„ Ottmann, bebe! 1
Gießen, Mittwoch, den 10. Juni
che Landeszeitung
Ausgabe
Gießen.
Nedaktion:
Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
pedition: grenzpluz Nr. 4.
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Hessischer Landtag.
Darmstadt, 8. Juni.
Staatsminister Finger beantwortete heute eine In—⸗ 0 bpellation Möllinger's wegen der Weinpantschereien. Die „ isiische Regierung wird danach im Bundesrat im Sinne Handelskammer Bingen dahin wirken, daß ein gänz⸗ hot des Tresterweines und eine Beschränkung des
5 satzes auf das Erntejahr gesetzlich festgelegt werde. ie 7 der rheinhessischen Abgeordneten über die Kunst⸗ in ati waren ganz allgemein, die zur Abhilfe Anpfohlenen Mittel verschieden. Während die einen gänz⸗ hes Verbot des Kunstweins wünschen, verlangten Andere rte Besteuerung und Deklaration, jedenfalls aber alle Argische Maßregel. Osann faßte die Weinpantscherei als trug auf, Pennrich nannte sie noch schlimmer als die feblaus“, Wernher möchte die Weinpantscher gar mit Iichthaus bestrafen.— Aus der Beantwortung einer tapellation des Grafen Oriola über die Verunreinigung schbaches durch die Stadt Homburg zum Nachteil her Gemeinden geht hervor, daß es der Regierung jährigen Verhandlungen bis jetzt nicht gelungen der preußischen Regierung Erfolg zu erzielen. Da⸗ wird im Verlauf der nachfolgenden Besprechung sei⸗
8 der Interpellanten lebhaft Klage geführt. Der Staats⸗ ag zwischen Hessen und Preußen wegen Herstellung benbahn von Friedrichs dorf nach Friedberg
ch Hessen einen Beitrag von 315,600 à fond perdu l, wird genehmigt. Die vorangegangene Debatte dreht, 15 hauptsächlich um Verlegung eines Bahnhofs für Ober⸗ ach, der den hessischen Zuschuß noch erhöhen könnte. regung aus der Mitte der Kammer erklärte der unzminister Weber, daß sich die Bahn Stockheim⸗
r e Verstaatlichung der Ludwigsbahn regeln lassen werde. eines Wissens sei die Linie von preußischen Eisenbahn⸗ schirden ausgearbeitet; Pläne habe die hessische Regierunng boch noch nicht gesehen. Weiter wurde erörtert, daß an den Gemeinden nach der Verstaatlichung der Lud⸗ zigsbahn, die seither von dieser bezogenen Steuereinnahmen icht wohl entziehen könne und daß gleichzeitig mit dem berstaatlichungsvertrag eine Vorlage zu Gunsten der Ge⸗ teinden zu erwarten sei.— Die Vorlage der Regierung treffend einen vierten Nachtrag zum 1891er Nebenbahn⸗ etz, insbesondere der geplante Ersatz der seit 6 Jahren kwilligten Linie Heppenheim⸗Fürth durch die neue Strecke umpertheim⸗Weinheim führte zu einer eingehenden Be⸗ tung, die damit abschloß, daß die Vorlage als noch licht spruchreif zur nochmaligen Beratung an den Finanz⸗ uu schuß zurückverwiesen wurde.
Lokales und Provinzielles.
