1896.
Poslztg. Nr. 3239a. Telephon⸗Nr. 112.
Gießen, Mittwoch, den 16. Dezember
Ausgabe
Gießen.
fung.
Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
17 1 Lokales und Provinzielles.
Gießen, 14. Dezember. In der gestrigen Generalbersammlung der allgemeinen Sterbekasse, in welcher 68 Mitglieder an⸗ wesend waren, wurde das Sterbegeld auf 150 4 festgesetzt. Die Mitgliederzahl genannter Kasse beträgt bis jetzt 748, der Kassenbestand 2294. — Im Vorjahre hatte die Kasse 666 Mitglieder und einen Barbestand von 1855,92. Der alte Vorstand wurde in der gestrigen General⸗ e wiedergewählt. Erwähnt wurde, daß nach Ansicht der Jahresberichte ähnlicher Kassen anderer Städte die hiesige Sterbekasse den besten Erfolg zu verzeichnen hat. Nachdem einzelne Paragraphen abgeändert worden waren, lam folgender von Herrn Bruchhäuser verfaßter Bericht zur Verlesung. Die allgemeine Sterbe⸗ lasse Gießen, welche nunmehr vor 7 Jahren ge⸗ gründet wurde und jetzt in ihr 8. Geschäftsjahr ritt, besteht zur Zeit aus 748 Mitgliedern. Dieselbe hatte im verflossenen Jahre einen Zu⸗ wachs von 92, dagegen einen Abgang von nur 10 Mitgliedern(7 durch Tod und 3 sonstige 0 Abgänge), gewiß ein erfreuliches Resultat. Während seines“ jährigen Bestehens hat der Verein 53 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern che und wurden hierfür an 15 Mitglieder A 75, an 15 à 100, und an 23 à 120 A, in Summa 5385. ausgezahlt. Außerdem besitzt der Verein einen Reservefonds von 2300 l, und ist mithin in der Lage, selbst in außergewöhn⸗ lichen Fällen seinen Verpflichtungen nachzu⸗ kommen. Auch ist die Sterbekasse durch ständige Zunahme von Mitgliedern in der angenehmen
ge, vom 1. Januar 1897 ab das Sterbegeld von 120 auf 150 ¼ zu erhöhen. Das Eintritts⸗ geld beträgt für eine Person:
im Alter von 16—25 Jahren—.50 l.
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Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Sterbefallbeitrag von 25% zu bezahlen. Bei dem Sterbefall eines Mitgliedes hat jedes Mit⸗ glied der Kasse einen Beitrag von 25„ zu ent⸗ richten, welcher durch den Kassenboten gegen aan erhoben wird. Zur Auskunft in allen Fragen ist Herr Schneidermeister Pfaff, Kreuz⸗ Flatz 10, Herr Schuhmachermeister Seidewand, Teufelslustgärtchen 20, sowie Herr H. Bruch- häuser, Wolfstraße 8, gern bereit. Die Ver⸗ sammlung drückte dem Vorstande gegenüber zum Schluß ihre vollste Zufriedenheit und Anerkennung für die fürsorgliche Leitung der Kasse aus.
* Gießen, 15. Dez. Die Oberbürger⸗ meister der fünf Städte Mainz, Darmstadt, Worms, Offenbach und Gießen statteten in voriger Woche, laut„Mzr. Tgbl.“, der Rekon⸗ valeszenten⸗Anstalt Neuenhain einen Besuch ab, um sich über deren Verwaltung,
Organisation und Einrichtung zu unterrichten. Die von der Stadt Frankfurt errichtete Anstalt, die unter der ärztlichen Leitung des Herrn Dr. Haupt steht, wurde als mustergültig und nach⸗
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ahmenswert befunden. Die fünf Herren wurden von den Herren Roth und Dr. Haupt em⸗ pfangen und durch die ganze Anlage geleitet. Die Einrichtung der Anstalt ist einfach, aber nach jeder Richtung hin praktisch, die Verpflegung ausgezeichnet, die ärztliche Aufsicht prompt. Die Ortskrankenkasse in Darmstadt und die Alters— und Invaliditätsanstalt für das Großherzogtum Hessen benutzen die Anstalt seit längerer Zeit zur Unterbringung ihrer Patienten. Die Anstalt hat während der Zeit ihres Bestehens schon segensvoll gewirkt. Der Gedanke der Errichtung ähnlicher Anstalten für die fünf oben genannten Städte darf als der Verwirklichung viel näher gerückt angesehen werden, gewiß zum Segen der armen Leidenden.
