Ausgabe 
15.4.1896
 
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Gießen, Mittwoch, den 15. April

1896.

Ausgabe

Gießen.

ische mandeszeikung.

75 8

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

N Expedition: 24 Kreuzplatz Nr. 4.

Lokales und Provinzielles.

Gießen, 14. April. Ernannt wurden: g, Pfarrpikar Uhl zu Schotten, Dekanat Schotten,

5 zum Verwalter der ersten Pfarrstelle daselbst;

N farrbitar Schäfer zu Büdingen, Dekanat 0 Büdingen, zum Verwalter der ersten Pfarrstelle daselbst; Pfarrverwalter Guß mann zu Gettenau um Pfarrverwalter in Kirchberg, Dekanat Gießen;

0 r dad walter Brill zu Ober⸗Gleen zum Pfarr⸗ um g. 80 berwalter in Ober⸗Widdersheim, Dekanat Nidda.

* Gießen, 14. April. Der seitherige Oberst des hiesigen Infanterie-Regiments, von Rosen⸗ berg verlegt in den nächsten Tagen seinen Wohnsitz nach Kassel. Gießen, 14. April. Endlich sind an der Eee der Wolkengasse und des Seltersweges die Steinreste entfernt. Der Besitzer dieses Fleckchens 1 81 läßt dasselbe mit einer Verblendmauer um⸗ ziehen. und e Gießen, 14. April. Wir berichteten gestern, dub 56 ui, daß ein Soldat B. des hiesigen Katser⸗Wilhelm⸗ schch Negiments durch einen Fußkritt schwer ver⸗ 9 en letzt worden sei. Wie wir heute hören, wird der Soldat keinen dauernden Schaden an seiner Gesundheit erleiden. Die Verletzung ist nicht so schwer, als es anfänglich erschien. hhund Gießen, 14. April. Im Großherzogtum oh in Wiß un

fai

8 U , Seltersweg g,

wird angeblich in Zukunft eine scharfere Kontrolle über die genaue Beobachtung der Sonn⸗ tagsruhe eingeführt. In Mainz fand am r Sonntag Mittag bei sämtlichen Barbieren und Friseuren eine Revision statt, um die Sonntags⸗

fiünekuhe⸗llebertreter in flagranti zu erwischen. Ver⸗ 0 1 schiedene Geschäftsinhaber wurden dabei erwischt, . daß sie bereits kunstgerechtEingeseifte noch

5 nach zwei Uhr rasierten. Sie wurden zur An⸗ ten Ranges, eg gebracht und sehen nun ihrer Strafe wegen

des Verbrechens entgegen.

lt u. 1516, ersten Biere, Gießen, 14. April.

Der Aprilmonat

u macht von seiner berühmten Launenhaftigkeit

90 1 0 diesmal einen höchst einseitigen Gebrauch: er

5 aft slendet uns nicht abwechselnd Regen und Sonnen⸗

oder schein, wie wirs seit Jahren von ihm gewohnt

3. frei find, sondern begnügt sich mit dem Regen und

läßt die liebe Sonne fast ganz aus dem Spiel.

5 Wir wären ihm, ach, für ein bischen mehr

Röhrle.wetterwendischen Charakter aufrichtig dankbar,

1 denn Regen, der jeglichen Tag regnet, verstimmt, N

weil wir zu deutlich die böse Absicht merken, während Sonnenschein, wenn auch nur spärlich geboten, doppelt und dreifach in diesen Tagen des jungen Grüns und der jungen Hoffnung erquickt. Noch dazu rieselt diesmal der Regen so kalt und unfreundlich hernieder, daß man sich fröstelnd vor ihm verkriechen möchte. Es fehlt ihm die milde, lauliche Lenzwärme, die so sanft Stirn und Wange streichelt und den Schutz des Regenschirms völlig 1 ja unbequem macht. Wer allzu eilig sein den ue an⸗

e

egen die Unbilden des Wetters. Wenn das o weiter geht, so werden wirs noch erleben, daß wir im Wonnemond nach bekannter Melodie trübselig singen können:

Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Knospen sprangen,

Da ist in meinem Ofen

Das Feuer nicht ausgegangen und daß die ganze schöne Pfingstherrlichkeit gründ lich zu Wasser wird. Traurig werden wir so die Blütezeit des Jahres dahinschwinden sehen, bis die Sonne höher und höher steigt und ihre Strahlen gleich spitzigen Pfeilen sengend herab schickt, vor denen sogarim kühlen Keller kaum Rettung zu finden ist. Gewitter ziehen dann auf mit Wolkenbrüchen und haben neue Regen⸗ tage im Gefolge, endlose Hitze folgt auf die Regentage der Sommer ist zu Ende, bevor er recht angefangen hat, und die Herbstnebel stellen sich ein, schwer und bleiern. Wie wenige wahrhaft heitre Tage haben wir doch im Jahre zu verzeichnen! Ein einziger Sonnenblick muß oft mit langen Wochen voll Sturm und Regen, Nebel und Kälte teuer erkauft werden. Die letzte Zeit war zu so weltschmerzlichen Betrachtungen ganz besonders geeignet. Was nützt es, wenn dasfernste tiefste Thal blüht und man beim Anschauen solcher Blüte friert, gerade als ob man im Winter im kalten Zimmer vor einer emalten Frühlingslandschaft steht? Man könnte sich manchmal in solche Täuschung versetzt glauben, wenn nicht der muntere Gesang der Vögel von allen Zweigen schallte. Die befiederten Lenzboten lassen sich durch das trübe Wetter nicht abhalten, voll ihre Schuldigkeit zu thun und das Erwachen der Natur durch tausend und abertausend wohl lautende Lieder zu preisen.

* In Großgerau verschied am 11. d. M. der in weiteren Kreisen bekannte Dekan und Kirchenrat F. E. H. Staudinger. Der Ver⸗ storbene war zu Thal-Itter am 7. April 1819

eboren. Nachdem derselbe das Gymnasium zu Corbach und die Landesuniversität zu Gießen absolviert hatte, erhielt er seine erste dienstliche Verwendung zu Gernsheim am 8. März 1845. Am 6. Mai 1895 wurde ihm gelegentlich seines 50 jährigen Amtsjubiläums der Charakter als Kirchenrat verliehen, nachdem er 1888 schon durch das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienst⸗ ordens Philipps des Großmütigen ausgezeichnet worden war.

*Nieder⸗Weisel, 14. April. Am 6. Mai wird hierselbst die neuerbaute Comthurkirche im Beisein des Prinzen Albrecht von Preußen sowie des Großherzogs und anderer Johanniter ritter feierlich eingeweiht.

Darmstadt, 12. April. Dem gegen⸗ wärtig hier stattfindenden Examen für das Finanzfach 1. Kategorie haben sich 71 Kan⸗ didaten unterzogen. Davon sind 4 Prüflinge bereits vom Examen wieder zurückgetreten. Die

selegt hat, der Kral geschwind wieder zur winter⸗ ichen Hülle und vermummt sich nach Möglichkeit

Der Käfer.

1 Von Cethegus.

piegel, Nachdruck verboten.) en In dem kleinen aber gewählten Kreise der Phi⸗ 2 losophen von Fach hat der Name meines einstigen

Schulkameraden Fritz Werder einen guten Klang. Es giebt angesehene Gelehrte, die den Träger dieses Namens mehr als einmal Schwarz auf Weiß für einen gebornen Philosophen erklärt haben, und ein solches Lob will besonders viel heißen in einer Wissenschaft, deren Jünger sich jeder übereilten Begeisterung sozusagen von Berufswegen enthalten und das Maß ihrer Anerkennung bis auf die Breite eines Spinnwebfadens genau bestimmen. Was mich angeht, so kann ich bezeugen, daß Fritz Werders ohilosophischer Zuschnitt, wenn nicht bis in die Zeit seiner ersten Windeln, doch sehr weit zurückweicht. Denn unsere Bekanntschaft leitet sich ja von den Jahren her, wo wir zusammen auf der Schulbank sfsaßen und Cicero, Horaz und Demosthenes präpa⸗ rierten. Schon vormals war Fritz Werder das

vollkommene Bild philosophischer Weltanschauung, soweit sie eben in Gestalt eines preußischen Pri maners erscheinen kann; in seinem Sprechen, Han⸗ deln und ganzen Wesen herrschte eine Ordnung, die bis dicht ans Unheimliche streifte, und als er bei der Abiturienten⸗Entlassung die deutsche Festrede gehalten hatte, lautete das von ihm selbst gewählte Thema:Was heißt und wozu dient methodisches

garenhaub.

