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10.5.1896
 
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Gießen, Sonntag, den 10. Mai

1896.

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Ausgabe

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Gießen.

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Redaktion:

68 Kreuzplatz Nr. 4..

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

Expedition:

D 24 Kreuzplatz Nr. 4.

* Gießen, 9. Mai. Wie wir erfahren, stattet heute das großherzogliche Paar

dem Provinzialdirektor Freiherrn von Gagern

in strengstem Inkognito einen Besuch ab. Die Rückreise nach Darmstadt erfolgt heute Abend.

* Gießen, 9. Mai. Am 18. April wurde der Gerichtsassessor Arthur Stahl in Fried⸗ berg zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amts⸗ gericht Friedberg zugelassen; am 27. April wurde dem vormaligen Rechtsanwalt Ferdinand Eber wein in Vilbel die Zulassung zur Rechts⸗ auwaltschaft bei dem Amtsgericht Grünberg er leilt; am 28. April wurde der Rechtsanwalt Dr. Eduard Billhard in Alzey nach erfolgter Aufgabe seiner Zulassung zur Rechtsanwaltschast hei dem Amtsgericht Alzey, zur Rechtsanwalt schaft bei dem Landgericht der Provinz Rhein⸗ hessen zugelassen. g

Gießen, 9. Mai. Am 23. April wurde dem Schullehrer Heinrich Seipp zu Hattenrod, Kreis Gießen, die Lehrerstelle an der ev. Schule zu Nieder⸗Liebersbach, Kreis Heppenheim, dem Schulamtsaspiranten Heinrich Görlach aus Eberstadt, Kreis Gießen, die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Vadenrad, Kreis Alsfeld, dem Schullehrer Heinrich Reuß zu Hain⸗Gründau, kreis Büdingeu, die 2. Lehrerstelle an der Ge meindeschule in Freiensee, Kreis Schotten, dem Schulamtsaspiranten August Grünewald aus Heimertshausen, Kreis Alsfeld, eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Burg-Gemeinden, kreis Alsfeld, dem Schulamtsaspiranten Heinrich Karst aus Wöllsteiu, Kr. Alzey eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Flonheim, Kreis Alzey, dem Schullehrer Hugo Römer zu Hungen, eine Lehrerstelle an der erweiterten Volksschule daselbst, am 27. April wurden den Schulamts⸗ aspirantinnen Wilhelmine Jung, Marie Klein⸗ steuber und Mathilde Müller, sämtlich aus Darmstadt, Lehrerinnenstellen an der Volksschule zu Darmstadt übertragen. Der von der alt⸗ kathol. Synode zum Bischof gewählte bisherige Weihbischof Dr. Theodor Weber in Bonn ist ue Allerhöchster Entschließung Seiner Kön Ruben Hoheit des Großherzogs vom

31. März als solcher anerkannt und vereidigt werden.

* Gießen, 9. Mai. Aus Anlaß des morgen Sonntag stattfindenden Zuges der Schulen werden die nachbenannten Straßen und Plätze während der beigefügten Zeit für den Verkehr von Wagen, Radfahrern und Reitern polizeilich gesperrt: a. die Neustadt, die Marktstraße,

der Marktplatz, die Schulstraße, die Neuen Bäue

und der Neuenweg; von 2 bis 2% Uhr nach⸗ mittags; b. die Gartenstraße, von der Südan⸗ lage bis zur Grünbergerstraße und die Grün⸗ bergerstraße bis zum Aufgang auf den Trieb, von 2½¼ bis 3 Uhr.

