Ausgabe 
12.4.1896
 
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Gießen, Sonntag, den 12. April

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Ausgabe

Gießen.

andeszeitung.

118 Redaktion:. Kreuzplatz Nr. 4.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Expedition: 24 Kreuzplatz Nr. 4.

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Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

Die Gabriel'sche Lahnkalk⸗ und Marmorindustrie.

6 W. Gießen, 11. April. Unsere Leser erinnern sich gewiß von der Ge berbe⸗Ausstellung Alsfeld und der Landwirt⸗ shaftlichen Ausstellung Gießen her noch des dabillons der Lahnkalk- und Marmor⸗ undustrie Aug. Gabriel jr. Gießen, be⸗ sonders der dort zum ersten Mal präsentierten Narmorfabrikate. Einer Einladung des In⸗ fabers der Firma folgend machten wir gestern gem bei Heuchelheim liegenden Werk unsern Be⸗ uch. Langgestreckte Gebäude und Schuppen um⸗ lumen einen geräumigen Hofraum, welcher nach er Straße zu durch ein schmuckes Wohnhaus, in lessen Erdgeschoß sich Büreauräume befinden, einen Abschluß findet. Machen wir mit unserem leser eine kurze Wanderung durch das Werk. Da ist zuerst das Kesselhaus mit seiner ca. 32 ferdekräftigen Dampfmaschine. Der Mann, velcher diese bedient, hat gerade die Feuerung eöffnet, um Kohlen in dieselbe zu befördern. agnügt wünscht uns der Arbeiter einen guten Tag. Wir treten durch eine eiserne Thür in benjenigen Raum, welcher zur eigentlichen Ver⸗ irbeitung des rohen Gesteins dient, auf dessen en wir zum Schluß zurückkommen werden. Ein Steinbrecher, der von einem Mann bedient

bird, dient dazu Stücke von Kopfgröße zu

Terazzosteinen in den verschiedensten Körnungen zu zerkleinern, daneben arbeitet, ebenfalls unaus⸗ gesetzt von 1 Arbeiter bedient, die Marmorsäge, belche Steinblöcke von circa 2 Kubikmeter in Platten zerlegt. In einem daneben liegenden Naum befindet sich die Kugelmühle, welche nicht nur zur Vermahlung von Rohmaterial, sondern zur Zubereitung von gemahlenen Kalken für Dung und Maurerzwecke Verwendung findet. Daneben steht der 20kämmerige Ringofen, welcher pährend des Sommers durch Tag- und Nacht⸗ schichten unausgesetzt bedient werden muß, um alle Aufträge erledigen zu können. Wie bei 1 Saison⸗Geschäft, so ist es auch hier, wozu noch kommt, daß gleichzeitig mit dem Beginn der Bauthätigkeit auch der Bedarf für die Land⸗ wirtschaft an Dungmitteln, zu deren vielge⸗ brauchten der Kalk gehört, gedeckt werden soll. Jenseits des Ofens unter einer gewaltigen Trockenhalle sind Lippe'sche Ziegelarbeiter dabei, Gachteine zu formen, damit auch im Winter, wo die Nachfrage nach Kalk nicht so stark ist, die Thätigkeit der Arbeiter, die den Ringofen be⸗

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dienen, ihren Fortgang finden kann. Es ge⸗ hügen zu diesem Zwecke ca. Million Back⸗ steine, die hergestellt werden, um den Sommer über auszutrocknen und den Winter zwischendurch den Ofen zu füllen. Betreten wir nun den aum, in welchem die rohen Marmorplatten durch Poliren erst den nötigen Schliff bekommen, um als Fabrikat die verschiedenartigste Verwen⸗ dung zu finden Fleißig schaffen hier unter der Leitung eines Meisters die Arbeiter an den ver schiedenen Stücken, welche in einem Nebenraum als fertige Fabrikate unser ganzes Interesse in Anspruch nehmen. Eine größere Kollektion egen Waschtischaufsätze und Fensterbänke in iversen Größen ziehen unsere Aufmerksamkeit durch ihre farbenprächtige Maserirung auf sich.

ö Der Blinde. Von Felix von Stenglin. 1(Fortsetzung.)

