Gießen, Dienstag, den 14. April
1896.
0
Ausgabe
Gießen.
kikung.
* Gießen, 13. April. Premier⸗Lieutenant Frhr. v. Auten ried vom Jufant.⸗Regt. Kaiser Wilhelm(2. Großh. Hess.) Nr. 116 ist zur Dienst⸗ leistung bei den technischen Instituten bis Ende März k. J. abkommandiert worden. Gießen, 13. April. Vom hiesigen Amts- Han, anwalt wurden steckbrieflich verfolgt: Schreiner— 5 celle Alexander Adolf aus Gladenbach, Josef Bühler aus Kuhlen und Sattler Martin Gröninger aus Grünberg.
Gießen, 13. April. Am Sonntag Abend fand in den Räumen des Schützenhauses die Generalversammlung des Schützen ver— gb. kurbel eins Gießen statt. Ober⸗Schützenmeister Carl Min. eden, Brück erstattete Bericht über das abgelaufene
u, Winterhalbjahr. Es wurde beschlossen, das dies⸗ malige Frühjahrsanschießen am 3. und 4. Mai ö innerha b des Vereins abzuhalten. Ob im lau⸗ fenden Jahre ein größeres Festschießen abgehalten werden soll, entscheidet eine im Mai einzube⸗ rufende Generalversammlung.— Gestern Sonn⸗ tag begannen die regelmäßtgen Schießübungen, dle von nun an jeden Sonntag und Montag 1 21555 werden. Es wird geschossen auf 300 Meter und 175 Meter freihändig, auf 100 Meter aufgelegt, laufende Wildscheiben, Hasenscheibe und neuerdings Pistolenstand.— Trotzdem gestern das erste Mal das Pistolenschießen geübt wurde, erzielten doch einige Schützen hohe Treffer und bethätigte man für diese Uebung das regste Interesse nicht nur bei den Schützen, sondern auch im Kreise deren Gäste. Koulanter Weise sind für Studierende Semesterkarten eingeführt, die den Inhaber be⸗ rechtigen, während des Semesterhalbjahres sich am Schießen zu beteiligen.
* Gießen, 12. April. Der Vorstand des Kaufmännischen Vereins hat die Archi⸗
den int ugs 0 ihren zahl 0
alt,. Tochte
r bn
9 95100 c
seeier 19, r 17, Linsen g. p. St. 1.20— cMl, gänfe per und Rindfes fneft, gesag J) 70, Kattofch entner 50/00
—
burg, Verantn 0 dk von E. Oi
Pr 5— unn, tekten Stein und Meyer aufgefordert, sich usärtg an einer neuen Preis bewerbung wegen Iteres eines zu erbauenden kaufmännischen Vereins⸗
9 5 zu beteiligen. In dem Schreiben des Vorstandes heißt es, daß voraussichtlich
dieselbe Jury die neu einzureichenden Entwürfe beurteilen wird. Die aufgeforderte Architekten⸗
stirma hat es aber abgelehnt neue Projekte zur Beurteilung einzureichen, gleichzeitig aber Ihren, Standpunkt wegen Ihres von der Beurteilungs— kommission sowohl wie auch vom Vorstand des
a och
gewahrt. er, Gießen, 13. April. Das gestrige Krause⸗ len Gruul Konzert in Steins Saalbau war überaus n 9 0 besucht. Die Solis wurden von den Hörern sod anhaltend applandirt, daß die einzelnen, Ar- Uuren“ Solisten noch ein Stückchen zugeben mußten.
u-Remond Auch zwei Märsche für die neu angeschafften Heroldstrompeten kamen zum Vortrag. Das Publikum befand sich gestern, während die Künst⸗ lerschaar konzertirte, in der besten Sonntagslaune.
erne Herr oldraud i -Remontol i Mark an, Sil
lark al Man sang teilweise die Melodien aus dem 4e un nn Obersteiger leise mit. Das Konzert war erst lager u gegen„ 12 lihr zu Ende.