9 Iarbuscle

jeperson ice bleib Aslerweg

alt für Denken? ke. Streng methodisch hat sich denn auch das zarte 10 und überaus schlanke Reis von damals zu dem

Gewächs entwickelt, welches heute Fritz Werder heißt. Seinem bürgerlichen Berufe nach ist er jetzt

mündliche Prüfung wird erst im Juni abge⸗

halten. Im Vorjahr unterzogen sich von 76 Prüf⸗ lingen dem Examen nur 43 mit Erfolg. Offenbach, 12. April. Die heute in der Schlosserschen Liegenschaft in Offenbach eröffnete Geflügel- und Vogel ausstellung für das Großherzogtum Hessen und die Provinz Hessen⸗ Nassau, die vom Offenbacher Verein für Vogel⸗ und Geflügelzucht veranstaltet ist, bietet eine ver⸗ hältnismäßig reiche Auswahl von Hühnern mit 31 Klassen, landwirtschaftlichem Nutzgeflügel, Gänsen, Enten, Truten, Zier- und Parkgeflügel, Tauben, 28 Klassen, in- und ausländischen Sing⸗ und Ziervögeln, außerdem von Fachlitteratur, Bildern und Kunstgegenständen, Geräten, Futter⸗ mitteln und Käfigen, im Ganzen 428 Nummern. Die Prämiierung hat bereits gestern stattgefunden, die Eröffnung erfolgte heute Morgen durch den ersten Vorsitzenden des Vereins, Herrn Gg. Winter, an Stelle des verhinderten Ehrenpräsidenten Herrn Kreisrat Haas. Das Arrangement ist recht hübsch und übersichtlich, die große helle Halle der Schlosser schen Liegenschaft einet sich für derartige Ausstel⸗ lungen vorzüglich. 39 Ehrenpreise standen zur Verfügung. Erste Preise und gleichzeitig zum Teil Ehrenpreise erhielten u. A. für Hühner: Ph. Forster-Offenbach, Brahma, Gg. Winter⸗ Offenbach, Plymouth⸗Rocks, E. C. Leißler⸗Fechen⸗ heim, Kämpfer, Fräulein Klara von Löw-Darm⸗ stadt, Holländer, M. Knips⸗Fulda, Spanier, Gg. Arras-Fr.⸗Crumbach und A. Schlegel-Hanau, Minerka, K. Werle-Offenbach, Andalusier, G. H. Keil⸗Strebendorf, J. Storck IV-Lengsfeld, Ita⸗ liener, K. Schwerer-Offenbach, Hamburger, M. Betz und Stimmel-Oberrad, v. Levetzow-Darm⸗ stadt, K. Huth-Niederrad, A. Schlegel-Hanau, Bantams, Gg. Simon⸗Gießen, Diverse; für Gänse: ten Brinte Vilbel; für Enten: v. Levetzow⸗ Darmstadt, A. Farber⸗Offenbach, C. Kunz-Hanau; für Truten: J. Steuernagel-Darmstadt; für Zier⸗ und Parkgeflügel: Dr. E. Kübel⸗Oppenheim a. Rh., der ein weißes Pfauenpaar ausgestellt hat; für Tauben: J. Hertsch⸗Offenbach, Luchstauben, A. Luft⸗Felsenburg, Segeltauben, G. B. Ganß⸗Gr. Umstadt, C. Schwane-Offenbach und Krumm⸗ Offenbach, Bagdetten, Gg. Winter⸗Offenbach und E. Will⸗Kesselstadt, französische Kröpfer, Fr. Schulz⸗ und Fr. Schwerzel-Offenbach, Brünner Kröpfer. O. Betzler⸗Mainz, Gg. Winter und L. Krumm⸗Offenbach, Mövchen, Gg. Winter⸗Offen⸗ bach und J. Rödelbronn jr.-Frankfurt, Tümmler, L. Krumm⸗Offenbach, Farbentauben, W. Eyd⸗ mann und Ph. Forster⸗Offenbach, Hch. Weber⸗ Gr.⸗Umstadt und W. Maltzahn jr.⸗Mainz, Brief⸗ tauben, Chr. Rechel II-Rodau, Rothschimmel⸗ Locktauben; für in⸗ und ausländische Sing⸗ und Ziervögel: Fr. Grünewald⸗Offenbach, B. Müller, Vogelhandlung in Frankfurt a. M., A. Zuntz⸗ Frankfurt a. M. für eine Kollektion von 60 diversen Exoten.

