Gießen, Sonntag, den 16. August
1896.
Ausgabe
ische Landeszeitun
Gießen.
Redaktion:
65 Kreuzplatz Nr. 4. 8
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 15. August. Aus den Verhand⸗ lungen der Sitzung der Großh. Handels⸗ kammer vom 7. August, in der anwesend waren die Mitglieder Koch, Heichelheim, Kling⸗ spor, Kraatz und Wortmann, teilen wir Folgen⸗ . des mit: Mit Vorbereitung eines Berichts an Brel. Jule Großh. Ministerium, betreffend die zu erlassende cle dn Nu, Bundesratsverordnung über die vom Verbot des Dietailreisens auszunehmenden Gewerbebe⸗ 15 triebe wird eine Kommission, bestehend aus den fannlche Zu Kammermitgliedern Scheel und Homberger, be⸗ 1 ber fuß, traut.— Eine wegen Höhe der Telephon⸗ n asu, ug gebühren im Verkehr mit Frankfurt chu n; d. M. von maßgebender Stelle erbetene Auskunft he: hat ergeben, daß im Februar 1892 für den 5 telephonischen Verkehr der Städte Mainz, Bingen, Rüdesheim, Wiesbaden, Frankfurt a. M. eine
. d Khan Gebühr von 50 Pfennig für das Drei⸗ minutengespräch festgesetzt wurde. Inzwischen f 0 0e ist aber eine Verordnung des Staatssekretärs im
Reichspostamt erschienen, welche grundsätzlich be⸗ stimmt, daß bei neuerrichteten Wpsprechenf chlüssen die Gebühr für Strecken bis zu 30 Kilo⸗ meter 50 Pfennig, für weitere Strecken 1 Mark betragen soll. Einen Ausnahme⸗ Tarif für die Strecke Gießen-Frank⸗ furt zu erlangen, erscheint danach aus⸗ sichtslos. Zum Sekretär der Handelskammer wurde Herr Gerichtsaccessist Franz Groß ge⸗ wählt, mit Wirkung von dem demnächst erfolgen⸗ den Austritt des jetzigen Sekretärs.
* Gießen, 15. August.(Ernteferien.) Das Großh. Ministerium des Innern. (Abtheilung für Schulangelegenheiten? hat an die Großherzoglichen Kreisschulkommissionen fol⸗ gende Bestimmung erlassen.„Wenn durch länger andauernde, überaus ungünstige Witte⸗ rungsver hältnisse die Einbrigung der
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und verzögert wird, so können für die in der Notlage befindliche Gemeinde auf Antrag des Schulvorstandes außergewöhnliche Ernteferien bewilligt werden. Dieselben n sind jedoch in jedem einzelnen Falle so zu be⸗
traße 18. messen, daß die gesamte Ferienzeit der betreffen⸗ —— den Schule für das in Frage kommende Stube Schuljahr die Dauer von 11 Wochen nicht Neutuweg 40. übersteigt. 5„
—* Gießen, 15. Aug. Mit dem heute ein⸗ Hime ue tretenden Schulschluß wird auch das Schul⸗
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bad geschlossen. Die Schüler, welche während III Std lite —
der Ferien weiter baden wollen, sind veranlaßt, das von der Stadt errichtete Freibad zu be⸗
16 ö nutzen, doch muß diese Anstalt um 6 Uhr von slienlogt, den Knaben geräumt sein.— Das Freibad, Nihtese“ welches unter 9 des Schwimmmeisters — fang dich seit f 115 5 n
öffnung sich einer täglichen Dur nitts⸗ hae Frequenz von 230 Badenden erfreut, ist
im Großen und Ganzen praktisch eingerichtet.
ee Nene Gebadet haben darin von Mitte bis Ende Mai
Ernte in ungewöhnlichem Maße erschwert.
meister Schwim munterricht erhalten.— Den geringsten Besuch hatte das Bad am 2. Juli (Temperatur des Wassers 13¼ Grad, der Luft 10 Grad); es badeten an dem Tage nur drei Personen. Die stärkste Frequenz hatte das Bad am 13. Juni(Temperatur des Wassers 17 Gr., der Luft 20 ½ Gr.), an welchem Tage 800 Per⸗ sonen badeten.