Gießen, 12. April. Gestern verhandelte die Strafkammer als Berufs-⸗Instanz gegen
einer Lr
kaufmännischen Vereins angenommenen Entwurfs,
Bauten der Strafanstalt daselbst, des Bau-In⸗ spektors Daud. Das Schöffengericht hatte den Angeklagten freigesprochen, weil er in Wahr— nehmung berechtigter Interessen gehandelt habe. Die Staatsbehörde, vertreten durch den Staats- anwalt Zimmermann, verfolgte gegen diesen Frei— spruch Berufuug. Bei einer von dem Bauinspektor Daud ausgeschriebenen Lieferung auf Bauholz waren im ganzen vier Offerten eingegangen, darunter eine von einem Holzhändler aus Lich mit etwa 5700 ,. als die billigste, die nächst höchste Forderung betrug 40% mehr, während als dritter Submittentder Zimmermeister Schweizer von Ober-Mörlen, trotzdem er 70. mehr als der Mindestfordernde verlangt hatte, die Lieferung vom Bauinspektor übertragen erhalten hatte und zwar wie der Letztere, heute als Zeuge vernommen, in seiner Offerte sich bereit erklärt hatte, nur geflößtes Holz zu liefern, welches pro Festmeter 6 A höher zu stehen kommt als Waldholz und auch wertvoller sei als solches. Der Angeklagte hatte in Erfahrung gebracht, daß das von Schweizer gelieferte Holz nur teilweise Floßholz gewesen, und da schrieb er an denjenigen Kollegen, welcher bei der Submission der Mindestfordernde war, einen Brief, worin er auf den Sachverhalt hin— wies und dabei die Bemerkung machte, daß unter den Augen der Baubehörde ein Schwindel ge— trieben würde, den man zur Anzeige bringen müsse. Von dem Inhalt dieses Briefes erhielt die Baubehörde Kenntnis und stellte Strafantrag. Die Strafkammer hob gestern das Urteil des Schöffengerichts auf und verurteilte den Ange⸗ klagten zu einer Geldstrafe von 20% Der Angeklagte, das verkenne der Gerichtshof keines- wegs, habe den Brief in Wahrnehmung berechtigter Interessen geschrieben. Aber die Kammer sei zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Briefschreiber nebenher die Absicht gehabt habe, den obersten Leiter der Strafanstaltsbauten in Butzbach zu beleidigen. Der Verurteilte wird gegen dieses Urteil Revision verfolgen.
* Gießen, 13. April. Der bei der 8. Kom⸗ paguie unseres Regiments dienende Soldat Bacharach von Seligenstadt liegt seit Freitag Mittag im Lazareth schwer verletzt darnieder. Dem Vernehmen nach soll der Mann auf dem Heimmarsch von einem Gefreiten ohne alle Ver⸗ anlassung vou hinten einen derben Tritt erhalten haben. Bei Ankunft auf dem Kasernenhof, bis wohin sich Bacharach trotz der größten Schmerzen noch schleppte, wurde der Vorfall gemeldet und die strengste Untersuchung sofort eingeleitet. Der Thäter wurde augenblicklich abgeführt.
* Gießen, 12. April. Die Nebenbahn Grün⸗ berg⸗Londorf wird im Laufe dieses Sommers dem Verkehr übergeben. Stationen bezw. Halte⸗ punkte sind, von Grünberg aus gerechnet, die Orte Beltershain, Lumda, Geilshausen, Oden— hausen, Kesselbach, Londorf. Es werden täglich in jeder Richtung 4 Züge zweiter und dritter Klasse verkehren.
Gießen, 13. April. Wie notwendig der
Straßenpflasters liegen würde, mögen folgende Angaben erweisen. Die Buderusschen Eisenwerke in Lollar lassen augenblicklich aus den Bieber⸗ brüchen täglich per Achse 4050000 Kilogramm Kalksteine über Gießen vom Neustädter Thor die Nordanlage entlang bis zum Wallthor, von dort die Marburgerstraße benutzend nach Lollar trans— portieren. Weitere 50 000 Kilogramm Material werden täglich die Straßen der Stadt benutzend nach der Margarethenhütte gefahren. Diese Lasten, deren Transport die Straßen keinesfalls bessert, würden, wäre die Bieberthalbahn fertig, mit dieser fortgeschafft und diese Entlastung der Straßen wäre sicher eine vorteilhafte für Staat und Gemeinde.
Von der Nidda, 12. April. Der Preis der fetten Schweine sinkt noch immer; er schwankt eben zwischen 38 und 41 Pfg. für das Pfund Schlachtgewicht. Der Ladenpreis für das Pfund beträgt in einzelnen Orten noch 52, in andern 50 und in einem Orte sogar nur 45 Pf. So kam es, daß stellenweise die Landwirte zu— sammentraten und gemeinsame Schlach— tungen für die Feiertage vornahmen, bei denen das Pfund Schweinefleisch für 42 Pfg. ausge— hauen wurde.
