Gießen, Mittwoch, den 12. August
1896.
ische Landeszeitung.
Ausgabe
Gießen.
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles. Gießen, 11. Aug.(Personal⸗Chronik.) Der Stationsvorsteher bei den Oberhessischen Eisenbahnen Karl Lenz in Großen-Buseck ist auf sein Nachsuchen wegen geschwächter Ge— sundheit pensioniert worden.
* Gießen, 11. August.(Jugendfest.) Wohl selten ist die Sorge um gutes Wetter rößer gewesen, als am gestrigen Vormittag. en doch unsere Mütter den lieben Kleinen „fest“ versprochen, am Nachmittag in den Wald zu gehen zum Jugendfest, welches von den Turnern veranstaltet werden sollte, nachdem es am Sonntag gründlich verregnet war. Vor⸗ mittags sah der Himmel noch trübe aus, doch um die Mittagszeit brach der helle Sonnenschein hervor und nun machte man sich daran, die Mädchen herauszuputzen und den Knaben die Sonntagskleider anzuziehen. Gegen 3 Uhr setzte sich der Zug vom Wallthor aus in Bewegung. Voran marschierten die Mädchen in hellen Ge⸗ wändern, mit grünen Kranzgewinden im Haar. Die Kleinsten zuerst, geleitet von den Turn⸗ schwestern, dann folgten die Knaben, bei denen die Turner für Ordnung sorgten. Den Schluß des Zuges bildeten unsere Turner, denen die Standarten beider Vereine und die Fahne des Turnvereins vorangetragen wurden. Zwei Musik— kapellen waren in dem Zug vertreten, an dem sich ungefähr 900 Kinder beteiligten. Kurz vor 4 Uhr kam man draußen an und nun entwickelte sich unter den Bäumen ein Leben und Treiben, woran selbst der allerverknöchertste Junggeselle seine helle Freude finden mußte. Der Besuch des Jugendfestes war gestern über alles Er⸗
warten ein sehr großer. 2500 zahlende Personen passierten die Kassen, sodaß eine Teilnehmerzahl
bon mindestens 4000 erreicht wurde. Auf dem
Jupplatz gingen die Geschäfte ausgezeichnet und sind die verschiedenen Budeninhaber für den ver⸗ regneten Sonntag vollauf entschädigt worden. Erst nach 8 Uhr wurde der Heimzug angetreten. Unter Vorantritt der Musik setzte sich der Lampionzug nach Röhrles Bierhalle in Be⸗ wegung, wo die Erwachsenen in fröhlicher Laune bei den Klängen der Musik den übrigen Teil des Abends verbrachten. Aber auch draußen im
en 2 Philosophenwald wollte der Trubel kein Ende nehmen. Noch nach 11 Uhr abends zogen die⸗
g jenigen hinaus, die am Tag durch ihre Berufs⸗
Giessen, pflichten an der Teilnahme verhindert waren, 4. um wenigstens etwas vom Jugendfest zu er⸗
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beschlossen haben, diese Jugendfeste von nun an dani elne per
tag und Montag stattfindenden Preisschießen
dungen von Teilnehmern aus Nah und Fern 1 2 unser Schützenplatz hierzu auch it, und zwar
alle Jahre zu arrangieren. Wir können diesen
8 5 unseres Schützenvereins sind schon zahlreiche 0
zu erwarten. Seit Jahren haben es unsere
aus dem Grunde, um mit den sonstigen festlichen
leben. Wir hören übrigens, daß unsere Turner fllt: ry lin * Gießen, 10. August. Zu dem am Sonn⸗ 127 ö eingetroffen und noch stehen fortwährende Mel— ehl 1 Volksfest zu verbinden, so sehr geeignet gerade
Stadt feierten, nicht zu collidieren. Auch in diesem Jahre wollte man sich lediglich damit be— gnügen, nur ein Schießen zu veranstalten. Viel⸗ fachen Wünschen gab man endlich nach, um im Interesse der Damenwelt auch ein Tänzchen zu arrangieren. Aber wer A sagt, muß auch B sagen und so kam denn für die Kinderwelt eine Vogelwiese mit Schiffsschaukel und Karussell auch noch hinzu. Nunmehr hat man sich entschlossen, da doch ein Mal der Stein ins Rollen ge⸗ kommen, eine volkstümliche Veranstaltung größeren Styls mit dem Preisschießen zu verbinden. Das Vergnügungs⸗Komitee ging rüstig an die Arbeit und setzte alle Hebel in Bewegung, um herzu⸗ richten und zu veranlassen, was zur Gemütlich⸗ keit und zur Erweckung froher Laune nötig ist. Hoffentlich wird nun auch die Wetterfrage bestens erledigt und der Himmel, nachdem er die beiden letzten Sonntage gründlich verregnen ließ, ein um so freundlicheres Gesicht zeigen.
