Gießen, Mittwoch, den 11. März
1896.
Ausgabe
Gießen.
andeszeitung,
Redaktion: 5 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. N Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.. Kreuzplatz Nr. 4. —— 5— xʒS—Sxx—
okales und Provinzielles.
bene Nite Gießen, 10. März. Im Anfang des ver⸗ üngenen Jahres wurden von einem Komitee leude zur Anlage von Volksspielrasen⸗ lätzen gesammelt. Man hat aber seither von u Sache nichts ernstliches mehr gehört. Viel⸗ licht beruft das Komitee wieder einmal eine 3 lersammlung ein, um damit die Sache weiter fördern. N 8 “Gießen, 10. März. Anläßlich des am „ d. M. hier abgehaltenen 64. Turutages es Gau Hessen machte der Gauvertreter olgende interessante statistische Mitteilungen über e Turnsache: Im 9. Kreis(Mittelrhein) be⸗ nden sich am 1. Januar 1895 in 473 Orten 45 Vereine mit zusammen 51401 Mitglieder. ( Im 1. Januar 1896 dürfte nach allgemeiner Schätzung 56000 Mitglieder nicht zu hoch ge— kiffen sein. Der Gau Hessen zählte am . Januar 1896 46 Vereine mit 5636 Turnern. ö ö Dieser Gau ist der zweitgrößte des Mittel⸗ theinkreises, er wird nur übertroffen von Rhein⸗ essen, welcher 9300 Turner zählt. leut: arb an, fark an, Mark an, Unren
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* Gießen, 10. März. Gestern fanden zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im estaurant Feidel gemeinsame Beratungen betreffs Einführung von Unfall verhütungs-⸗ hörschriften für das Baugewerbe statt. Gießen, 10. März. Am Samstag wurden die vier Stück Wild aus dem Schwanschen Tierpark, darunter ein Kapitalhirsch mit selten abnormem Geweih nach Braunschweig an eine dortige Tierhandlung verladen. Es hatte seine große Schwierigkeit, die Tiere so zu verpacken, daß dieselben lebend am Bestimmungsort ein⸗ trafen.
Gießen, 10. März. Die gestrige A b⸗ schiedsvorstellung des Schlierseer Bauerntheaters gestaltete sich überaus glanz⸗ boll. Aufgeführt wurde der„Herrgotts⸗ schnitzer von Ammergau“. Alle Mit⸗ spirkenden schienen nochmals ihr Bestes bieten zu wollen. Das Publikum kargte denn auch keines⸗ wegs mit seinem Beifall und lohnte die prächtigen Leistungen der Schlierseer durch häufigen Hervor— kuf. Die herzliche Aufnahme, welche das Bauern— theater auch diesmal in Gießen gefunden hat, veranlaßt hoffentlich die Schlierseer, uns zu passender Zeit wieder zu besuchen. Also: Auf Wiedersehen!
55* Gießen, 10. März.
0% U buch wird Ende dieser, spätestens aber bestimmt Mes 1 in der kommenden Woche an die Sub skribenten
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Das neue Adreß⸗
asche* abgeliefert werden.
15,50.„Gießen, 10. März. Der neue karne⸗
lung palistische Verein hier hat dem Kriegerverein el Gießen aus seinem diesjährigen Ueberschusse
1 15 Mt. zu Gunsten des Kriegerdenkmals über—
— wiesen.
