Ausgabe 
16.4.1896
 
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Gießen, Donnerstag, den 16. April

1896.

Ausgabe

ische Landeszeilun

Gießen.

Redaktion:

. Kreuzplatz Nr. 4. 8

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 15. April. Steckbrieflich ver⸗ folgt wird von der hiesigen Staatsanwaltschaft

13 wegen Betrugs der Weber Joseph Büller use, aus Kubel in der Schweiz. 5 5 . St. 1201 Gießen, 15. April. Als erstes Gastspiel

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des Baseler Operettenensemble ging gestern Abend im Leib'schen Saaleder Ober⸗ steiger war M. West und L. Held in Szene. Die Musik ist von Carl Zeller. Das Orchester war von der Kapelle des hiesigen In⸗ fanterie⸗Regimets gestellt. Die Leistungen der Gesellschaft waren recht anerkennenswert, wenn im Zuschauerraum auch erst im zweiten und dritten Akte etwas mehr Wärme wahrnehmbar war. Zu lebhaftem und allgemeinem Applaus regten namentlich die Duetts und Terzetts in die beiden letzten Akten an. Das Zusammenspiel darf als ein recht gutes bezeichnet werden. Die Herren Liebert, Bömly und Horwitz, sowie Fräulein Durand brachten ihre Rollen recht lebendig und flott zur Darstellung. Die Kapelle erfüllte ihre Aufgabe mit wol rer Präzision. Saal und Gallerie waren gut besetzt. * Gießen, 15. April. Der wegen Gottes⸗ lästerung verurteilte Schuhmachermeister Schelper von Gießen, für dessen Begnadigung man sich in weiten Kreisen s. Zt. interessierte, hat vor 14 Tagen 1110 Strafe im Provinzialarresthause antreten müssen.

1 Gießen, 15. April. Die Gail'sche Dampf⸗ legelei und Thonwarenfabrik ist mit

lustragen so überhäuft, daß sie größere Liefe⸗ rungen von Material zur Ausführung nicht mehr annimmt. Um für die Folge den gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden, wird das Werk einen weiteren Ringofen erbauen. Gießen, 15. April. Die zwischen Moltke⸗ straße und Gasanstalt geradegelegte Wieseck fließt nunmehr in ihrem neuen Bett. * Gießen, 15. April. Der gestrige erste Viehmarkt in diesem Jahre am Platze hatte wieder Leben in die Neustadt gebracht. Da

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d Bedingungen Angebote aut, sind bis zum dez g einzureichen. 5 1896.

Das Stadtbau

nur einheimisches Vieh zum Markt zugelassen lachthal wurde, war der Auftrieb ziemlich gering.

Schon vor dem Morgengrauen war das zum ank. Auftrieb bestimmte Vieh in langen Reihen längs

der West⸗ und Nordanlage aufgestellt und wurde vom Prof. Winkler und dem Kreistierarzt Dr. Neuenhagen⸗Grünberg untersucht, wobei sich im Ganzen 6 der Seuche verdächtige Stück Vieh vorfanden, die sofort isoliert gestellt werden mußten und unter polizeilicher Kontrolle in die Heimat zurückgeschafft wurden. Das so untersuchte Vieh

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Pfund 56 Pfg.

auf dem sich sofort ein flotter Handel entwickelte. Der Auftrieb bestand aus ca. 400450 Kühen und etwa 100 Kälbern mit verschwindender Aus nahme tt Rasse. Trotzdem Fettvieh wenig am Markt, waren die Preise dafür doch sehr gedrückt, während die Preise für Zuchtvieh verhältnismäßig gute waren. Man zahlte für Milchkühe 2. Qualität 250-350 K per Stück. Bessere Ware, die aber nur sehr spärlich vor⸗ handen war, wurde bis 450*. per Stück bezahlt. Die Nachfrage nach schweren teueren Milchkühen war sehr groß und verließen viele Reflektanten, ohne kaufen zu können, den Markt. Kälber kosteten 5560 pro Pfund Schlachtgewicht. Fremde Einkäufer waren nicht erschienen. Bei dem kleinen Auftrieb war der Markt um 10 Uhr bis auf wenige überständige Stück geräumt. Der Vormarkt, bei dem sonst erhebliche Umsätze vor sich gingen, war wegen der Seuchengefahr polizei lich diesmal nicht gestattet worden.

