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17.12.1896
 
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Lokales und Provinzielles.

Gießen, Donnerstag, den 17. Dezember

Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.

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Gießen.

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Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Preis der Anzeigen: 10 Pfg.

Tage nach Sonn- und Feiertagen.

für die Ispaltige Vetitzeile.

Expedition: Kreuzplatz Nr. J.

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1 b Gießen, 15. Dezember. Ernannt: Der t bei der Provinzialdirektion Oberhessen, gierungsrat Dr. Karl Melior zum Kreisrat J Kreises Alsfeld, der Kreisamtmann bei dem eisamt Dieburg, Regierungsrat Dr. Wilhelm

Gagner, zum Rat bei der Provinzialdirektion

bberhessen mit dem AmtstitelRegierungsrat. Gießen, 15. Dezember. Der Kreisrat s Kreises Alsfeld, Konrad v. Grol⸗ Mee auf sein Nachsuchen in den Ruhestand ler setzt. 0 Gießen, 15. Dezember. Es ist vielfach se Ansicht verbreitet, unter den Hasen herrsche segenwärtig eine Krankheit, die den Hasen⸗ tand der Jagdreviere bedeutend vermindert abe. Infolgedessen ist die Kauflust des Publi⸗ ums bezüglich der Hasen nachteilig beeinflußt. zur Aufklärung und Beruhigung sei bemerkt,

N suß die Hasen in diesem Jahre fast ausnahms

s gesund und feist sind. Das allerdings sehr wache Jagdergebnis in vielen Gemarkungen

lediglich auf eine Krankheit unter den Hasen

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vorigen Jahre zurückzuführen. Heuer dies durchaus nicht der Fall. Die vorjährige ürkrankung der Hasen ist auf den trockenen sachsommer und auf den als Düngemittel viel⸗ ach angewandten Chilisalpeter zurückzuführen. bährend sich dieser z. B. bei dem heurigen fuchten Spätjahr alsbald der Erde mitteilte, urde er bei dem trockenen Spätjahr 1895 an ie Aesung des Wildes geweht, was auf die gasen und zum Teil auch auf das Rehwild von nachteiliger Wirkung war. Gießen, 15. Dez.(Strafkammer.) nTanzvergnügen war die Veranlassung, elche den Eduard Ludwig Weißbäcker von beldenbergen ins Unglück gebracht hatte.Von den Frauensleuten sei es hergekommen, meinte ute der Angeklagte. Sein Mädchen hatte inen andern verliebt angesehen und seine Eifer 15 aufs Höchste gesteigert, als sie mit dem ivalen in der Wirtschaft noch einen Hopser unzte. Kaum war das Tänzchen beendet, so krabreichte Weißbäcker seiner Schönen eine derbe hrfeige. Das Mädchen verließ schluchzend die ztätte der Fröhlichkeit und betrat die Straße, im den Heimweg anzutreten, gefolgt von ihrem mer noch wütend aufgeregten Verehrer. ochte ihn das Schluchzen der Geohrfeigten mterwegs ärgern, oder war es ein anderer grund, genug, er ohrfeigte auf der Straße rauf los und soll sogar dem Mädchen einen Tiben Stoß in den Rücken versetzt haben. Da Igten sich die Gebrüder Heß ins Mittel, um den Renschen von weiteren Thätlichkeiten gegen sein behrloses Opfer abhalten. Weißbäcker ließ sich

deses aber nicht gefallen, zog seinen Knicker und

lach blindlings um sich, wobei er dem einen bruder einen kräftigen Stich in die Seite ver⸗ itte, dem Andern aber mit dem Messer die ange ritzte. Staatsanwalt Zimmermann kantragte, gegen den Messerhelden auf 1 Jahr

3 Monate Gefängnis zu erkennen. Die Straf⸗ kammer ging aber über diesen Antrag hinaus und verurteilte den Angeklagten zu ein Jahr fünf Monat Gefängnis, ohne ihm die erlittene Untersuchungshaft anzurechnen.