* Gießen, 15. Dez. Wie uns mitgeteilt wird, kam es in der Nacht zum Freitag voriger Woche zwischen zwei jungen Leuten und einem Studenten der Medizin zu einer Schlägerei, bei welcher dem Mediziner so schwere Verletzungen beigebracht wurden, daß dessen Aufnahme in die Klinik erfolgen mußte. Das Merkwürdige bei dieser Affäre ist nun der Umstand, daß die beiden Prügelhelden ihren Gegner, als dieser bewußtlos am Boden lag, aufhoben und in seine Wohnung schafften, wo sie als Belohnung von den Eltern des Verletzten je zwei Mark Trinkgeld erhielten. Die Verletzungen sind so schwerer Natur gewesen, daß der junge Mann den Verlust eines Auges zu beklagen hat. Dem Vernehmen nach sollen die beiden Thäter bereits verhaftet sein.
*Hausen, Kreis Gießen, 15. Dez. Vorige Woche wurde der neugewählte Bürgermeister Georg Müller III verpflichtet und in sein Amt eingeführt. Müller erfreut sich der größten Sympathien unserer Ortsbürger, die auch seinem durch den Tod ausgeschiedenen Amtsvorgänger in so reichem Maaße zuteil wurden. Möge er ein würdiger Nachfolger des Letzteren werden.
Grünberg, 15. Dezember. In dem Dorfe Otterbach stürzte der Polizeidiener Rühl von einer Brücke herab und brach das Genick, sodaß der Tod sofort eintrat.
45 1 15. Dez.(Beim Fensterl'n abgestürzt.) Ein Liebes⸗Abenteuer hätte in der Nacht von Sonntag auf Montag den Kellner im Hotel Hirsch beinahe das Leben gekostet. Das genannte Hotel ist von dem„Gasthaus zum Adler“ nur durch ein schmales Gäßchen getrennt, sodaß, wie der betr. Kellner nachge⸗ wiesen hat, beide Häuser mittelst einer Leiter leicht verbunden werden können. Der junge Mann legte nämlich die Leiter von einem Fenster im Hotel Hirsch in ein solches im gegenüber⸗ liegenden Gasthause, wobei nur der Unterschied zutage trat, daß das letztere Fenster zum Schlaf- zimmer des Dienstmädchens gehörte. Ueber diese Brücke kletterte der verliebte Kellner auch in jener Nacht. Die Rückkehr sollte aber für ihn verhängnisvoll werden. Die Leiter versagte ihren Dienst, rutschte aus und stürzte mit ihrem Passanten zwei Stockwerk tief herab. Während durch die Leiter mehrere Fenster zertrümmert
wurden, stürzte der Kellner dermaßen auf Kopf und Hände, daß er von hinzukommenden Leuten aufgehoben und(in den Strümpfen) zu einem Arzt geführt werden mußte. Mit zerschundenen Gliedern liegt er nun in der Klinik zu Gießen, wo er sich sagen muß, daß eine Leiter doch nicht als sicheres Verkehrsmittel zu betrachten ist.
* Grünberg, 15. Dez. Auf dem letzten Fruchtmarkt wurden für Getreide folgende Durchschnittspreise(pro Ztr.) gezahlt: Weizenß 8,23 f pro Ztr., Roggen: 6,85 K. pro Ztr., Gerste: 6 Hafer: 5,98 Wicken: 5. pro Ztr.
* Friedberg, 14. Dezember. Auf der Eisenbahnfahrt von Vilbel nach Friedberg wurden dem Obsthändler Seb. Koch aus Frankfurt a. M., während dieser eingeschlafen war, 23 1 aus seiner Tasche gestohlen.
* Darmstadt, 14. Dezember. An der Wagenstation der Dampfstraßenbahn zu Arheilgen hat sich gestern Morgen um 4 Uhr ein bedauerlicher Unglücksfall zugetragen. Der Heizer Müller war damit beschäftigt, die Maschine für den nach Darmstadt abzulassenden Frühzug anzuheizen. Als er zum Nachsehen der Feuerung die Feuerthür der Maschine öffnete, fand eine Explosion der Kohlengase statt und die dadurch entstandene Stichflamme schlug dem Heizer in das Gesicht und an Brust und Hände, und im Nu stand derselbe in hellen Flammen. Hilfe war sofort bei der Hand, doch sind die Verletzungen so stark, daß der Aermste in das Spital gebracht werden mußte.
