1896.
Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Gleßen, Dienstag, den 15. Dezember
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Ausgabe
andeszeitung.
Gießen.
Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
5 Aedartion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
okales und Provinzielles.
Gießen, 14. Dezember. Im Studienjahr N 189596 wurden an der Großh. Tech. it zu Darmstadt folgende Dip⸗ lome erteilt: Das Diplom als Architekt den Herren Heinrich Gresser aus Darmstadt, Christoph Janz aus Mainz und Heinrich Steinberger aus Gießen, das Dsplom als 11 e den Herren August Göbel aus 10 roß⸗Gerau, Rady Ovptscharow aus Eßki⸗ Dijouma(Bulgarien), Jordan Russew aus Razgrad(Bulgarien) und Michael Stawreff aus Sliwen(Bulgarien), das Diplom als Maschinen⸗Ingenleur den Herren Eduard Müller aus Breslau, Otto Trapp aus Uffhofen, Otto Brühl aus Ludwigshütte, Joseph Löffel holz aus Mainz, Georg Schultheis aus Gießen und Hermann Schmarje aus Sonder⸗ burg, das Diplom als Elektro⸗Ingenieur den Herren Georg Schick aus Mainz, Boris Peters aus Odessa, Hans Birrenbach aus Mülheim a. Nh., Wilhelm Horn aus Wiesbaden und Pierre Pictet aus Genf, das Diplom als Chemiker dem Herrn Üdo Klünder aus Gleschendorf. Gießen, 14. Dezember.(Stadttheater.) Mit dem gestrigen Tag dürfte die Theater⸗ 9 direktion wohl zufrieden sein. Daß das Publikum rden war, bewies der sowohl nachmittags als auch abends gespendete Beifall. Abends war das Theater ziemlich aus verkauft. Das ö Publitum, das sich soust auf den paar ersten J Stuhlreihen niederläßt, war„natürlich“ vornehm fern geblieben. Alle übrigen Plätze waren besetzt. Auf der Gallerie war es geradezu beängstigend voll.—„Max und Moritz“, die am Nach- mittag den Jubel der Kleinen hervorriefen, 9 wurden abends übertrumpft durch„Lumpaci Vagabundus“. Drei liederlichere Burschen als diese Leim, Zwirn und Knieriem sind aller⸗ dings nicht gut denkbar. Und die Art und Weise, wie diese drei Luftikusse durch die Herren Peickner, Portz und Helm zur Darstellung gelangten, war einfach zum Totlachen. Nur bei Herrn Peickner konnten wir das Gefühl nicht los werden, als fühle er sich in dieser Vaga⸗ bundenrolle nicht besonders wohl. Herr Direktor Helm und der Kölner Gast, Herr Portz, waren unübertrefflich. Aber auch alle Uebrigen boten ihr bestes. Vom gestrigen Theaterabend kann man wohl sagen: Jeder sollte und
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gewinn in die Kollekte des Herrn Richard Buchacker hier.
* Gießen, 14. Dezember. Die ortsanwesende Bevölkerung des Großherzogtums Hessen betrug am 14. Juni 1895— dem Tag der Berufszählung— 1032144 Personen und zwar 512596 Personen männlichen und 519548 weiblichen Geschlechts. Es war also die Einwohnerzahl seit der Volkszählung vom 1. Dezember 1890, bei welcher 912883 Personen ermittelt wurden, um 39 261 gestiegen; die Volks⸗ zählung vom 2. Dezember 1895 ergab bei einer Einwohnerzahl von 1039 020, seitdem eine weitere Zunahme um 6876 Personen. Während alle Berufsarten einen Bebölkerungszuwachs aufweisen, ist die Landwirtschaft von 386360 auf 371919 Personen, also um 14441 Personen zurückgegangen. Wir werden gelegentlich noch auf die Ergebnisse der Berufszählung zurückkommen.
* Grünberg, 14. Dez. Die Bienen⸗ züchter der Stadt und Umgegend beabsichtigen die Gründung eines Bienenzüchtervereins. Die nächstjährige Wanderversammlung des Oberhessischen Blenenzüchtervereins mit Aus⸗ stellung wird nämlich in unserer Stadt statt⸗ finden, weshalb Zusammenschluß der Imker wünschenswert erscheint.