„Gießen, 9. Juni. Heute Vormittag wurde in ie letzte Verhandlung des diesmaligen Schwurgerichts ürgetreten. Dieselbe richtet sich gegen den Maurer agnus Merle, geboren am 2. Dezember 1849 zu Alt⸗ attendorf, wohnhaft daselbst, 13 Mal vorbestraft. Der lugeklagte wird beschuldigt, am 23. März d. J. oder um lese Zeit in der Gemarkung Eudorf durch mehrere selbst⸗
kfurt gelegentlich des Vertrags mit Preußen über
sländige Handlungen 1. eine Hütte und einen Wald, die icht sein Eigentum waren, vorsätzlich in Brand gesetzt
zu haben; 2. daß er im wiederholten Rückfalle und nach⸗ dem er als Dieb vorbestraft, einen Diebstahl begangen, indem er dem Steinhauer Heinrich Schaumburg eine An— zahl Steinhauerwerkzeuge widerrechtlich entwendet; 3. daß er vorsätzlich und rechtswidrig fremde Sachen, nämlich dem Heinrich Schaumburg gehörige behauene Sandsteine mit Vorsatz beschädigt hat. Verbrechen und Vergehen aus den§§ 308, 242, 244, 303 und 74 des R. Str.⸗G. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Zimmermann. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt Dr. Fuhr. Es sind 26 Zeugen zu vernehmen und wird sich die Verhandlung auf zwei Tage ausdehnen. Der Anklage liegt folgender Thatbestand zu Grunde. In der Gemarkung Dotzelrod, nahe der preußischen Grenze, liegt ein dem Freiherrn v. Ratsmann gehöriger Kiefernbeschag, das sogenannte Dotzelröder Wäldchen. In diesem befindet sich, demselben Besitzer gehörig, ein nicht sehr bedeutender 5—8 Meter tiefer Sandsteinbruch, an dessen Rand, an einem Rain gelegen, steht eine kleine, aus Pfosten und Brettern er⸗ richtete Hütte, welche mit Reisig und Stroh gedeckt war, welche den Steinbrucharbeitern zum Kochen ihrer Mahl⸗ zeiten und zur Aufbewahrung ihrer Arbeitsgeräte und Handwerkzeuge diente. Die Ausbeute des Sandsteinbruchs hatten 1894 der Angeklagte und der als Zeuge zu ver⸗ nehmende Heinrich Schaumburg von Schrecksbach zusammen für gemeinsame Rechnung betrieben. 1895 war der Letz⸗ tere der alleinige Pächter dieses Steinbruches, während Merle bei ihm gegen Tagelohn vor wie nach weiter arbeitete. Da, gegen Ende des Jahres 1895, löste sich auch dieses Verhältnis und an Stelle der ehemaligen Freundschaft der beiden trat nun erbitterte Feindschaft. Merle trat Anfang dieses Jahres bei seinem Bruder Georg
einrich Merle als Arbeiter ein und war bis zu seiner Verhaftung in dessen etwa 100 Meter vom Schaumburg⸗ schen Bruch entfernt gelegenen Steinbruch beschäftigt. Seit Anfang dieses Jahres führten die ehemaligen Compagnons Zivilprozesse miteinander, woran sich auf Betreiben Schaum⸗ burgs 2 Strafprozesse gegen Merle reihten. Am 24. März sollte in einem derselben vor dem Schöffengericht in Neu⸗ kirchen Hauptverhandlung stattfinden, zu welcher Schaum⸗ burg und seine 2 Arbeiter als Zeugen geladen waren. Man machte daher am Abend vorher etwas früher Feier⸗ abend, räumte alles Werkzeug und Geräte in die schon erwähnte Hütte und begab sich 20 Minuten vor 7 Uhr nach Hause. Gegend 9 Uhr desselben Abends brannte die Schaumburgsche Steinbruchshütte vollständig nieder, auch der Bodenwuchs des Raines, an dem sie stand, wurde durch Feuer vernichtet. Ebenso ergriff das Feuer die am Abhange stehenden Fichten, welche mit dem Wald direkt in Verbindung stehen und vernichtete diesen Aus⸗ läufer des Waldes. Das rasche Eingreifen mehrerer Eudorfer Knechte und anderer Personen, welche durch den Feuerschein angelockt, rechtzeitig zur Stelle waren, ver⸗ hinderte, daß das Feuer weiter um sich griff, denn sonst wäre das Dotzelröder Wäldchen ein Raub der Flammen geworden. In den Trümmern der niedergebrannten Hütte suchte man vergebens nach den Eisenteilen der darin ver⸗ wahrt gewesenen Geräte und Handwerkszeuge, so daß es unzweifelhaft blieb, daß der Brandstifter diese Werkzeuge vorher, ehe er Feuer anlegte, bei Seite geschafft haben müsse. Aber die auch in der Nähe der Brandstätte lagernden Werkstücke, welche bereits fertig behauen waren, fand man mit Hammerschlägen stark beschädigt vor. Der Angeklagte bestreitet, daß er 1895 nur Arbeiter des
Schaumburg gewesen. Er sei nur von diesem als Ar⸗ beiter angegeben, um ihn als Zeuge in einem Prozesse produzieren zu können. 1895 sei er noch Theilhaber am Gewinn des Steinbruchs gewesen. Ende des Jahres kamen die Differenzen, die durch einen Prozeß entst anden, den Schaumburg gegen seinen(des Angeklagten) Bruder Georg Heinrich Merle führte. Der Angeklagte bestreitet die ihm zur Last gelegten Strafthaten und giebt an, daß er nicht der Thäter gewesen sein kann, weil er am Tage des Brandes von 7 bis 10 Uhr Abends genau beweisen könne, daß er in Althattendorf gewesen. Er glaubt, daß Schaumburg selber das Feuer angelegt und den Verdacht auf ihn gelenkt habe, um ihn ins Unglück zu bringen. (Die Zeugen über den zu führenden Alibibeweis des An— geklagten sollen vernommen werden). Erst am nächsten Morgen nach dem Brande will der Angeklagte von dem Brande der Steinbruchhütte Kunde erhalten haben. Der Angeklagte giebt auf Vorhalt zu, gegen Schaumburg Drohungen ausgesprochen zu haben. Er hat auch, wie der Vorsitzende ihm aus den Akten vorhält, seinem eigenen Bruder einmal gedroht, er wolle ihm ein Fener anzün⸗ den, wie Althattendorf noch keins gesehen hätte. Es wird dem Angeklagten vorgehalten, daß sein Haupt⸗ entlastungszeuge, Andreas Merle, ein notorischer Trunken⸗ bold, bei verschiedenen Strafprozessen, die für den Ange⸗ klagten günstig ausfielen, von diesem immer als Ent⸗ lastungszeuge vorgeschlagen wurde. Es sei dieses doch auch höchst auffällig. Damit ist die Vernehmung des Angeklagten beendet und es tritt um 11 Uhr eine Pause ein.