* Mainz, 14. Dezember. Dem Verwal⸗ tungsbericht der Bürgermeisterei für 1895/96 entnehmen wir: Die Gesamt⸗Einnahmen betrugen 4165 849,53% und die Ausgaben 4083 446, sodaß ein Ueberschuß von 82403,53 Mark verblieben ist. Der Stadterweiterungs⸗ fonds schloß mit einer Einnahme von 532 514,39 Mark und einer Ausgabe von 527 946,47 l. ab, es verblieb also ein Ueberschuß von 4567,92 Mark. Das Gaswerk ergab zu gunsten der Stadtkasse eine Einnahme von 261 491,20 A, das Wasserwerk 119 003,20. Die Schulden⸗ last der Stadt beträgt 19 500 325,58, ihr Vermögen 25 686 608,23 1.
Sehwurgericht. W. Gießen, 14. Dezember. Fortsetzung.)
Die Beweisaufnahme gegen den Angeklagten Laatsch gestaltete sich für denselben sehr günstig. Er selber be⸗ hauptet, das bereits gelocht gewesene Fahrbillet 3. Klasse kurz nach seinem Dienstantritt am Morgen von einem Reisenden umtauschsweise erhalten zu haben. Er habe an dem Vormittag alle Hände voll zu thun gehabt, denn außer dem Innendienst der Station habe ihm auch der Außen⸗ dienst obgelegen, und so habe er in der Eile den Stempel weiter nicht angesehen, auch nicht, als er das Billet wieder ver— ausgabte. Wenn er die Fahrkarte noch einmal stempelte, als er sie an Metzler verausgabte, so geschah dies mehr in der Eile, wozu noch die Macht der Gewohnheit ihr gut Teil beitrug. Er habe dann die Karte vernichtet, um sich die Schreiberei zu ersparen, die es doch gegeben hätte, wenn die Karte an die Verkehrskontrolle gesandt worden wäre. Man habe in Butzbach in ähnlichen Fällen stets so verfahren.
Der Vorsteher Lucan giebt dem Angeklagten, dessen Vorgesetzter er seit acht Jahren ist, das Zeugnis eines gewissenhaften und fleißigen Beamten. Es sei richtig, daß er mit den Assistenten öfter darüber gesprochen habe, daß es einfacher wäre, falsch entwertete Fahrkarten zu vernichten, statt sie an die Verkehrskontrolle gelangen zu lassen, um unnötige Schreiberei zu vermeiden.
Der ehemalige Postagent Metzler von Münzen⸗ berg schildert seine Erlebnisse am 8. August 1896 auf dem Bahnhof Butzbach. Er sowohl wie der Angeklagte waren bei den Umtauschgeschäften sehr in Eile, denn bereits war der Zug, den er benutzen wollte, in der Einfahrt begriffen. Möglich sei es, daß Laatsch gesagt hat, das Billet sei schon gelocht. Der Zeuge erklärt, seine Fahrkarte nicht eher angesehen zu haben, als bis er die gänzliche Entwertung habe wahrnehmen können.
Der damalige Bahnsteigschaffner Buß schildert eben⸗ falls die Billetepisode, wie sie die Anklage behauptet, giebt jedoch zu, er hätte den Passagier mit dem gelochten Billet anstandslos die Sperre passteren lassen, wenn der Schalterbeamte ihn hierzu ermächtigt hätte.
Es werden den Geschworenen Proben von einfach und doppelt gestempelten Fahrkarten ausgehändigt.
Stationsarbeiter Müller will gesehen haben, als Laatsch das Billet zerriß und in den Ofen warf. Ihm kam die Sache nicht richtig vor, weshalb er beim Dienst⸗ wechsel, als der Angeklagte vom Assistenten Ruß abgelöst wurde, diesem in Gegenwart von Ploch den Vorgang erzählte und die Stücke der Fahrkarte aus dem Ofen hervorsuchte, die Ploch an sich nahm, mit dem Bemerken, man müsse Anzeige erstatten. Assistent Ruß aber meinte, es sei dies unrecht und Ploch würde doch dies nicht thun, worauf dieser versprach, die Anzeige zu unterlassen. Ihm(dem Zeugen) habe der Angeklagte früher auch ein⸗ mal eine Fahrkarte zur Benutzung angeboten.
Der Angeklagte erklärt, daß er mit dem Billetangebot den Zeugen Müller, dem er nicht getraut, auf die Probe habe stellen wollen.