* Grünberg, 13. Dezember. Im„Eng⸗ lischen Hof“ hier fand die konstituierende Ber⸗ sammlung des Verkehrsvereins Grün⸗ berg statt. Nach einem Bericht über die vor acht Tagen stattgehabte Vorversammlung schritt man zux Beratung der Statuten. Der von einer Kommission aufgestellte Entwurf fand ohne wesentliche Aenderungen einstimmige Annahme. Der jährliche Beitrag der Mitglieder wurde auf 2 4 festgesetzt. Als Borstandsmitglieder wurden gewählt die Herren Kaufmann Moll, Rechner Chr. Schäfer, Bürgermeister Zimmer, Bezirks⸗ bauaufseher Maringer, Steuerkommissär Kritzler, Bildhauer Leonhardt und Spenglermeister Kaiser. Der Stadtvorstand wird außerdem aus seiner Mitte zwei Delegierten ernennen, die an den Be— ratungen des Vorstandes teilnehmen. Möge der neu gegründete Verein recht Ersprießliches wirken!(D. Z.)
* Bad Nauheim, 12. Dezember. Von der Königlichen Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. ist bei dem Badekommissär Herrn Oberst v. Hofmann ein Schreiben eingelaufen, worin es heißt, daß die Direktion die Einfüh⸗ rung weiterer Sonntagsfahrkarten nach Bad Nauheim für die nächste Sommer-Saison in Erwägung ziehen werde. Auch sei für nächsten Sommer die Einlegung eines neuen Schnellzuges mit 1.—3. Klasse von Hagen über Betzdorf— Gießen nach Frankfurt a. M. in Aussicht ge⸗ nommen, der in Nauheim um 9 Uhr 59 Min. Abends abfahren und auch in Friedberg Aufent⸗ halt nehmen soll. Außerdem soll ab 1. Mai k. J., wie bisher, im Sommer an Sonn- und Feiertagen ein Personenzug Gießen— Frankfurt
a. M. verkehren, der an allen Stationen anhält
und Nauheim 10 Uhr 24 Minuten Abends ver- läßt. Die gewüuschte tägliche Beförderung eines Personenzuges gegen 11 Uhr Abends von Nau— heim nach Frankfurt bedauert die Direktion z. Zt. nicht in Aussicht stellen zu können; dieselbe dürfte auch nach Einlegung des obengenannten neuen Schnellzuges Hagen— Betzdorf Gießen— Frankfurt entbehrlich sein.
Mainz. 12. Dez. Auf der Station Enken⸗ bach(Strecke Kaiserslautern-Mainz) wurde gestern Abend ein Postbediensteter von einem Bahnzuge überfahren und getötet. In dem Verunglückten glaubt man einen gewissen Koch zu erkennen.
* Mainz, 13. Dezember. In der letzten Stadtverordnetensitzung wurde das von der juristischen Kommission vorgelegte Statut eines städtischen Arbeitsamtes mit Ein⸗ schluß des sogenannten Streikparagraphen, wo— nach das Arbeitsamt bei Arbeitseinstellungen und Aussperrungen seine Thätigkeit für die Be⸗ teiligten einstellt, sobald einer der streikenden Teile das Gewerbegericht als Einigungsamt anruft, und diese Thätigkeit wieder aufnimmt, sobald weder eine Vereinbarung noch ein Schieds⸗ spruch zustande gekommen ist.— Bei der städt. Verwaltung werden soeben Berechnungen angestellt, um wie viel die Stadtkasse belastet würde, wenn bei allen städtischen Ange⸗ stellten die ganze, bei der Stadt Mainz ver⸗ brachte Dienstzeit, auch die provisorische, bei der Ausmessung des Gehaltes in Anrechnung gebracht würde. Wie wir vernehmen, würde dadurch die Stadtkasse um rund 10000 Mark mehr als seither herangezogen werden müssen.— Ferner ist bei der Stadt die Reorganisation des Standesamts ins Auge gefaßt. Künftig sollen für die Führung der Geburts- und Sterbe⸗ register zwei besondere Beamte angestellt werden, während die Heiratsangelegenheiten auf der Bürgermeisterei erledigt werden sollen.
Sehwurgericht. W. Gießen, 12. Dezember. (Fortsetzung.)
