaftliche Leben eines Volkes muß gesund sein, wenn es seine politische Macht nach außen bethätigen soll. Statt das Wirt⸗ schaftsleben der Nation durch vernünftige Ge setze frisch zum pulsiren zu bringen, treibt man flotte Kolonialpolitik und im Reichstag sind es

Redaktion: 68 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. 1 Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 88 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die§spaltige Petitzeile. N. Kreuzplatz Nr. 4. 6rj 5

die Junker, die das schamlose Gebahren der Peters und Consorten noch zu verteidigen wagen. Es thue endlich not, daß das deutsche Bürgertum sich aufraffe, entweder mit oder ohne die Re⸗ gierung, um dem Junkertum energisch entgegenzu⸗ treten. Schon rührtes si h in dieser Richtung und die Freisinnigeu müssen sich diesen Bestrebungen an⸗ schließen. Nachdem Rechtsanwalt Metz dem Redner für seinen klaren und lichtvollen Vor⸗ trag Namens der Versammlung gedankt, bean⸗ tragt Stadtverordneter Heubach folgende Reso⸗ lution anzunehmen:Die im Gießener Fest⸗ saale tagende allgemeine Bürgerversammlung erklärt, daß sie die aus einseitiger Bevorzugung angeblicher agrarischer Interessen hervorgegangene Gesetzgebung, wie solche sich namentlich in den der Entscheidung des Reichstages unterbreiteten Gesetzentwürfen über die Börsenreform, die Zucker⸗ steuer und dem Margarinegesetz kundgiebt, aufs Entschiedenste mißbilligt, daß sie in diesen Vorlagen, wie in den Bestimmungen der Ge⸗ werbeordnungsnovelle nur Bestrebungen ver⸗ verkörpert sieht, die zu Gunsten einzelner In⸗ teressenten theils Handel und Verkehr lähmen, theils die große Masse der arbeitenden Bevöl⸗ kerung belasten wollen. Sie begrüßt es mit Freuden, daß der Versuch gemacht wird, alle Theile des betriebsamen Bürgerthums, die unter den Uebergriffen des Agrarierthums in der Ge⸗ setzgebung zu leiden haben, zu energischer Abwehr dieser Bestrebungen zusammenschließen. (Schluß des Berichts folgt morgen).

Gießen, 18. März. Gestern Nachmittag hielt der Landwirtschaftliche Lokalverein Gießen auf Lonys Bierkeller eine gut besuchte Sitzung ab.

Gießen, 18. März. Die von dem Gr. Forstwart Meyer von Wippebach gegen das Urteil Gr. Strafkammer Gießen vom 21. Januar d. J. durch Herrn Dr. Gutfleisch eingelegte Revision, wurde vom Reichsgericht am 16. März als un⸗ begründet verworfen. Mit der Rechtskraft dieses Urteils wird ein tüchtiger Forstmann und ein mit den besten Zeugnissen versehener Beamter und Familienvater auf Grund von Indizien⸗ beweisen die Schwelle des Zuchthauses über schreiten müssen. i

Gießen, 18. März. In der heute Vor⸗ mittag fortgesetzten Verhandlung gegen die Ehe⸗ frau Pitzer wegen ee d wurde der Zeuge Rothe, weil er unter dem Verdacht der Begünstigung der That stehe, nicht vereidigt und damit war das Schicksal der Angeklagten entschieden. Der Staatsanwalt beantragte auf 3 Monate Gefängnis zu erkennen. Der Ver⸗ teidiger plaidierte auf Freisprechung. Der Ge⸗ richtshof urtzilte nach den Anträgen der Staats⸗ behörde.

Gießen, 17. März. Die Strafkammer verhandelte heute Vormittag gegen den gestän⸗ digen Tagelöhner Heinrich Dörrbecker von Loßhausen wegen Betrugsversuch und Urkunden⸗ fälschung. Der Angeklagte ist wiederholt vorbestraft.

Da lächelt die schöne Frau. Zwischen ihren nelkenroten Lippen zeigen sich kleine scharfe Raub tierzähne. Sie hebt die Hand.Dann gehen Sie zu Ihrer Braut, sagt sie laut.

Meersberg bleibt für den Rest des Abends in Ilkas Nähe. Beim Kehraus nehmen die beiden Abschied, für kurze Stunden, bis morgen!

Bis morgen!

Mir ist nicht kalt, wehrt Ilka bei der Heim fahrt ihre Freundin ab, die sich bestrebt, der Kleinen den Pelz dicht um das Näschen zu ziehen.

Eben darum. Du fieberst.