Darauf wird der Hauptbelastungszeuge, Assistent Ploch, vernommen. Er bekundet, daß der Angeklagte nachts, wenn er Dienst hatte, die durchlochten Karten für die Verkehrskontrolle fertig zu machen hatte, die nur halb entwerteten Fahrkarten zurückhielt und an sich nahm. Ob mit diesen Karten unehrliche Manipulationen vorgenommen wurden, kann der Zeuge nicht wissen. Laatsch habe ihm früher einmal eine Kinderkarte zur Benutzung oder Ver⸗ wertung gegeben, die zwischen Cassel und Gießen noch benutzbar war. Er wollte damals schon dieserhalb gegen seinen Kollegen Anzeige erheben, auch sei ihm vom Bahn⸗ meister Kranz ein dahin gehender Rat erteilt worden. Wenn er damals die Anzeige unterlassen, so geschah das aus Rücksicht auf die Familie des Angeklagten. Nachdem er aber den Laatsch das zweite Mal mit einem Billet abgefaßt, habe er es für seine Pflicht als Beamter ge⸗ halten, diesen anzuzeigen. Zeuge muß zugestehen, daß er mit dem Angeklagten verfeindet ist. Auf Befragen, warum er denn trotz seines Versprechens, die Anzeige zu unterlassen, dies später doch gethan, giebt der Zeuge eine ausweichende Antwort.
Assistent Ruß, der den Dienst übernommen, als Müller die Affaire erzählte und die Kartenstücke aus dem Ofen hervorsuchte, hielt die Sache für ganz unverdächtig. Er bestätigt, was Laatsch über die Vernichtung oder Zurückbehaltung nicht vorschriftsmäßig entwerteter Fahr⸗ karten aussagte; er ist der Meinung, daß sein Kollege Laatsch einer so unehrlicheu Handlung, wie man sie ihm zur Last lege, nicht fähig sei. Derselbe sei für seine Person ein ganz anspruchsloser Mensch, der in geordneten Verhältnissen nur seiner Familie lebe. Richtig sei, daß der Angeklagte an jenem Vormittag des 8. August
Mächte der Finsternis. Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdrud verboten.) (Jortsetzung.) Bernhard zögerte nicht länger, an das Bett des Kranken zu eilen, der jetzt ganz das Aussehen eines Sterbenden hatte. Seine Gesichtszüge waren
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cut u 0 fahl und schlaff und seine Augen fest geschlossen. II Von Zeit zu Zeit bewegten sich seine Lippen, aber —
in kaum vernehmlichen Lauten kamen die Worte über dieselben. Auf eine wiederholte Anrede erhielt der Jüngling keine Antwort, und als er sich tief uber den Leidenden herabneigte, hörte er nur wieder dasselbe unverständliche:„Gott hat es gewollt— 4 Gott hat es gewollt!“
ll Mit stumpfer Resignation setzte sich Beruhard neben dem Bette auf einen Stuhl. Es war in den
1 letzten vierundzwanzig Stunden zu viel des Auf⸗ 0 regenden und Entsetzlichen auf ihn eingedrungen,
70 als daß er schon jetzt hätte zur vollen Erkenntnis
0 1 seiner traurigen Lage kommen können.
1 Wie selisamer Weise gerade im allergrößten
Unglück oft ein scheinbar geringfügiger Umstand die Gedanken festyält und von dem großeren Leid ab- zieht, das doch ungleich näher liegt, so fühlte auch 6 Bernhard in dieser Stunde den brennenden Sch nerz 0 nicht über die trostlose Krankheit seines Vaters und lber die trüben Aussichten, welche sich für seine
eigene Zukunft eröffneten, sondern vielmehr über die Vernichtung einer Hoffnung, welche ihn allein ge⸗ stählt und aufrecht erhalten hatte bei seinem langen,
aufreibenden nächtlichen Marsche. Nur darum hatte er es ja so eilig gehabt, nach Hause zu kommen, weil er den Vater bitten wollte, sich seiner kleinen verwaisten Reisegefährtin aus dem Schwarzwalde anzunehmen. Trotz der seiner Meinung nach uner⸗ träglichen Behandlung, welche ihm bei seinem Lehr- meister zu Teil geworden war und ihn zur Flucht getrieben hatte, war er doch fest entschlossen ge— wesen, ohne Murren zu demselben zurückzukehren, weun Stephan Milow sich nur unter dieser Be— dingung sollte bewegen lassen, die kleine Elisabeth zu sich zu nehmen. Sie hatte ja jetzt wirklich Niemand mehr auf der ganzen, weiten Welt, denn die Frau mit den harten vergrämten Gesichtszügen, welche sich ihre Taute genannt hatte, war vor Bernhards Augen in den Wagen der Toten ge— tragen worden. So fest hatte er darauf gerechnet, seinem jungen Schützling schou morgen die gute Nachricht bringen zu konnen, daß ihn die Zerstörung seiner freudigen Zuversicht jetzt vollständig nieder— schmetterte. Alles Andere erschlen ihm beluaghe gleichgiltig gegenüber dieser grausamen Euttäuschung und nur wie unter dem Druck einer dumpfen Be— täubung verrichtete er die Arbeiten und Dieaste, welche der Arzt und die Wärterin un Interesse seines schwerkrauken Vaters vou ihm verlangten.