Die Beweisaufnahme gegen den Angeklagten Scheerer ergab im großen und ganzen dessen Schuld. Nur in einigen Fällen wollten die Zeugen, deren Unterschriften gefälscht waren, mit Bestimmtheit nicht erklären, daß sie den Namen nicht geschrieben, trotzdem sie den Glauben haben, daß ihre Namensunterschrift vom Angeklagten gefälscht sei. Bei der Gruppe 2 der Fälschungen erklärt der Angeklagte, daß es schon immer in Rüddingshausen Sitte gewesen, die Eintragungen ins Grundbuch bewirken zu lassen, wie er dies in den unter Anklage stehenden Fällen gethan habe. Man suche sich eben Erben, die am Orte wohnen, und mache mit diesen Kaufnoteln. Zur Saubermachung des Grundbuchs wurden unter Leitung des Angeklagten die schwierigsten Sachen gemacht; auf eine Fälschung mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Unter den Entlastungszeugen war eine 77 Jahre alte Witwe. Sie sollte dem Angeklagten bestätigen, daß es Rüddingshäuser Gepflogenheit sei, daß auswärtige Erben bei Grundstücksverkäufen nicht gehört worden seien. Aber die Zeugin bezeugte das Gegenteil.
Den Geschworenen wurden 17 Haupt- und 6 Hilfs⸗
Art, wie sie wohl selten eine Jury von Laien zu beant⸗ worten haben dürfte.
Staatsanwalt Zimmermann plaldiert für schuldig in vollem Sinne der Anklage. Ein hoher Justizbeamter habe in Bezug auf den Angeklagten jüngst geäußert: Er habe in seinem Leben schon viele schlechte Menschen kennen gelernt, aber so verworfen, wie Scheerer sei, gebe es nicht leicht wieder einen. Auf ein Verbrechen mehr oder weniger komme es dem Angeklagten nicht an, sein Unglück war seine Würde als Bürgermeister; er hatte keine Ahnung von den Pflichten dieses Amtes, er benutzte dasselbe, um sich zu bereichern, jedes Mittel hierzu war ihm recht.
Der Verteidiger, Rechtsanwalt Kraft, beschränkte sich darauf, in zwei Fällen von Fälschungen von Privat⸗ urkunden Zweifel anzuregen, ob hier sein Klient auch wirklich gefehlt habe; er wolle für den Angeklagten, der ein schlechter Mensch sei, nicht etwa eine Lanze brechen, doch müsse auch dem Verbrecher sein Recht werden, und seine Pflicht als Verteidiger sei es, darauf hinzuwirken, daß Scherer da schuldlos zu sprechen sei, wo noch Zweifel an seiner Schuld beständen.
Die Geschworenen, deren Spruch durch Prof. Netto⸗ Gießen als Obmann verkündet wurde, sprachen den An⸗ geklagten in einem Falle der Fälschung einer Privat⸗ urkunde frei, bejahten jedoch in vier Fällen diese Urkundenfälschung in Idealkonkurrenz mit Betrug, bejahten ferner die weiteren sechs Fälle des Amtsverbrechens, in einem Falle jedoch verneinten sie, daß der Angeklagte sich oder einem anderen einen Vermögensvorteil damit verschafft habe.
Staatsanwalt Zimmermann beantragte hierauf, unter Einbeziehung der schon erkannten Strafe, den An⸗ geklagten zu dem höchst zulässigen Strafmaß von fünf⸗ zehn Jahren Zuchthaus zu verurteilen, mit dem Bemerken, daß der Angeklagte wegen der an einem Mit⸗ gefangenen versuchten Verleitung zum Meineid sich dem⸗ nächst noch zu verantworten haben wird, und wenn er heute zu einer niedrigeren Strafe als der biautragten ver⸗ urteilt werden sollte, er so wie so bei seiner nächsten Aburteilung mit dem höchsten Strafmaß belegt werden müßte.
Der Verteidiger, Rechtsanwalt Kraft, plaidiert für eine geringere Strafe.
Der Gerichtshof erkannte auf eine Gesamtzucht⸗ hausstrafe von 11 Jahren, sowie auf eine Geld—⸗ strafe von 600, eventuell 40 Tage Zuchthaus und bestätigte die schon erfolgte Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Jahren. Mit Gleich⸗ mut hörte Scherer diesen Urteilsspruch an, dessen Rechts⸗ kraft er sofort anerkannte. Seinem Verteidiger hatte er, während die Geschworenen im Beratungszimmer weilten, mitgeteilt. daß er hoffe, mit 12 Jahren Zuchthaus davon⸗ zukommen.
Gießen, 14. Dezember.
