Nr. 161
Gießen, Sonnabend, den 11. Juli
1896.
Hessi
Ausgabe
Gießen.
che Jandeszeikung.
Nedaktion:. Kreuzplatz Nr. 4. 8
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
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Expedition:
II
0. 5 Lokales und Provinzielles. Gießen, 9. Juli. Personal nachrichten im 20 105 der kaiserlichen Oberpostdirektion En tadt. Versetzt sind: der Postinspektor 0 Schmidt von Dresden nach Darmstadt behufs Hllebernahme einer Postratsstelle bei der kaiser⸗ lichen Oberpostdirektion, der Postsekretär Wag⸗ er von Darmstadt nach Alzey, der Oberpost⸗ assistent Henkel von Mainz nach Wiesbaden, der Oberpostassistent Zastrow von Wiesbaden nach Mainz, der Oberpostassistent Schuckmann bon Dieuze nach Mainz, der Oberpostassistent Mahr von Hamburg nach Mainz, der Post⸗ assistent Lotz von Berlin nach Mainz und der Postverwalter Wolf von Ruppertenrod nach end Londorf.— Ernannt sind: der Telegraphen⸗ er. issistent Wolf in Herbstein zum Postverwalter enschutz: zu und der Oberpostassistent Andreß in Darmstadt Uhr, ini zum Bureauassistenten. Zu Oberpostassistenten asses: Mi
die Postassistenten Weller in Alzey, Heck- mann in Gießen und Scheel in Mainz.
51 Postagenten angenommen sind: der Modelleur Boseck in Hirzenhain(Hessen), der ne, a,, Landwirt Heinrich Kalkhof in Mitel⸗Hründau, peurih kenne der Landwirt Ullmann in Nieder-Erlenbach der neun gl“ und der Gastwirt v. Eiff in Ruppertenxod.— berbnacht Ausgeschieden sind: der Postagent Casimir Kalkhof in Mittel⸗Gründau und der Postagent burg, Derantv. Haberkorn in Ehringshausen.— Gestorben Ottmann, beh. find: der Rechnungsrat a. D. Rosenhagen in Darmstadt, der Telegraphensekretär Witten⸗ becher in Darmstadt, der Postsekretär Päper
in Worms, der Obertelegraphenassitent S pte, in Worms, der Obertelegraphenassistent Stüber Aus üärtig in Mainz, der Postagent Meiß in Nieder⸗Erlen⸗ iteres bach und der Postagent Oß wald in Hirzenhain (Hessen). Gießen, 10. Juli. Die Strafkammer
verhandelte gegen den Landwirt Konrad Justus von Wahlen wegen Diebstahls in
er wiederholtem Rückfall. Dem Angeklagten wird f zur Last gelegt, einen Beiriemen zu einem —— Pfkferdegeschirr aus der Scheuer des Ernst Fröh⸗ lich enkwendet zu haben, der einen Wert von
2 I Mark repräsentirt. Obzwar der Angeklagte die That entschieden bestreitet, wird derselbe doch
ö auf die Aussage des Bestohlenen unter Zu⸗ billigung mildernder Umstände zu 4 Monat
indes Gefängnis verurteilt, wobei 1 Monat der er⸗ lttenen Untersuchungshaft in Abrechnung kommt.
Die Strafkammer hob auch den ergangenen 1 Haftbefehl auf. Mit Rücksicht auf die niedere Strafe sei der Angeklagte nicht mehr fluchtver⸗
0 bächtig, auch als Landwirt augenblicklich in seiner U Mot Wirtschaft nötig und daher aus der Haft zu entlassen. ö* Gießen, 10. Juli. Die Strafkammer
Kreuzplatz Nr. 4.