* Gießen, 11. August. Nur eine kleine Schar von Zuhörern hatte sich gestern Abend in Steins Saalbau zum Konzert der Quartett⸗ sänger„Der Roseunheimer Singvögl“ eingefunden, aber um so reichlicher war der Bei⸗ fall für das Gebotene. Die Chorlieder wurden durchgehend vorzüglich gesungeu. Herr von Wiedenhauer, der mehrere Baß-Solis vortrug, verfügt über eine Stimme, die in der Höhe so— wohl als in den tiefsten Lagen voll und wohl— tönend klingt. Toni, der Humorist dieser Truppe, gab trotz der Leere des Saales seine besten Er⸗ zählungen und Späße zum Besten, auch die Damen Stefanie und Louis'l sind stimmlich gut begabt und wurden deren Duette lebhaft applau⸗ diert. Die Vorträge auf der Schlag- und Streich⸗ zitter waren künstlerisch vollendet. Zum Schluß führte Herr Lechner mit Frl. Stefanie einen baierischen Nationaltanz auf, der trotz seiner Wildheit auch der Grazien nicht entbehrte. Es ist der Gesellschaft zu wünschen, daß sie heute, wo das zweite Konzert stattfinden soll, ein volles Haus findet. g
* Gießen, 11. August. Wie in den voraus⸗ gegangenen Jahren, so wird auch im kommenden Herbst in Darmstadt wieder ein Orgel- kursus abgehalten, woran sich die Lehrer des Großherzogtums beteiligen können. Um eine Störung des Schulunterrichts möglichst zu vermeiden, findet der Kursus zu einer Zeit statt, in welcher voraussichtlich die meisten Volks⸗ schulen des Landes Herbstferien haben, nämlich vom 21. September bis 10. Oktober.
* Gießen, 11. August. Die Zeit der Raupenplage ist wieder herangerückt, denn hier und da werden schon Klagen laut, daß die Raupen in den Kohlpflanzungen bedeutend Schaden anrichten. Die Landwirte und Garten⸗ besitzer machen wir daher auf ein ebenso einfaches als billiges und leicht zu beschaffendes Mittel aufmerksam, welches gegenwärtig im Odenwald mit Erfolg angewandt wird. Es ist dies das Bebrausen der Pflanzen mit einer Mischung von 150 Gramm Chilisal peter und 20 Liter Wasser. Nach der zweimaligen Bespritzung einer Kohlanlage sollen sämtliche Raupen getötet auf der Erde liegen. Auch gegen Blattläuse, Motten u. s. w. soll dieses Mittel von sicherer Wirkung sein.
Gießen, 10. August. Eine Veteranin des alten Wochenmarktes, die am schmerz— lichsten von der neuen Marktordnung berührt ist, ist die Mutter Dampfmann. Die 75 Jahre alte Witwe hat beinahe fünfzig Jahre lang vor der Hirschapotheke auf unserem Marktplatz ihren Stand gehabt und in guten und bösen Tagen daselbst ihren Handel getrieben. Sie hat es trotz ihrer feinen Kundschaft, auf die sie nicht wenig stolz ist, nicht so weit gebracht, daß sie von Zinsen leben kann. Mit dem„neumodischen Kram“, den Marktlauben, will die alte Dame aber nichts zu thun haben und ist auf deren Urheber gerade nicht sehr gut zu sprechen. Sie hat sich im Hause des Zinngießer Zufall in der Wettergasse ein Lädchen gemietet, über dem in silbernen Lettern die Firma Dampfmann prangt. Die alte Dame hofft auch dort ihr Geschäft zu machen, umsomehr, als sie unter den Akademikern viele Gönner hat. Mutter Dampfmann war es nämlich früher, ehe man die antiseptische Wund⸗ behandlung kannte, die den auf der Mensur Verletzten Samariterdienste leistete, und daher rührt auch die Gönnerschaft der Akademiker, be⸗ sonders der alten Herren, die dafür sorgen, daß Mutter Dampfmann, die auf gute Obstsorten hält, von ihren Ehefrauen in Nahrung gesetzt wird.
