Gießen, Dienstag, den 6. Oktober
1896.
Ausgabe
ische Jundeszeikung
Gießen.
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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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0 Expedition: N 2 Kreuzplatz Nr. 4. 5
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 5. Oktober. Den Kampf um das Reichstagsmandat hat, soweit die Stadt Gießen in Frage kommt, die freisinnige Volkspartei gestern begonnen. Die öffentliche Wählerversammlung, die sie
in Steins Saal einberufen, war sehr zahlreich besucht, daß der Raum die Erschienenen kaum fassen konnte. egen ½5 Uhr eröffnete Rechtsanwalt Metz die Ver⸗ mmlung mit Dankesworten an die Erschienenen und an en Kändidaten Prof. Dr. Stengel, der sich, nachdem er der Partei so viel schon geopfert, wiederum zur Verfügung lle und dem er hiermit das Wort erteile. Professor Stengel begann mit einem Dank an die Gegner, die
Sozialdemokraten und deutsch⸗sozialen Reformer— oder wie sich diese Partei jetzt nennen möge—, die ihn freundlich bewillkommnet hätten in den betreffenden Organen der Parteien. Er danke dafür, weil er daraus hoffe, daß der Wahlkampf in sachlicher Weise geführt werde, gleichgültig wer als Sieger schließlich hervorgehe. Er wäre, fährt Redner fort, im Wahlkreis und besonders in der Stadt
Gießen kein Fremder. Ehemals hätte er von Marburg aus, wo er für seine Ideale kein Verständnis gefunden, rege freundnachbarliche Beziehungen zu Gießen unterhalten.
Und im politischen Kampfe unserer Gegner sei er ebenfalls ein Fremder. Er hätte seiner Zeit es für seine Gewissens⸗ pflicht gehalten, dem Gründer der antisemitischen ehe⸗
maligen Volkspartei Dr. Böckel, seinem Schüler, entgegen⸗ zutreten, den er schon damals für einen kranken Mann gehalten und der heute ein toter Mann sei, wiewohl er
och das Reichstagsmandat innehabe, und den man nun getrost den Agrariern überlassen könne, die er ehemals auf Bitterste bekämpft und bei denen er jetzt Zuflucht gesucht habe. Noch tiefer sei der ehemalige Reichstags⸗ abgeordnete des Wahlkreises Pickenbach in die Ver⸗ senkung gefallen. Persönlicher Ehrgeiz habe ihn, Redner, nicht dazu getrieben, die Kandidatur zu übernehmen; aber er würde im Falle seiner Wahl gern die Universitätsstadt Gießen vertreten, in der die Geburtsstätte des berühmten Romanisten Friedrich Dietz, seines Lehrers, stehe. Die Wähler sollten nun nicht glauben, daß er als Beamter abhängig sei. Man kenne ihn in Berlin und es wäre von ihm nicht zu erwarten, daß er etwa dem preußischen Ministerialerlaß bezüglich der Beamten bei Wahlen in feiner Allgemeinheit nachleben werde. Er vertrete seine Wähler und lasse sich seine Staatsbürgerpflichten und Rechte nicht verkümmern. Als Romanist, der das Leben der romanischen Völker, besouders der Franzosen, durch meine Wohn, fahrelangen Aufenthalt im Lande kennen gelernt, wäre er
vielleicht auch im Reichstag nicht ganz überflüsssg. Nach⸗ dem Redner der Mähr entgegengetreten, daß die Profes⸗ soren nicht arbeiteten, führte er unter dem teilweisen Widerspruch der im Saale anwesenden Sozialdemokraten aus, daß bei einer Verstaatlichung für den Ein⸗ zelnen auch nicht viel herauskommen werde, so wenig die heutigen Staatsbetriebe Musterbetriebe seien. Die Frei⸗ finnigen hielten fest an der Verfassung und wollten sie ausbauen, vor Allem das geheime, gleiche, allge⸗ meine Wahlrecht erhalten. Zwar hätte die neueste Partei, 96 die Naumannianer, erklärt, daß alle alten Parteien das
Reichswahlrecht abschaffen wollten. Das gelte für die frei⸗
sinnige Volkspartei nicht und besonders für ihn, den
Redner nicht, der im Falle seiner Wahl für die Erhaltung
des Reichswahlrechts besonders eintreten werde. Außer⸗ dem trete er für die Vereinsfreiheit und gegen alle Ausnahmegesetze ein. Das Recht hätte gleich zu sein für Alle und das trenne die Freisinnigen scharf von den Antisemiten. Die Freisinnigen seien keine
Judenschützer und wollten keine Vorrechte für die
Juden haben. Wenn unter ihnen ein Schuft gefaßt
werde, dann begrüßten es die Freisinnigen mit Freuden,
0 wenn er vom Gericht scharf gepackt werde. Er verwahre
sich dagegen, daß ihnen dergleichen Subjekte, wie in diesen ö Tagen hier einer abgeurteilt werde, an die Rockschöße Auf der anderen Seite aber wollten die
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ihmacher,
gehängt werden.