Gießen, 16. Dezember.(Stadttheater.) Mit dem fünfaktigen SchauspielWilhelm Tell schloß gestern Abend die Theaterdirektion Kruse⸗Helm den ersten Teil der diesjährigen Theatersaison in würdiger Weise ab. Ein zahl⸗ reiches Publikum hatte sich zu dieser letzten Vor⸗ stellung eingefunden, sodaß die Direktion trotz des häufig mangelhaften Besuches einen guten Eindruck mitgenommen haben dürfte. Herr Oskar Bohnsée vom Kölner Stadttheater, der durch sein früheres Auftreten noch in bester Erinnerung steht, trug wohl deu größten Teil zum Erfolg der gestrigen Aufführung bei. Im Ulebrigen hatte das ganze Personal noch einmal Gelegenheit, sein ganzes Können zu zeigen. Von der Direktion war alles aufgeboten worden, mit Rücksicht auf die beschränkten Bühnenverhältnisse das Stück, so gut es nur gehen wollte, zur Dar stellung zu bringen, und auch der geschätzte Gast, Herr Bohnse, dem die Titelrolle zugedacht war, verstand es, sich den kleinen Verhältnissen an⸗ zupassen. Er spielte seinenTell in so vollen deter Weise, daß sich das Publikum häufig zu lauten Beifallsrufen hinreißen ließ. Von den übrigen männlichen Darstellern sei Herr Gold bach als Melchthal, Herr Peickner als Walther Fürst, Herr Fritzschler als Stauffacher, Herr Schaller als Ulrich von Rudenz, Herr Kunert als Freiherr von Attinghausen und Herr Schröder als Geßler erwähnt. Unter den Damen verdient wohl Fräulein Egger als Tells Gattin und Fräulein Leno als Bertha Bruneck hervorgehoben zu werden. Alle übrigen Darsteller spielten ihre Rollen in sehr zufrieden⸗ stellender Weise. Die Kostümierung der Dar⸗ steller, wie auch die Inszenierung des Ganzen machte einen recht guten Eindruck. Die Direk lion kann immerhin auf einen guten Erfolg für den ersten Teil ihres Unternehmens zurückblicken, hat sie sich doch die Gunst des Publikums in hohem Maße erworben. Hoffen wir, daß auch der im Februar beginnende zweite Teil der Theater-Saison eine gebührende Würdigung finden möge. 5

Gießen, 16. Dez.(Ortskrankenkasse.) Gestern Nachmittag fand in der Zeit von 48 Uhr die Wahl der Vertreter für die Ar beitgeber und Arbeitnehmer zur Orts krankenkasse statt. Abweichend von dem früheren Gebrauch, die Wahl in einer General- versammlung vorzunehmen, hatte man diesmal und zwar um der Bequemlichkeit der Wähler Rechnung zu tragen, den allgemeineren Weg ge wählt. Der Erfolg war der, daß nahezu/ Stimmen mehr als früher abgegeben wurden. Von ihrem Wahlrecht hatten 45 Arbeitgeber und 165 Arbeitnehmer Gebrauch gemacht.

* Gießen, 16. Dez. Als Ergänzung bezw. Berichtigung zu unserer gestrigen Notiz betr

Mächte der Finsternis.

Roman von Helmuth Wolfhardt. 0(Nachdrud verboten.) (Fortsetzung.) Wenn ein Verbrechen verübt worden ist, so ird es auch an den Tag kommen, und sein rheber wird nicht straflos bleiben, sagte er mit Anster Zuversicht.Man müßte an der ewigen Feerechtigkeit des Weltenlenkers verzweifeln, wenn es anders sein könnte. Aber Sie werden ver⸗ hundert sein, Herr Direktor, weshalb ich zu ihnen

0 kommen bin, und weshalb ich alle diese Fragen

Im Sie richte ich, dem doch nichts mehr seinen Ferlust zu ersetzen vermag. Sie müssen mir ge⸗ satten, Jynen das mit wenigen Worten zu erklären.

lein armes Kind liegt seit vier Tagen in der

chlen Erde, und ich bin wohl zu alt, als daß ich

knvich von diesem letzten, härtesten Schlage jemals holen könnte. Aber ich habe mein zuckendes Herz i beide Hände genommen und habe mir selber das belöbnis abgelegt, den Rest meines freudlosen Lebens harum nicht unthätig in fruchtlosem Hader mit Gott und der Welt zu vertrauern. Soweit meine Kräfte gbeichen, werde ich es in den Dienst des Wohlthuns ind der Menschenliebe stellen. Vielleicht kann es Air noch einmal einen gewissen Trost gewähren, zu

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chen, daß ich wenigstens Anderen zu einem Glück

ehilflich sein durfte, welches mir selber zeitlebeus ersagt geblieben ist. Und ich dachte dabei natur⸗ emäß an die Opfer jenes Eisenbahnuunglückes,

velches meiner armen Hertha das Leben kostete. Sicherlich ist unter denen, die sich noch in Ihrer

10 Oohut befinden, der Eine oder der Andere, dem 9

mein Beistand und meine Unterstützung Nutzen zu bringen vermag.