Gießen, 15. Aug. Gestern Abend waren die Vorstände unserer beiden Turnvereine unter dem Vorsitz des Beigeordneten Georgi in Steins Saalbau zusammen, um über die vom Gauvertreter Helm ausgearbei— teten Satzungen zur Bildung der Gie⸗ ßener Turnerschaft zu beraten. Es fand sich, daß die Versammlung einig war in der Erreichung des erstrebten Zieles und wurden die Satzungen bis auf kleine redaktionelle Aende⸗ rungen ohne Widerspruch angenommen, vor⸗ behaltlich der Genehmigung der beiden Vereine, an deren Zustimmung wohl nicht gezweifelt werden kann. Es dürfte somit gestern Abend bude Turnerschaft sich konstituiert aben.
* Gießen, 15. August. Die gestrige Gene⸗ ral⸗-Versammlung des Ortsgewerbe— Vereins bestätigte die seither schon amtierende Baukommission und beschloß im Prinzip, die Erbauung eines Vereinshauses. Die Kommission wurde beauftragt, geeignetes Gelände zum Neubau zu ermitteln und einer späteren Ai en hen et Vorschläge zu machen. In dem Neubau soll nicht nur die Handwer⸗ kerschule Unterkunft finden, sondern es sollen auch Ausstellungsräume für das Ge⸗ werbe darin hergerichtet werden, eine Idee, die nur anzuerkennen ist. * Gießen, 15. Aug.(Ruder⸗Regatta.) Schüler des Gymnasiums und der Realschule, ca. 20 Mann, veranstalteten gestern Vormittag auf dem Woog eine regelrechte Ruder-Regatta. In aus den Badeanstalten gemieteten Böten wurde die 1000 Meter lange Strecke im Dollen⸗ zweier, Dollenvierer, Skiff ꝛc. unter Konkurrenten abgestartet. Starter und Zielrichter waren zur Stelle und walteten streng ihres Amtes.
* Gießen, 15. August. Vorsicht beim Geldeinnehmen ist nötig, wenn man sich vor Schaden bewahren will. Fast in jeder Sitzung hat sich das Landgericht(Strafkammer) mit der Einziehung falscher Geldstücke zu befassen. Gestern wurden zwei falsche Einmarkstücke, die in Lich angehalten waren, eingezogen.
* Gießen, 15. August. Mit Erstaunen liest man von dem großen Gurken segen, den ver⸗ schiedene Gegenden unsres Landes zu verzeichnen haben und in vielen Gegenden, wo auch allge⸗ mein Gurken gezogen werden, reichen sie nun lange nicht hin, um den Bedarf zu decken. Wenn an der Bergstraße für 105 Stück Gurken nur 20 Pfennige bezahlt werden, so sollte man doch meinen, in unsrer Zeit des Verkehrs sei dann der Absatz nach solchen Gegenden, wo der Verbrauch von Gurken nicht durch eigene Anpflanzungen gedeckt werden
kann, lebhaft. So wird aus dem Ohmthal ge⸗ schrieben, daß, obwohl man dort recht gern eine Mark für das Hundert Gurken bezahlen würde, dieselben nicht erhalten könne, weil keine Verkäufer auftreten. Sollte sich denn kein spekulativer Kopf dazu verstehen, in dortiger Gegend ein„Gurkengeschäft“ zu machen?
Gießen, 15. August. Wenn die Schwalben heimwärts ziehen. Mitte dieser Woche haben uns— in diesem Jahr etwas früh— die Schwalben verlassen. Es wird uns mitgeteilt, daß sich noch kurz vor dem Scheiden dieser munteren und nützlichen Tiere, ein Jäger das Vergnügen gemacht haben soll, Jagd auf Schwalben zu machen.. Es wäre dies eine Rohheit, die nicht streng genug geahndet werden könnte. Wir werden uns eingehend nach dem Vorfall erkundigen, um dann nochmals darauf zurückzukommen.