Schwester Adele. Novelette von A. Schöbel. Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) g Ihr Blick richtete sich auf die gehende Wanduhr. 1 Der jüngste der Assistenten kniff mit der Zange einen Ring von der geschwollenen Linken ab. Der Stein fiel heraus. Der Reif ließ eine tiefe, blut⸗ unterlaufene Spur zurück. N 5 Die Messer und Pincetten blitzten. Nichts war hörbar als das verhaltene Atemholen der Aerzte bei ihrer Arbeit, als das Stöhnen des Operierten aus der Narkose heraus, als die geflüsterten An⸗ weisungen des Professors. „Mehrere Rippen sind gebrochen, der linke Arm ist start gequetscht—“ Und der Professor knüpfte belehrende Bemerkungen für seine Assistenten
geräuschlos
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Freisinnigen kein Ausnahmegesetz gegen die Juden haben. Ferner trete er gegen das Duellwesen ein, das er unter der allgemeinen Heiterkeit der Versammlung humo⸗ ristisch beleuchtet. Den Studenten müsse man nicht nach⸗ laufen, wenn sie auf die Mensur gingen und sich das Gesicht zerkratzen, sondern man müsse sie als dumme Jungen auslachen. Man müsse dafür sorgen, daß die Studenten wieder Ideale bekämen, während sich jetzt das Reserveofftziers wesen dort breit mache. Nachdem Redner bei dieser Gelegenheit noch die Königsberger Börsen⸗ garten⸗Affaire und den Fall Kummert kurz erwähnt, be⸗ kennt er, daß er Alles thun will, was notwendig ist für den Schutz des Vaterlandes, aber daß er gegen alle über⸗ triebenen Militär- und gegen die utopistischen Marine⸗ forderungen aufs Entschiedenste auftreten werde. Den Antisemiten dagegen wäre ja die Genehmigung der letzten Militärvorlage zu danken; sie sind umgefallen, und heute kommandiert nicht mehr Böckel, sondern der-Lieutenant a. D. Liebermann v. Sonnenberg. Die zweijährige Dienst⸗ zeit ist unter allen Umständen hoch zu halten. Zu gleicher Zeit träten die Freisinnigen für die progressive Einkommen- und Erbschaftssteuer ein und für die Konvertierung der Staatsanleihen. Darin läge eine gesunde Reform des Kapitalismus, ohne daß darin Uto⸗ pien zu finden wären. Dadurch wäre den notleiden⸗ den Bauern und Handwerkern billigere Produk⸗ tions möglichkeit geboten, was besser sei, als die Zuwendung von Liebesgaben an die Großgrundbesitzer. Die Lasten, die auf dem Mittelstand ruhten, müßten ebenfalls erleichtert werden. Die Staatshilfe an sich sei aber zu verwerfen, denn was den Einen zugewendet werde, müsse den Andern genommen werden. Das gelte nament⸗ lich von den Forderungen der Großagrarier, wie dem Antrag Kanitz, der die umgekehrte Sozialdemokratie bedeute. Den Absichten der Regierung, dem notleidenden Handwerk auf die Beine zu helfen, kann Redner keiue Sympathien entgegenbringen; von den Zwangs⸗ innungen hält er nichts, da sie nur dazu führen, daß neue Umlagen und Kosten den Handwerkern aufgebürdet werden. Man solle im Gegenteil es dem Handwerk er⸗ leichtern, sich zusammenzuschließen und gemeinsam zu produzieren und dergleichen. Wenn die Wähler am Wahl⸗ tage also ihre Stimmen abgeben, so sollten sie überlegen und ihre Pflicht thun, wie auch er, Redner, in den kommenden Wochen seine Pflicht thun werde.(Starker Beifall und Händeklatschen.)