*»Gießen, 15. April. Die Verwaltungs⸗ behörde des Kreises Offenbach hat anläßlich eines Spezialfalles entschieden, daß die Bürger- meister bei Erteilung von Erlaubnisscheinen zu musikalischen Produktionen zur Berechnung von Gebühren nicht berechtigt seien.

Gießen, 15. April. DerKl. Pr. wird aus Hessen geschrieben: Aehnlich wie in Württem⸗ berg, Baden und Preußen greift man neuerdings auch bei uns die Idee auf, mit den Gewerbe 11 den Arbeitsnachweis zu ver⸗

inden. Hatten diese Idee seither nur die Groß städte sich zu eigen gemacht, so zeigt sich neuer⸗ dings auch in kleineren Industriestädten das Be⸗ streben, eine zentralisierte städtische Arbeitsver mittelung in Durchführung zu bringen. Aehnlich wie in Württemberg plant man eine Landes⸗ zentrale für Arbeits nachweis. Die Arbeitsämter der verschiedenen Städte sollen telephonisch mit einander verbunden werden und jedes Arbeitsamt soll mehrere Male wöchentlich alle Arbeiten und Arbeitsangebote der Zentrale mitteilen, die schnell⸗ stens eine Zusammenstellung anzufertigen und diese an alle Arbeitsämter und Gemeindebehörden zum öffentlichen Aushang zu versenden hat. Die Kosten des Unternehmens trägt der Staat. In Preußen ist bekanntlich schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres durch einen Erlaß des Mi⸗ nisters für Handel und Gewerbe den Gemeinden nahegelegt worden, für die Einrichtung von kom⸗ munalen Arbeitsnachweisstellen Sorge zu tragen. Vielfach ist der Anregung des Ministers ent⸗ sprochen worden, doch bleibt noch viel zu thun übrig. Bezüglich der Arbeitslosigkeit kann kon⸗ statiert werden, daß infolge der berhältnismäßig

ssen suls 14 5 nach 6 Uhr den Marktplatz betreten,

gelinden Witterung

des letzten Winters die Zahl

der Arbeitslosen bei Weitem geringer war, als in früheren Jahren. Besonders gilt dies von den Bauarbeitern. Gießen, 15. April. Sechs weibliche Abiturienten, wohl überhaupt die ersten sechs in ganz Deutschland, haben in Berlin mit Glanz ihr Examen bestanden. So wirds, mit allem schuldigen Respekt, von den Zeitungen gemeldet. Man ersieht hieraus wieder einmal: die moderne Frauenbewegung zieht immer weitere Kreise und fördert immer neue erfreuliche Resultate zu Tage. Man hat auch bereits das Lächeln und Spötteln, das früher bei allen höheren Bestrebungen unserer Frauenwelt männlicherseits gang und gäbe war, recht gründlich verlernt. Man verfolgt im Gegen⸗ teil ernster und wohlwollender, als jemals zuvor, das heiße Bemühen unserer wackeren jungen Damen, sich wissenschaftlich zu bethätigen und neben den Herren der Schöpfung ein bescheidenes Plätzchen im öffentlichen Leben sich zu erobern. Ein Teil der sechs weiblichen Abiturienten will, wie verlautet, Medizin studieren, der andere das Lehrfach für höhere Schulen ergreifen. Nur eng⸗ herziges, kleinliches Philistertum wird an dieser lobenswerten Absicht herumnörgeln und dahinter allerlei umstürzlerische Gelüste wittern können. Denn wir haben es hier in der That nicht mit schwärmerischen Backfischen oder blaustrümpfigen alten Jungfern zu thun, sondern mit denkenden Mädchen, die genau wissen, was sie wollen. Sie haben sich dem Studium nicht gewidmet, um eine Rolle zu spielen und eine vorteilhafte Stellung zu ergattern oder weil sie etwa keine Aussicht mehr hatten, einen Mann zu erjagen und unter die Haube zu kommen, sondern sie sind aus innerem Triebe, aus einem unwiderstehlichen Herzensbedürfnis heraus, dem lockenden Rufe der Wissenschaft gefolgt. Sie haben durch das so überaus glänzend bestandene Examen hin länglich bewiesen, wie eifrig und ehrlich es ihnen um die Sache zu thun ist, was man von unsern männlichen Abiturienten, bei denen die Durch- fallsziffer von Jahr zu Jahr größer wird, nicht immer behaupten kann. Die Berufsarten, die sie nach abgelegter Prüfung wählten, bezeugen durchaus, daß sie sich in den Schranken weiser Mäßigung halten und die Grenzen, die vorläufig dem öffentlichen Wirken der Frau gesteckt sind, nicht überschreiten wollen. Denn mehr und mehr macht sich einerseits der Mangel an tüchtigen weiblichen Aerzten geltend, die bei Frauenkrank⸗ heiten in weit höherem Maße als ihre männlichen Kollegen das Vertrauen schüchterner Patientinnen zu erwerben verstehen, und andererseits fehlt es uns nur zu sehr an wissenschaftlich gebildeten weiblichen Lehrkräften in der Schule, wie über⸗