* Gießen, 9. Mai. Wie wir aus der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung erfahren, ist als Kandidat der Sozialdemokraten für die bevorstehende Reichstags⸗Ersa tzwahl Redakteur Philipp Scheidemann von hier aufgestellt werden. Von freisinniger Seite soll, wie bestimmt verlautet, Rechtsanwalt Dr. Gut⸗

fleisch kandidieren wollen. Die National- liberalen haben sich uuseres Wissens noch nicht schlüssig gemacht. Der Bund der Landwirte wird mit den Deutschsozialen Hand in Hand gehen und für die Wiederwahl Köhlers wirken. Dieses Paktieren mit den großen und kapitalkräftigen Leuten in der Landwirtschaft wird den Deutschsozialen viele Stimmen aus den Reihen der Kleinbauern rauben. Und das mit Recht, denn bisher war es der Vorzug der Böckelschen Bewegung, daß sie die Kleinen und Gedrückten aufzurütteln und zusammenzuschließen versuchte gegen die Großgrundbesitzer; nunmehr folgen die Köhler und Genossen der Fahne der preußischen Junkerschaft und machen gemeinsame Sache mit den Feinden des Volkes, die sich durch Zuckerprämien und Branntwein⸗Liebesgaben auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. So unauf⸗ geklärt leider auch die Masse der Bauern heut⸗ zutage noch ist und so leicht diese zumeist sind, auf den Lockruf einzugehen, daß der Großgrund besitzer und der Kleinbauer gemeinsame Interessen alsLandwirte hätten, so wird doch gar manchem Bauer, dem die Not der Zeit die Augen geöffnet hat, die veränderte Frontstellung der Deutsch sozialen auffallen und ihn veranlassen, einer Partei den Rücken zu kehren, die sich ins Joch der preußischen Krautjunkerschaft begeben hat. Der voraussichtlich bald beginnende Wahlkampf dürfte daher manche Uederraschungen zeitigen.

Gießen, 9. Mai. Wie dieFrkf. Ztg. meldet, wird Herr Dr. Ed. David, früher Gymnastallehrer in hiesiger Stadt, von Mitte Juni ab die Redaktion der sozialdemokratischen Mainzer Volkszeitung übernehmen. Bei den bevorstehenden Landtagswahlen wird Dr. David in Mainz candidiren. Gegenwärtig besitzt das betr. Mandat der Abg. Ulrich-Offenbach.

* Gießen. 9. Mai. Im Saale des Schöffengerichts hatte sich gestern Vormittag eine vornehme Gesellschaft von Damen ein Stelldichein gegeben. Aeltere und jüngere Damen in eleganten Toiletten füllten als Zuschauer fast die beiden Zeugenbänke, welche im Schöffensaal vorhanden sind. Außerdem waren zahlreiche Juristen anwesend. Der Gerichtsdiener rief die Privatklagesache Mathießen wider Hofmann auf und Alles spitzte die Ohren. Die die Parteien vertretenden Advokaten Rechtsanwalt Grüne⸗ wald für den Kläger und Rechtsanwalt Weidig für den Beklagten nahmen ihre Plätze ein. Der Vorsitzende frägt die Vertreter der beiden Parteien, ob vielleicht in der Sache noch eine Einigung erzielt werden könne. Rechts⸗ anwalt Weidig erklärte, sein Klient sei gern bereit, da ihm die Sache leid thue und er nicht die Absicht gehabt habe, den Kläger zu beleidigen. Rechtsanwalt Grüne⸗ wald führt demgegegenüber aus: Dem Kläger, einem jungen, erst in das Leben tretenden Mann, sei vom Gegner der Vorwurf gemacht worden, er habe gebcttelt, einen Beweis könne er dafür nicht erbringen. Die angebotene Erklärung genüge nicht, man müsse mindestens verlangen, daß Landgerichtsdirektor Hofmann erkläre, daß er seine Behauptung nicht aufrecht erhalten könne. Diese Er⸗ klärung abzugeben, lehnte Rechtsanwalt Weidig Namens des Beklagten ab. Der Kläger Karl Mathießen aus Zittau, 22 Jahre alt, begründet die Anklage wie folgt: Er sei im Februar nach Gießen gekommen, um am hie⸗ sigen Gymnasium sein Abiturienten⸗-Examen zu machen. Durch ein Inserat in einem hiesigen Blatte habe er eine Wohnung gesucht. Unter mehreren Wohnungs-Offerten habe sich auch die einer Pfarrerswittwe in der Moltke⸗ straße befunden. Er habe sich diese Wohnung angesehen,