1 Ein Mädchen, wie eine Elsasserin gekleidet,

1

king mit Rosen vorüber.Rosen gefällig, mein

Herr? sagte sie und hielt dem jungen Maun ihr Teoörbchen hin.

0Geben Sie her! sagte dieser eifrig und holte sein Portemonnaie aus der Tasche.Eine recht schöne Rose für meine Nachbarin. Dann wandte er sich mit feinem Lächeln zu der alten Frau und aeEine Knospe oder eine bereits aufgeblühte

Rose?

5 Knospe! Ganz Knospe! erwiderte sie scherzend.

Der Blinde spürte aus dem Lachen seines Schwiegervaters und des Blumenmädchens, daß seine Freundin wie er auch angenommen hatte eine ältere Frau sein müsse.

Doch ging er auf den Scherz ein und ließ sich eine Knospe geben, die er der Dame galant über⸗ veichte.

Ich bin glücklich, erwiderte sie,auf solche Weise von einem charmanten jungen Herr ausge⸗ zeichnet zu werden.

Der charmante junge Herr hält es bei so vor⸗

0 gerückter Bekauntschaft für seine Pflicht, sich Ihnen U Vorzustellen. Mein Name ist Boie, Druckereibesitzer

Fertige Platten in verschiedenen Größen, Stärken und Formen beweisen uns die mannigfache Ver wendbarkeit des Materials Da auch das Zer⸗ legen der Blöcke ꝛc., um die Betriebseinrichtung auszunutzen, durch Tag und Nachtarbeit geschehen muß, ist das ganze Etablissement mit elektrischem Glühlicht(65Lampen) versehen. Wir verlassen dieses Werk, welches aus kleinen Anfängen entstanden, sich von Jahr zu Jahr vergrößerte mit auf⸗ richtiger Befriedignng. Eine halbe Stunde von diesen Anlagen entfernt, direkt bei dem Dorfe Bieber belegen, befin den sich die Steinbrüche, aus denen das zur Verarbeitung für das Gabrielsche Werk benötigte Gestein gewonnen wird. Der Transport des rohen Materials vom Bruch zum Werk geschieht per Achse.

. 1oa Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 11. April. Die Frage, ob der Heimarbeiter im Schuhmachergewerbe versicherungspflichtig ist, ist jetzt durch das Ministerium in bejahendem Sinne entschieden worden. Anlaß gab ein in Alzey über diese Frage entstandener Streit, der auf dem Ver⸗ waltungswege bis zum Ministerium kam und wie oben gesagt, entschieden wurde. Das Mini⸗ sterium erblickt die bestimmenden Gesichtspunkte dafür, daß der Haus arbeiter während seiner Beschäftigung in eigener Behausung in einem seine Versicherungspflicht begründenden Arbeits⸗ verhältnisse gestanden habe, im Wesentlichen darin, daß er, während der Haus in dustrielle zu keinem bestimmten Arbeitgeber in einem festen Arbeitsverhältnis rechtlicher Art stehe, zu seinem Arbeitgeber in einem festen Arbeitsverhältnisse stehe, das sich von demjenigen der anderen von demselben Fabrikanten beschäftigten Arbeiter nur dadurch unterscheide, daß er in seiner eigenen Wohnung zu arbeiten hat.

* Gießen, 11. April. Den Beamten der Direktion der Oberhessischen Bahnen ist vertraulich angedeutet worden, daß ihnen wahrscheinlich in kürzerer oder längerer Frist eine Versetzung bevorsteht. Jedenfalls hängt diese Maßnahme mit dem Uebergang der Ober⸗ hessischen Bahnen an den preußischen Staat zu⸗ sammen, wodurch der Stadt Gießen die Direktion verloren geht, welche wohl nach Frankfurt verlegt werden wird. Es dürfte wohl an der Zeit sein, Schritte zu thun, um nach Gießen an Stelle der aufgehobenen Direktion eine Bau⸗ Inspektion zu verlegen und dadurch den Be⸗ amtenabgang wieder auszugleichen. Durch die Verlegung der Direktion werden hier mindestens 20 große Wohnungen leer werden.