— Das Wort erhält hierauf Rechts⸗ anwalt Dr. Gutfleisch, der vor Allem in die Ver⸗ sammlung gekommen, um Verwahrung einzulegen gegen Verleumdungen, die durch die Presse gegangen seien. Er konstatiert, daß zwischen ihm und den übrigen Partei⸗ freunden, in Sonderheit dem Kandidaten Stengel, kein Zwiespalt bestehe. Redner polemisiert darin des Näheren über die heutigen unhaltbaren Regierungszustände, bel denen man niemals wisse, was der nächste Tag bringe; gegen die Interessenbestrebungen. wie sie sich im Antrag Kanitz äußerten; gegen den Bimetall is mus, der eine Unehrlichkeit sondergleichen darstelle; und gegen die Bestrebungen, mit alten Mitteln wie Zünfte c. Leiden der neuen Zeit heilen zu wollen. Die Parteizer⸗ klüftung sei heute so groß wie seiner Zeit die staatliche Scheidung vor Gründung des neuen Reiches. Danach wendet sich der Redner ausführlich gegen die Agrarier⸗ wünsche, denen noch nanche Bauern leider zum Opfer fielen. Unter allgemeinem Beifall schildert er die letzte Großgrundbesitzer⸗Versammlung im Zirkus Busch in Berlin im Februar d. J. Damals hätten sich die Agrarier un⸗ anständig im höchsten Maße benommen; von den Sozial⸗ demokraten und Freisinnigen wäre wahrscheinlich keiner auf freiem Fuße geblieben, wenn unter ihnen einmal eine solche Sprache geführt werde. Die National⸗ liberalen seien ja dem Agrariertum zum großen Teil verfallen und so lange die Herrn, die heute zum Partei⸗ tag in Berlin versammelt waren, nicht das Tischtuch zer⸗
schnitten, das sie mit den Agrariern verbinde, so lange glaube er nicht an ihre liberalen Bestrebungen. Heute
gehöre es zum guten Ton, Sozialpolitiker zu sein. Die Sozialpolitik sei aber nicht ehrlich, wenn man den Ar⸗ beitern ihr freies Koalitionsrecht verkümmern wolle. Der
Staat könne Niemand groß glücklich machen, aber für die sozialpolitische Gesetzgebung trete er wie sein Freund Stengel ein. Die politischen Fragen seien heute zum Teil gelöst, zum Teil der Lösung näher gebracht, deshalb sei es notwendig, jetzt wirtschaftlich sich zu bethätigen. Die Nationalliberalen trieben daher nur Stimmenfang, wenn sie, wie ihm als neueste Nachricht zugegangen, in Berlin wieder beschlossen hätten, auf wirtschaftlichem Ge⸗ biet jedem freie Stellung wie bisher zu lassen. Die jetzige Wahl sei ja nur eine Vorbereitung für die nächste allge⸗ meine Reichstagswahl in 1898, die nach Redners Meinung wahrscheinlich wieder unter dem Zeichen einer Militär⸗ oder Marinevorlage vor sich gehen werde. Die militärischen Fragen hätten bei den Wahlen das freie Bürgertum schwer ge⸗ schädigt. Deshalb sei für jährliche Festsetzung des Militärbudgets einzutreten, wie das bei der Mariue immer schon geschehen sei. Redner bittet hierauf noch um einige Minuten Gehör, um gegen ein Flugblatt Stellung zu nehmen, das heute Morgen, also in letzter Stunde, in Sachen der morgigen Landtagswahl an die Bürger⸗ schaft verschickt worden sei. Er widerlegt nun unter dem Beifall der Versammlung im Einzelnen die Vorwürfe, die darin dem bisherigen Abgeordneten Metz gemacht werden. Zum Schluß rügt Dr. Gutfleisch, daß bei der letzten Gewerbegerichtswahl von 586 Arbeitgebern nur 19 an der Wahlurne erschienen seien, während die Sozialdemo⸗ kraten von der Wahlpflicht durchdrungen wären. Er er⸗ suche daher die Bürgerschaft mit der Gleichgültigkeit zu brechen und die kleine Mühe des Stimmenabgebens nicht zu scheuen, damit der Wahlkreis endlich einmal wieder würdig vertreten werde und man sich draußen nicht mehr zu schämen brauche, wenn der Name Gießen politisch erwähnt werde. Nachdem Herr Eichenauer den Vorsitz übernommen, ergreift als Erster in der Debatte das Wort Redakteur Ph. Scheidemann, der Kandidat der