ordneter sei.— Leider befand sich kein so Glück⸗ licher in der betreffenden Klasse.— Der betreffende Lehrer sprach den Wunsch aus, daß der Stadtrat die Straßen in der Umgebung der Lehranstalt mit Holzpflaster versehen möge, um dadurch das den Unterricht störende Wagengerassel zu mildern. Dem Lehrer scheint nicht bekannt zu sein, daß unsere Universitätsbehörde sich mit dem gleichen Wunsch an die städtische Verwaltung gewandt hat wegen der Kreuzung der Goethe- und der Ludwigstraße. Aber die Holzpflasterung kostet viel Geld, und so verschwenderisch glaubten unsere Stadtväter nicht wirtschaften zu dürfen, daher beschloß man, die betreffende Straßenstrecke zu chaussieren. Holzpflaster kostet nämlich 6000 ½¼, während die Chaussierung nur 700 4. kostet.
Gießen, 10. Juli. Der Landwirt Joh. Freund und dessen Sohn von Altenbuseck wurden unter dem Verdacht der Brandstiftung in Haft genommen.
Gießen, 10. Juli. Ein hiesiger Restau⸗ rateur wandte sich jüngsttelegraphisch mit bezahlter Rückantwort nach Mainz. Der Empfänger der Depesche benutzte das Antwort— formular aber nicht, sondern sandte dasselbe an den Absender nach Gießen ein. Hier wurde nun bei der Post der Betrag von 50 Pfennig für das nicht erfolgte Antworttelegramm zurück⸗ verlangt, und was sagt hierzu die Post? Daß eine Erstattung der bezahlten Gebühren nicht er⸗ folgen kann, weil nach den bestehenden Vor— schriften eine solche Rückzahlung im ganzen eu⸗ ropäischen Verkehr nicht stattfindet. Die be⸗ stebenden Vorschriften sind in diesem Falle sicher nicht koulant, aber die Handhabung dieser An⸗ gelegenheit in der von der Post beliebten Weise entspricht auch nicht den allgemeinen Rechtsgrund⸗ sätzen. Denn für jede Leistung erwartet man eine Ge⸗ genleistung, und die ist im vorliegenden Fall nicht erfolgt. Selbst die Eisenbahn vergütet, wenn ein Retourbillet nur zu einer Fahrt benutzt wurde, denjenigen Betrag, welcher über den einfachen Fahrpreis hinaus gezahlt wurde. Warum will die Post sich um 50& bereichern, für die sie weiter nichts geleistet hat als die Ausgabe eines gedruckten Formulars?
* Gießen, 10. Juli. Das von der Kapelle des Feldartillerie-Regiments Nr. 25, unter per⸗ sönlicher Leitung ihres Dirigenten Herrn Stützel⸗ Darmstadt, gestern Abend in Steinsgarten ver⸗ anstaltete Konzert war sehr stark besucht. Der Spielzettel wies ein abwechslungsreiches Pro⸗ gramm auf und wurden die Leistungen der Kapelle lebhaft applaudiert. Das Konzert, welches um 8 Uhr begonnen, war erst gegen 12 Uhr beendet.
* Gießen, 10. Juli. Der Fürst zu Solms⸗ Lich hat das Ehrenpräsidium über das am Sonntag und Montag in Lich stattfindende des Lahnthal-Sängerbundes übernommen. An dem Gesangs-Wettstreit werden außer 10 Vereinen des Bundes weitere 8 Vereine der Umgegend sich beteiligen. Von Gießen gehören bekanntlich der Bauer'sche Gesangverein und die Bae zum Lahnthal⸗
Beide Vereine werden, wie wir hören, vollzählig nach der Feststadt gehen.
Gießen, 10. Juli. Zur Warnung für Radfahrer möge eine Verhandlung dienen, die vor dem Berliner Schöffengericht stattfand. Der Arbeiter Ernst Hildebrandt hatte sich wegen fahrlässiger Körperletzung zu verant⸗ worten. An einem Junitage hatte der Ange⸗ klagte eine Frau, die ein Kind an der Hand führte, angefahren und an der Hand ziemlich erheblich verletzt. Es wurde von dem Ange— klagten eingeräumt, daß er nicht Herr über die Bewegungen seines Instruments gewesen sei, er habe damals das Radfahren erst gelernt. Der Gerichtshof war mit dem Staatsanwalt der An⸗ sicht, daß die Straße für derartige Uebungen nicht da sei. Das Urteil lautete nach dem An⸗ trage des Staatsanwalts auf eine Gefängnis⸗ strafe von vier Wochen.