* Gießen, 8. Juni. Mit der Bitte um Veröffentlichung erhalten wir folgende Zuschrift: „Die in den hiesigen Zeitungen in der Sonntags— nummer abgedruckte Notiz betr. das Schießen mittelst eines sogen. Katapults bedarf einer Richtigstellung. Es wird in jener Notiz von Beschädigungen„fertigen Materials des Kon⸗ kurrenten“ und von Gefahren gesprochen, in denen sich Passanten und angrenzende Bewohner befunden hätten. Von alledem ist gar keine Rede. Wie in jener Notiz der Ausdruck„Konkurrent“ gebraucht werden konnte, ist uns ganz unerfindlich. Selbstverständlich mißbilligt der Prinzipal des „Schützen“ die Schießerei auf das entschiedenste. Es handelt sich bei der ganzen unschuldigen Affaire, die geflissentlich aufgebauscht wurde, lediglich um eine etwas übermütige Hänselei untereinander befreundeter Kameraden. Der betr. Arbeiter schoß so in die Luft, daß das „Geschoß“ auf das Dach jener Werkstätte fallen mußte. Liefen dann die in derselben beschäftigten Arbeiter hinaus, um den Attentäter zu suchen, dann lachten sich die Arbeiter, in deren Mitte sich der Schütze befand, tüchtig aus. Darin be⸗ stand die ganze„gemeine Flegelei“, wie es in den Zeitungsnotizen lautet.
„ Gießen, 9. Juni. In der gestrigen Schwurgerichts-Verhandlung gegen Peter Naumann von Weickartshain, wurden auch die Plaidoyers hinter verschlossenen Thüren ge⸗ halten. Den Geschworenen wurden 2 Fragen
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Gerettet.
Von Jenny Piorkowsky. N(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) So wenig Frau Dornau sich mit Irmas Arran— gement einverstanden fühlte, war sie doch eine zu krteiche Mutter, um sich ernstlich deren Wünschen zu widersetzen. Sie ließ es gewähren, daß Irma ems der besten Zimmer für die Fremde herrichten leß und schaute nur bedenklich drein, als sie leobachtete, wie ihre Tochter gleich von der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft an eine ganz besondere zuneigung zu dem schönen Mädchen faßte; denn syön war die Fremde wirklich. Das mußte auch rich sich sagen, als sie, nachdem sie Manlel und put abgelegt hatte, mit Irma wieder in das dimmer trat. 5 Das knapp anschließende schwarze Kleid ließ lüre zwar kleine, aber ungemein ebenmäßige Gestalt aufs Vorteilhafteste hervortreten; kein Schleier und Hut verbargen mehr das leichtgewellte golßblonde 1 das sie im Nacken zu einem dichten Knoten 9 9 trug.
Der Abend verging unter munterem, harmlosen Woplauder. 5
Erst-gegen Mitternacht schied man von einander in Jeder suchte wohl befriedigt sein Lager auf, ein eder mit Ausnahme von Frau Dornau, die, von zem Besuch der Fremden Unheil ahnend, nichts ringlicher wünschte, als daß dieselbe sich baldigst wir denen ee
ari e sie sich geirrt. Frönlgen de Beal esche nicht am nächsten Morgen beim Frühstück; sie ließ sich durch Irmas ZJaungfer entschuldigen; sie habe sich jedenfalls auf Her Fahrt eine staxke Erkältung zugezogen, leide in⸗ solgsdessen an so hestigem Kopfweh, daß sie, weun
man ihr gestatte, vorläufig lieber das Bett hüten wolle.