Grünberg, 11. Aug. Auf dem letzten Wochenmarkte waren ungewöhnlich große Mengen von Gurken zum Verkaufe ausge⸗ boten. An 200 Körbe voll wurden zum Preise von 1% bis 1. 40„ das Hundert ver⸗ kauft. Die Verkäufer sind fast ausschließlich Be⸗ wohner aus dem zwischen hier und Lich gelegenen Dorfe Bessingen, wo die Gurken fast jedes Jahr ausnehmend gut gedeihen, während sie in den nach der Rabenau und dem Vogelsberg zu gelegenen Gemarkungen nur schlecht geraten und deshalb auch wenig gepflanzt werden. Gegen⸗ über den Spottpreisen,(20% für 105 Stück), für welche die Gurkenzüchter an der Bergstraße ihre Ware verkaufen müssen und noch froh sein können, wenn sie Abnehmer finden, machen die Bewohner von Bessingen immer noch ein Geschäft.
Friedberg, 9. August. Die Lust zum Schabernack eines Menschen hätte beinahe schlimme Folgen nach sich ziehen können. Ein Knecht in einem Orte unseres Kreises war da⸗ mit beschäftigt, im Felde vergrabene Zucker- rübenschnitzel nach Hause zu bringen, um dieselben zu verfüttern. Er suchte einem dabei stehenden kleinen Kinde zu der schon nicht sehr angenehm duftenden und wohl für den Magen eines Viehes, aber nicht für denjenigen eines Menschen bekömmlichen Speise Appetit zu machen, indem er ihm vorschwätzte, die Schnitzel seien Sauerkraut, das auch roh genossen werden könne. Das unerfahrene Kind ließ sich wirklich durch die verführerischen Worte des Knechtes dazu bewegen, von jenem Viehfutter einen Teil zu sich zu nehmen. Das neue Gericht sollte ihm jedoch recht übel bekommen; denn das arme Kind be⸗ kam bald nach dem Genuß so heftige Leib— schmerzen, daß ärztliche Hilfe in Anspruch ge— nommen werden mußte.
* Nidda, 11. Aug. Bei den hiesigen Wasser⸗ leitungsarbeiten wurden verschiedene Altertums- funde gemacht, u. a. ein alter Reitersporn und ein 18 Centimeter langes Dolchmesser mit Gold—
streifen am Stile. Das interessanteste Stück fand man im Hause des Spenglermeisters Mantel, den oberen Teil eines Gedenksteines, der ein Wahrzeichen der Bäckerinnung gewesen sein muß, denn er zeigt unterhalb einer schön gearbeiteten Krone in dem von zwei Löwen gehaltenen Wappen⸗ schild eine Bretzel und einen Doppelweck. In der Vorstadt„Bauna“ stieß man auf alte Ring⸗ mauerfundamente.
* Offenbach, 10. August. Die Vertreter der hiesigen Gewerkschaften und der sozialdemo⸗ kratischen Partei haben eine in der Herrnustraße belegene Hofraithe für 75000, einschließ⸗ lich Wirtschaftsinventar, käuflich erworben. Das 1563 Quadratmeter große Anwesen soll als Gesellschaftshaus für sämtliche auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende Arbeitervereine benutzt werden. Auch wird beabsichtigt, einen großen Saal für Ver⸗ sammlungen und Festlichkeiten zu bauen.
Vermischtes.