In aufrichtiger Rührung drückte der Arzt dem Sprechenden die Hand.

Sie könnten dem Andenken Ihrer leider so früh dahingeschiedenen Tochter wahrlich kein schöneres Denkmal setzen, mein Herr, sagte er.Und viel leicht sehen Sie es gleich mir als eine wundersame Fügung des Himmels an, daß ich gerade bei Ihrem Eintritt mit der Sorge um das Schicksal eines jungen Menschenkindes beschäftigt war, das durch jene Katastrophe gänzlich verlassen und hülflos ge worden ist. Es ist ein etwa dreizehnjähriges Mäd chen Namens Elisabeth Hemmeudorf. Die Kleine war nur leicht verletzt worden und ist schon seit mehreren Tagen wiederhergestellt. Aber ich habe sie trotzdem noch im Krankenhause behalten, weil sich bisher Niemand bereit gefunden hat, die weitere Sorge für sie zu übernehmen. Sie stammt aus einer badischen Ortschaft und hat wie ge sagt ihre Eltern bereits durch den Tod verloren. Eine verwittwete Anverwandte, die in Russisch⸗ Polen ansässig war, hatte den menschenfreundlichen Entschluß gefaßt, die Kleine zu sich zu nehmen, und war selbst nach Baden gereist, um sie abzuholen. Die brave Frau liegt mit den anderen Opfern des Eisenbahnunglückes auf dem Friedhofe von Holling stadt; das bedaueruswerte Kind aber ist vor der Hand heimatlos, denn die badische Gemeinde, welche augenscheinlich seyr froh gewesen ist, sich der mittel⸗ losen Waise entledigt zu haben, macht jetzt Schwierig keiten mit der Wiederaufnahme, und wenn sie auch am Ende gezwungen werden könnte, würde das

Mädchen doch kaum einer rosigen Zukunft eutgegen⸗

Schlägerei wird uns noch folgendes mitge teilt: Die beiden Raufbolde, welche den jungen Mediziner so zugerichtet, daß derselbe ein Auge verloren, führten den Unglücklichen nach voll brachter That zur Klinik und von da in die den dn eines seiner Verwandten. Während⸗ dem die Thäter auf dem Transport ihre blutigen Stöcke, um keinen Verdacht zu erwecken, bei Seite warfen, stahl einer derselben den Stock des Verletzten, um, wie er bei seiner Vernehmung angab, sich für seineArbeit bezahlt zu machen. Der andere hatte die unglaubliche Unverfrorenheit, am andern Tage zu einem Kommilitonen des Verletzten zu gehen, um für seineBemühungen eine Be⸗ zahlung zu fordern. Auch für den Stock, der bei der Schlägerei in Stücke gegangen war, hatte er eine Wergütung verlangt, ebenso für die Reinigung seiner blutigen Klei⸗ der. Die noch am selbigen Tage aufgefundenen Stöcke der Thäter ließen den sofort tente Verdacht 1 10 dieselben nur zu begründet er⸗ scheinen. ährend der eine Thäter, der den so verhängnisvollen Schlag geführt und für seine Arbeit noch obendrein Bezahlung verlangte, sich aufs Leugnen legt, hat der andere bereits den Verräter gespielt. Der Erstere befindet sich in Haft. Doch auch der Andere dürfte eine An- klage wegen Diebstahl des Stockes zu gewär⸗ tigen haben.

Mücke, 15. Dez. In der hiesigen Schmidt⸗ schen Dampfschneiderei ereignete sich ein schwerer Unfall. Ein junger Mann, ein Ver⸗ wandter des Besitzers der Dampfschneiderei, war noch mit einer Arbeit der Sägeeinrichtung be schäftigt, als der denselben nicht sehende Heizer die Maschine in Bewegung setzte. Obwohl letzterer sofort die Maschine stehen ließ, war doch der junge Mann vom Treibriemen erfaßt und einige Mal herumgeschleudert worden. Innerlich schwer verletzt hob man den Verun glückten auf und brachte ihn in der Schmidtschen Behausung zu Bette.