Erst gegen Abend erschien sie in einem hellen Morgenkleid, das ihr ganz reizend stand.
„Was müssen Sie nur von mir denken, daß ich Ihnen Allen so zur Last falle“, wandte sie sich an Erich;„ich fühlte mich aber so elend, daß es mir unmöglich war, heute wieder abzureisen.“
„Abreisen?“ erwiderte Jener,„davon kann gar keine Rede sein; vorläufig bleiben Sie ruhig drei bis vier Tage hier, bis Nachricht von Frau von Wiederski eingetroffen ist.“
Am nächsien Morgen fühlte die junge Fremde sich wieder viel wohler, sie war lebhaft und animiert und nahm sowohl Irma wie deren Verlobten durch ihre heitere, interessante Unterhaltung mehr und mehr für sich ein.
So vergingen mehrere Tage.
Von der Abreise Fräulein de Brissal's— Sabine's, wie Irma sie jetzt zu nennen pflegte— war nicht mehr die Rede; zwar erklärte sie wieder⸗ holt, sie fühle sich wieder vollkommen wohl genug zum Reisen, doch weder Irma noch Erich mochten davon hören.
Die erwartete Antwort von Frau von Wiederski ließ auch noch immer auf sich warten.—
„Liebe Irma“, sprach Erich eines Morgens, „ich möchte Dir mein Hochzeits geschenk im Voraus geben, damit Du es auf der Baronin Lettwich Ball tragen kannst.“
Mit diesen Worten reichte er ihr den Brillant⸗ schmuck.
Irma drückte auf die Feder des Etuis, und ein Ausruf des Entzückens kam von ihren Lippen, als ihr Auge von dem Blitzen und Funkeln der Edel⸗ steine wie geblendet war.
Frau Dornau fand nicht genügend Worte der
Bewunderung; auch Sabine mußte herbei, um sich mit Irmo des kostbaren Geschenkes zu freuen.—
Die Baronin Lettwich hatte auch Fräulein de Brissal zu ihrer Gesellschaft geladen, doch trotz allem Zureden war dieselbe nicht zu bewegen, die Einladung anzunehmen, wie sie überhaupt jeder Begegnung mit Fremden ängstlich auszuweichen pflegte.
Mit ihrer Sanftmut und Liebenswürdigkeit und Beschiedenheit verband sie eine unüberwindliche Schüchternheit. Scheu wich sie jedem Zusammen⸗ treffen mit Fremden aus; sobald ein Gast im Haus sich blicken ließ, zog sie sich in ihr Zimmer zurück, ebenso wenig ließ sie sich bewegen, Irma zu dieser und jener Visite zu begleiten.
„Ich fühle mich in Gesellschaft Fremder stets verloren und unbehaglich“, entgegnete sie auf alles Zureden Irmas und Erichs;„ich weiß wohl, es ist thöricht von mir, ich sollte eine so kindische Schüchternheit zu überwinden suchen— aber ich. ich kann nicht; es war dies schon von früher Jugend her eine große Schwäche von mir.“
Infolge dessen wunderte Irma sich auch kaum über die Absicht ihrer Freundin, sich zurückziehen zu wollen, als eines Abends Erichs Freund, Sandor, zum Thee erwartet wurde⸗
Doch so ganz sollte sie einem Zusammentreffen mit dem jungen Manne nicht entgehen; obwohl sie die Thüre immer im Auge behielt und aufmerksam auf jedes Klingeln an der Hausthüre lauschte, um sich bei Zeiten zu entfernen; unversehens that die Salonthüre sich auf und der Erwartete trat in Erichs Begleitung ein, der ihm wenige Schritte vom Hause begegnet war.