Fünftes Kapitel.
Seit der Eisenbahnkatastcophe bei Ragoscwo, einer der furchtbarsten, welche sich jemals auf einer deutschen Strecke zugetragen, waren acht Tage ver⸗
gangen. Die hochgehenden Wogen der Erregung,
welche bei der ersten Kunde des Ereiguisses durch das ganze Land geflatet waren, begannen sich bereits zu beruhigen und nur in der näheren Um⸗ gebung der Unglücksstätte selbst war der erschütternde Eindruck noch frisch in allen Gemütern.
Vor dem Portal des Krankenhauses zu Holling⸗ stadt hielt der leichte Wagen mit deu beiden Braunen, die in jener Schreckeusnacht zu einer so wilden Fahrt gezwungen worden waren, und in dem Sprech zimmer des Direktors saß der Gutsbesitzer Rodewald. Von der wilden Verzweiflung, welche ihn damals au der Bahre seines Rlades ergriffen hatte, war nichts mehr in seinem Wesen zu bemerken, aber die Spuren des Geschehenen hatten sich ihm uuver⸗ wischbar aufgeprägt. Sein graues Paar war weiß geworden, und sein Haupt hatte sich nach voru u ge— neigt, wie wenn es an einer schweren unsichtbaren Last zu tragen härte. Es war etwas Müdes in einer Haltung wie in dem Ausdruck seines scheinbar um ein Jahrzehut gealterten Gesichts.
Seiue Unterhaltung mit deu ärztlichen Leiter des Krantenhauses halte sich natärlich um nichts Auderes bewegt, als um die Zugentgleisuug von Magosewo.
„Und über die Ursache der Katustrophe konnte noch immer nichts Bestunmtes ermittelt werden?“ ragte er, als ihm seine Erkundigungen nach der Zahl der Toten und Verwundeten beautwortet worden waren.
Der Direktor schültelte verneinend den Kopf.
„Wie ich höre, ist die Untersuchung bereits als
vollkommen ergebulßlos abgeschlossen worden. Die
von Sachverstandigen vorgenommene Besichtigung der Uuglücksstätte hat keinerlei Anhaltspunkte für irgend eine bestmmte Vermutung ergeben, und die— jenigen Personen, welche vielleicht selber ein Ver— schulden trifft, oder welche doch eine zuverlassige Auskunft geben konnten, vor Allen der Lokomoliv— führer und der Heizer, sind auf ewig verstummt. Nan weiß nur, daß die Eutgleisung au einer Stelle erfolgt ist, wo sich weder eine Kurpe noch eine Steigung befindet, und daß die Strecke nach den übereinstunmenden Versicherungen des Bahumeisters und der Wärter in durchaus ordnungsmaßigem Zu⸗ taude war. Wenige Stunden vorher hatte ja auch der ungleich schneller fahrende Kourierzug dieselbe ohne jede Storung passiert. So fehlt es ganz und gar au einer eialeuchteuden Erllärung, und weun die Herren von der Elseubahngesellschaft der Wel— nung find, daß es sich hier nicht um enen unglück⸗ lichen Zufall, sondern um ein gegen den Zug ver⸗ übtes, fluchwürdiges Verbrechen handle, so mogen sie damit vielleicht die Wahrheit treffen, aber es if bel den Störungen, welche die Katastrophe selbst iu dem Bahukorper angerichter hat, ulcht moglich ge— wesen, einen greifbaren Beweis für die MNichtigkel dieser Ansicht beizubringen.“
Rodewald erhob das gesenkte Haupt, und sein Augen suqten den schmalen Vunmelsstreifeu, den du gegeuüberliegenden Häuseruauern lichtbar werde ließen.
(Jortsezung folgt.)
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