L Gießen, 10. Juli. Der Strohwittwer, der jetzt allenthalben in zahlreichen Exemplaren auftaucht, wie die Kornblume im Getreide, ist nicht nur bei Gastwirten und Skatbrüdern, sondern auch bei Zeitungsredakteuren eine vielbeliebte und vielbesprochene Persönlichkeit. Trink⸗ geldhungrige Kellner katzbuckeln vor ihm, lebenslustige Junggesellen suchten ihn zu tollen Ausschweifungen zu verführen, und den boshaften Mitarbeitern unserer Witz⸗ blätter dient er zur dauernden Zielscheibe mehr oder minder gepfefferter Kalauer. Demgegenüber muß kon⸗ staiiert werden, daß der Strohwittwer im allgemeinen besser ist, als sein Ruf. Er läßt sich durchautz nicht so schröpfen, wie manche sparsame Hausfrau anzunehmen pflegt, er leistet lebemännischen Verlockungen mehr Wider⸗ stand, als ergraute Sünder es für möglich halten, und die übermütigen Scherze sommerlicher Statistiker prallen machtlos an seinem mit handfesten Grundsätzen ge⸗ wappneten Busen ab. Nicht selten zittern die Kellner vor ihm, weil er beständig an der Speisekarte herumzu⸗ mäkeln hat und das süffigste Bier seiner vernichtenden Kritik nicht Stand hält; unternehmende Hagestolze gehen ihm aus dem Wege, weil er sich bei allen Streichen, die sie in Szene setzen, sich als ein mürrischer Spielverderber entpuppt und zum Dienste des Bachus und der Venus sich keineswegs willfährig zeigt. Die Einen erklären ihn für einen schäbigen Filz, für einen unverbesserlichen Knicker und Knauser, die Andern versichern im Brustton der Uebeczeugung, daß er der der gräßlichste Pendant, der traurigste Philister sei, den man sich denken kann. Solche liebkosende Beiwörter stören den Stroh⸗ wittwer ebensowenig in seiner olympischen Ruhe, wie die oft sehr zweifelhaften Liebenswürdigkeiten, die stoffarme Zeitungsschreiber ihm ins Gesicht schleudern. Mit eiserner Stirn bietet er, ein zweiter heiliger Antonius, sämtlichen höllischen Anfechtungen Trotz, und schüttelt die herbsten Grobheiten gleichmütig ab, wie der Pudel den Regen. Unverstanden wandelt er seiner Wege und vergräbt seinen Schmerz in der Einsamkeit. Ach, um die Gattin, um die teuere, die fern in der Sommerfrische weilt, trauert er, um die Kindlein, die sie munter umspielen. Selbst die kriegstüchtige Küchenfee, die ihn fast immer in heißer Redeschlacht besiegt, aber auch regelmäßig durch ihre famose Kochkunst wieder besänftigt hat, entbehrt er nur ungern. Sie ist mit den Uebrigen ausgewandert und hat die Woh⸗ nung in einem Zustande zurückgelassen, der täglich uner⸗ träglicher wird, da die„A ufwartefrau“, die zur Aushilfe engagiert wurde, ein wahres Muster häuslicher Untugenden ist. Kurz, der Strohwittwer fühlt sich in seinen vier Pfählen so unbehaglich und in der Kneipe oder im Freien so ver— lassen, daß er seufzend das Ende seiner Leidenszeit her⸗ beisehnt und die zärtlichsten Briefe an die abwesende Gattin schreibt. Natürlich giebt es auch Ausnahmen von
der Regel. Doch wollen wir unsere keusche Feder durch eine ausführliche Schilderung dieses„Auswurfs der
Menschheit“ nicht entweihen. Kein trüber Schatten soll auf das strahlende Bild des Strohwittwers fallen, wie es in leuchtender Klarheit uns vorschwebt!
