N fes. ud und 0. e E ten 1 U dei*
ei und e e dent ze 5 15 Die N. l. b. N, Nh. 1 e aus ft. 905 ditibkent 3
i Sö ehen. 1 N Nachitngz 4
e Harm.
früher„Just N N 0
ers zur Erbauuz Wohnhäuser Ausmauerung, für Masstbbauz
aukalk und Weh bon Ftuchtbih; 0 1 örtelbereitung.
entgegen:
tte-Wetza
kann da eher die Ware umtauschen.
r 114
Gießen, Sonnabend, den 16. Mai
1896.
Ausgabe
Gießen.
ische Landeszeitung.
Redaktion:
8 Kreuzplatz Nr. 4. E
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
0
Expedition: 2.
Kreuzplatz Nr. 4.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 15. Mai. Bei dem prächtigen Maienwetter hatte der gestrige Himmelfahrtstage eine wahre Völkerwanderung ins Freie gezeitigt. Schon in aller Frühe zogen die Menschen schaaren⸗
weise in den Philosopheuwald, in den Stadtwald
und nach dem Schiffenbergerwald. Mit letzterem wurde Nachmittags eine Omnibus⸗Verbindung hergestellt. Auch die der Stadt näher gelegenen Som⸗ merlokale waren stark besucht. Auf der Badenburg, der schönen Aussicht und der Pulvermühle herrschte reges Leben. In Steins Garten konzertierte am Nachmittag Musikdirektor Krauße mit seiner Kapelle.
* Gießen, 15. Mai. Das Freibad an der Lahn ist, wie aus unserer heutigen Be⸗ kanntmachung im Juseratenteil zu ersehen ist, nunmehr dem Gebrauch übergeben worden. Die anze Einrichtung des Badetaues präsentirt sich edeutend vorteilhafter, als die Hütte im vorigen Jahre.
* Gießen, 13. Mai. Der Himmelfahrts⸗ markt, der bedeutendste unserer Krämermarkte, 2 75 auch dieses Mal viele Händler und Schau— udenbesitzer angezogen. Karoussels waren sogar zwei Stück auf Oswaldsgarten aufgeschlagen, die sich zur Freude der Jugend wacker Konkur⸗ renz machten. In Folge des überaus günstigen Wetters war der Markttrubel ein ganz bedeu⸗ tender, doch klagten die Verkäufer über man⸗ gelnde Kauflust des Publikums. Die Bewohner aus dem kurhessischen, welche sonst diesen Markt besonders start frequentierten und brav Geld ausgabeu, wurden dieses Mal vermißt. War
das Geschäft für die Händler auf dem Markt
elber auch kein sehr glänzendes, so hatten doch ie Geschäftsleute in der Neustadt, der Markt⸗ straße und dem Marktplatz in ihren Läden tüchtig zu thun. Die Landkundschaft hat sich auch da⸗ ran gewöhnt, bei ihr bekannten, ansässigen Ge⸗ schäftsleuten die Bedürfnisse zu decken. Man Auf dem Lahnstein wurde bis spät in den Abend hinein tüchtig getanzt, während die Schaubudenbesitzer sich die Kehle heiser schrieen, um ihr Publikum anzulocken.
* Gießen, 15. Mai. Vor dem Schöffenge⸗ richt wurde heute Vormittag das Urteil in der Privatklagesache Matthießen gegen Hofmann ver⸗ kündet. Der Beklagte, Landgerichtsdirektor
ofmann i. P. erhielt wegen 1 im inne der 8 185, 186 des R.⸗Str.⸗G.⸗B. eine Geldstrafe von 50. eventuell 10 Tage Haft, dessen Ehefrau eine solche in Höhe von 20 A eventuell 4 Tage Haft. Auf Grund der Beweisaufnahme wurde der vom Angeklagten versuchte Wahrheitsbeweis, der Privatkläger Mat⸗ thießen habe gebettelt, als völlig gescheitert an⸗ gesehen.
* Gießen, 15. Mai. Das Kommando des zweiten Pionierbataillons zu Speyer hat den Fleischlieferanten
bekannt gegeben, daß zu Militärlieferungen nur Fleisch verwendet werden darf, welches von Tieren stammt, die im Schlachthofe zu Speyer geschlachtet worden sind. Von außerhalb eingeführtes Fleisch darf nicht geliefert werden. In den Lieferungsanträgen, welche die hiesige Militär⸗ behörde abschließt, ist die in Speyer geforderte Bedingung längst enthalten. In hiesigen Metzgerkreisen ist man aber der Meinung, daß hiergegen sehr leicht gesündigt werden kann, da der die Menage abnehmende Beamte gar nicht in der Lage ist, festzustellen, ob das angelieferte Fleifch von hier geschlachteten Tieren herrührt, oder ob dasselbe von Außerhalb eingeführt ist.