len Gießen, 10. März. ö Verbrechen nimmt in
der Weise
Die Zahl erschreckender
dem Brüderchen tummelt, auf ödes, unbewohntes Feld hinausgelockt und grausam hingeschlachtet, dort kehrt ein junges Mädchen, das munter sich auf den Weg macht, um eine passende Stellung zu suchen, nicht mehr nach Hause zurück und wird ein paar Tage später als verstümmelter Leichnam an entlegenem Ort aufgefunden. Entsetzen be— mächtigt sich bei der grausenvollen Kunde solcher Begebenheiten der Leser und Hörer, und ein Schrei der Entrüstung geht durch die Zeitungen: denn keine Spur deutet auf den Mörder, und trotz aller Bemühungen will es nicht gelingen, so rasch seiner habhaft zu verden, wie es die öffentliche Sicherheit gebieterisch heischt. Herum— horchende Reporter wissen bald diese, bald jene Vermutung zu melden, die ihnen bereitwillig zu⸗ getragen wird, sich aber in Kürze als völlig haltlos erweist, Leute von Phantasie erfinden frisch drauf los und veranlassen durch falsche oder entstellte Angaben zwecklose Verhaftungen. Dank dem groben Unfug, der solchergestalt sich breit macht, verwirren die Fäden sich mehr und mehr, bis selbst der geschickteste Kriminalkommissar in dem angehäuften Material sich kaum noch zurechtfindet. Der Mörder sinnt unentdeckt neuen Schandthaten nach, und das liebe Publikum, das nicht begreifen kann, weshalb er nicht längst, bei einer so reichen Fülle belastender Aussagen, zur Verantwortung gezogen ist, schimpft auf die Polizei, die natürlich ihre Pflicht schnöde ver— säumt und nicht frühe genug alle ihr zu Gebote stehenden Mittel angewandt hat, um die Bestie in Menscheugestalt hinter Schloß und Riegel zu setzen. Diese Vorwürfe, so thöricht sie sind, kehren regelmäßig wieder, sobald ein besonders schänd— liches Verbrechen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt und der Thäter nicht schleunigst einge⸗ fangen wird. Man übersieht dabet ganz, daß die Polizei beim besten Willen ohne die that⸗ kräftige Mithilfe des Publikums nichts zu er⸗ reichen vermag, und daß diese Mithilfe ihr in den meisten Fällen versagt bleibt. Es ist un⸗ glaublich, wie schwer oft Personen, die wichtige Fingerzeige zu geben vermöchten, an ihren Mit— menschen sich versündigen, weil sie aus Bequem⸗ lichkeit eine rechtzeitige Mitteilung an die Behörde unterlassen. Sie befürchten zeitraubende Laufereien und langwierige Verhöre und bewahren das Wort, das vielleicht zur Entdeckung führen und ihre Wahrnehmungen an zuständiger Stelle zu Protokoll zu erklären. Vielfach hält auch die kindische Scheu, mit der Polizei und den Gerichten in Berührung zu kommen, sie von energischem Handeln ab; sie zögern und zögern, und wenn sie endlich ihr Vorurteil besiegt haben und zu einem Entschlusse gelangt sind, ist es gewöhnlich zu spät, und der Mörder befindet sich bereits weitab von dem Arme der strafenden Gerechtigkeit. Möchte die Erkenntnis, daß derartige Unterlassungssünden dem Verbrechen nur Vorschub leisten, in immer weitere Kreise dringen, und möchte jeder nach seiner Kraft dazu beitragen, die Frevler zu ent⸗ larven, nicht aber durch gewissenloses Zaudern
in unserer Gegend sehr seltenen Vogel, einen wilden Schwan, erbeutete dieser Tage ein hiesiger Jagdbesitzer in der Nähe unseres Ortes. Der Schwan war bereits angeschossen und sehr abgemagert; in seinem Mageu fand sich nur Kieselerde vor. Das Tier wurde einem Präpa⸗ rator zum Ausbalgen übergeben.
Seligenstadt, 9. März. Ein hiesiges Tag⸗ löhner-Ehepaar war verhaftet worden, weil der Arzt bei dem am Freitag verstorbenen etwa sechs Wochen alten Kinde, das bei der Mutter schlief, Spuren gewaltsamer Tödtung zu finden glaubte. Die amtliche Obduktion der Kindes— leiche ergab indeß keinerlei Anhaltspunkte zur Annahme des Verbrechens, weshalb die Ver— hafteten sofort wieder in Freiheit gesetzt wurden.
Seligenstadt, 9. März. Beim vorgestrigen Rekrutenaushebungsgeschäfte wurde der 22 jährige Schneidergeselle Friedrich Schwenk aus Michel⸗ stadt, der in Klein⸗Steinheim beschäftigt war und sich mit den dortigen Gestellungspflichtigen im hiesigen Musterungslokale einfand, verhaftet und sofort dem 1. Großh. Inf.⸗ Leibgarde) Regt. Nr. 115 als unsicherer Heerespflichtiger zugeführt. Schwenk hatte sich schon vor zwei Jahren zur Stammrolle melden müssen, unterließ dies aber. Darüber zur Rede gestellt, gab er die naive Antwort:„Es hat mir gar nicht so arg pressiert“. Man belehrte ihn deshalb eines Besseren.
Mainzlar, 9. März. Am vergangenen Freitag begegnete dem Landwirt J. Schlapp hier das Unglück, sich beim Häckselschneiden die rechte Hand stark zu verletzen, indem das Ma⸗ schinenmesser einen Finger abschnitt und die au dern zerquetschte.