* Grünberg, 9. Juli. Unsere Stadtver⸗ waltung hat beschlossen, die Marktgasse, die im vorigen Herbst kanalisiert wurde, pflastern und auf beiden Seiten mit erhöhten Fußsteigen versehen zu lassen.
* Darmstadt, 9. Juli. Die hessische Regierung hat bei dem Bundesrat Schritte unternommen, damit dieser für den Wein⸗ handel eine Ausnahme von dem Verbote des Detailreisens beschließe. In gleicher Weise ist auch die Handelskammer Bingen vor⸗ stellig geworden.
*Darmstadt, 9. Juli. Eine weitere Kreise interessirende Entscheidung hat das Land⸗ gericht als Berufungsinstanz gefällt. Die im Gebiete des gemeinen Rechts bestrittene Frage, ob der Vermieter ein Zurückbehaltungs⸗ recht an den vom Mieter in die Wohnung ein⸗ gebrachten Sachen habe, hat das Gericht bejaht, dabei aber ausgesprochen, daß dieses Recht sich nicht auf den§ 715 von der Zivilprozeßord— nung aufgeführten, von der Pfändung ausge— nommenen Gegenstände erstrecke.
Vermischtes.
— Wie behandelt man Rosenstöcke? Es herrscht vielfach die Ansicht, man schone seine Rosenstöcke wenn man die Blumen daran verblühen lasse. Das ist jedoch irrig, denn gerade in der Zeit des Blühens entzieht die Blume ihrem Stocke die meiste Nahrung. Es ist daher zu raten, die Rose zu schneiden, sobald sie ihre schönste Form zeigt. Eine abgeschnittene Rose hält sich, wenn sie ordentlich gepflegt wird, stets länger, als wenn sie am Stocke belassen wäre; letzterer aber entwickelt, wenn die Blumen abgeschnitten, wieder neue Knospen.
— Die Geschichte eines Diamanten. Aus der Geschichte des berühmtesten Diamanten der Welt, des Koh⸗i⸗nor(Berg des Lichtes), der sich im englischen Kro n⸗ schatz befindet, erzählt E. Streeter in seinem Buch„Precious stones and gems“ viele fesselnde Einzelheiten. Bis in den Beginn des 14. Jahrhunderts zurück kann man seine Schicksale mit ziemlicher Sicherheit verfolgen. Zu jener Zeit war der Edelstein im Besitze des Rajah von Malwa, später bildete er das kostbarste Stück in der unvergleichlich reichen Schatzkammer der Mogul⸗Dynastie zu Delhi. Ur⸗ sprünglich wog der Diamant 793 Karat, nachdem er ge⸗ schliffen war— keineswegs zu seinem Vorteil— jedoch nur noch 186 Karat. Als der persische Eroberer Nadir Schah als Sieger durch die Thore der Hauptstadt(1739) einzog, mußte der Urenkel des mächtigen Kaisers Aurung⸗ Zeb, der Groß⸗Mogul Mahmud, ihm alle seine Schätze ausliefern. Durch List glaubte dieser den Koh⸗i⸗nor für sich retten zu können, indem er ihn in einen Turban ein⸗ nähen ließ, aber eine seiner Haremsfrauen verriet die Sache. Bei einem großen Festmahl, das zur Feier der Versöynung des Siegers und Besiegten veranstaltet wurde, erklärte Nadir plötzlich dem Kaiser, es wäre zur Be⸗ siegelung ihrer