Gießen, 11. April. Nathan Sommer II. von Crainfeld hat die Revision gegen das ihn wegen Meineids verurtheilende Erkenntniß des Schwurgerichts vor einigen Tagen zurück- genommen.

* Bad⸗Nauheim, 10. April. Mit der von Frau Sanitätsrat Dr. Müller vor einigen Jahren gegründeten Kin derheilstätte Emmaheim für Kinderbesserer Stände ist ein Justitut verbunden worden, das unseres Wissens bis jetzt in Deutschland sich noch nicht vorfindet: ein In⸗ stitut zur Ausbildung von Töchternguter Fa⸗

milien in der Krankenpflege und eventuell in der Kinderpflege. Frau Dr. Müller hat während mehrerer Winter die Kurse des Herrn Geheimrats Dr. von Bergmann in Berlin besucht. Eine durch langjährige Thätigkeit erfahrene Ober⸗ schwester aus Frankfürt a. M. ist engagiert worden, die im Verein mit der Vorsteherin Frau Dr. Müller für die praktische Ausbildung der Elevinnen be⸗ sorgt ist, während die Herren Oberstabsarzt Dr. Steinberg und Dr. med. Hirsch den theoretischen Unterricht übernommen haben. Vorige Woche wurde das Institut, in das drei Schülerinnen bereits eingetreten sind, feierlich eingeweiht. *Darmstadt, 10. April. Der Schaden, den gestern die Feuersbrunst in der Gries⸗ heimer Kunstdüngerfabrik von Dietsch, Kellner und Comp. angerichtet hat, soll sich ins-

belaufen. Die Arbeiter der Fabrik sollen, soweit thunlich, bei den Aufräumungsarbeiten und bei der Errichtung eines Neubaues beschäfligt werden.

* Darmstadt, 10. April. Der hiesige Damen⸗Turn verein veranstaltete diese Woche sein erstes Schauturnen, das von Eltern, Aerzten und Turnlehrern gut besucht war. Nach⸗ dem die Damen unter dem Spiel eines Marsches eingezogen, vollführten sie einen aumutigen Ketten⸗ reigen, zu dem sie das frische MarschliedHand in Hand, mit Sang und Klang, kommt zum heit' ren Tanz sangen. Unter dem Kommando der Vorturnerinnen Fräulein Müller und Fischer wurden Frei- und Stabübungen mit Sicherheit und Eleganz ausgeführt. An die letzteren Ueb ungen schloß sich ein dreiteiliger Reigen an, den die Damen wiederum unter Klavierbegleitung und mehrstimmigem Wechselgesang in gelungenster Weise ausführten. Die Uebungen, die am Barren, den Streckringen, den graden und schrägen Lei tern, sowie an den Kletterstangen vorgeführt wurden, verdienen alles Lob; dieselben zeug⸗ ten dafür, daß das Turnen von den Damen nicht zum Vergnügen, als ein Zeitvertreib, sondern als ein den Körper kräftigendes und die Nerven stählendes Mittel betrachtet und behandelt wird. Eine interessante Uebung ferner war der zu vieren und zu zweien ausgeführte Rundlauf, die Glocke und Fische darstellend; die⸗ selbe wurde durch lebhaften Beifall ausgezeichnet. Die Schlußnummer des interessanten Schau⸗ turnens bildete ein gut arrangierter Reigen in Carré(à la lancier). Die Oberleitung ruhte in den bewährten Händen des Herrn Turnin⸗ spektor Marx, der dem Verein seit seiner Grün⸗ dung treu zur Seite steht. Der Damen-Turn⸗ verein darf mit Stolz auf sein erstes öffentliches Auftreten zurückblicken.

Offenbach, 10. April. Gestern Nachmit⸗ tag geriet in der Maschinenfabrik von Flinsch ein Arbeiter mit der rechten Hand in die Kreissäge, wobei ihm ein Finger ganz und an zwei Fingern das erste Glied abgeschnitten wurde. Der Schwerverletzte wurde ins Kranken haus verbracht.