Sozialdemokratie. Mit vielen Ausführungen beider Vorredner erklärt er sich einverstanden. Es habe ihn ge⸗ freut, daß beide Herreu so energisch gegen jene Parteien aufgetreten wären, denen man bei der bevorstehenden Wahl besonders scharf zu Leibe gehen müsse: den National⸗ liberalen und den deutsch⸗sozialen Reformern. Welche von beiden Parteien die volksfeindlichere sei, wage er nicht zu entscheiden. Vor allem solle man den Nationalliberalen nicht vergessen, daß der Unkenruf nach der Umsturzvor⸗ lage von ihnen ausging. Die Umsturzvorlage hätten die Nationalliberalen wohl dem deutschen Volke am liebsten als Ersatz für das direkte und gleiche Wahlrecht zum Reichstag ausgetauscht, das ihnen ein Dorn im Auge sei. Wem daran gelegen sei, daß an unserem Wahlrecht nicht
getastet werde, der könne einem Nationalliberalen seine Stimme nie und nimmer geben. Ebenso unzuverlässig wie die Nationalliberalen wären die antisemitschen Re⸗ former. Es sei noch in Aller Gedächtnis, daß das deutsche Volk dieser Handvoll unklaren Leute die Annahme der letzten Militärvorlage zu danken habe. Ein schmäh⸗ licherer Verrat sei wohl nie an den Wählern begangen worden als der von den Antisemiten im Jahre 1893 ver⸗ übte. Vor ihrer Wahl hätten die Antisemiten versprochen gegen die Militärvorlage stimmen zu wollen, und als sie im Reichstag saßen, stimmten sie für die Vorlage. Eine Volks partei sei das nie und nimmer, die mit den Großgrundbesitzern, den Junkern im Bunde der Land⸗ wirte, gemeinsame Sache mache. Früher sei das aller⸗ dings anders gewesen, da wurde den kleinen Bauern von Dr. Böckel und seinen Nachbetern gesagt, ihr müßt auch euch zusammenthun gegen die Großgrundbesitzer. Jetzt sitzt Dr. Böckel im Bureau des Bundes der Landwirte als besoldeter Beamter und seine Schüler machen gemein⸗ same Sache mit den Bündlern. Jetzt wird den kleinen Bauern mit einem Mal vorgeredet, ihre Interessen seien dieselben wie die der Großen. Bezeichnend sei es auch
—
thatkräftigen Mann hier an den traurigen Ort zu schleudern, unter die Messer, um vielleicht daran zu verbluten. Sie behielt die Hand des Operierten in der ihrigen, als könne sie dadurch ihren Lebens— strom zu ihm hinüberleiten. a
Der Professor richtete sich auf.„Wir sind fertig. Vielleicht bringen wir ihn durch. Beteiligen Sie sich am Verbinden, Schwester Adele.“
Noch zarter als sonst schlang sie die Binden.
„Sie sind die geborene Diakonissin“, bemerkte der Professor. f
Und dann war alles vorüber. Der Leidende wurde vorsichtig in ein ruhiges Zimmer getragen. Schwester Adele blieb bei ihm und kühlte ihm die Stirn, indem sie geduldig immer wieder die Eis⸗ blase darauf legte, die er von sich schüttelte in seiner fieberischen Rastlosigkeit.
In der zehnten Abendstunde erschien Schwester
an den Fall— alles mit halber Stimme, während
er vorsichtig arbeitete. „Wir müssen mit
setzen“, sagte Schwester
dem Chloroformieren aus⸗ Adele leise und eindringlich, während sie die Maske hob. Ihr an alle Schreck⸗ nisse erlöschenden und erloschenen Lebens gewöhnter Blick schauderte nicht zurück vor der, Totenblässe dieses jugendlichen, schmerzverzogenen Gesichts, aber ein unsagbares Mitleid krampfte ihr Herz zusammen dem Gedanken, daß ein Atemzug des Schicksals
t hatte, diesen unzweifelhaft lebensfroben und
Gertrude zur Ablösung. Draußen rauschte Früh⸗ lingsregen durch die Nacht, und rann an den Fensterscheiben nieder wie ein Strom unstillbarer Thränen.