* Mainz, 13. April. Die hiesigen Sozial⸗ demokraten haben in einer Versammlung für die bevorstehenden Landtagswahlen ein

Wahlkomitee von sieben Personen gebildet, das die Agitation in die Hand nehmen soll. Beide Mandate von Mainz muß die Partei ver⸗ teidigen, den Ingelheimer Kreis will sie erobern. Bezüglich der Maifeier wurde beschlossen, am 1. Mat in einer Volksversammlung zu demon⸗ strieren und Sonntag den 3. Mai in der Stadt⸗ halle das seit 1890 übliche Maifest abzuhalten. Vor einigen Wochen verschwand hier der Kapitän eines im Hafen vor Anker liegenden holländischen Schiffes, Herr M. A. van Beynen aus Rotterdam. Gestern wurde seine Leiche im Hafen geländet. Er ist anscheinend des nachts beim Nachhausegehen vom Schiff in den Hafen gestürzt.

Mainz, 13. April. Herr Geheime Ober- Regierungsrat Möllhausen von Berlin traf am Samstag vormittag in Begleitung mehrerer Beamten der Königl. Preußischen Ministerien für Landwirtschaft und öffentliche Arbeiten hier ein, um unter der Führung des Vorsitzenden der Hafendeputation des Herrn Beigeordneten Kom⸗ merzienrat Reinach, des Herrn Hafen- und Lager⸗ hausdirektors Gfrörer und Bauinspektor Kuhn, den städtischen Getreide-Elevator-Speicher und die in demselben für die Lagerung und den Umschlag von Getreide getroffenen Einrich- tungen im Zollhafen zu besichtigen. Sehr befriedigt von dem Gesehenen sprachen sich die Herren besonders lobenswert über das günstig gewählte kombinierte System von Silos und Schuttböden in Verbindung mit den Getreide- Reinigungs- und Sortieranlagen aus.

* Mainz, 13. April. Der Direktor der höheren Mädchenschule, Herr Professor Röm⸗ held, erläßt heute in den hiesigen Tagesblättern eine Erklärung, worin er dagegen protestirt, für die Verhüllung des Dürerschen Bildes, Adam und Eva im Paradies in der städtischen Gemäldegallerie in irgend welcher Weise verant⸗ wortlich gemacht zu werden. Am 20. Februar habe er der Selekta der höheren Mädchenschule Unterricht kulturgeschichtlichen Inhalts in dem Saale erteilen wollen, in dem das fragliche Bild hängt. Vorher habe er zur Sichtung des Ma⸗ terials das Museum besucht und zu dem Mu⸗ seumsdiener geäußert, es wäre gut, wenn das Gemälde während der Dauer des Unterrichts aus pädagogischen Gründen verhüllt würde. An dauernde Anbringung eines Vorhauges habe er nicht gedacht und würde dies selbst als einen Fehler bezeichnen. In einer Wirtschaft im Gartenfelde spielte sich gestern nachmittag ein Stück Kaniba lismus ab. Ein daselbst wohnender Wirt war mit einem Schreiner in Streit geraten, es artete derselbe in Thätlich⸗ keiten aus. Hierbei hat der Schreiner dem Wirt ein Fingerglied von der rechten Hand voll⸗ ständig abgebissen. Die Wunde an der Hand des Wirtes ist sehr gefährlich. Das Modell der auf der Kaiserstraße zu erbauenden Christus⸗ kirche der evangel. Gemeinde Mainz, das

königlicher Gymnasial-Oberlehrer mit einem Ge halte, der für eine Familie ohne allzu weitgehende Ansprüche ausreicht. Kundige werden aus dieser Thatsache unschwer ermessen können, wie viel Jahre Fritz Werder zur Zeit ungefähr zählt und wie viel oder wenig uns noch fehlt, bis wir das silberne Jubiläum unserer Bekanntschaft feiern können, die wie gesagt in Unterprima anfing.

Die Jahre und Jahrzehnte haben auch an Fritz Werders äußerer Erscheinung ihre Spuren hinter lassen. Sein bartloses Gesicht ist gefurcht in wage rechter und senkrechter Richtung, und seine Haare haben sich vor dem Sturme der Zeit wie ein be lagertes Gebirgsvolk auf die höchsten Pässe zurück gezogen; dort aber liegen sie früh und spät, von des Meisters Haud geordnet, so regelmäßig neben einander wie die Striche auf einer Radierung. Was die Runzeln angeht, so folgt deren methodische Anordnung schon daraus, daß sie ja lediglich das Ergebnis methodischen Denkens sind.

So ein Philosoph ist doch ein glückliches Wesen. Besonders uns Dichter kann er manchmal recht neidisch machen. Eigentlich gehört doch das Reimen zu unserem Geschäft. In Wirklichkeit aber ist allein er im Stande, sich einen Reim auf Alles zu machen, was ihm geschieht. Und das ist ein großer Vorteil. Deun was geschieht Einem mitunter nicht alles auf dieser buckligen Erdkugel!