Gießen, 15. Mai. Den Landwirten möge der folgende Fall als Warnung dienen. Ein Bauer von Steinbach verkaufte dem Metzgermeister Vogt hierselbst ein Rind. Gemeinsam begaben sich Käufer und Verkäufer nach dem städtischen Schlachthof, wo die Schlachtung des Tieres bewirkt werden sollte. Auf die Frage des Meister Vogt, ob denn das Tier bei der Gießener Schlachtvieh⸗ Versicherungs⸗Gesellschaft nicht versichert werden sollte, meinte das Steinbacher Bäuerlein, auf sein gesund und kräftig aussehendes Rind deutend,„doas is naut nödig“,
sein Rind sei gut, und selbst wenn das Fleisch als nicht
ladenrein erklärt werden würde, dann lasse er es auf der Freibank verkaufen und wenn er es nicht in Gießen ver⸗ sichere, so sei das Tier in der Steinbacher Orts-Viehver⸗ sicherungskasse versichert und da mache er dann noch ein besseres Geschäft, wenn diese für den Schaden aufkomme. Das Tier wurde geschlachtet, das Fleisch vom Tierarzt als nicht ladenrein erklärt. Meister Vogt gratulierte seinem Steinbacher Geschäftsfreund zu dem Glück, das er mit dem Rind gehabt, indem er ja nun von seiner heimischen Kasse eine weit höhere Schadensumme einstreichen werde, als die Gießener Kasse eventuell gezahlt haben würde. Aber der hinkende Bote für den Bauern kam hinterher. Die Steinbacher Kasse lehnte jede Entschädigung ab, die⸗ selbe hat nämlich im vergangenen Jahre ihre Satzungen dahin geändert, daß Schlachtvieh, welches nach Gießen verbracht wird, dort auch versichert werden muß und daß die Kasse dagegen ihren Mitgliedern die vorgelegten Prämienbeträge zurück vergütet. In Gießen wurde zu allem Unglück der Verkauf des nicht ladenreinen Fleisches durch die Freibank wegen Ueberfüllung derselben ebenfalls abgelehnt. So hatte der Bauer zum Schaden noch den Spott, denn er mußte das Fleisch selber zu verwerten suchen, wodurch die Sache in seiner Heimat allgemein be⸗ kannt wurde.
L. Gießen, 15. Mai.„Aus Scherz“— so meldeten kürzlich die Blätter— war ein ver⸗ heirateter Arbeiter in einem Stickereigeschäft bei Plauen in eine Kiste gestiegen, die so groß wie er selbst war, so daß er an den Deckel stieß. „Aus Scherz“ schlug ein anderer Arbeiter mit einem Stück Holz auf den Deckel; der Schlag war jedoch so stark, daß der Mann in der Kiste bei dem starken Anprall sofort eine Leiche war. Jammern und Wehklagen erhebt sich nun über den Scherz, der einen so tragischen Ausgang nahm. Frau und Kinder weinen blutige Thränen dem toten Ernährer nach, ohne dessen rüstige Hand sie vielleicht dem Elend preisgegeben sind; der scherzende Freund macht sich die bitterlichsten Vorwürfe und verfällt vielleicht dem Trübsinn oder dem Trunk, um seine nagenden Gewissens⸗ bisse zu betäuben. Das Glück und der Frieden einer zweiten, mit Kindern gesegneten Familie fällt einem unpassenden Scherze zum Opfer.