Schwester Adele verließ ungern den Kranken. Sorgenvoll haftete ihr Blick an dem blutleeren Gesicht zwischen den Kissen, das scharfgekantet wie das eines Sterbenden erschien. Eine geheime Angst, ein Schmerz, den sie nie gefühlt, klopfte in ihrer Brust. Als sie nach mehrstündiger Pause ihren Dienst von neuen antrat, sah sie bleich und überwacht aus.
Zitternd trat sie an das Lager. Der Fall stand fast hoffnungslos, das Fieber stieg und stieg und der Kranke warf sich unruhig umher. Erst als die Sonne des dritten Tages sich hob, war die Krisis vorüber, und in der Mittagsstunde schlug der Schwerverletzte zum erstenmal die Augen auf, blaue märkische Augen. Schwester Adete erneuerte gerade das Eis auf der Stirn des Kranken. Sein Blick irrte über die kahle Decke des Zimmers, über die Wände,
erst leer und tot, dann staunend, und blieb schließlich an dem hellen jungen Gesicht, das ihm so nahe war, haften. Wie weit diegblauen Augen wurden! Ueber die abgespannten Züge glitt etwas wie Freude. Dann war der lichte Augenblick vorüber.
Aber er kehrte wieder. Häufiger und häufiger. Und einmal, es war des Nachts, versuchte der Kranle zu sprechen. Aber die junge Pflegerin wehrte ihm das mit beschwichtigendem Kopfschütteln, legte ihm die Kissen zurecht und reichte ihm Wasser. Da ergriff er mit seiner gesunden Rechten die sorgende kleine Hand und führte sie an die Lippen.
Schwester Adele erbebte. Durch ihre Seele glitt plötzlich die Erinnerung an ein altes Liebes— liedchen, das ein Zigeuner am Wege einmal gespielt, süß und klagend, damals, als sie noch bei den Herruhutern war.
Ihre Stirn erglühte. Sie war zu jung, um die routinierte Geistesgegenwart der nach jeder Richtung hin erprobten Diakanissin zu besitzen, sie
für die Reformer, daß sie auf ihrem Parteitag in Erfurt einen Antrag ablehnten, der dahin ging, daß das direkte, gleiche und geheime Wahlrecht auch für die Lan d⸗ tage eingeführt werden solle. Ebenso wenig wie man einem Nationalliberalen seine Stimme geben könne, dürfe man antisemitisch wählen. Bezeichnend aber sei es, daß 5 die freisinnige Partei, deren beide Redner vorher so trefflich das charakterlose Benehmen der Natio- nalliberalen schilderten, mit eben diesen unzuverlässigen Leuten sich schon so oft verbunden hätten, schon so oft gemeinsame Sache mit ihnen machten, wenn es galt, gegen
den Sozialdemokraten Front zu machen.
Bei den Freifinnigen sei auch ein gewaltiger Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Dort wo sie die Macht hätten, träten sie keineswegs dafür ein, daß das direkte, gleiche und geheime Wahlrecht eingeführt werde. Redner erwähnt das Verhalten der Freisinnigeu in den Stadt⸗ verordnetenversammlungen zu Berlin und Frankfurt a. M.
In Kiel haben die Freisinnigen sogar 5000 früher wahl⸗ berechtigten Männern das Wahlrecht direkt genommen, indem sie den Steuerzensus erhöhten. Viele Forderungen ö des Herrn Professor Stengel ließen die große Masse des Volkes ganz kalt. Daß Herr Stengel gegen das Duell ankämpfen will, kann dem kleinen Mann nichts nützen.
Der großen Masse des Volkes sei es egal, wenn sich ge⸗
wisse Leute ihre Strohköpfe vermöbelten. Worauf es ankomme, sei, daß dem Volke gezeigt werde, wie man
die sich duellierenden sogenannten gebildeten Rowdys
mit Festung oder Stubenarrest„bestrafe“, während man nicht studierte Leute, die sich prügeln, ins Ge⸗ fängnis stecke. Das sei Klassenjustiz, und diese wieder nur ein einzelnes Zeichen der heutigen Klassen⸗ herrschaft. Und an diesem Punkte scheide sich die Sozialdemokratie grundsätzlich von allen anderen Parteien.