— Ein Pferd als Haupterbe. Von einem weiblichen Original, das in einem westlichen Wiener Vor⸗ orte unter dem Namen„die Totengräfin“ bekannt war, berichtet das„N. W. T.“ allerhand Seltsamkeiten. Frau v. St. lebte von ihrem Gatten getrennt; eines Tages kaufte sie ein im dreizehnten Bezirke gelegenes pittoreskes, blühendes Anwesen, das sie völlig umgestaltete. Uralte, kühlen Schatten spendende Bäume wurden niedergehauen und nach ihnen verschwanden die Blumenbeete und der grüne Rasen. Auf dem solcherart freigewordenen Platze wurde eine mit allem Komfort eingerichtete Reitschule etabliert, welche bedeutende Kosten verursachte. Das in dem rasch vom Erdboden verschwundenen Parke gelegene Landhaus wurde gleichfalls den Bedürfnissen der neuen Herrin entsprechend adaptiert. Da ihren Lieblingstieren, den Pferden, die erste und wichtigste Rolle zugedacht war, wurde ein großer Salon ziemlich luxuriös in ein Bade⸗ zimmer für Pferde umgewandelt, während ein anderes geräumiges Gemach als Speisesalon der Vierfüßler diente; in demselben wurde nämlich das Futter der Tiere, in höchst appetitlicher Weise sortiert, aufbewahrt. Die der Gräfin und ihrem Gesinde dienenden Wohnräume wurden dem Geschmacke der Herrin gemäß in ihren Lieblings⸗ farben, schwarz und braun, ausgestattet. Ihren Em⸗ pfangssalon verlegte die Dame aber in den Stall. Mit⸗ gliedern der Außenwelt gegenüber wollte sie nur umgeben von Pferden auftreten. Das Milieu der Stallungen bildete also der Salon mit exquisitem Mobiliar und kostbaren Ziergegenständeu, zur Linken und zur Rechten wurden die wenigen Besucher, die sich in das Heim der Totengräfin begaben, von Pferden freundlich beschnüffelt. Das Leben der Dame war sonderbar genug: Um halb 8 Uhr Mor⸗ gens fing die Nacht an; das Hausthor, sämtliche Thüren wurden gesperrt, die Rouleaux wurden herabgelassen und das Gesinde mußte, dem Beispiele der Herrin folgend, sich zu Bette begeben. Im Sommer bis 9 Uhr und im Winter bis 7 Uhr Abends dauerte die Nacht der Toten⸗ gräfin und ihrer Leute. Um die bezeichnete Stunde be⸗ gann der„Tag“. Nach Vollendung der Toilette wurde um halb 10 Uhr Abends das„Frühstück“ serviert, mehrere Gänge, gut zubereitet und ausgiebig. Nur geistige Getränke fehlten, Wein und Bier durften nie auf den Tisch der Dame. Nach dem Dejeuner, zu mitter⸗ nächtlicher Stunde, wurde ausgeritten. Bei silbernem Mondenschein in lauen Sommernächten oder bei wirbeln⸗ dem Flockentanz in frostiger, stürmischer Winternacht— es war egal: der nächtliche Ritt durch Feld und Wald mußte gemacht werden. Die„Gräfin“ in weißer Per⸗ rücke mit enganliegendem schwarzen Reitkleide voran auf ihrem Lieblingspferde, ihr nach der Stallmeister und zwei
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Das blaue Herz.
Roman von Karl Ed. Klopfer. (Fortsetzung.) N Als hier der Baron einen Moment innehielt, nickte ihm Degenstein wieder mit einem bitteren Lächeln zu. f „„Aha! Jetzt will man gerade daraus wieder . beweisen, daß ich schurkische Absichten verfolgte, nicht wahr?“. „„ Vergessen Sie nicht, Graf, daß in die Zeit dieser Rekonvalescenz Theklas Entdeckung ihrer— Mutterschaft fiel!“ 8 „Und vaß ich ihr eben deshalb aufrichtige Für⸗ sorge und eine vielleicht von— Reue beeinflußte Aufmerksamkeit widmete, das ist jetzt natürlich— unglaublich? Wie würde man's dann aber auf⸗ 9 5 5 wenn ich mich im Gegenteile roh und rück— .sichtslos gezeigt hätte?“ 5 xe J and 5 wäre Ihnen Thekla wohl nicht 22 0 aris gefolgt und hätte Ihnen gewiß auch 7 00 e den Gefallen gethan, ihre Anwartschaft auf 10 E noch geheim zu halten— auf ein 0„das umso sicherer der Universal⸗ von
ihres Vermögens geworden wäre, * 1
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Degenstein wollte etwas entgegnen, aber seine
blutleeren Lippen bewegten sich nur lautlos. Die Verachtung, die er dann in die pantomimische Auf⸗ forderung an den Baron, fortzufahren, legen wollte, gelang ihm schlecht.