* Mainz, 16. Dez. Der Haus bursche eines hiesigen bedeutenden Geschäftes erhielt am Freitag Nachmittag von seinem Prinzipal eine Summe von 2200. mit dem Auftrag, dieselbe einzupacken und das Geld einer Mannheimer Firma einzusenden. Der Bursche entledigte sich seines Auftrages anscheinend in seiner sonst üblichen gewissenhaften Weise und brachte seinem Prinzipal den ihm von der Post eingehändigten Einzahlungsschein, auf den Betrag von 2200 l. lautend. Am nächsten Tage blieb der Mann aus; aus Mannheim langte aber von der von der Absendung des Briefes benachrichtigten Firma eine Mitteilung dahin ein, daß ihr wohl am Samstag morgen ein eingeschriebener Geldbrief einem angeblichen Inhalt von 2200 von der Post eingehändigt worden sei, daß in dem Brief sich aber kein Pfennig Geld, sondern nur wert lose Papiere befunden hätten. Es wurde nun der Polizei umgehend Anzeige von dem frechen Diebstahl gemacht, doch ist es bis jetzt

noch nicht gelungen, des flüchtig gegangenen Hausburschen habhaft zu werden. Es hat sich herausgestellt, daß der Hausbursche schon längst die Absich gehabt hatte, nach Amerika zu gehen. Mainz, 15. Dez. Wegen Beilegens eines Prospektes mit anatomischen Illustrationen hatte das hiesige Schöffengericht den früheren Redakteur derMainzer Volkszeitung, Peter Tiefel, und den Verleger Ludwig Jost wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften zu je 30 Geldbuße ver⸗ urteilt. In der Berufungsverhandlung sprach die Strafkammer des hiesigen Landgerichts beide Angeklagte frei. Gegen dies Urteil hakte die Staatsanwaltschaft Rekurs beim Oberlandes⸗ gericht in Darmstadt ergriffen. Das Oberlandes ericht hat nunmehr in seinem Urteil aus den hatsachen festgestellt, daß eine Verbreitung un⸗ züchtiger Schriften nicht stattgefunden hat, wohl aber grober Unfug vorliege. Das freisprechende Urteil wurde aufgehoben und die Sache an die Berufungsinstanz, das hiesige Landgericht, zurück⸗ verwiesen.

Sehwurgericht. W. Gießen, 15. Dezember.

Heute hatte sich der Eisenbahnarbeiter Johann Zimmer von Lang⸗Göns wegen eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit zu verantworten. Die An⸗ klage vertritt Staatsanwalt Koch. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt Grünewald.

Am 4. November d. J. soll nach der Aussage der als Zeugin vernommenen Ehefrau des Gabriel Wetz der Angeklagte abends um ¼10 Uhr diese in der Pinz⸗ gasse zu Lang⸗Göns attaquiert haben, sodaß nach der Darstellung der Zeugin allerdings alle Momente des Verbrechens aus§ 176, Ziffer 1 des R.⸗Str.⸗G. er⸗ füllt sind.

Der Angeklagte legt sich demgegenüber aufs Leugnen, jedoch unterstützten in der Beweisaufnahme mehrere Zeugen die Angaben der Ehefrau Wetz insofern, als festgestellt wurde, daß der Angeklagte an dem betreffenden Abend um die fragliche Zeit auf der Straße und nicht, wie er behauptete, in seiner Wohnung sich aufgehalten hat.

Den Geschworenen wurde außer der Frage nach dem Sittlichkeits⸗Verbrechen auf Antrag der Verteidigung für den Fall der Verneinung der ersten Hauptfrage die weitere Frage vorgelegt, ob der Angeklagte sich der thätlichen Beleidigung schuldig gemacht.

Staatsanwalt Koch plaidierte für ein Schuldig im Sinne des dem Angeklagten zur Last gelegten Verbrechens.

Rechtsanwalt Grünewald vertrat die Meinung, daß der Angeklagte nur schuldig zu sprechen sei der thätlichen Beleidigung.