Die Sozialdemokratie wolle die Klassenherrschaft beseitigen,
die ihre Ursache in der privatkapitalistischen Produktions⸗
weise habe; alle übrigen Parteien und vornehmlich die manchesterliche freisinnige Partei wolle sie erhalten. Der Kapitalismus, die Geldherrschaft, müsse gebrochen werden
und an deren Stelle der Sozialismus treten. Die Sozial⸗ demokratie wisse, daß man eine solche Umwandlung nicht von heute auf morgen möglich machen könne. Das ginge nur allmählich. Seine Partei stelle deshalb eine ganze Reihe Forderungen an die heutige Gesellschaft, die sehr wohl durchgeführt werden könnten und geeignet wären, die Vechältnisse zu bessern. Alles, was erforderlich sei, um heute eine einflußreiche Rolle im Staatsleben zu spielen, hat die besitzende Klasse monopolisiert. Und so kommt es, daß ein Volk von 50 Millionen Menschen sein gesamtes höheres Beamtenheer aus den Kreisen der oberen Zehntausend entnimmt, die kein Verständnis für das haben, was das Volk bedrückt. Heute könne nur der studieren, dessen Vater einen großen Geldbeutel habe, der talentvolle arme Teufel werde Schuster oder Schneider, Hier müsse zunächst eingesetzt werden. Die sozialdemo⸗ kratische Partei verlange deshalb Unentgeltlichkeit des Unterrichts, der Lehrmittel und der Verpflegung in den Volksschulen, sowie in allen höheren Bildungsanstalten für solche Schüler, die kraft ihrer Fähigkeiten zum Studium ö geeignet sind. Nicht der Geldsack dürfe entscheiden, ob einer studiere, sondern die Intelligenz. Heute müßten eine Masse talentvoller Leute als Handwerker oder Tag⸗ löhuer ein unbefriedigendes Dasein führen, die, wenn sie hätten studieren können, vielleicht tüchtige Gelehrte ge⸗ worden wären. Andererseits gebe es heute genug Ge⸗ lehrte, die infolge väterlichen Reichtums studierten, zweifellos aber besser gethan hätten, Schuster oder der⸗ gleichen zu werden. Redner kritisiert dann noch das Verhalten der Freisinnigen in Bezug auf die Sozialpolitik.
Alle Maßnahmen der Freisinnigen liefen darauf hinaus,
dem Großkapital zu nützen. Die freisinnige Partei ist
die Vertreterin des Handelskapitals, die national⸗ J liberale Partei ist die Vertreterin der Groß industrie
und die Reformer als Anhängsel des Bundes der Land⸗
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wirte dienen den Interessen der Agrarier. Der kleine
konnte sich nicht hineinverstehen in die Situation. Aber sie sann dem Kuß nach, den sie wie ein brennendes Mal fühlte auf ihrer Hand— sie fürchtete, daß er sich wiederholen köunte, und er⸗ sehnte es doch im geheimen Grand ihrer Seele— ersehnte es! ö
Von jenem Augenblick an war ihre heitere Ruhe dahin. Sie mußte sich zwingen an dem süßen, tröstlichen Lächeln, das sie sonst so unbefangen allen veidenden und Uuglücklichen gegeben wie eine heil⸗ same Arznei. 1
Und doch schien ihr Kranker auf dieses Lächeln zu warten, voller Ungeduld. Und allnächtlich, wen er im Halbschlummer lag, griff er nach der Haud, die ihn pflegte, um sie zu liebkosen oder zu küssen.
Und immer häufiger murmelte er den Namen „Adele“, den er don den Aerzten oder Schwester Gertrude gehört haben mochte.
Schwester Adele ging umher wie in einem ver⸗ worrenen Traume. Die Angst leuchtete ihr aus den Augen, in ihrer Brust saß eine nagende Pein und vor den Ohren klang ihr Tag und Nacht das alte süße Liebesliedchen——— 91 Immer länger wurden die Tage. Der Früh⸗ ling war gestorben; zerrissen lag sein weißes Blüten- kleid an Boden. In seiner heißern, dunklern Schönheit kam der Sommer, um mit glühendem Atem alle Rosen wach zu küssen. 1
(Fortsetzung folgt.)