* Gießen, 15. August. Die Bootsunfällle auf Flüssen und Landseen mehren sich in erschreckender Weise, so sehr von den Zeitungen wieder und immer wieder zur Vorsicht auf dem Wasser gemahnt wird. Die Art, wie diese Unfälle entstehen, ist fast regelmäßig die gleiche: Eine Gesellschaft junger Leute, Damen und Herren, mietet ein Boot zu kühlender Fahrt auf den Wellen und treibt munter hinaus in die lockende Wasserfläche. Man ist in spaßigster Laune— und irgend ein übermütiger Bursche, der einen besonders guten Witz zu machen glaubt, indem er das zarte und furchtsame Geschlecht ein wenig ängstigst, beginnt mit dem Nachen, zu schaukeln. Der Effekt ist ganz der gewünschte: die erschrockenen Mädchen kreischen und bitten um Schonung, was natürlich fröh⸗ liches Gelächter seitens der Herren hervorruft und diese veranlaßt, den Kahn stärker und stärker hin und her wippen zu lassen, bis das Unglück geschehen und das Fahrzeug umgekippt ist. Ein entsetzlicher Kampf ums Leben entsteht nun in der reißenden Flut, die er⸗ barmungslos alle Nichtschwimmer in ihre Tiefe hinabzieht, wenn nicht rechtzeitig vom Ufer her die rettende Hilfe naht. Aber auch geübte Schwimmer kommen nur selten so gut davon, wie man eigentlich annehmen sollte. Zu⸗ weilen werden sie in Folge des plötzlichen Schrecks und in Folge der hohen körperlichen Temperatur beim plötz⸗ lichen Fall in die eiskalte Nässe vom Schlaganfall ge⸗ troffen und sinken lautlos, nach vergeblichen Versuchen, die Arme zu regen, unter, oder die Genossen der Wasser⸗ partie klammern sich krampfhaft an ihre Gliedmaßen an, so daß sie unfähig zu der geringsten Bewegung sind und nach kurzer, ohnmächtiger Gegenwehr dem feuchten Element, wie ihre Quäler, zum Opfer fallen. Häufig stellt es sich bei solchen Unfällen, wenn man die glücklich Geretteten befragt, klar heraus, daß überhaupt kein einziges Mit⸗ glied der unternehmenden Gesellschaft geschickt zu rudern und richtig zu steuern verstand! Es sollte den Boots⸗ verleihern eine moralische Pflicht sein, sich bei Antritt der Fahrt zu überzeugen, ob die Ruderer genügende Ge⸗ währ dafür bieten, daß der Verlauf der Wasserpartie sich völlig normal gestalte!
Vermischtes.