* Aus Oberhessen, 12. April, wird der „Darmst. Ztg.“ geschrieben: Wie in den voraus⸗ gegangenen Jahren, so wird auch heuer wieder den Landwirten von den Behörden angelegentlichst empfohlen, ihre Felderzeugnisse gegen Hagel⸗ schaden zu versichern, unter dem Hinweis, daß in Anbetracht der bestehenden günstigen Ver⸗ sicherungsgelegenheiten bei vorkommenden Schäden keine Sammlungen für die Betroffenen mehr ge⸗ stattet, noch sonstige Unterstützungen denselben gewährt werden. Ist doch auch gegenwärtig in⸗ folge der bedeutenden Konkurrenz auf dem Gebiete des Hagelversicherungswesens jedem, auch dem kleinsten Landwirte Gelegenheit geboten, die vom Hagelschlag eventuell am meisten heimgesuchten Früchte seines Feldes, wie Getreide, Erbsen, Wicken, auch Zuckerrüben, gegen einen verhältnis⸗ mäßig sehr geringen Beitrag zu versichern.— So versichert, um nur ein Beispiel anzuführen, die große Norddeutsche Hagelversicherungs-Gesellschaft, die im verflossenen Jahre eine Versicherungssumme von über 608 ¾ Millionen aufzuweisen hatte, in günstigen Gegenden unseres engeren Vaterlandes schon gegen einen jährlichen Prämienbetrag von 45„, sage: fünfundvierzig Pfennig, pro hundert Mark Verstcherungssumme und selbst der Durch⸗ schnittsbetrag im gesamten Versicherungsgebiet der genannten Gesellschaft betrug im Jahre 1895 nur 68,99 9 für die angenommene Versicherungs⸗ summe. Angesichts so minimaler Prämiensätze kann man sich wahrlich wundern, wenn es heut⸗ zutage immer noch Leute giebt, die der Hagel⸗ versicherung gleichgültig gegenüberstehen und lieber das oft nicht unbedeutende Ristko selbst über— nehmen, anstatt es auf die breiten Schultern einer soliden Gesellschaft zu legen.
* Offenbach, 12. April. Einige junge Bur⸗ schen von Bürgel schwärmten in ihrer Feiertags⸗
1 Redaktion: 6 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. N Expedition: 0 0 Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 24 Kreuzplatz Nr. 4. 16, Ein benz 8 5 9 8 8 stan Hagen M. Le 0 5 Pr 1 1 den Zimmermeister Johannes Euler von Butz-[Bau der Bieberthalbahn schon im Interesse] laune in der Nacht zu ri ier g mut, 8 Lokales und rovinzielles. bach wegen Beleidigung des obersten Leiters der der Staatsstraßen und 1 10 1 5 siüdticchen 1 A die 1 05 glschaft befand i auc 0 sellschaft befand sich auch
der 18jährige Dachdecker Frz. Jos. Eckhardt von Bürgel, welcher in der Nähe des Schneckenbergs so unglücklich in einen Felsenkeller fiel, daß er vorgestern Abend im Krankenhaus dahier verstarb. Mainz, 10. April. Zwischen dem Schuh- fabrikanten Eichbaum und dem Ausschuß der streikenden Schuhmacher hatten in den letzten Tagen wiederholt vor dem Vorsitzenden des Gewerbegerichts, Rechnungsrat Amend, Unterhandlungen zum Beilegen des Ausstandes stattgefunden, doch scheiterten dieselben regelmäßig an der Weigerung Eichbaums, eine Verpflichtung zur vollen Beschäftigung seiner Akkordarbeiter zu übernehmen. Auf Veranlassung des Oberbürger⸗ meisters von Mainz, Dr. Gaßner, fand nunmehr unter dessen Vorsitz eine erneute Konferenz statt, in der endlich der Weg der Einigung gefunden wurde. Nachdem Eichbaum die Versicherung ab⸗ gegeben hatte, daß alle am Ausstand petellighen 34 A beiter und Arbeiterinnen wieder in Arbeit treten sollen, beschloß eine Versammlung der Streikenden ihre Zustimmung zu den getroffenen Abmachungen. Der Streike ist somit definitiv beendet und am Montag wird die Beschäftigung wieder in vollem Umfang aufgenommen.