besuchen brauchen.

haupt unser höheres Töshterschulwesen noch recht im Argen liegt. Hoffen wir, daß der preußische Kultusministers nun ein übriges thut und den strebsamen Damen die Berechtigung zum Studium auf deutschen Universitäten nicht länger versagt. Hoffen wir, daß die anderen deutschen Kultus⸗ minister ihm folgen, sodaß unsere deutschen Studen⸗ tinnen, um ihren Bildungsgang zu vollenden, nicht erst fremde, auswärtige Universitäten zu u b Die deutschen Professoren stehen in ihrer Mehrzahl schon heute auf Seiten der deutschen studierenden Jungfrauen. Mit der Zeit werden sich ja selbst die erbittertsten Gegner der modernen Frauenbewegung zu der Einsicht bekehren, daß Bildung nicht nur den Mann, sondern auch die Fraufrei macht und ihr zur gleichen Zierde gereicht wie die sonstigen weib⸗ lichen Tugenden, die wir so ritterlich zu verehren pflegen!

Nidda, 13. April. Gestern wurde in dem be⸗ nachbarten Michelnau die Bürgermeisterei⸗ wahl vollzogen. Der frühere Großh. Bürger⸗ meister Diehlmann wurde einstimmig wiederge⸗ wählt, ein ehrendes Zeugnis für den Gewählten wie für die Gemeinde, in der vorher nichts Trinkbares gespendet wurde. Dagegen vereinigten sich nach der Wahl Wähler und Ge⸗ wählter einträchtig zu einem Glase Bier. Es klingt recht vielsagend, wenn besonders betont wird, daß vor der Wahl nichtsTrinkbares gespendet werde.

Aus dem Nidderthale, 18. April. Verschiedene Distrikte unserer Waldungen sind gegenwärtig von einer bösartigen Krankheit heimgesucht. Gegen Ende des vorigen Jahres konnte man beobachten, wie an manchen Stellen des Waldes die Nadeln einzelner, hauptsächlich junger Fichten anfingen gelb zu werden und sich allmählich zu beiden Seiten der Zweige ab⸗ wärts richteten. Diese Erscheinung verbreitete sich bald auf immer mehr der benachbarten gleichartigen Bäume, und in verhältnismäßig kurzer Zeit waren ganze Schläge, selbst auch ältere Fichten von derselben Krankheit befallen, so an der gen Höchst gelegenen Ecke des Oberauer Waldes, sowie in einem Waldteil unweit Rommelhausen, und schon im Laufe des letzten Winters haben viele Bäume ihr freudiges Grün mit einem rost⸗ farbenen Gelb vertauscht. Mit Eintritt des Frühlings begannen die Nadeln abzufallen, und heute stehen bereits manche Fichtenbäumchen ganz oder teilweise entblättert da. Die Ursache dieser Krankheit, die als Fichtenrost oder Gelbsucht der Fichten bekannt ist, ist ein Pilz, den die Wissen⸗ schaft mit dem Namen Chrysomyxa abietis be⸗ zeichnet. Dieser Pilz, der in die Familie der

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Der Käfer.

Von Cethegus.