— Eisenbahn⸗Schnellfahrten. Ueber eng⸗ lische und amerikanische Eisenbahn-Schnellfahrten teilen Glasers Annalen für Gewerbe und Bauwesen folgende Angaben mit: Nachdem bereits im Jahre 1888 auf der Eisenbahnstrecke London— Edinburg Wettfahrten statt⸗ gefunden haben, bei denen die 644 Kilometer lange Strecke in 8 Stunden, also mit 80.45 Kilometer in der Stunde,
—
durchfahren worden war, sind in den Monaten Juli und August vorigen Jahres auf der Ostküsten⸗Linie(Greath Northern, North Eastern und North British Eisenbahn) und der Westenküsten⸗Linie(London und North Western und Caledonian Eisenbahn) zwischen London und Aber⸗ deen wiederum Schuellfahrten durchgeführt worden. Das Ergebnis war, daß die Strecke London— Aberdeen auf der Ostküsten⸗Linte(Entfernung 841.5 Kilometer) in 8 Stunden 40 Minuten, d. i. mit 97.1 Kilometer in der Stunde, und auf der Westküsten⸗Linie(Entfernung 868.9 Kilometer) in 8 Stunden 32 Minuten oder mit 101.8 Kilometer in der Stunde zurückgelegt wurde. Dabei ist auf der Westküsten⸗Linie die 671 Kilometer lange Strecke London— Stirling in 8 Stunden 10 Minuten mit nur zweimaligem Halt zum Lokomottv-Wechsel durchfahren worden; ferner wurde die 198.8 Kilometer lange Ost⸗ küstenstrecke New⸗Castle—Edinburg mit 105.5 Kilometer und die 226 Kilometer lange Westküstenstrecke Crewe— Carliske mit 108 Kilometer in der Stunde durchmessen. Diese Leistungen hat Webb von der London und North⸗ Western Bahn noch übertroffen, indem er am 8. Sep⸗ tember v. J. ohne anzuhalten die 481.1 Kilometer lange Strecke London—Carliske in 5 Stunden 53 Minuten, also mit einer Geschwindigkeit von 81.8 Kilometer in der Stunde, durchfuhr. Die Engländer sind indeß von den Amerikanern bereits überflügelt worden; Letztere haben einen neuen Weltrecord geschaffen, denn nachdem die New⸗ York Central⸗Eisenbahn am 11. September v. J. einen Eilzug die 700 Kilometer von New⸗Vork nach Ost⸗Buffalo in 407 Minuten, also mit einer Geschwindigkeit von 102.9 Kilometer in der Stunde, hatte durchrasen lassen, hat die Lake Shore und Michigan⸗Southern⸗Eisenbahn am 24. Oktober einen noch schnelleren Zug von Chicago nach Buffallo(Entfernung 816 Kilometer) nach Abrech⸗ nung der Aufenthalte in 470½¼ Minuten, das ist mit 104.1 Kilometer in der Stunde, gefahren. Auf der Strecke Erie— Buffalo Creek von 137.6 Kilometer Länge soll sogar eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 116.6 Kilom. in der Stunde erreicht worden sein. Die Abfahrt des zuletzt erwähnten Zuges fand in Chicogo nach 3 Uhr früh statt; in Buffalo ging ein Teil des Zuges auf den New⸗York Central Emire State⸗Expreßzug über und traf nach 10 Uhr Abends in dem New⸗Yorker Bahnhofe „Grand Central Station“ ein.
Standesamtliche Nachrichten. Geburten.
Am 3. Aug Dem Fuhrmann Wilhelm Decher 1 S., Friedrich Wilhelm.— Am 4. Aug. Dem Sattler Friedrich Zimmermann 1. T., Alwine Wilhelmine Marie. — 4. Dem Spengler Martin Balser 1 Sohn.— Am 7. Aug. Dem Bremser Ludwig Einheuser 1 Tochter.— Am 8. Aug. Dem Buchbindermeister Paul Richter 1 Sohn.— Am 9. Aug. Dem Eisenbahnschaffner Johann Georg Jochim 1 Tochter, Emma Emilie Auguste.— 9. Dem Realgymnasiallehrer Dr. August Sturmfels 1 Tochter.— Am 14. Aug. Dem Reallehrer Dr. Karl Zimmer 1 S., Paul Jakob.
Aufgebote.
Am 10. Aug. Karl Emil Jakob Moritz Martin Gerlach, Schlosser zu Gießen, mit Marie Katharine Balser hierselbst.— 10. Dr. Ludwig Karl August Peter Heß, Gerichtsassessor zu Darmstadt, mit Elisabeth Silbereisen hierselbst.— 10. Karl Paul Müller, Friseur zu Aschaffen⸗ burg, mit Charlotte Karoline Johannette Philippine Su⸗ sanne Marx hierselbst.— Am 11. Aug. Wilhelm Lemp, Schlosser dahier, mit Katharine Köhler hierselbst.— Am 12. Aug. Konrad Karl Hanstein, Pfarrvikar zu Horr⸗ weiler, mit Karoline Emilie Auguste Theodore Viktoria Dörr hierselbst.— Am 13. Aug. Heinrich Sann, Buch⸗ binder dahier, mit Elisabethe Appel hierselbst.— 13.