Sie hat sich zu gut amüsiert, meint Fritz unter einem versteckten Gähnen.Getanzt wie eine kleine Tolle! O selige Backfischzeit!

Ilka verzichtet darauf, den beiden lustigen Meuschen etwas zu erwidern. Mit geschlossenen Augen lehnt sie sich zurück.

Da stößt Fritz seine Frau an.Hast Du wohl bemerkt, Cläre, selbst der lange Meersberg hat ihr die Ohren voller Süßholz geraspelt. Der sah ja heut beinahe

Der Wagen hält.

Nach flüchtigem Gutenachtgruß iu ihr Zimmerchen.

Die Hände faltend, schläft sie ein. Und im Traum hört sie unaufhörlich den Tropfenfall der

Die Ballgäste steigen aus. schlüpft Ilka

müde gewordenen Fontaine, das Rinnen unversieg licher Thränen. * 15*. Am Morgen erwacht sie, geweckt von einem strengen, häßlichen Geruch. Vor ihr auf der seidenen

Decke legen die Rosen von gestern Abend, braun, gewelkt, entblättert. Mit einem kleinen Schauder

schleudert sie die Blumen fort Dann steht sie auf, frisch, strahlend, mit rotgeschlafenen Bäckchen.

Lustig geht sie hinüber ins Eßzimmer, zu Cläre. Während sie mit der jungen Frau plaudernd beim Frühstück sitzt, wird der Assessor v. Meersberg gemeldet.

Cläre macht ein erstauntes Gesicht.Was will der? Fritz ist doch läugst im Dienst! Weißt Du, Kleine, geh' Du einstweilen hinüber in den Salon. Ich leg' nur mein Negligé ab.

Schwebenden Schritts verläßt Ilka das Zimmer. Zu mir! Er kommt ja zu mir! klingt es durch ihre Seele wie ein Frühlingslied.

Sie tritt über die Schwelle und bleibt wie angewurzelt stehen. Der Mann dort im Erker, der kann doch unmöglich nein, der ist doch nimmermehr der Essex von gestern Abend, der ver führerisch schöne, elegante Essex?

Wir sehen in der Prosa des Alltagslebens beide ein wenig anders aus, als auf dem Balle, teuerste Ilka, bemerkt Meersberg süßlich und reicht seiner Braut einen Veilchenstrauß.

Ja, wahrhaftig, sie sieht noch zehumal lieb licher im Tageslicht aus als unter den elektrischen Flammen.

Und er? Gelblich fahl, verlebt, die Glieder dünn und schlottrig unter dem feinen Tuch des Anzugs. Der schöne Essexbart ist falsch gewesen, nur ein paar dünne Stoppeln stehen unter der scharfgebogenen Nase. Wie Elfenbein glänzt der Schädel verschwunden ist das volle lockige Haar. Die verschleiert blickenden kurzsichtigen Augen schärft ein Kneifer.

Mit drei Schritten steht Meersberg neben der ihn wie ein Gespenst anstarrenden Ilka. Ehe sie

sich besinnen kann, hat er sie in die Arme

genommen.

Meine Blume, meine süße Menscheurose ist meine Seele nicht bei Dir gewesen zu Nacht, meine Seele, die Du so liebst, bis hin zur Ewigkeit?

Ein glühendes Rot der Scham bedeckt Ilkas erblichenes Gesichtchen. An ihrem eigenen Wort kann er sie halten, wie an einem unverbrüchlichen Schwur.

Kalt und steif ruht sie in seinen Armen. Ohne Verlegenheit läßt er einen Schwall von Worten über sie hinströmen, Erinnerungen an die Ballnacht.

Ilka nickt so eigen. Die Nacht ist vorüber, und der Traum, und das Märchen. Alles ist häßliche, nackte, drohende Wirklichkeit.

Und die kleine Ilka vom Erlenhose denkt plötzlich, daß das Leben nichts weiter sei, als ein bunter, überflitterter Karneval, in dem alles täuscht, trügt, schwindet: Menschen, Kleider und Gefühle.

Wenn nun seine Seele ihr unter der Maske genaht wäre, wie sein Körper? 89

Ein raseudes Mitleid für sich selber erfaßt sie und auch für ihn leidet sie, der sich geliebt glaubt, bis hin zur Ewigkeit.

Arme Ilka! Der Gedanke ihr Wort zu brechen, kommt nicht in ihre reine Seele. Totenblaß, aber fest, aber entschlossen, stellt sie der eintretenden Freundin ihren Verlobten vor.

Mit weit offenen, entsetzten Augen geht sie hinein in die Tragödie ihres Lebens, in ein langes fürchterliches Dasein der Lüge.