darauf habe er mit dem Geheimrat Schiller, dem Leiter des Gymnasiums verhandelt wegen seiner Aufnahme in die Austalt. Er sei am nächsten Tage wieder zu der Frau Pfarrer gegangen, habe noch ein Mal wegen der Wohnung mit derselben gesprochen und erklärte, er würde die Wohnung vielleicht mieten und am kommenden Tag Bescheid geben. Am nächsten Tage habe er der Ver⸗ mieterin eine Karte geschrieben, daß er von der Mie ung der Wohnung absehe. Er habe dann in der Löberstraße Quartier genommen und sei nach 14 Tagen, in denen er er sich vorbereitete, zum Geheimrat Schiller gegangen, um seine Aufnahme in die Oberprima des Gymnasiums weiter zu betreiben. Der Geheimrat habe ihm da er klärt er könne so ohne Weiteres nicht in die Anstalt auf⸗ genommen werden. Es seien Gerüchte über ihn im Um⸗ lauf, er habe eine Wohnung in der Moltkestraße ge⸗ mietet gehabt, sei dort auch eingezogen, habe am andern Morgen das Logis verlassen und sämtliche Schränke der Wohnung offen gelassen. Der junge Mann erzählt weiter, daß er erstaunt und sprachlos gewesen, ob dieser Anschul⸗ digung, daß ihm der Geheimrat nähere Angaben, um welche Wohnung es sich handle, gemacht und ihm, nahegelegt habe, sich von dem auf ihm ruhenden Verdacht zu reinigen. Der Kläger ist dann zu der Pfarrerswittwe in der Moltkestraße gegangen, hat dort erzählt, wie es ihm gehe und wessen man ihn zeihe und eine schriftliche Erklärung bekommen, daß an dem ganzen Gerede kein wahres Wort ist. Wohl aber sei, noch während er bei der Wittwe weilte, eine Dame ins Zimmer gekommen, die ihm sagte, sie sei die Frau Landgerichtsdirektor Hof⸗ mann und er wolle doch nicht leugnen, daß er bei ihr gebettelt habe. Der Kläger hat entschieden dagegen pro⸗ testirt. Da wurde das Hofmann'sche Dienstmädchen ihm gegenüber gestellt und auch diese bezeichnete ihn als einen Herrn von dem sie glaube, er habe sie um eine Gabe angesprochen. Der entrüstete junge Mann bat die Frau Landgerichtsdirektor mit ihrem Gemahl sprechen zu dürfen und bat diesen, doch seine Papiere einzusehen, die er ihm vorlegte, damit sich derselbe dadurch überzeuge, daß hier entschieden ein Irrthum vorliegen müsse. Aber der Herr Hoffmann erklärte, die Einsichtnahme in die Papiere abweisend:Machen Sie, daß sie aus meinem Hause kommen, Sie haben gebettelt; die Papiere haben Sie vielleicht gefunden oder gestohlen. Nach Rücksprache mit dem Bezirkskommandeur, der Kläger ist Vizefeldwebel der Reserve, hat dieser Strafantrag gestellt. Eine Gegenerklärung gab der Vertreter des Verklagten nicht ab. Gegen das Befragen des Klägers in inquisitorischer Form durch Rechtsanwalt Weidig protestirte der Vorsitzende des Gerichts als prozessual nicht zulässig. Die Beweis⸗ aufnahme ergab, daß, wie der Onkel des Klägers, Major v. Wallenfells, unter Eid deponirte, der Kläger pro Monat einen Wechsel von Mk. 100 zu seiner Verfügung habe und daß wenn derselbe gewußt hat, wenn er etwa damit nicht auskomme, der Zeuge jeden Betrag zugeschossen haben würde. Der Wirth des Hotels zum Rappen er- klärt, der Kläger habe bei ihm gewohnt, prompt bezahlt und sei reichlich mit Geld versehen gewesen. Frau Hofmann hat sich später einmal nach dem Kläger und dessen Verhältnisse erkundigt und dabei gesagt, denken sie nur, der Mensch hat bei uns gebettelt. Das Dienst⸗ mädchen der Hofmannschen Eheleute wird vor ihrer Ver nehmung vom Vorsitzenden streng gemahnt, wohl zu über⸗ legen was sie aussage. Diese Zeugin erklärt, dem Kläger gegenüber gestellt, nicht sagen zu können, daß dieser es gewesen, der am fraglichen Tage bei ihrer Dienstherrschaft die Schelle gezogen und gebettelt habe. Auf Vorlegen des Sommerüberziehers des Klägers sagt die Zeugin aus, der Ueberzieher des feinen Herrn, der gebettelt habe, sei dunkler und bräunlicher gewesen als der vorliegende. Das Dienst⸗ mädchen aus der Parterrewohnung des Hofmannschen Hauses, wo ebenfalls ein feiner Herr gebettelt haben soll, kann auch im Kläger diesen Bettler nicht erkennen. Fräulein Hofmann, die Tochter des Beklagten, will den feinen