Mainz, 10. April. Der juristische Aus⸗ schuß hat beschlossen, die Bla d'sche Erbschaft anzunehmen. Nach Rückzahlung der der Stadt auferlegten Verpflichtungen verbleibt ein Fonds von 300000% Nachdem im Laufe des

gesamt auf nahezu eine halbe Million Mark:

gestrigen Tages zwischen dem Schuhfabrikanten Eichbaum und dem Ausschusse der streikenden Schuhmacher von dem Vorsitzenden des Ge⸗ werbegerichts, Rechnungsrat Amend, Verhand⸗ lungen zur Beilegung des Streiks staltgefunden, ohne zu einem Resultat zu führen, veranlaßte heute Oberbürgermeister Dr. Gaßner eine Kon⸗ ferenz der streikenden Teile in seiner Gegenwart. Herr Eichbaum erklärte sich nach längerer Be⸗ ratung bereit, die Erklärung abgeben zu wollen, seine Akkordarbeiter und Arbeiterinnen ordnungs⸗ gemäß und gleichmäßig beschäftigen zu wollen. Bei verminderten Aufträgen soll die Arbeitszeit gleichmäßig verkürzt und sämtliche am Ausstand Beteiligten, 34 an der Zahl, wieder in Beschäf⸗ tigung genommen werden. Heute Nachmitta

soll der Vertrag durch Unterschrift anerkannt 190 der Streik für beendigt erklärt werden.

Standesamtliche Nachrichten. Geburten.

30. März. Dem Restaurateur Anton Koch 1 Tochter.

1. April. Dem Hausirer Konrad Jäger 1 Sohn, Ernst Ludwig.

2. April. Dem Schlosser Adolf Scheld 1 Tochter, Emma Henriette.

2. April. Dem Professor Dr. Alexander Leist 1 T., Margarethe Pauline Marie.

3. April. Dem Kaufmann Heinrich Göhcke 1 Tochter.

3. April. Dem Händler Louis Frees 1 Tochter, Sophie Wilhelmine.

4. April. Dem Wiesenwärter Wilhelm Bellof 3. 1 T.

4. April. Dem Stations-Assistent Karl Wagner 1 T.

5. April. Dem Bierbrauer Johann Sommer Zwillings⸗ söhne, Karl und Heinrich.

5. April. Dem Uhrmacher Carl Stöver 1 Tochter, Clara Anna.

5. April. Dem Lokomotivführer i. P. Ludwig Wag⸗ ner 1 Sohn, Rudolf Emil.

6. April. Dem Bremser Wilhelm Schneider 8. 1 S.

7. April. Dem Postassistent Philipp Bausch 1 Tochter.

7. April. Dem Flaschenbierhändler Ludwig Wagner 2. 1 Sohn.

7. April. Dem Eisenbahnschaffner Konrad Kircher 1 todtgeborenes Kind männlichen Geschlechts.

7. April. Dem Kaufmann Louis Reitz 1 Sohn, Julius Wilhelm.

Aufgebote.

4. April. Heinrich Umbach, Schneider dahier, mit Katharine Luh zu Wieseck.

4. April. Friedrich Will, Schueider zu Babenhausen, mit Magdalene Felsenheimer daselbst.

4. April. Wilhelm Peter Forbach, Metzger zu Launs⸗ bach, mit Marie Elisabeth Blum zu Grünberg.

9. April. Friedrich August Zimmermann, Staatsan⸗ walt dahier, mit Anna Marie Ottilie Lawall zu Osthofen.

9. April. Albrecht Schulte, Stadt-Ingenieur zu Brühl, mit Christine Sophie Wilhelmine Heckeroth zu Cassel.

9. April. Heinrich Keßler, Metzgermeister zu Frank⸗ furt a. M., mit Marie Luise Karoline Friederike Schnecko hierselbst.

9. April. Jakob Reh, Schmied zu Hermannstein, mit Katharine Hedderich daselbst.

Eheschließungen. 4. April. Franz Joseph Ganß, Schmied dahier, mit Johanna Christine Luise Mathilde Elisabeth Rinn hiers. 4. April. Johann Schneider, Schlosser dahier, mit Maria Magdalena Heß, geb. Brugger, Wittwe von Schuh⸗ macher Heinrich Heß dahier. 4. April. Emil Heinrich Aubel, Kaufmann dahier,

mit Katharine Henriette Schwarz hierselbst.

meines Zeichen, und dieser Herr erhebe Dich von den Sitzen, Papa ist mein armer, aber ehrlicher Schwiegervater, früher in Wein und Deli katessen, was man ihm allerdings nicht ansieht, jetzt Rentier, Kindermädchen und Bärenführer. Das Kind ist mein Sohn, der Bär bin ich.