* Darmstadt, 9. März. Vorgestern Abend brach gegen 10 Uhr in der Dampfschreinerei von Leopold Sperb, Alicenstraße 2 Feuer aus. Die Feuerwehr war rasch zur Stelle; sie hatte große Mühe, das Wohnhaus und die angrenzenden Nachbargebäude zu schützen.— Wegen Ver⸗ brechens im Sinne des§ 174,1 R.⸗St.⸗G. ist Schuldirektor H. in Heppenheim an der Berg— straße in Untersuchungshaft genommen worden. H., der verheiratet ist, soll der That geständig sein.— Ein hiesiger Einwohner wurde kürzlich wegen Blutschande verhaftet.
Offenbach, 9. März. Seit Wo chen wurde ein hiesiges 16 jähriges Mädchen, welches in Fraukfurt diente, vermißt und blieb trotz eifrigen Forscheus das Mädchen, die Tochter eines hiesigen Monteurs, spurlos verschwunden. Am Samstag wurde die Leiche derselben im Main bei Gries⸗ heim geländet. Ueber die Beweggründe, welche den Selbstmord veranlaßten, konnte man bis jetzt nichts erfahren.
* Mainz, 9. März. Das Schwurge— richt verurteilte den 33jährigen verheirateten Taglöhner Franz Mühlbach aus Mainz, der am Fastnacht⸗Dienstag sich als Kriminalschutzmann ausgab, ein 22jähriges unbescholtenes Mädchen verhaftete und zu vergewaltigen versuchte, zu
wurde gestern der Beschluß gefaßt, die Löhne um 25 pCt. zu erhöhen, dafür aber auch eine Erhöhung der Preise für Spenglerwaren und Reparaturen eintreten zu lassen.
Vermischtes.
— Die Ergebnisse der Perlenfischerei im sächsischen Vogtlande, welche in den letzten Jahren sehr zurückgegangen waren, haben sich im letzten Jahre bedeutend günstiger gestaltet. Während nämlich im Jahre 1894 nur 14 Perlen gewonnen wurden, betrug die Ausbeute im Jahre 1895 68 Perlen: 21 helle, 22 halbhelle und 25 verdorbene. Bisher wurden die meisten Perlen in der weißen Elster gefunden, neuerdings hat man jedoch die Perlenfischerei auch auf die ver⸗ schiedenen Bäche, welche in die Elster münden, namentlich auf diejenigen zwischen den vogt⸗ ländischen Städten Adorf und Plauen ausgedehnt, und dort mehr und bessere Perlen, als in der Elster gefunden.
— Unterseeische Photographie. Inte⸗ ressante Versuche über unterseeische Photographie sind kürzlich mit einem eigenen zu diesem Zwecke konstruirten Apparat vorgenommen worden. Der französische Naturforscher Boutau hat photo⸗ graphische Aufnahmen der submarinen Pflanzen⸗ welt des Mittelländischen Meeres gemacht und soll vorzügliche Bilder erhalten haben. Die Ex⸗ perimente wurden zunächst in geringer Entfernung von der Oberfläche des Meeres vorgenommen, wo die Stärke des von oben eindringenden Tageslichtes noch hinreicht, um photographische Aufnahmen zu ermöglichen. Boutau benutzte zu seinen Zwecken die gewöhnliche photographische Camera, die mit einem für den Gebrauch im Wasser besonders hergerichteten Momentverschluß versehen war. Späterhin trieb der Wunsch, die Schönheiten der Tiefsee zu erschließen, den Er⸗ finder dazu, eine künstliche Lichtquelle mit seinem Apparat in Verbindung zu bringen, und zwar bediente er sich zu diesem Zweck einer wasser⸗ dichten mit Sauerstoff gefüllten Tonne, die eine Gasglocke mit darin befindlicher Lampe trug. Durch einen Druck auf einen am Ende eines Gummischlauches befindlichen Gummiball kann der Photograph Magnesiumpulver in die Flamme schütten und so die Umgebung kräftig beleuchten. Das Kostüm des Photographen besteht in einem ge⸗ wöhnlichen Taucheranzug. Die größte Schwiexig⸗ keit erwuchs aus der Notwendigkeit, zur selben Zeit den Momentverschluß zu öffnen und den Lichtapparat in Thätigkeit zu setzen.