Mainz, 12. April. Eine öffentliche Volks⸗ versammlung hat gestern Abend den Boykott über die Brauereien in Speyer verhängt. Gleiche Beschlüsse waren vorher in Ludwigshafen und Mannheim gefaßt. Der Mainzer Beschluß ist insofern bedeutsam, als gerade das einzige Lokal, welches den Sozialdemokraten hier außer der Stadthalle zur Verfügung steht, davon be⸗ troffen wird. N
Mainz, 12. April. Adam und Eva mit dem grünen Vorhang. Herr Ober⸗ bürgermeister Dr. Gaßner hat dem Deputations⸗ mitgliede Fischer, welcher ohne Wissen seiner Kollegen den Vorhang vor dem Bilde anbringen ließ, mitteilen lassen, er solle denselben schleunigst entfernen lassen, sonst werde der Oberbürgermeister denselben eigenhändig noch heute entfernen. Er hätte hinzufügen sollen, daß Herr Fischer sich auch aus der Deputation entfernen solle, denn er ge⸗ höre— unter einen grünen Vorhang!
Vermischtes.
— Ein Pech-Sese auf der Insel Trinidad wird in der„Frankf. Ztg.“ wie folgt geschildert: Man stelle sich einen ungefähr runden See von etwa zwei Kilom eter Durchmesser vor, dessen Wasser plötzlich steif geworden ist und sich in hartes Pech verwandelt hat, nicht in einer glatten Fläche, sondern wie ein vom Winde aufgewogtes Meer, mit Furchen und Rinnen, Höhen und Tiefen. In diesen Rinnen fließt oder steht wirkliches Wasser, aber es ist nirgends mehr als ein paar Fuß tief, und darunter befindet sich wieder eine feste Asphaltdecke. Hier und da ragt eine kleine Insel aus dem See, bewachsen mit Mag⸗ nolien, Palmen und Eucalypten, aber diese Eilande zeigen sich nur in der Nähe des Ufers, die Mitte ist eine un⸗ unterbrochene Asphaltfläche von etwa anderthalb Kilometer Breite. Dort in der Mitte brodelt das Pech langsam auf und drückt sich an die Oberfläche, weitere und wei⸗
tie.
4 Der Blinde.
T das beste W951 Von Felix von Stenglin. aphie(Schluß nutten,„Tausend für eine!“ ot. Rödel„Ich will mich kurz fassen. An ein paar Worte Diezstr. 1 von Ihnen will ich anknüpfen. Sie fragten: Was 7 uu belle fehlt mir denn? Ich will es Ihnen sagen Mir eue! cscheint, Sie verlangen unmögliche Dinge vom . in Leben. Aber ich will Ihnen keine Predigt halten; jcht in die Geschichte ist wirklich ganz lustig. Als alte arkeit, ö Schachtel haben Sie mich ja nun doch schon wegen rm, meiner dicken Taille erkannt, also können Sie auch mehr wissen. Im letzten Sommer besuchte ich meine sdigkel Heimat. Da hatte ich mir auf einer Station auch 1 ein Stelldichein mit einem alten Verehrer gegeben, ö rel der vor 50 Jahren ein Nebenbuhler meines späteren L 0 Mannes war. Er hatte mich darum gebeten, um die Erinnerung an alte schöne Zeiten aufzufrischen. Süss So gab ich denn einen halben Tag d'rag und 10 wartete in großer Spannung auf der betreffenden Watte Station. Für den großen, stattlichen, schönen 100 Mann hatte ich immer ein gewisses Juteresse ge⸗ znen spürt und freute mich, ihn wiederzusehen. Man che erinnert sich ja doch so gern an die Jugend, die 160 schöne Jugend. Aber ich warte und warte,— mein ablgas Verehrer kommt nicht, so daß ich schließlich so ein.
N armseliges, altes, kleines Männchen, das durch den 1 Wartesaal humpelt, nach dem Zuge aus Neustadt hun tage.„Der Zug ist schon da“, sagt das Mäunchen, ö 15 9 ich bin ja damit gekommen; aber können Sie mir
a
.