Ein ungelöstes Rätsel. Von M. Behme. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Hotels gab es nicht in der Umgebung des Theaters, sonst hätte ich da übernachten können, in einem beliebigen Privathause der Nachbarschaft um Unterkunft für die Nacht zu bitten, erschien mir auch nicht thunlich. Ueberdies gab es noch einen Grund der es mir als nicht wünschenswert er scheinen ließ, in Nebel und Dunkel auf der Straße umherzutappen damals war ich noch ein großer Freund von wertvollen Schmucksachen, und mein Siegelring, die schwere Uhrkette mit Petschasten, die goldenen Chemisetknöpfe würden ein willkommenes Diebstahlsobjekt gebildet haben. Ratlos und un⸗ schlüssig stand ich da, als ich plötzlich eine leichtere Berührung meiner Schulter fühlte mich schnell umwendend, sah ich die große, dunkle Gestalt der Frau in Schwarz vor mir.Gewiß sind Sie in Verlegenheit, wie Sie bei dem Nebel nach Hause finden sollen, mein Herr Logennachbar von so manchem Abend, sagte sie mit einem leichten Lächeln und nicht mit unmelodischer Stimme.Sie sind fremd, nicht wahr? Wohnen Sie weit von hier? Vielleicht kann ich Ihnen die Richtung an geben. Ich nannte Namen und Straße meines Hotels.Behüte der Himmel! rief sie aus.Es

wird unmöglich sein für Sie, heute Abend dahin zurückzukommen. Es ist keine Droschke zu haben, und zu Fuß zu gehen, könnte Ihnen gefährlich werden.Aber was in aller Welt soll ich an fangen? fragte ich ratlos. Sie schwieg einen Augenblick und schien nachzudenken.Nun, sagte sie zuletzt leise und wie zu sich selbst redend,ich will es riskieren. Ich habe auch einen Sohn in fremdem Lande, mein Herr, fuhr sie lanter fort, und vielleicht ist er einmal in Verlegenheit, aus der gute Menschen ihm helfen mögen, wie ich jetzt Ihnen helfen will. Kommen Sie mit mir mein junger Freund. Ich wohne ganz nahe, nur um die Ecke. Sie können in meines Sohnes Schlafzimmer logieren und dann morgen fortgehen, so früh es Ihnen beliebt. Es lag etwas Vertrauener weckendes in dem freundlichen Ton, mit dem sie mir diesen Vorschlag machte, sodaß ich mich nicht lange besann ihn anzulehnen wenigstens hatte ich keinen Grund ihn abzunehmen. Sie nahm meinen Arm und führte mich vorwärts in der Dunkelheit fast mit derselben Sicherheit, mit der die blinde Mydia in Bulwer'sLetzte Tage von Pompeji ihren Weg fand. Der Weg er⸗ schien mir zwar viel läuger alsnur um die Ecke, endlich jedoch stand sie vor einem, wie es schien, großen Gebäude still, dessen Thür sie mit einem Schlüssel öffnete, den sie ihrer Tasche entnahm.