Freundschaft nötig, daß sie ihre Turbane austauschten. Mit echt orientalischem Gleichmut, ohne sich durch ein Wort oder eine Miene zu verraten, fügte Mahmud sich in das Unvermeidliche. Nadir Schah aber war von dem ersten Anblick des wunderbaren Steines so begeistert, daß er ihn mit dem Namen„Berg des Lichtes“ begrüßte und als seine kostbarste Beute mit sich nahm, als er über die Berge von Afghanistan heimwärts zog. Nach seinem Tode ging der Koh-i-nor in den Besitz seines Sohnes über und von diesem zu Achmed Schah, dem
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1 verhandelte heute Vormittag unter Ausschluß
Ciuzug 5 der Oeffentlichkeit gegen den 16 Jahre alten
eshug. Friedrich Krauß müller von Gießen und
f 1 5 denselden 5 11 Sittlichkeitsvergehens, 21. Sängerfest
begangen an einem noch nicht 4 Jahre alten
te. gkinde, zu 4 Monaten Gefängnis unter Anrech⸗
g. dung der seit dem 12. Mai währenden Unter⸗
eine. suchungshaft. 5 5
be Aal Nil Gießen, 10. Juli. Ein Lehrer unseres
bes Dheln Bymnastums frug dieser Tage seine Schüler, ob Sängerbund. keiner unter ihnen wäre, dessen Vater Stadtver⸗
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2 Ein Debüt.
au 5
Novellette von Julius Pasig. (Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Alsbald erschien derselbe und setzte sich, nachdem der Diener noch die Partitur des„Troubadour“ gebracht hatte, bereitwilligst an das Klavier, um dem Wunsche des Intendanten zu entsprechen. 0 Zitternd und befangen intonierte die seltsame Debütantin die große Arie im vierten Akte; doch schon bei den ersten Takten gewann das prachtvolle Dtrgan seine volle Geschmeidigkeit, ehern entquollen die wunderbaren Töne dieser herrlichen Kehle; mit Anwiderstehlicher, hinreißender Gewalt sang sie all den Schmerz eines gefolterten Herzens, und sich und ihre Umgebung vergessend, gab sie sich mit all der Gewalt der entfesselten Leidenschaft der Tondichtung hin, gleichsam ganz in derselben auf— gehend. Es war das keine Partie, die sie sang, man sah es, man hörte es: sie sang sich selber, sie öffnete alle Schleusen eines lange zurückgehaltenen tiefen Schmerzes, ihr Gesang war der Aufschrei eines geängstigten, zu Tode gehetzten müden Herzens.
Erschöpft hielt sie, hielt der Kapellmeister inne, unbeweglich in ihren Anblick versunken saß der alte Intendant.— Was war das? Doch nicht der Ge—⸗ Jang einer beginnenden Künstlerin; wo war dieser Stern verborgen, bestimmt, mit unvergleichlichem Glanze am Firmament des Kunsthimmels zu glänzen?“
tgelllleb!
„Mein Fräulein“, sagte der Kapellmeister,„Ihr Debüt wird ein glänzendes, Ihr Auftreten ein epochemachendes sein; Gott erhalte Sie der Kunst!“
Selig, unter Thränen lächelud, stand sie da.