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9 970, i i 9500, im Juli 8600, im August aße„im Juni„im Juli„im Aug e bis zum heutigen Tage 1500 Personen. 60 1 1 Knaben haben in dieser Saison vom Schwimm⸗ 0—— 4 ö Das blaue Herz. esellel 0 Roman von Karl Ed. Klopfer. 5 1 0(Fortsetzung.) Ain 1 8 Möbel Den eifrigen Nachforschungen Ignaz haben — 1224 wir's dann lediglich auch zu verdanken, mittelst welchen Giftes der Mord geschehen ist. „Antiarin, im Milchsaft des Antiaris-Baumes, t- Matin, woraus in Ostindien das berüchtigte Pfeilgift „ Opas-Antiar bereitet wird.... Laer, Und nun wieder— lautloses Schweigen zwischen
diesen vier Wänden. 5 Jetzt drehte sich Effenberg um, der Salonthür zu, und winkte Ignaz, ihm zu folgen. Hier blieb ihnen ja nichts mehr zu thun. „Herr Baron!“ rief da der Graf, sich rasch er⸗ 5 Effenberg wandte den Kopf über die chulter, schon im Thürrahmen stehend.—„Bitte, verweilen Sie noch einige Minuten! Ich habe Ihnen doch noch— eine Erklärung zu geben.— Der Bursch mag gehen.“ a N Jgnaz zögerte und warf dem Freiherrn einen warnenden Blick zu, aber der lehnte sein Bedenken mit einem matten Lächeln und einer beschwichtigenden Pantomime ab und bedeutete ihm, den Wunsch des Grafen zu erfüllen. 3 5 Während Ignaz den Weg in's Vorzimmer hinaus nahm, und Effenberg unbeweglich, mit kummervoller Miene wieder unter dem Kronleuchter stand, machte Degenstein einen Gang durch's Zimmer, hielt bann vor dem großen Schreibtisch
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kleines Schubfach im Aufsatze heraus und kramte darin herum, als müsse er daraus irgendwelche Belege zu einer neuen„Verteidigung“ hervorsuchen.
Erst geraume Weile nachdem draußen die Thür zugeklappt war, wandte er sich um— und Effe n⸗ berg durchfröstelte es beim Anblick dieses wächsernen Gesichtes.
Degenstein deutete auf einen Stuhl, der Baron lehnte mit einem Kopfschütteln ab.
„Machen Sie es rasch, Graf! Ich fühle mich schon zu sehr— angegriffen. Was Sie mir mit⸗ zuteilen hätten, das kann doch nur noch ein— Ge⸗ ständnis sein, und dies legen Sie besser an— anderer Stelle ab.“
„Ein Geständnis?“ sagte Degenstein mit be⸗ ängstigend wirkender Ruhe.„Nein, damit will ich Sie nicht mehr aufhalten. Ich mochte Sie nur darum bitten, einen— Auftrag an Ihre Tochter
zu übernehmen.“ ächzte„Ja
„O Gott!“ Adele!“ 8
Der Klang dieses Mannes zerbrach die künstliche Gelassenheit, zu der sich der Graf aufgerafft hatte. Er lehnte sich an die Säule eines nahen Bücher schrankes und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Adele!“ rang es sich als ein erstickter Ver⸗ zweiflungsruf aus seiner schwer atmenden Brust. „O, daß ich ihr noch sagen könnte, was sie mir war!“
Seine Hände sanken herab, er suchte sich gewaltsam zu fassen und wandte dem nicht wenige r
der Freiherr.
am Fenster an und zog wie in Zerstreuung ein
fassungslosen Alten das schmerzverzerrte Gesicht zu.