Wir traten in einen hell erleuchteten, geräumigen

Vorsaal die Halle, wie ihn die Engländer nennen meine Führerin schloß die Hausthür ab und führte mich dann in ein behaglich durchwärmtes freundliches Zimmer zu ebener Erde, ein Speise zimmer, wie es schien, denn in der Ecke stand ein mächtiges schön geschnitztes Büffet mit Gläsern und Tafelgeschirr, wie das übrige Meublement einfach aber gediegen. Meine Wirtin schob einen Armsessel für mich an den Kamin und bat mich freundlich es mir bequem zu machen. Möchten Sie auch vielleicht etwas zu Abend essen? fragte sie in liebenswürdiger Weisedie Köchin kann Ihnen sogleich etwas besorgen. Nicht? als ich dankend ablehnte.Nun, dann werde ich nachsehen, daß Ihr Schlafzimmer in Ordnung gebracht wird, es ist hier gerade gegenüber Sie werden müde sein. Damit ver⸗ ließ sie das Zimmer und kehrte nach einer Viertel stunde zurück mit einem langen weißen Gewande über dem Arm.Ihr Zimmer ist fertig, und hier bringe ich Ihnen ein Nachthemd meines Sohnes, sagte sie, eine Kerze anzündend, dann schritt sie mir voran über den Vorplatz in ein kleines hübsch möbliertes Schlafzimmer mit einem durch Läden verschlossenen Fenster, das, wie sie mir sagte, auf einen inneren Hofraum ging. Das Fenster stand am Feuster gegenüber der einen Wand des Zimmers und sehr einladend aus mit einer prachtvollen Kameelhaardecke und schneeweißen Bezügen. Auf

einem kleinen Tischchen, daneben stand ein dampfen⸗

Herrn, der bei den Mädchen gebettelt hat, von der Woh⸗ nung aus gesehen haben, als dieser die Senkenbergstraße einbog. Die Zeugin meint, der Herr sei blond gewesen, den Ueberzieher, den er getragen, bezeichnete diese Zeugin als heller in Farbe wie das vorliegende dem Kläger ge⸗ hörende Kleid ingsstück. Die Vernehmung der weiteren Zeugen brachte nichts Wesentliches mehr. Rechtsanwalt Grünewald führt aus: es sei nicht erwiesen der Vorwurf welcher von dem Beklagten gegen seinen Klienten erhoben, ein Vorwurf, welcher geeignet ist, diesen für sein ganzes Leben in seiner Existenz zu gefährden. Im Gegenteil, habe die Beweisg ufnahm dargethan, daß der junge Mathiessen es nicht gewesen, welcher in dem Hofmann'schen Hause gebettelt habe. Der Kläger habe alles gethan, um den Landgerichtsdirektor Hofmann zu überzeugen, daß sein Dienstmädchen sich geirrt haben müsse, wenn sie eine solche Behauptung aufstelle. Beide Angeklagte se ien schuldig der Beleidigung und er beantrage dahin zu erkennen und überlasse die auszusprechende Strafe dem Er⸗ messen des Gerichts. Rechtsanwalt Weidig führt aus, daß seine Klienten nur gesagt, was sie von ihrem Dienst⸗ mädchen wußten. Es liege hier ein ungelöstes Rätsel vor, denn nach der Beweisaufnahme könne nach seiner Meinung nur der Kläger der feine Herr gewesen sein, der gebettelt habe. Am Freitag(kommende Woche), 9 Uhr Vormittags, wird das Urteil verkündet.