„Aus Scherz“ wettet, ohne sich durch wohl— meinende Freunde warnen zu lassen, ein biederer Hand verker, stehenden Fußes eine gefüllte Flasche Cognac trinken zu wollen; das Wagnis gelingt, aber der kühne Gewinner wird in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus gebracht.„Aus Scherz“ springt ein angekneipter Student, um seine Schwimmkünste zu zeigen, in vollem Wichs zum Gaudium der Kommilitonen ins Wasser; ein Schlaganfall setzt seinem kecken Beginnen ein Ziel, und die Wellen begraben erbarmungslos den Stolz und die letzte Hoffnung einer armen Mutter. Aehnliche Fälle, in denen aus thörichtem Scherz bitterer Erust wurde, ließen sich zu Nutz und Frommen leichtfertiger Menschenkinder schier endlos aureihen. Die Zeitungen wimmeln förm⸗ lich davon, und biedere Philister halten daheim und an Stammtischen ellenlange Reden über das. dankbare Thema. Leider vergeblich; denn immer von neuen wiederholt sich der kindische Unfug. Es wird weitergescherzt, allen Ermahnungen zum Trotz. Gegen Thorheit und Unverstand ist eben kein Kraut gewachsen, und mit der Dummheit kämpfen bekanntlich die Götter selbst vergebens. Sorglose Väter lassen in unverschlossenen Schränken geladene Gewehre stehen, damit ihre Kinder„aus Scherz“ sich totschießen können;„aus Scherz“ thun unkluge Mütter, als wollten sie dem nichts⸗ nutzigen Dreikäsehoch, der dem Schwesterchen in der Wiege allerhand Schabernack zufügt, mit einem Messer den Kopf abschneiden— und„aus Scherz“ schneidet der gelehrige Knabe bei nächster Gelegenheit dem hilflosen Schwesterchen wirklich den Kopf ab. Es geht so scherzhaft in der Welt zu, daß man zuweilen aus der Haut fahren könnte; nicht vor Vergnügen über den prächtigen „Scherz“, sondern aus Kummer, daß er nicht unterblieben ist!
Bad Nauheim, 14. Mai. Am Sonntag fand das erste diesjährige Terrassenkonzert des Kurorchesters statt, das recht gut be⸗ sucht war. Die Glasballen längs der Ostseite des Kurhauses sind fertiggestellt und machen einen recht gefälligen Eindruck. Unter den Kur⸗ freunden befinden sich der Dichter Emil Ritter⸗ haus aus Barmen und der Generalsuperintendent Dr. Baur aus Koblenz.— Medizinalrat Dr. Grödel ist für die Zeit vom Mai 1896 bis dahin 1897 zum ersten Vorsitzenden des hiesigen Aerzte⸗ vereins gewählt worden.
* Aus Oberhessen, 13. Mai wird der „Darmst. Ztg.“ geschrieben: Ich beobachtete in einer oberhessischen Stadt, daß mit Milch ge⸗ füllte zum Transport bestimmte Kannen, die auf der Straße standen, von Hunden verun⸗ reinigt wurden. Der Besitzer dieser Kannen wurde sofort in Kenntnis gesetzt und ließ auch alsbald Abhilfe schaffen. In verschiedenen größeren Städten(auch in Darmstadt) ist es bereits ver⸗ boten, Milchkannen und Körbe mit Nahrungs⸗ mitteln ohne Beaufsichtigung auf öffentlichen Straßen und Plätzen stehen zu lassen. Sollte
ein solches Verfahren sich auch anderwärts empfehlen?
Worms, 14. Mai. In Rheinhessen wird sehr über die furchtbare Maikäferplage geklagt. Die Obstanlagen sind stark gefährdet. In den Dämmerstunden beobachtet man My⸗ riaden dieser gefährlichen Pflanzenschädlinge. Auf Anordnung der Kreisschulkommission sind
die Lehrer angewiesen, den Schülern der oberen Klassen im Alter von 10 bis 14 Jahren, die
beiden ersten Vormittagsstunden behufs Ein⸗ sammeln von Maikäfern frei zu geben.
. Mainz, 12. Mai. In einer Sitzung des städtischen Finanzausschusses und der beiden Armendeputationen wurde beschlossen, das Pro⸗ jekt, die Armenärzte abzuschaffen und an deren Stelle freie Aerzte wahl einzuführen, fallen zu lassen. Die Entscheidung liegt jetzt bei der Stadtverordnetenversammlung.
Vermischtes.
— Das Jubiläum eines Oceanfahrers. In einigen Tagen wird der Schnelldampfer„Spree“ in Bremerhaven zurückerwartet, deren Führer Kapitän Willi⸗ gerod mit dieser Fahrt die zweihundertste Durchquerung des Oceans hinter sich gebracht haben wird. Da das ein thatsächlich noch nie, weder bei Dentschen noch Eng⸗ ländern dagewesenes Ereignis ist, so will der Norddeutsche Lloyd es in besonderer Weise durch eine Festfahrt an Bord der Spree feiern, die am 17. Mai stattfinden soll und zu der der Senat und die bedeutenden Reeder und Kaufleute Bremens, Schiffahrtsinteressenten und Freunde des Lloyd Einladungen erhalten haben. Auch die Chefs der Reichsämter, die amtlich mit der Schiffahrt zu thun haben, sind zu dem Feste geladen. Die Fahrt auf der „Spree“ geht nach Helgoland und zurück.