So lieb' ich Sie! rief die alte Frau be lustigt aus.Im Uebrigen ist mein Name Lemke.

Sehr schöner Name, sagte Boie,Frau oder Fräulein?

Sie beleidigen mich! Für wie alt halten Sie mich denn eigentlich?

Ja, das ist eine heikle Frage dreißig zu hoch gegriffen?

Sehr! Ich bin vor vier Wochen geworden.

Boie faßte ihre Hand. schon recht rauhe Hände.

Ja, ich habe früh anfangen müssen, zu ar beiten, und helfe meiner Mutter in der Wirtschaft.

Ihre Mutter lebt auch noch? Muß das eine steinalte Dame sein!

Sie sind ungezogen. Ich habe noch gar keine Falten, bin schlank wie eine Tanne und tanze leidenschaftlich.

Der Blinde beugte sich zu seiner Nachbarin herüber und umfaßte schnell ihre Taille, so daß sie leise aufschrie.

Hab' ich mit achtzehn

Dafür haben Sie aber

Ich wollte nur untersuchen, sagte erwie sich beim Tanzen Ihre Taille anfaßt.

Sie finden sie etwas stark, meine Taille? Das kommt, weil ich so vernünftig bin, mich nicht zu schnüren.

Die Wangen des Blinden hatten sich gerötet, seine Augen hatten einen übermütig heiteren Ausdruck.

Jetzt stand der Schwiegervater auf und sagte, er wolle den Kellner suchen, da es wirklich Zeit sei, nach Hause zu gehen.

Kaum hatte er sich entfernt, als der junge Mann sich zu seiner Nachbarin herüberbeugte und hastig fragte:Ist er fort? Der Ausdruck seines Gesichts war ein völlig veränderter, er drückte Angst und Hast aus. Als Frau Lemke seine Frage be jahte, fing er in heftiger Sprechweise und mit leb⸗ haften Geberden an zu reden.

Er gönnt mir nichts, sagte er von seinem Schwiegervater. Er hält mich gefangen und ty ranisiert mich, wie Alle. Das mußt Du so machen, das mußt Du so machen, heißt es den ganzen Tag, als wenn ich ein unvernünftiges Kind wäre. Ich bin kein Kind. Ich weiß recht gut, was ich will. Anstatt daß sie mir Ihren Arm leihen, wollen sie meine Seele bedrücken, mich unterdrücken. Und wenn ich dann heftig werde und es Ihnen gerade heraus ins Gesicht sage, dann sagen sie, ich

sei krank und man müsse auf mich Rücksicht nehmen.

Das empört mich am meisten. Was fehlt mir denn? Ich kann nicht sehen, das ist Alles. Aber weil ich sie brauche, darum denken sie Alles mit mir machen zu können. Meine Frau, wie hab ich sie geliebt! sie will nichts mehr von mir wissen. Sie geht nicht mit mir aus, weil ich zu launisch wäre, wie sie sagt. Sie liest mir auch nichts vor. Ich habe sie mauchmal gebeten. Sie ist immer nicht aufgelegt dazu. Sie thut ihre Pflicht, o, ge⸗ wiß, sie füttert mich wie ein Kind, aber liebe Frau, ich fürchte mich, es zu sagen, was ich so lange schon denke sie liebt mich nicht mehr. Sie liebt mich nicht mehr! Ist das nicht furchtbar? Und nicht sehen zu können, nicht zu wissen wenn sie nun vielleicht einen Anderen mit mir können sie ja Alles machen, Alles!

Die alte Frau legte dem Blinden beschwichtigend die Hand auf den Arm; der Schwiegervater war wieder an den Tisch getreten. Er hatte die letzten Worte gehört, machte der alten Frau abwehrende Zeichen und schüttelte mit dem Kopf.

Herr Boie, begann die Alte nun,haben Sie Lust, noch eine kleine, recht scherzhafte Geschichte mit anzuhören?

(Schluß folgt.)