Webel(Schluß.) sing und 6 Mit kühnem Griff faßte Fritz Werder die Ge⸗ ichlättenll legenheit bei der Stirnglocke. Er drängte dem Ee freudig überraschten Schriftsteller sein Instrument N zur leihweisen Benutzung ordentlich auf und notierte neiden von? sich nicht einmal die derzeitige Wohnung des Ent uuns beisell leihers, wie er dies in solchen Fällen sonst stets üger, Gro, zu thun pflegte. Dann, sobald Jener mit der Krelzplut? Flöte abgezogen war, verriegelte er die Thür und A machte sich mit erleichtertem Gemüte an seine Abhandlung. Das Thema lautete:Die Meinungen der jüngsten Philosophen über Tod und Unsterblichkeit, lritisch beleuchtet. Es war ein sehr schönes 00. Thema, aber auch sehr schwierig, und als Fritz Werder den Punkt hinter den letzten Satz seiner ei, umfänglichen Arbeit gesetzt hatte, waren die Ferien glücklich bis auf einen Tag herum. Er hatte pährend dessen das Haus nur zu den nötigsten Ausgängen verlassen. Drei oder vier dringende Einladungsbriefchen der Tante zu musikalischen Abenden hatte er mit einer kurzen Bitte um Eut schuldigung beantwortet, da seine Flöte zur Zeit och in Reparatur sei. Nun aber beschloß er, für Die letzten anderthalb Tage der Ferien sich methodisch und ausschließlich der Geselligkeit und dem Natur zenuß zu widmen; denn wie er sich nach Vollendung eines Werkes zufrieden aufatmend zum Fenster hinauslehnte, bemerkte er, daß die Kirschbäume raußen in voller Blüte standen, und hörte die mseln singen. Daraus schloß er, daß es völlig Frühling geworden sei, und daß es ihm nicht zu berwehren sein werde, wenn er sich nun auch ein⸗ mal frühlingsmäßig fühle, und benehme. Zunächst machte er den Anfang mit einem leinen Spaziergang. Nicht ohne Vergnügen stellte 75 fest, daß die Nachmittagssonne schon recht warm schien und die Winde weich und lind wehten, und

als er in den Vorgärten überall Stiefmütterchen und Crocus unter den roten Blütenzweigen der japanischen Quitte und den knospenden, duftigen Syringen heraufgrüßen sah und immerfort die ver liebten Lieder der Finken und Amseln hörte, ward es ihm ordentlich liebeslustig zu Mute.

In einem bescheidenen Vorgärtchen, ziemlich am Ende der Straße, die er sich als letzten Abschnitt seines Spazierweges vorgenommen, fiel ihm eine seltsame Anlage in die Augen. Es war da ein ganz winziger Hügel aufgebaut aus feuchter Gartenerde und bunten Kieselsteinchen; davor kauerte ein kleiner Bursche von acht Jahren höchstens, dem Zu stande seiner Hände und Kleider nach der eigen händige Baumeister jenes Kunstwerks, eben be⸗ schäftigt, mit dem Griffel auf ein Stückchen Schiefer die letzten Züge einer Inschrift zu kritzeln;Hir liegt ein Kähfer.

Es heißtHier mit e, Kleiner, bemerkte Fritz Werder in pädagogischem Pflichtgefühl.Und Käfer schreibt man ohne h. Was machst Du denn da überhaupt? fuhr er etwas minder ernst fort, da er mit Befriedigung wahrnahm, wie der Kleine wenigstens das verpönte Dehnungszeichen sogleich mit dem nassen Finger wegwischte.

Ich mache ihm seinen Grabstein, berichtete der Junge vertraulich-wichtig und deutete mit dem schmutzigen Pfötchen auf den kleinen Hügel:Das ist sein Grab. Er war ganz golden und so so lang. Und sechs Beine hatte er, und Flügel. Kann er nun damit aus der Erde wieder heraus fliegen?

Nein, mein Sohn, erwiderte Fritz Werder milde lächelnd,wenn Dein Käfer tot ist, so kann er nicht mehr fliegen.

Ohh! machte der Junge betrübt.Kann er denn in der Erde noch wachsen? Wie alt wird er denn in der Erde?

Das hört alles auf, wenn er tot ist, entschied Fritz Werder. Aber der jüngere Philosoph war nicht so rasch befriedigt.

Großmama sagt, wenn Einer tot ist, dann wird er ein Engel und kriegt Flügel, erklärte er. Und der Käfer hatte die Flügel schon so. Das wird jetzt ein Käferengel. Er ist ja auch tot!