— Tod durch Papageien. Aus Luzern wird unterm 8. ds. geschrieben: In der ganzen Schweiz er⸗ regt der Tod von sechs sonst ganz gesunden Männern in Kreuzlingen bei Thurgau großes Anfsehen. Dieselben waren Kommissionsmitglieder einer dort zur Stunde statt⸗ findenden Geflügel-Ausstellung und in Folge dessen ge⸗ zwungen, viel in den Ausstellungsräumen zu verkehren. Unter den ausgestellten Papageien befand sich auch ein krankes Exemplar, das mit einer auch auf Menschen übertragbaren ansteckenden Krankheit befallen war. Nach Behauptung der Aerzte haben sich die sechs Komitemit⸗ glieder durch Hantirung mit dem kranken Vogel eine Blut⸗ vergiftung zugezogen, der sie zum Opfer gefallen sind. Nach eingetretenem Tode hatten die Körper der unglück⸗ lichen Männer eine dunkle Färbung angenommen.
— Ein tapferes Weib. Aus Angoleme wird mitgeteilt, daß eine Frau Richard aus dem Kanton Aigre beim Schafhüten plötzlich von einem Wolf ange⸗ fallen wurde. Ohne sich lange zu besinnen, öffnete die Frau ihr Brodmesser und stieß es dem Wolf bis ans Heft in den Leib. Der ob solcher Unweiblichkeit auf's Höchste betroffene Wolf stieß einen Weheschrei aus, kniff die Ruthe zwischen die Hinterbeine und entfernte sich in langgebeinten Sätzen. Eine breite Blutspur zeigte, daß der Hieb gesessen.
— Aus der Heimat des Schweizerkäses. In einem von J. C. Heer(Zürich) verfaßten Artikel „Erinnerungen an Zermatt“ findet sich folgende hübsche Beschreibung: Die Vornehmheit eines Geschlechtes wird nach dem Alter der Käselaibe geschätzt, die es aufweisen
r ÄÆFmr—
Tante Doris. Novelle von Cethegus. (Fortsetzung.)
Diese Anmerkung rief auf Fritz Walding's Antlitz ein Lächeln höchster Befriedigung hervor. Geradezu strahlend aber wurde sein Lächeln, als der undiplomatische junge Doktor sich nun au Tante Doris wandte und trocken bemerkte:
„Aber dafür genügt doch eine Haushälterin!“
Tante Doris warf dem kühnen Sprecher einen ganz kleinen Seitenblick zu, dann strich sie mit sanftem Lächeln eine unsichtbare Falte an ihrem Kleide glatt und murmelte:
„In meinem kleinen Heimatsstädtchen gab es Viele, die nur eine Haushälterin hatten, ja. Und die gingen dann Abends in die Ressource. Da fühlten sich die Herren immer wie zu Hause. Ja!“
Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich von der Wirkung dieses Gesprächs auf Tante Doris und von dem inneren Sinn ihrer paar Bemerkungen einen ganz andern Eindruck hatte als Fritz Walding und Helene. Im weiteren Verlaufe des Abends war ich unfreiwilliger Zeuge, wie Helene ihrem Bewerber sagte:„Wenn der Mann absolut anstoßen will, um so besser für urs. Wir können das Geld später doch besser brauchen, als er und Martha.“
Ich wußte erst nicht recht, wie ich diese An⸗ spielung deuten sollte. Martha war schon seit einigen Wochen nicht mehr im Hause; sie wirkte irgendwo in einer entfernten Stadt als Lehrerin. Aber als ich wieder einmal mit meinem Vetter
* allein beim Weine saß und der Trank seine Zunge
gelöst hatte, klärte er mich auch in dieser Hinsicht
auf. Der Doktor hatte heimlich um Martha's Hand angehalten und auch keinen Korb bekommen; das Mädchen aber bestand darauf, daß sie sich erst ihre Aussteuer verdienen wolle.„Weißt Du“, meinte mein Vetter,„unsere Jüngste hat eben ihren eigenen Kopf. Du lieber Gott, am Ende ist es am besten so. Bis dahin hat er wohl auch eine Praxis irgendwo. Wir könnten jetzt wirklich nichts für sie thun. Helene geht doch wirklich vor, und es macht mir Mühe genug, die Aussteuer für sie zu bestreiten, das darfst Du mir glauben. Freilich, wenn Tante Doris—! Aber darin ist sie eigen, bei Lebzeiten giebt sie nichts heraus.“
Ein halbes Jahr später hielten Fritz Walding und Helene Hochzeit; es war ein sehr stattliches Paar, und das Fest war glänzend.„Es giebt meinem armen Beutel den Rest“, gestand mir mein Vetter seufzend;„aber dafür brauchen wir ja auch nun keine großen Gesellschaften mehr zu geben, wenn die Mädels untergebracht sind.“ Tante Doris hatte dem jungen Paare aus dem Schatze ihrer Familienaltertümer ein ganz seltsames Prachtstück gestiftet: eine schwere silberne Vase, angenehm be— schwert mit zwei kleinen Rollen Goldstücken. Außer— dem verehrte sie der jungen Frau ein prächtig ge— bundenes Exemplar von David's Kochbuch, auf welches die Empfängerin etwas scheu herabschielte.