Demgemäß lautete auch der Wahrspruch der Geschwo⸗ renen, sodaß der Angeklagte mit einer Gefängnis⸗ strafe von sechs Monaten davonkam.

Der Vorsitzende entließ mit einem Dank für ihre Dienste, die sie dem Staate geleistet, die Geschworenen.

Vermischtes.

Schiffe aus Kork. Durch fortgesetzte Ver⸗ suche soll es jetzt in England gelungen sein, Holz im Schiffbau durch einen anderen beinahe feuersicheren Stoff zu ersetzen. Es werden Kork und Korkabfälle einer Hitze von etwa 200 Grad Celsius ausgesetzt und darauf durch hydraulische Pressung in Tafel⸗ oder Blockform umge⸗ wandelt, welche sich ganz wie das Holz behandeln läßt,

gehen. Wünschen Sie, daß ich das Kind einmal hierher bringen lasse, Herr Rodewald?

Der Gutsbesitzer erklärte seine Zustimmung, und wenige Minuten später trat Elisabeth über die Schwelle des Sprechzimmers. Ihre Stirn war noch mit einem weißen Tuche verbunden; aber die Lieblichkeit ihres schmalen Kindergesichtes wurde da durch ebensowenig beeinträchtigt, als die seltene Schönheit der großen, schwermütigen Augen. Wit inniger Teilnahme betrachtete Rodewald die Kleine und winkte ihr dann freundlich, näher heran- zutreten.

Du heißest Elisabeth? fragte er.Und Deine Eltern sind nicht mehr am Leben? Hast Du denn keine Geschwister oder andere Verwandte?

Nein! antwortete sie leise.Ich habe Keinen, der zu mir gehört.

Und seynst Du Dich darnach, in Deine Heimat zurückzukehren, Elisabeth?

Elisabeth antwortete Rodewald nicht sogleich. Ihre feinen Lippen preßten sich zusammen, und ihre glänzenden, sprechenden Augen schweiften durch das Fenster wie in eine weite, unbestimmte Ferne. Sie scheute sich offenbar, ihren innersten Empfindungen Worte zu geben; aber in dem Aeußeren des weiß haarigen Peaunes und in seinem Wesen mußte doch wohl etwas sein, das ihr Vertrauen einfloßte, denn nuch lurzem Schweigen sagle sie:

Ich weiß, daß ich in diesem kalten, grauen Lande bald sterben müßte, und ich möchte wohl gerne wieder dahin, wo meine lieben Eltern be graben liegen. Aber die Menschen waren dort so hart gegen mich, als die Mutter gestorben war. Ich fürchtete mich vor ihnen.

Und warum glaubst Du, daß Du hier sterben müßtest? Auch bei uns ist es nicht immer so kalt und so grau wie in diesen Tagen. Auch bei uns giebt es Sonnenschein und Fruͤhling und Blumen wie in Deiner Heimat.

Der Krankenhausdirektor mußte sich abwenden, um die tiefe Bewegung zu verbergen, welche ihn überkam, als er den gebrochenen, gramgebeugten Mann, der für sich selber keinen Sounenschein und keinen Frühling mehr erhoffte, so liebevoll und er mutigend zu dem fremden Kinde sprechen hörte.

Und mit kindlicher Verwunderung blickte auch Elisabeth in das durchfurchte und doch so milde und gütige Gesicht.

Aber es will mich hier ja auch Niemand be halten, sagte sie.Die Waärterin meinte erst. vorhin, es wäre für Gesunde kein Platz in einem Kranlenhause.

Und die Wärterin hat Recht, entgeguete Rodewald ruhig.Nicht um Krankeuhause sollit Du bleiben; aber wenn Du Dich eutschließen willst, mit mir zu kommen und mir ein liebes Töchterchen zu werden, so werde auch ich rechtschaffen bemüht lein, Dir Deine toten Eltern zu ersetzen. Glaubst Du, mein Lind, daß es Dir gelingen wird, einige Zuneigung für mich zu fassen?

5 Elisabeth erhob ihren Blick noch einmal zu seiuem Autlitz, und nachdem sie ihn Sekunden lallg fest angesehen hatte, sagte sie in einem Tone, dessen kindliche Aufrichtigkeit ebenso lieblich als rührend wur:

Ich kaun es nicht versprechen, aber ich glaube sicher, daß es mir gelngt.

5(Fortsetzung folgt.)