Tod und Tod ist ein Unterschied, mein Sohn. Der Tod ist ein Rätsel, erwiderte Fritz Werder.

Bei dem letzten Worte erhellte sich das Gesicht des Jungen, der deu ersten Sprecher eben noch mit ziemlich hoffnungsloser Verwunderung angestarrt hatte.Rätsel weiß ich auch, rief er eifrig. Was ist das:Ich werfe es rund auf's Dach, und lang kommt's wieder herunter? Aetsch, das weißt Du aber nicht! Und übermorgen fängt die Schule wieder an, da lernen wir noch mehr so Sachen.

Die Erwähnung des Ferienschlusses erinnerte Fritz Werder daran, daß seine Zeit kurz bemessen sei. Es wurde ihm ohnedies ungemütlich in der Unterhaltung mit diesem naseweisen Schlingel. Somit wandte er sich ab mit den freundlich-ernsten Worten:Nun, adieu, mein Junge und ruinire den schönen Garten nicht mit Deiner Käfergräberei, und stiefelte langsam nach Hause.

Ich trat gerade aus dem Café, als er vor beikam, und da wir den gleichen Weg hatten, so gingen wir eine Weile zusammen. Es fiel mir so gleich auf, wie blaß und wenig erholt er nach den Ferien aussah. Das war aber noch gar nichts gegen die Unkenntnis, in der sich dieser philosophische Mensch über Dinge der Welt befand, die ihn doch auch mittelbar angingen. Er wußte zum Beispiel noch gar nicht, und ich mußte ihn erst darüber aufklären daß sein Bäschen Elsbeth sich zwei Tage zuvor mit dem Schriftsteller Karl Seimper verlobt hatte.

Es war eigentlich eine recht romantische Ver⸗ lobung, das hatte ich gerade im Café mit ein paar Bekannten festgestellt. Zuerst hatte sich das hübsche Blondinchen in das Flötenspiel verliebt, welches die linden Lüfte ihr allabendlich aus der gegenüber

liegenden Wohnung Sempers er hatte sie erst

vor acht Tagen bezogen hinübertrugen. Dann hatte er sich vom Fenster aus in ihr Blondköpfchen verliebt, hatte sich persönlich mit der eigenen Leich tigkeit bei der Tante eingeführt, war bei dieser als bald zum angenehmen Nachbarn und schließlich bei Elsbeth zum Bräutigam vorgerückt.

Als ich Fritz Werder diese einfache Herzens geschichte mitteilte, fiel mir zuerst auf, daß er sie nicht ganz so ruhig aufnahm, wie er sich sonst in allen Lagen seines philosophischen Daseins zu geben pflegte. Nachdem ich aber aus einigen Andeutungen seinerseits die Nebeuumstände erfahren, mußte ich gestehen, daß er sich nach Maßgabe der Dinge noch sehr ruhig verhielt. Nur daß es gerade seine Flöte sein mußte, dieser Umstand schien ihn etwas peinlich zu berühren. Im Uebrigen war er sogar im Stande, eine gute Seite von der Sache zu gewinnen.Ich hätte sonst morgen einen Be such bei meiner Tante gemacht, meinte er,und hätte den Damen womöglich den ganzen Tag opfern müssen. Nun habe ich den Tag für mich und kann in Ruhe noch eine Anmerkung zu meiner Arbeit abfassen, über die Vorstellungen der Kinderseele vom Tode. Es ist mir da eben eine wunderliche Anregung gekommen. Er berichtete mir in seiner Weise von dem Gespräch mit dem kleinen Jungen da draußen.

Wir waren unterdeß vor seiner Wohnung an⸗ gelangt.Hör' mal, sagte ich,willst Du nicht lieber morgen mit auf einen Ausflug mit obligater Bowle? Es ist jetzt Frühling, wer weiß, wie lange dieses prächtige Wetter noch vorhält, und morgen ist der letzte Ferientag. Wie wäre es, wenn Du auch einmal wenigstens für diesen Tag Deinen Käfer begraben sein ließest.

Fritz Werder sah mich erstaunt⸗mißbilligend an. Ich verstehe Dich nicht! sagte er, und mit kurzem Gruße verschwand er hinter der Hausthür.

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