Der Doktor, der mir inzwischen ein sehr lieber Bekannter geworden war, verkehrte nach wie vor weiter im Hause meines Vetters und leistete Großes an gelegentlichen Offenherzigkeiten gegen Tante Doris. Sie ließ sich auch dadurch nicht in ihrer Ruhe stören. Eines Tages schien es, als ob es der Unvorsichtige nun doch verspielt habe. Tante
Doris war unwohl und hatte sich zu ihrer Wieder⸗ herstellung einen mächtigen Topf Pflaumensuppe kochen lassen, das ganze Haus roch danach Es gehörte zu ihren Eigenheiten, daß sie Pflaumensuppe als ein Allheilmittel gegen alle inneren, teilweise auch gegen äußere Leibesschäden verehrte, anwandte und verordnete. Die Familie wußte das und fügte sich dem Dogma von der Heilkraft der Pflaumen⸗ suppe mit aller gebotenen Frömmigkeit. Leider war der Doktor von vornherein ein Feind, dieses Gerichtes, und gegen dessen medizinische Anwendung sträubte sich sein ganzes ärztliches Gewissen. Anstatt aber wenigstens in diesem Falle schicklicher Weise zu schweigen, platzte er los und hielt der armen Tante Doris eine Rede gegen ihre Selbstheilungs— art mit soviel Offenheit, daß mein Vetter nahe daran war, grob dazwischenzufahren. Tante Doris meinte nur:„In meinem kleinen Heimatsstädtchen war auch ein Arzt, ja; der war aber manchmal recht freundlich...“, worauf der Doktor nach kurzem Abschied wegging. Am folgenden Tage aber ließ ihn Tante Doris durch ihre masurische Magd zu sich bitten und ersuchte ihn, ihr ein Rezept gegen ihre Erkältung zu verschreiben.
Als er dann nach einigen Tagen wiederkam, um nach seiner Patientin zu sehen, fand er sie ziemlich gewesen. Er freute sich sehr über den Er— folg seiner Kunst und benutzte die Gelegenheit, um Tante Doris in seiner gewohnten deutlichen Art auf verschiedene gesundheitswidrige Umstände in ihrer Wohnungseinrichtung und Lebensführung nach— drücklich hinzuweisen. Sie hörte sehr freundlich und ergeben zu und bemerkte nur zuletzt mit ihrem
—.
— sanftesten Lächeln, während sie ihrem alten Kana⸗ rienvogel das Köpfchen kraute:
„In meinem Heimatsstädtchen da war einmal ein junger Bürgermeister, der wollte Alles mit Grobheit machen. Und beinahe hätte er auch eine reiche Heirat gemacht, ja! Aber sie setzten ihn schon vorher ab, und da war es doch nichts.“
„Erlauben Sie“, bemerkte der Doktor etwas erregt,—„ich verstehe ganz gut, was Sie meinen, — aber hoffentlich wissen Sie auch, daß Martha und ich fest entschlossen sind, uns allezeit selber zu helfen. Verstehen Sie? Ganz allein uns selber. Bitte, wollen Sie das dem Kanarienvogel nicht auch noch sagen? Er möchte Sie sonst miß— verstehen.“
„O, mein lieber Herr Doktor, was denken Sie nur?“ erwiderte Tante Doris süß lächelnd,„mein Hänschen versteht mich immer richtig. Aber Sie haben mich mißverstanden. Ich habe ja kein Wort von Ihnen und Martha gesagt. Die liebe Martha! Grüßen Sie nur recht herzlich von mir, hören Sie? Sie weiß gerade so gut wie ich, daß man oft mißverstanden wird.“
„Was sagen Sie nun dazu?“ fragte mich der Doktor, als er mir diese Unterhaltung abends er— zählt hatte.„Was ich sage?“ antwortete ich. „Heiraten Sie möglichst bald. Dann sind Sie weiterer Mißverständnisse überhoben. Aber das werden Sie sich schon läugst selber gesagt haben.“ Er nickte.„Ich denke, es langt jetzt für's Erste“, meinte er.
Bald darauf waren sie denn auch öffentlich verlobt, und ein paar Monate später hielten sie Hochzeit, ganz still und einfach.(Schluß folgt.)
.—
—
—