— Die älteste Sprache der Welt. Den Urquell der europäischen Kultur will der Münchener Professor Fr. Hommel in Mesopotamien entdeckt haben, und zwar in einem hochgebildeten arischen Urvolk, dessen Kultur sogar die Mutter der egyptischen war. Dies sind die Sumerier. Den arischen Typus dieses Volkes zeigen Statuetten von Terracotta, die bei Ausgrabungen gefun⸗ den worden sind und an europäische Volkstypen in den Darstellungen des Mittelalters erinnern. Die Sumerier haben jene Kultur geschaffen, deren Träger in geschichtlicher
en und, überhand, und immer wieder lesen wir schaudernd und Verschweigen zu ihrem verächtlichen Helfers- einem Jahr Gefängnis. Zeit die semitischen Babylonier wurden. Nachdem diese von Mordthaten der widerlichsten Art. Hier helfer sich erniedern! 5 5 Mainz, 9. März. In einer zahlreich nach und nach eingewanderten Semiten, die sich stark 8 fn wird ein Knabe, der sich in fröhlichem Spiel mit D. Z. Nieder⸗Ohmen, 9. März. Einen besuchten Versammlung der Spengler(Klempner)! vermehrten und viel Erwerbssinn besaßen, nun zur 0 50—————— ͤL———————— ¼—. kÜ— elshmicz Ein Besuch bei Garibaldi. aber die wärmsten Wünsche für Deutschlands Wohl- zugleich die Hand, in die wir sehr gern das er-] Prüfungen der einzelnen Kandidaten werden jedoch gleich⸗ — Von Freiherrn B. von Cramm- Burgdorf ergehen und sei überzeugt, daß Deutschland und wartete Trinkgeld drückten. zeitig in mehreren getrennt voneinander liegenden Räumen a on Freih 2 1 8 9. Itali fies. e 19055 ö 0. W 1 8 des Schulkollegiums abgehalten, daher ist es dem Vor⸗ se(Schluß.) Italien stets Hand in Hand gehen würden, und Ganz stolz fuhren wir wieder der Stadt zu,; ö inas zalich, ii 1% zp 5 e d daß eine lange Zeit des innigsten Verständnisses. 0 ie ein 8 1 ter, sitenden schlechterdings unmöglich, über den Gang und D. Endlich öffnete sich wieder die Thür und der 5 e e rn e 8 1110 77 wir waren die einzigen aus dem ganzen großen das Ergebnis der Prüfung des Einzelnen genau unter⸗ 3, bei weibliche Portier verkündete, daß der General uns e ee b, au srühereKreise von Bekanntea, die bei Garlbuldi gewesen, richtet zu sein, auch wenn er, wie es regelmäßig zu ge⸗ . pr, k empfangen wolle. Durch einen engen Gang kamen Feindschaft und den alten Haß ganz bderwischen und ich wurde noch lange mit„la mia lamiglia“ schehen pflegt, einem Teil der Prüfung eines Kandidaten wir zur schmalen und steilen Treppe, die wir hin⸗J würde. 5 5. geneckt, zu der ich so plötzlich in der Villa Gari- beiwohnt. Ist es nun schon an und für sich zu bedauern, daß , 30 fgeführt wurden. Ein kleines Vorzimmer hatten Es entspann sich dann eine lebhafte Konver-baldis gekommen war. sich die in Mitleidenschaft gezogenen Kandidaten einer neuen Ab., aufgeführt w 3 0 1 it e 5 e t 1 l n 1350 1 wir zu durchschreiten und standen dann in einem ation zwischen den Damen und Garibaldi, der Prüfung unterziehen müssen, so kommt noch hinzu, daß
l. großen Saal vor dem berühmten, viel vergötterten
sülle. E und viel geschmähten Manne, dem Abgott Jung: lere Ttaliens. Ein kranker, gebrochener Mann! Gari— sen baldi in dem historischen Kostüm, rote Blouse,
graue Beinkleider, den mexikanischen Poncho über den Schultern, ein Käppchen auf dem Kopfe und einen Foulard um den Hals— lehnte auf zwei Krücken und die Hand, die er mir reichte, war von der Gicht ganz verkrüppelt. Die feinen Züge von dem grauen Bart umrahmt, zeigten eine krankhafte Blässe und nur das helle Auge hatte den alten Glanz und wunderbaren Ausdruck von unbefangener Kindkichkeit und felsenfester Energie. Ich hielt— und als Familienoberhaupt kam es mir zu— eine kleine Anrede und drückte unsere Freude aus, daß es uns vergönnt sei, den General persönlich be— grüßen zu dürfen, um uns von seinem Befinden zu überzeugen. GOaaribaldi antwortete mit echt italienischer Liebens— würdigkeit und sagte, daß es ihm besonders erfreue sei, von Deutschen besucht zu werden, die nur ten zu ihm kämen und die ihm vielfach sein— ilnahme für Frankreich während des letzten fraue
jeder die Hand geschüttelt hatte und sie durch seine
herzliche Freundlichkeit wahrhaft entzückte. Wir sprachen von allerlei— wie man eben plaudert.
von den Herrlichkeiten Roms, von der Tiber-Regu— lierung, die damals Garibaldi besonders beschäftigte, von seiner Gesundheit und was er für dieselbe thun solle ꝛc.