Zum Beispiel, was Fritz Werder neulich in den vorigen Frühjahrsferien passiert ist.

Jemand nämlich seine Tante hatte für diese Ferien einen sehr ernsthaften Auschlag auf Fritz Werders Zeit und Ruhe geplant. Die gute

Tante faud, daß ein Gymnasial⸗Oberlehrer mit aus⸗

reichender Besoldung ohne Weib doch eigentlich nur ein halbes Wesen sei; und wie alle Tanten in solchem Falle entdeckte sie auch alsbald für ihren unvollständigen Neffen die bessere Hälfte. Es war eine entfernte Verwandte, eine Waise vom Land, mit verschiedenen für den Freier höchst schätzbaren Eigenschaften: jung, hübsch, wohlerzogen und im Besitze einer stattlichen Mitgift. Obendrein aber war sie mit Fritz Werder bereits von klein auf oberflächlich bekannt und schwärmte für Flötenspiel: letzteres aber war, wie wir unmethodisch denkenden Menschen zu sagen belieben, geradezu ein Wink des Schicksals: denn Fritz Werder bläst die Flöte, freilich nur einigermaßen, aber doch.

Die Tante hatte die Geschichte soweit schon ganz fein eingefädelt, das hübsche blonde Nichtchen war zu Besuch bei ihr abgestiegen und freute sich zu⸗ nächst darauf, den gelehrten Vetter einmal wieder flöten zu hören. Auch Fritz Werder stand dem Plane wohlwollend gegenüber; denn so ordnete er seine Gründe, erstens hatte die Tante nicht Unrecht mit ihrer Ansicht, daß ein Mann in seinen Jahren des Weibes bedürfe; zweitens lag darin, daß er vom Staate ein familienkräftiges Gehalt empfing, für ihn als Staatsbürger eine Art Verpflichtung, die dabei vorausgesetzte Familie baldmöglichst in's Dasein zu rufen; drittens durfte er das Wohlwollen der Tante nicht verscherzen, und viertens war ja Bäschen Elsbeth doch auch wirklich ein ganz artiges Mädchen, wohlerzogen und verständig, soweit er dem seiner Ansicht nach minderwertigen weiblichen Geschlechte Verstand zuerkennen konnte. Aber er hatte sich gerade diese Ferien für die endgültige Abfassung einer seit drei Jahren vorbereiteten

sich nun der Wissenschaft entziehen, entziehen um eines Weibes willen?

In dieser Unentschlossenheit verbrachte Fritz Werder einige recht unangenehme Tage. Mehr als einmal hatte er schon den schwarzen Rock aus dem Schranke geholt und das Flötenfutteral in die Ueberziehertasche geschoben, um den Damen einen ersten musikalischen Besuch abzustatten, mindestens ebenso oft hatte er sich Papier und Federn zurecht⸗ gelegt, um die Einleitung zu seiner Abhandlung zu schreiben. Aber in beiden Fällen gelangte er nicht zur Freiheit des Entschlusses. Es kam schließlich so weit mit ihm, daß er seinen sonst so philosophisch erhabenen Geist zu dem heimlichen Wunsche er niedrigte, das Schicksal möge ihm durch irgend einen Zufall oderWink die Willensrichtung geben. Kaum aber hatte er sich auf diesem Wunsche er tappt, so nahte auch schon der Schicksalsbote in Gestalt des Schriftstellers Karl Semper. In jedem anderen Falle würde Fritz Werder den Besuch dieses Mannes nur mit einem innerem Seufzen er⸗ tragen haben; denn er hielt Karl Semper für den Unphilosophischsten und Leichtlebigsten unter seinen

philosophischen Arbeit vorgenommen; und durfte er

Bekannten, und sie paßten auch in der That unge⸗ fähr so zusammen wie eine Schildkröte und ein Schmetterling. Dies nal aber hatte der flatter⸗ sinnige Schriftsteller eine verhältnismäßig solide Absicht. Er wollte sich wieder einmal im Flöten⸗ spiel üben, welches er vor Zeiten zusammen mit Fritz Werder erlernt hatte, und jammerte, daß seine Flöte ihm beim letzten Umzug abhanden gekommen sei. Bis er sich eine neue zulegen könne, mülsse er erst den Empfang des Honorars für einen Roman ab⸗ warten, den er nächstens schreiben wolle.

Schluß folgt.)

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