Heute wurde in die Verhandlung gegen den Eisenbahn⸗ assistenten Karl August Laatsch, früher in Butz bach, zuletzt in Gießen stationiert, wegen Verbrechens im Amt verhandelt. Die Anklage vertritt Gerichtsassessor Dr. Friedrich. Die Verteidigung wird geführt vom Rechtsanwalt Grünewald. Der Angeklagte, am 29. Juli 1853 zu Ressow in der Provinz Brandenburg ge⸗ boren, ist unbestraft und Vater von sechs Kindern, er be⸗ streitet, das ihm zur Last gelegte Verbrechen begangen zu haben. Die Beschuldigung geht dahin, Laatsch habe, um sich einen Vermögensvorteil im Betrage von drei Mark 90 Pfennige zu verschaffen, eine Fahrkarte 3. Klasse, Butzbach— Frankfurt, verfälscht an einen Passagier zu
fragen vorgelegt, Fragen so kombinierter und komplizierter
bringen gesucht und nachher vernichtet. Die Anklage be⸗
e mußte lachen.— Dienstag Abend gelangt . Wilhelm Tell zur Aufführung. I Gießen, 14. Dez. Schwurgericht. U. Für morgen, Dienstag, ist nachträglich noch fandlüne eine Verhandlung vor den Geschworenen anbe⸗ Audlüle raumt und zwar gegen den Bahnarbeiter Joh. 1 Zimmer von Langgöns wegen Verbrechen wider 1 die Sittlichkeit. Die Anklage soll dem Ver⸗ 705,. nehmen nach Staatsanwalt Koch vertreten. Die 11 Verteidigung führt in Vertretung des Rechts⸗ Toll: Uh anwalts Grünewald Assesffor Dr. Neuschäffer. tattungd-* Gießen, 14. Dez. Bei der letzten Wei⸗ 5 1. mar⸗Lotterie fiel wiederum ein Haupt- 18 1——— œͤ G———— 100 7 r 2 — Mächte der Finsternis.
Roman von Helmuth Wolfhardt. (Fortsetzung.) „Von Ra— von Ragosewo?“ stammelte er,„das lügst Du Bursche!“
„Nein ich spreche die Wahrheit! Ich war in dem Zuge, der dort verunglückt ist, und wie durch ein Wunder bin ich ohne Schaden davongekommen.
Mit dumpfem Gepolter fiel der schwere Hammer zu Boden. Wie ein schmerzvolles Aechzen drang es aus der Brust des hünenhaften Mannes. Es
schien, als ob er um ein Beträchtliches in sich selber zusammensänke.
Du warst in dem Zuge? Du?— Allbarm⸗ herziger Gott, ich habe mein eigenes Kind ermorden wollen!
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Bernhard bezog diese Selbstanklage natürlich auf die Bedrohung mit dem Hammer, zugleich aber wurde es ihm mehr und mehr zur Gewißheit, daß sich sein Vater wieder in jenem unwürdigen Zu⸗ stande befinde, der ihn früher schon mehr als ein⸗ mal mit Grauen und Entsetzen erfüllt hatte. Er erkannte, daß es unmöglich sein würde, sich jetzt mit ihm zu verständigen, und er sagte darum mit dem Ausdruck bescheidener Bitte: i „Ich habe Dir vieles zu erzählen, lieber Vater; aber ich bin so müde, daß ich mich kaum noch auf en Füßen zu halten vermag. Laß mich erst ein wenig schlafen; nachher will ich Dir gerne über Alles Rede stehen, was Du zu wissen verlangst.“ Doch statt seinem Wunsche zu willfahren, um⸗ schlang ihn Milow plötzlich mit beiden Händen und preßte ihn stürmisch an seine Brust.
„Du bist ja gerettet— ich sehe Dich ja vor mir“, stammelte er wie im Irrsinn.„Gott giebt mir damit ein Zeichen! Er hat es gewollt— er hat es gewollt.“
Und er gab den Jüngling nicht mehr frei, bis sie unten in der einfachen Wohnstube waren. Während Bernhard dort halb ohnmächtig in einen Stuhl sank, stürmte der Packmeister mit großen Schrit— ten auf und nieder, fortwährend wilde abgerissene, un— verständliche Worte vor sich hinmurmelnd und mit den Armen gestikulierend, ohne daß er daran gedacht hätte, seinen mangelhaften Anzug zu vervollständigen.