Da wir aber uns nicht verhehlen konnten, daß läugeres Sprechen den noch sehr schwachen Mann angriff, empfahlen wir uns nach einer Viertel- stunde, wurden mit einem Händeschütteln entlassen und mit wiederholtem Dank für unsern Besuch, der dem alten Herrn wirklich Freeude gemacht zu haben schien.
Der Saal, in dem wir empfangen wurden, war ein großer Raum, mit Fenstern nach zwei Seiten, durch die heruntergelassenen Jalousien ziemlich dunkel. Ein eisernes Bett stand in der Mitte des Saales, dessen ganze Einrichtung ziemlich dürftig war. Einige Tische mit Büchern und Karten be⸗ deckt, einer mit einer großen Schüssel voll Maccaroni und verschiedenen strohumflochtenen Flaschen, einige Stühle und ein Schrank waren das ganze Mobiliar.
schen Krieges nicht verziehen hätten. Er heg⸗
Unten öffnete die Magd wieder die Thür und
Schwergeprüfte Prüflinge.
Die Vossische Zeitung schreibt: Vor einigen Tagen wurde der außerordentliche Professor der Theologie an der Berliner Universität D. Dr. Lom matz sch, während er in seiner Eigenschaft als ordentliches Mitglied der könig⸗ lichen wissenschaftlichen Prüfungskommission für Kandidaten des höheren Lehramts prüfte, plötzlich von einem Schlag⸗ anfall betroffen. Das Geschick des beliebten Universitäts⸗ lehrers hat allgemeine Teilnahme bervorgerufen. Teil⸗ nahme verdienen aber auch die geprüften Kandidaten. Durch den vorliegenden Fall ist von Neuem auf einen Mißstand hingewiesen, der sich bei den Prüfungen für das höhere Lehramt bereits öfter fühlbar gemacht hat, die Abhaltung einer Prüfung ohne Protokollaufnahme. Hält die Krankheit des Prof. Lommatzsch länger an, so muß eine erneute Prüfung der schon examinierten Kandi⸗ daten erfolgen, da weder den am Tage vorher geprüften Kandidaten noch denjenigen, die sich am Dienstag der Prüfung unterzogen haben, ein Zeugnis ausgestellt worden ist. Außerdem ist die Prüfung, dem Herkommen gemäß, ohne Beisein eines Protokollführers abgehalten worden, so Laß also ein authentischer Bericht darüber überhaupt nicht vorliegt. Es ist aberdings vorgesehen, daß der Vorsitzende der königlichen wissenschaftlichen Prü⸗ fungskommission während der Prüfung anwesend ist.
Das ist auch an jenem Tage der Fall gewesen. Die
inzwischen eine geraume Zeit verflossen ist, und bis zur erneuten Vornahme einer Prüfung wohl noch verfließen wird. Das Wissen jedes Candidaten soll allerdings deutlich erkennen lassen, daß er es sich nicht nur für den Tag der Prüfung angeeignet hat; aber es giebt doch gewisse Dinge, die nur die Prüfungsstunde zu wissen ver⸗ langt, die aber, als Ballast empfunden, meist wenige Tage nach jener abgeschüttelt zu werden pflegen oder ganz von selbst dem Gedächtniß entschwinden. Sie haben sich aber ferner, ohne die gehörige Vorbereitung zu haben, der Prüfung durch einen anderen Examinator zu unterziehen, und was das bedeutet, vermag derjenige zu beurtheilen, der sich je im Leben einer Prüfung unterzogen hat. Vor zwei Jahren bereits, im Februar 1894, hat sich ein ähnlicher Fall ereignet, als der damalige Vorsitzende der⸗ selben Kommission, der Geh. Regierungs- und Schulrath Dr. Klix, von der Prüfung heimkehrend, durch einen Schlaganfall getroffen, todt zu Boden fiel. Auch für die philosophische Doktorprüfung an unseren Universitäten dürfte es sich als eine unabweisbare Nothwendigkeit herausgestellt haben, über das Ergebniß der Prüfung der Kommission, die sich aus den Vertretern der Sonder⸗ wissenschaften der Philosophie zusammensetzt, ein schriftl iches Protokoll zu führen, zumal gleichzeitig— in Berlin im Senatssaale— mehrere Kandidaten an verschiedenen Stellen desselben Raumes geprüft werden.