Etwas seltsam könnte es auch erscheinen, daß die Gräfin auf diese Reise nach Paris— wo der Gemahl geschäftliche Angelegenheiten ordnen wollte, wie er sagte— keine ihrer Dienerinnen mitnehmen sollte. Nach den Aussagen des Schloß⸗ verwalters von Chlobonitz hat Graf Norbert seiner Frau erklärt, er wolle ihr in Paris eine flinke, gewandte Zofe engagieren, die von den böhmischen Bauerndirnen, wie er ihre bisherigen Mädchen nannte, vorteilhaft abstechen solle.“ 5
„Und— das ist natürlich ebenso gravierend als mein Versprechen an Thekla, ihr auf der Lust⸗ reise alle die heiteren Zerstreuungen zu verschaffen, zu denen ihr der Arzt geraten hatte?“ 5
Effenberg zuckte die Achseln, ließ sich aber nicht beirren.
„Lassen Sie mich weiter im Namen— des Staatsanwalts reden! Wollte Gott, Sie könnten dann Punkt für Punkt der furchtbaren Indizien entkräften! Sie gestehen doch nun einmal ein, daß Sie mit Thekla doch den kleinen— Abstecher nach München gemacht haben?“ 1
„Zum Teufel— ja!“ schrie Degenstein sich her⸗ ausfordernd aufrichtend. 2Unglückselig genug, daß ich unterwegs auf diesen Einfall kam, den ich heute
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verfluchen muß! Und hätte mich— die Feigheit nicht abgehalten, das bis zur Stunde zu leugnen, so wäre es besser für mich gewesen. Aber ist es denn nicht begreiflich, ist es nicht natürlich, mensch— lich, daß ich diesen Münchener Aufenthalt nicht zu— gestehen wollte, weil ich mir die grausame Frage vorwerfen mußte, ob Thekla nicht durch meinen Leichtsinn, durch die Aufregung bei dem Maskenfeste oder vielleicht auch durch jenes vermaledeite Haar⸗ wasser zu dem verhängnisvollen Rückfall in ihre Krankheit kam?“
Jetzt trat Ignaz rasch vor und wollte eine Ein— wendung erheben, aber der Baron winkte ihm, zu schweigen.
„Lassen Sie, junger Mann! Bringen Sie mich nicht aus dem Konzept! Ich bin einmal im Zuge. — Sie sind also erst unterwegs darauf gekommen, Herr Graf, Ihrer Frau den Umweg über München vorzuschlagen. Sie werden das mit einer heiteren Laune erklären. Ihr Ankläger aber wird behaupten, daß Sie wohlausgedachte Gründe dafür hatten. In Paris— an dem Orte, wo Thekla sterben mußte— hätte man hinterher wohl Verdacht ge— schöpft, daß Sie Ihre Frau am Abend vor ihrer schweren Erkrankung auf einen Ball geführt hätten, man hätte nachgeforscht und leicht den Friseur eruiert, bei welchem ein Herr in der und der Maske seine Frau hatte— koiffieren lassen. Immerhin aber brauchten Sie eine Großstadt zu ihrer— That
— so würde Ihr öffentlicher Ankläger sagen— und zwar eine Stadt, die von Ihrer Reiseroute ziemlich abgelegen war und andererseits doch eine rasche Verbindung mit Paris besaß. Da Sie der Gemahlin eine rege Teilnahme an den Vergnügungen des Pariser Karnevals zugesagt hatten, war sie mit eutsprechendem Toilettenvorrat versehen, so daß es
keine Schwierigkeit bot, ihr auch den Besuch einer
Münchener Maskenredute plausibel zu machen— Sies gefallen sich uun in der„„närrischen Idee““,
sich zum Kostüm eines italienischen Nobile auch die passende Phystognomie zu wählen, schminken sich, färben sich Haar und Bart und machen sich gegen⸗
über der Gattin den„„Spaß““, in dem so ver—
wandelten Exerieur am Abend vor dem Balle aus⸗ zugehen, um so gewissermassen„„eine kleine General⸗ probe““ abzuhalten. Und so— sucht sich der Herr Graf einen obskuren Friseurladen aus, wo er durch
keinen Kundenaudrang gestört zu werden sicher sein
kann. Der damalige Prinzipal dieses Burschen ist
gerade der rechte Mann. Während sich der Graf
die Tinktur auswählt, die dem Blondhaare der
Frau nur„„einen höheren Glanz verleihen““ soll
— natürlich, Thekla darf dieselbe ja nur für ein unschuldiges Toilette-Wasser halten— schickt er den Lehrjungen um einen Mietwagen, um bei
einer Manipulation nicht beobachtet zu werden, in welcher das eigentliche Verbrechen dee Gorts. folgt.)