„Hier bringe ich ihn Euch endlich!“ rief Erich —„o, Sie werden uns doch nicht entschlüpfen?“ wandte er sich zu Sabine, als diese hastig der Thür e
vorgelegt: Ob wissentlich falscher Eid vorliege⸗ oder ob der Angeklagte in Grünberg einen fahr⸗ lässig falschen Eid geleistet habe. Der Bürger⸗ meister Viehl⸗Rainrod verkündete den Wahr⸗ spruch auf schuldig des Meineids. Das Urteil lautete auf 2¼ Jahr Zuchthaus, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahr und Aber⸗ kennung der Qualifikation des Angeklagten vor Gericht je wieder einen Eid zu leisten. Die Staatsbehörde hatte 3 Jahr Zuchthaus beantragt. MW. Gießen, 9. Juni. Unser Schwurge⸗ richtssaal liefert heute ein eigenartiges Bild, welches einem Maler zum Vorbild dienen könnte. Der Angeklagte erscheint in der Tracht der Schwälmer Bauern und ernst blicken seine Lands⸗ leute Männer und Frauen, die als Zeugen er⸗ schienen sind und auf zwei langen Bänken den Zeugenraum füllen drein. Sie habe, um würdig vor Gericht zu erscheinen ihre Feiertagstracht angelegt.
W. Gießen, 9. Juni. Der kürzlich wegen des Verdachts der Brandstiftung in Haft ge⸗ nommene Keil soll wieder aus der Haft ent⸗ lassen und seinem Regiment nach Darmstadt zu⸗ geführt sein. An der Stelle des abgebrannten Lotzschen Hauses am Tiefenweg soll kein Haus wieder aufgebaut werden.
* Gießen, 9. Juni. In der Westanlage wurde gestern Nachmittag ein Zjähriges Kind von einem Radfahrer überfahren, glücklicher⸗ weise, ohne Verletzungen davongetragen.
Gießen, 9. Juni. Der Juni ist so recht ein Monat für Kongresse aller Art, wie man sich ihn nicht besser wünschen kann. Es tagen denn auch, wohin wir blicken, in kleinen und großen Städten, Kongresse über Kongresse; an Orten, die einen Mittelpunkt des Weltverkehrs bilden oder deren Umgebung hervorragende land⸗ wirtschaftliche Schönheiten bietet, wimmelt es förmlich davon. Die Männer der Wissenschaft und der Kunst, der Industrie und der Technik, der Landwirtschaft und des Hand werks, halten ihre Jahresversammlungen ab, debattieren und pokulieren, fassen Resolutionen und ver⸗ anstalten Festessen, entwickeln in ernsten Männer⸗ reden ihr Programm und unternehmen spaßige Ausflüge. O selig, o selig, in diesen prächtigen Junitagen„Delegirter“ zu sein! Einmal heraus⸗ ukommen aus den genau umsteckten Grenzen
es täglichen Berufslebens, aus dem öden Einerlel der häuslichen Geschäfte, der Familiensorgen, der hundertmal wiedergekäuten Stammttsch⸗ gespräche! Auf dem„Kongresse“ gehts zwar, so lange die reichlich bemessene„Tagesordnung“ heruntergehaspelt wird, nicht minder steif und würdevoll zu, wie daheim; aber man sammelt doch, bei aller Fachsimpelei, neue, erfrischende Eindrücke, man erweitert den geistigen Horizont, man lernt anregende und eigengeartete Persön⸗
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zueilte,„erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Freund vorstelle.“
Hauptmann Sandor verbeugte sich tief, Sabine neigte anmutig ihren goldblonden Kopf, dann aber noch ehe ein weiteres Wort gewechselt wurde, war sie, etwas Unverständliches murmelnd lautlos aus
dem Zimmer verschwunden.
„Wie, sagten Sie, heißt die junge Dame?“ fragte Sandor.
„Fräulein de Brissal“, antwortete Irma, u ist sie nicht reizend?“
„Gewiß, gewiß!“ sagte Jener zerstreut; ich überlege uur, woher ich sie kenne, ich habe das Gesicht schon irgendwo gesehen.“
„Wie liebenswürdig von Ihnen, sie so gastlich bei sich aufzunehmen“, meinte er, als Irma ihm von ihrer ersten Bekanntschaft erzählte.„Erscheint die junge Dame nicht wieder?— Nein?— Aber morgen bei der Baronin Lettwichs Ball werde ich sie wiedersehen? Auch nicht? o, das bedaure ich in der That.“
Sabine eilte inzwischen in ihr Zimmer und be⸗ trachtete mehrere Minuten lang ihr Spiegelbild. „Ich erkannte ihn auf den ersten Blick“, murmelte sie vor sich hin;„er wußte aber offenbar nicht, wo er meinem Gesicht schon einmal begegnet ist. Jeden⸗ falls werde ich vorsichtig sein und ein zweites Zu⸗ sammentreffen sorgfältig vermeiden.
Beruhigt lehnte sie sich in einen bequemen Arm⸗ stuhl zurück und schien bald ganz vertieft in die Lektüre eines spannenden Romans.
(Fortsetzung folgt.)