„Sagen Sie ihr, daß ich nie so vermessen war, von ihr— Liebe zu fordern! Nur süßen Frieden, sanfte, erquickende Rast erträumte ich mir an ihrer Seite. In ihrer Nähe fühlte ich mich nicht mehr so schuldig. Ich hätte ein stilles Glück darin ge— funden, ihr stumm zu Füßen zu liegen, ihr Wesen auf mich wirken zu lassen, das die holde Ruhe selbst ist. Wie köstlich mußte es sein, von ihren milden, kühlen Händen berührt zu werden, einzu— schlummern zu labendem, traumlosen Schlaf unter dem nervenstillenden Hauch, der von ihr ausgeht.“
„Ich werde ihr sagen, daß Sie bereuen und
sich ihre Verzeihung erbitten“, unterbrach ihn hier der Baron mit einer abwehrenden Geberde.„Das ist Alles, was ich noch für Sie thun kann. Ich wünsche auch aus ganzem Herzen, Gott könne Ihnen vergeben, was Sie auf sich geladen haben.“
Degenstein riß sich den Hemdkragen auf und trat an's Fenster, als hoffe er, da zu freierem Atem zu kommen.
„Sie haben Recht, Baron!“ stieß er dann in verändertem Tone hervor.„Jetzt keine verspätete Sentimentalität mehr! Das Gewinsel des Ver— dammten darf Sie nicht belästigen.— Gut, also — leben Sie wohl! Trachten Sie rasch über das wegzukommen, was ich Ihnen angethan habe und — tbun Sie auf der Stelle die Schritte, die Ihnen zunächst erübrigen! Vielleicht kann Ihnen auch der Bursch da draußen diese Beschwerde ab— nehmen. Er braucht ja nur wenige Worte zu den — Akten zu fügen, mit denen er ausgerüstet ist.“
(Fortsetzung folgt.)
— Jubiläum des Turnerzeichens. Das allbekannte, durch vier zu je zwei übereinandergestellte F. gebildete Turnerzeichen mit der Bedeutung„Frisch, fromm, fröhlich, frei“ blickt gegenwärtig auf ein Alter von 50 Jahren zurück. Es war nämlich auf dem schwäbischen Turnfest zu Heilbronn vom 2. und 3. August 1846, als der Kupferstecher J. H. Felsing aus Darmstadt(geb. 1800, gest. 1875), der sich große Verdienste um die Ausbreitung des Turnwesens in Mitteldeutschland erworben hat, den Vorschlag machte, jene von ihm erdachte Buchstabenzu⸗ sammenstellung als Turnerzeichen anzunehmen. Der Vor⸗ schlag wurde gebilligt, das Zeichen fand allgemeinen Ein⸗ gang und hat fich bei der Turnerschaft nunmehr ein halbes Jahrhundert erhalten, um sie hoffentlich für alle Zeiten zu führen. Der Wahlspruch, den es wiedergiebt, ist älter. Seine Anwendung auf das deutsche Turnwesen wird auf den Sprachforscher G. F. Maßmann(geb. 1797, gest. 1874) zurückgeführt, der ebenfalls ein eifriger Förderer des Turnens war, sonst findet er sich aber schon in folgendem Reim des 16. Jahrhunderts: Frisch, frei, fröhlich und frumb Ist der Studenten Reichthumb. Dieser Reim erfuhr schon früh kleine Wandlungen z. B. läßt sich 1582 die Form nachweisen: Frisch, frei, fröh⸗ lich, freundlich und frumb. Ist aller Buchdrucker Reich⸗ thumb. Zeichen und Wahlspruch haben sich übrigens, letzterer in Uebersetzungen und mit geringen Aenderungen, auch in außerdeutschen Ländern eingebürgert, so in Frank⸗ reich: Franc, frais, fier, fort; in England: Frank. fresh, srisk, free; in Italien: Franco, fresco, fiero, forte; in Spanien: Frano, fresco, firmo, fuerte; in Portugal: Franco, fresco, fero, forte; in Schweden: Frisk, from, freidij, fri; in Holland: Vroed, vrank, vrij, vroom(mit vier W.