„Darf ich singen, Herr Graf?“
„Und Sie fragen noch? Lesen Sie die Antwort nicht in meinen Augen?“
„Noch eine Bitte, Herr Graf; Sie sehen, ich werde sehr unbescheiden.“
„Jede Bitte ist Ihnen im voraus gewährt.“
„Nun denn, so erlauben Sie mir, daß ich am Abend der Vorstellung meine Garderobe durch meine Diener selbst herrichten lasse, und daß dieselbe vor Ende der Oper von niemand betreten werde.“
„Ich hätte es mir ja nicht nehmen lassen, hehre Künstlerin, selbst das Arrangement Jyres Ankleide— zimmers zu übernehmen und es mit den schönsten Blüten der königlichen Gärten zu schmücken, allein da ich im voraus mich meines Willens begeben habe, so sei mir auch dieser Wunsch Befehl.“
„Fürchten Sie nichts, Herr Graf, Sie sollen mit der Dekoration meiner Garderobe zufrieden sein“, sagte sie jetzt mit einem ganz sonderbaren Gemisch von Schwermut und Schalkhaftigkeit;„wann singe ich?“
„Ju den nächsten Tagen schon!“
„Eh bien, auf Wiedersehen!“—
Das Gerücht von der geheimnisvollen Künstlerin hatte sich sehr bald in der ganzen Residenz ver⸗ breitet; der Hof und selbst der König waren nicht
wenig gespannt auf das Debüt der Debütantin, die
von dem in Sachen der Kunst als eine Autorität betrachteten Jutendanten enthusiastisch gelobt worden war, und die Nachfrage nach Logen und Plätzen war eine so bedeutende, daß die Kassen sich leider in der Lage sahen, Hunderte von Billetsuchern ab⸗ zuweisen.
Während der Probe markierte Hermione bloß und traf unmittelbar nach derselben die geheimnis⸗ vollen Anstalten zur Dekorierung ihrer Garderobe. Der Intendant hatte sich die Gunst ausgebeten, ihr wenigstens die Blumen senden zu dürfen, und alles war gespannt, welch seltsame Idee sich wohl unter der Ausschmückung dieses Ankleidezimmers verbergen möge.
Der Abend kam, und die künsten Erwartungen des Publikums wurden durch die Künstlerin über troffen. Ihr Spiel, ihr Gesang, alles war meister haft vollendet, unübertrefflich, und der entfesselte Jubel hatte kein Ende. Immer erschien sie, um mit dem reizendsten Lächeln zu danken, und jedes Erscheinen war von einem förmlichen Regen von Bouketts und Kränzen begleitet.
Nachdem nun der Vorhang zum letzten Male gefallen war, wollte das Publikum Hermione durch— aus noch einmal sehen, allein trotz des rasenden Sturmes erschien die Gefeierte nicht mehr, und der König wünschte, daß ihm der Intendant die Künstlerin zuführe, um sie persönlich zu beglück— wünschen.
Der Intendant öffnete die Thür zur Garderobe, — doch welch ein Anblick wurde ihm zuteil!“
Die Garderobe war leer, von der Sängerin keine Spur, dafür aber auf den Tischen für jedes in der Oper beschäftigt gewesene Mitglied ein wert⸗ volles Geschenk; für den Intendanten nebst einem die Sängerin im Kostüm der Azucena darstellenden Oelgemälde ein versiegeltes Schreiben.
Rasch öffnete der Graf dasselbe und las:
„Herr Graf!
Nehmen Sie meinen wärmsten, verbindlichsten Dank entgegen für die außerordentliche Liebens— würdigkeit, mit der Sie meiner Bitte willfahrten. Sie haben, Herr Graf, durch Ihre Bereitwilligkeit einem liebenden Weibe den Mann, unmündigen Kindern den Vater wiedergegeben. Denn sehen Sie, Herr Graf, mein Gemahl hat, wie so viele aus der Gesellschaft, eine verhängnisvolle Schwachheit für Künstlerinnen und hatte nun darüber mich und unsre Kleinen gänzlich vergessen.
Nun habe ich ihn heute als Künstlerin so sehr entzückt, daß er sofort nach dem letzten Fallen des Vorhangs mich entführen zu müssen glaubte, und es mir daher nicht vergönnt ist, Ihnen per— sönlich zu danken. Sollte mein Mann rückfällig werden, so erlauben Sie Ihrer Hermione wohl, die Fides zu singen. Bis dahin aber, Herr Graf, ge— nehmigen Sie nochmals den aufrichtigsten Dank
Ihrer ergebenen Hermione, Gräfin H.“
Bis heute wartet der alte Intendant noch immer
vergeblich auf ein zweites Debüt Hermionens.
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