So schimpflich unter dem Einfluß seiner unglück⸗ seligen Leidenschaft hatte Bernhard ibn nie zuvor gesehen; aber wie grauenhaft der Anblick auch immer auf ihn wirken mochte, seine körperliche Schwäche überwog doch jeden anderen Eindruck. Schon nach Verlauf weniger Minuten hörte er nicht mehr, was sein Vater sprach; schwer sank ihm das Haupt auf die Brust hinab, und er fiel in einen Schlaf, aus welchem auch der Donner von Kanonen ihn nicht geweckt haben würde.“————
Das Knarren einer Thüre war es, das ihn viele Stunden später jäh emporfahren ließ. Ver⸗ wundert strich er mit der Hand über Stirn und Augen; denn er befand sich nicht mehr in dem Wohnzimmer, sondern in der daneben liegenden Schlafkammer, wo man ihn in seinen Kleidern auf das Bett gelegt hatte. Wie er dahin gekommen sei, vermochte er nicht zu erklären, und voll Erstaunen horchte er auf das Gewirr fremder Stimmen, das
von dem anstoßenden Raume her an sein Ohr schlug.
Die silberne Taschenuhr des Vaters hing hoch über dem Bette, und ein Blick auf das Zifferblatt be⸗ lehrte ihn, daß es bereits hoch am Nachmittage sei. Erst als er sich jetzt aufrichtete, fühlte er, daß ihm der Kopf zum Zerspringen schmerzte. Trotzdem duldete es ihn nicht mehr auf seinem Lager. Er erhob sich und ging zur Thür, deren obere Glas— füllung nur mit einer Gardine verhängt war und ihm gestattete, das Wohnzimmer zu überschauen. Er sah da eine Anzahl von Männern, von denen ihm einige als Bewohner von Rothhaide bekannt waren, und er sah auch einen alten Herrn mit goldener Brille, den er immer hatte„Herr Sanitäts- rat“ nennen hören. Dieser letztere war es, welcher jetzt sprach, und er bemühte sich so wenig, seine Stimme zu dämpfen, daß Bernhard ihn gut genug zu verstehen vermochte.
„Es ist ohne Zweifel ein Anfall von delirium tremens, wahrscheinlich noch kompliziert durch ein schweres typhöses Fieber“, sagte er, und man kann wohl mit ziemlicher Zuversicht die Diagnose auf einen letalen Ausgang stellen. Bei der ungewöhnlich robusten Konstitution des Mannes ist freilich die Möglichkeit einer leidlichen Wiederherstellung nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen, wenngleich das mit Rücksicht auf seine gegenwärtige Verfassung nicht viel weniger als ein Wunder wäre. Auf den Tobsuchtsfall ist ein Zustand so hochgradiger Schwäche gefolgt, daß er kaum im Stande sein wird, uns noch einmal so böse Geschichten zu machen, wie in den letzten Stunden. Es braucht außer der Wärterin Niemand zu seiner Bewachung zurückzu—
bleiben. Im schlimmsten Fall ist ja auch noch der
junge Mensch da, der sich doch wohl endlich einmal aus seinem todesähnlichen Schlafe ermuntern wird.
Wenn ihm auch der Zusammenhang der Ereig⸗ nisse noch nicht vollkommen begreiflich geworden war, so verstand Bernhard den Sinn dieser schreck— lichen Rede, die sich auf keinen Anderen als auf seinen Vater beziehen konnte, doch nur zu gut. Er öffnete die Thür und trat unter die Männer, die bei seinem unerwarteten Anblick verlegene Blicke miteinander wechselten.
„Was ist es mit meinem Vater?“ fragte er „Ist er wirklich so krank?“
„Ja, leider ist er das, mein Freund“, erwiderte der Sanitätsrat.„Sie werden jetzt Gelegenheit haben, durch eine treue aufopfernde Pflege Ihre kindliche Liebe für ihn zu beweisen, denn er wird nicht so bald daran denken dürfen, sich von seinem Leidenslager zu erheben.“ ö
„Aber wie ist es nur möglich, daß das so schuell geschah? Ich sah ihn noch an diesem Morgen noch stark und rüstig vor mir.“ g
Der Arzt räusperte sich und rückte an seiner goldenen Brille. 1
„Ihr Vater verließ in einem heftigen Fieber anfall das Haus“, sagte er nach einem kleinen Zögern,„und auf dem Marktplatze verschlimmerte sich sein Zustand derart, daß diese wackeren Männer ihn hierher bringen mußten. Nun liegt er drüben in dem Zimmer, welches uns als das luftigste er, schien, und eine Wärlerin ist bei ihm. Sie aber
brachten wir in jene Kammer, weil Sie vorhin durchaus nicht zu ermuntern waren.“
(Fortsetzung folgt.)