nicht sagen, ob der Berliner Zug schon vorüber ist?“ —„O schon sehr lange“, sag' ich,„ich komme ja aus Berlin und erwarte Jemand aus Neustadt.“ —„Einen— Herrn?“ fragt da der Alte ganz komisch.„Freilich! Einen großen, stattlichen, älteren Herrn, mit dem ich mich hier verabredet habe.“ Da macht der Mann große Augen.„Sie sind doch nicht Frau Lemke aus Berlin?“ fragt er.„Das ist ja garnicht möglich!“—„Allerdings bin ich das!“ hab' ich geantwortet und bin aufgestanden. „Hat Sie vielleicht der Forstrat Nebbelmeyer ge schickt?“ Das thut mir aber leid, daß er nicht selber kommen kann.“—„Nicht selber?! sprudelts nun aus dem Alten heraus.„Ich bin's ja! Ich bin ja der Forstrat Nebbelmeyer!“— Da haben wir uns gegenüber gestanden, uns Beide angeschaut und eine ganze Weile kein Wort hervorgebracht.„Das ist ja unmöglich!“ hab' ich schließlich auch gesagt. „Herr Nebbelmeyer war doch ein so stattlicher, flotter Herr—“— Na, da hab' ich's aber be⸗ kommen!„Ja, was glauben Sie deun?“ hat er ge— sagt.„Ich finde auch nicht eine Spur mehr von früher in Ihnen. Wo sind Ihre schönen feurigen Augen geblieben,— diese wunderbaren Augen,— wo sind sie? Und ihr üppiges, blondes Haar, die ätherische Gestalt,— nein, Sie täuschen mich! Sie können nicht Frau Lemke sein!“—„Und Sie können nicht der stattliche junge Nebbelmeyer sein!“ ist es mir herausgefahren. Da hat er sich einen Augen⸗ blick besonnen, hat fein gelächelt und dann gesagt:
„Der junge nun gerade nicht mehr, ich bin neun⸗
undsiebzig—“—„Und ich siebenundsechzig,“ hab' ich geantwortet. Da ist es uns erst klar geworden, was so ein halbes Jahrhundert bedeutet, und daß es thöricht war, uns so falsche Vorstellungen zu machen und so falsche Erwartungen zu hegen. Das Leben ist halt unerbittlich, und wir dürfen nicht mehr vom Leben verlangen, als es bieten kann... Und nun muß ich nach Haus, es wird kalt, und ich bin eine alte Frau.“
Damit erhob sich Frau Lemke, und auch die Männer standen auf. Der Blinde war nachdenk— lich als er, den Arm in den seines Schwiegervaters gestützt, neben der alten Frau dahinschritt. Aber wenn auch nachdenklich, so sah er doch nicht un— glücklich aus.
Auf der Straße trennten sie sich.„Der Himmel ist klar,“ sagte die alte Frau„Millionen und aber Millionen Sterne scheinen herab. Das bedeutet gut Wetter.“
„Auf gut Wetter!“ meinte lachend der Blinde und drückte die Hand seiner Freundin.
Die beiden Nänner kamen nach Hause. Die junge Frau trat ihnen entgegen.„Hat es sehr lange gedauert, Liebste?“ fragte der Blinde. Wie gut, daß er ihr ernstes, zurückhaltendes Gesicht nicht sehen konnte. So fuhr er fort:„Du mußt schon entschuldigen, wir haben eine Bekanntschaft gemacht, eine Dame; aber Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein, sie ist schon siebenundsechzig Jahre alt.“
Erstaunt sah die junge Frau auf ihren Nann. War es doch lange, lange her, daß er so heiter
gesprochen hatte. Eigentümlich zog es durch die Seele der Vielgeplagten.—
Die jungen Gatten waren allein. Nach läng erem Schweigen begann der Blinde:
„Was ich sagen wollte,— ich bestehe nicht da— rauf, hinausziehen in die Villa, wo es so einsam für Euch wäre, die Ihr an das Leben der Stadt gewöhnt seid und Eure Freunde hier habt. Ich will mich wieder täglich meinem Geschäft widmen, mir über Alles Vortrag halten lassen un d die nötigen Bestimmungen selbst treffen, Dann bab' ich weniger Gelegenheit an mein Unglück zu denken. Ich glaube, das wird ganz gut sein...“ Wo liegt unser Kleiner? Schläft er ruhig? Für ihn wollen wir leben, wir haben ihn ja Beide so lieb, nicht wahr? Und für ihn wollen wir arbeiten....“
Der Blinde hatte die Hand seiner jungen Frau fest umfaßt, sie lehnte sich an ihn und— weinte.
„Siehst Du die Sterne?“ fragte er.
„Gewiß, Lieber!“
„Erzähle mir davon!“
Und sie erzählte, und Beide schwatzten und liebkosten sich, bis die Müdigkeit sie endlich überfiel.
Doch als die junge Frau in ihrem Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Sie setzte sich aufrecht hin, lauschte auf die ruhigen Atemzüge ihres Mannes und ihres Kindes und träumte mit offnen Augen vor sich hin von kommenden besseren Tagen.
—