* Lich, 9. Mai. Bei herrlichstem Wetter zog gestern Abend das Großherzogliche Paar in unsere Stadt ein, entusiastisch begrüßt von der Bevölkerung. Vom Oberthor wurde der Weg zum fürstlichen Schlosse zwischen den Spalier bildenden Kriegervereinen von Lich, Ober-Bessingen, Nieder-Bessingen, Birklar, Nonnenrod, Muschen⸗ heim, Hattenrod, Bettenhausen und Langsdorf den Gesangvereinen, dem Turnverein und der Freiwilligen Feuerwehr von Lich der sich die Schüler der Präparanten-Anstal und die Shul⸗ jugend der Stadt anrichte zurückgelegt. Der Fürst von Solms-Lich, umgeben von seiner ge⸗ samten Familie empfing im Portal seines Schlosses das Großherzogliche Paar auf das herzlichste. Um 8 Uhr fand in dem Prunksaal des Schlosses Hofball statt. Der Ball wurde unterbrochen, als gleich nach 9 Uhr die Bevölkerung von Lich und die Kriegervereine der Umgegend dem Groß⸗ herzoglichen Paar einen Fackelzug brachten der prächtig verlief. Heute Vormittag 11 Uhr 55 Minuten reisen das Großherzogliche Paar per Extrazug über Gelnhausen direkt nach Darm⸗ stadt zurück.

Von der Nidda, 7. Mai. Die Jagd⸗ pächter haben gute Aussichten für den Hoch⸗ sommer. Der erste Satz Hasen ist bei der günstigen Temperatur der letzten Wintermonate gut dürchgekommen. Die größten Jungen sind schon halbwüchsig. Die Feldhühner können dieses Jahr im Klee kaum nisten, da derselbe noch nicht genug deckt. So sind sie denn auf die Aecker mit Wiutergetreide angewiesen. Das ist von großem Vorteil für die Jagd, da in diesem Falle die Nester mit den ausgebrüteten Eiern nicht vermäht werden. Bis zum Fruchtsschnitt sind die Jungen schon längst ausgelaufen. Minder ergiebig als in den Vorjahren war heuer die Enten⸗ und Schnepfenjagd. Erwähnenswert ist noch, daß wir in einem Walde seit zwei Jahren Hirsche als Stammwild haben.

* Darmstadt, 9. Mai. Der diesjährige Frühjahrspferdemarkt hier findet vom 11. bis 13. Mai statt. Nach dem Tagesplan ist das des Glas Grog.Hier ist Ihr Nachthemd, sagte meine Wirtin, das genannte auf einen Stuhl legend,uud da lächelnd auf das Glas Grog deutendIhr Nachttrunk. Schlafen Sie recht wohl. Es ist ein Schloß an der Thür, wenn Sie gewohnt sind sich abzuschließen, damit ging sie. Meine erste Bewegung, nachdem ihre Schritte draußen verhallt waren, war, die Thür zu ver riegeln; daun setzte ich mich auf den nächsten Stuhl und fing an über meine eigentümliche Situation nachzudenken, denn jetzt, nachdem meine durch den Nebel und meine Verlegenheit hervorgerufene Ver wirrung einer größeren Geistesklarheit gewichen war, kam die Lage mir wirklich sehr eigentümlich vor. Wer und was war diese sonderbare Frau, die einen ihr absolut Fremden, der ebensogut ein Dieb und Mörder sein konnte, ohne Weiteres für die Nacht inihr Haus aufnahm? Was für einen Grund konnte sie haben war es wirklich nur die Menschen liebe? Es schien doch so ich kounte nicht das geringste Verdächtige in ihrem Benehmen finden, und zuletzt fing ich an, mich vor mir selbst zu schämen, daß ich einer wohlwollenden, menschen freundlichen Handlung gleich andere niedrige Mo tive unterzulegen suchte.

(Schluß folgt.)