Ausgabe 
6.5.1896
 
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auf dem Gebiete der Pflanzenkost zu Tage

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da neue Leckerbissen

0 Pracht, die ihr auf den Märkten und Markthallen

hueberflusse vorhanden und harren voll Sehnsucht

etwas blaß und verschüchtert drein, und der

Hammelkoteletts schwören, dürfen sie ausnahms⸗

wann und unter welchen Umständen sie es nur 0

Gießen, Mittwoch, den 6. Mai

1896.

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Ausgabe

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Gießen.

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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die ᷑spaltige Petitzeile.

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N Expedition: 2.

Kreuzplatz Nr. 4.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 5. Mai. Unsere Feinschmecker, die um so trübseliger die Köpfe hängen lassen, je mehr der Winter sich seinem Ende zuneigt, die selbst dem Vorfrühling nicht sonderlich grün sind, können nun wieder lachen. Denn der Mai, dieser Teufelsjunge, der für Jeden eine freund⸗ liche Gabe in Bereitschaft hat, überschüttet auch sie mit sichtbaren Zeichen seiner Gunst. Er be⸗ friedigt nicht nur ihr poetisches Bedürfnis durch Blumen, er liefert ihnen auch in verschwenderischer b auf die Tafel.

ungenschnalzend begrüßen sie die ersten jungen

emüse und Früchte, und atmen erleichtert auf, weil die schreckliche Zeit der Konserven und Ein⸗ machbüchsen nun glücklich vorüber ist. Auch die Hausfrau, die den empfindlichen Gaumen des Herrn und Gebieters seit lange nicht mehr kuli⸗ narisch zu reizen vermochte, freut sich der bunten

verführerisch zulächelt. Kopfsalat, Spinat, Lauch, Rettige, Radieschen, Gurken u. s. w. sind da im der Käuferin. Das Radieschen blickt zwar noch Rettig entbehrt noch der beißenden Würze; aber das Salz ist ja billig, und wer zarte Zungen⸗ genüsse nicht zu schätzen weiß, der kann sie je nach Belieben verschärfen. Auch die Frühjahrs⸗ Morchel ist diesmal, Dank dem sonnigen März, der das Erdreich so wohlthuend durchwärmte, gar prächtig gediehen und wandert massenhaft in die Hände kunstfertiger Küchenfeen. Freilich steht manche Delikatesse, die der Mai unsern Feinschmeckern bescheert, noch hoch im Preise; besonders der Spargel, der vorläufig nur für die oberen Zehntausend, die über das nötige Kleingeld verfügen, zu haben ist. Wehmütig muß mancher Hausvater, der daheim eine zahl⸗ reiche Familie mit kargem Einkommen zu ver sorgen hat, auf die schmächtigen Stangen ver⸗ N deren schlichte Farbe die innere Güte aum ahnen läßt. Immerhin bleibt des Guten und Vortrefflichen noch genug, um den Küchen⸗ zettel, selbst bei schmalem Haushaltetat in un⸗ 5 55 Maße abwechslungsreich zu gestalten. n erster Linie werden allerdings unsere Vege⸗ tarianer dabei profitieren, die gerade jetzt einen fieberhaften Eifer entwickeln, um neue Anhänger für ihre Lehre zu erwerben. Wissen sie doch, daß keine Jahreszeit ihrem Lockruf so günstig ist, wie der wunderschöne Mai, der so viel Neues

fördert. Wir Andern, die wir zu Beefsteak und

weise, ohne Protest einzulegen, gewähren lassen; denn der Mai ist wirklich ein Vegetarier⸗Monat, wie er im Buche steht, ein Monat, der selbst rabiaten Carnivoren unter Umständen gefährlich werden kann.

* Gießen, 5. Mai. Maikäferjagd! Auf Ersuchen des Ministeriums der Finanzen, Abtei⸗

lung für Forst⸗ und Kameralverwaltung, werden die Schulvorstände des Kreises ersucht, in den⸗ jenigen Gemeinden, in denen ein Maikäfer⸗ flugjahr stattfindet, den schulpflichtigen Knaben vom 10. bis 14. Lebensjahr während der Vor⸗ mittagsstunden zu gestatten, daß sich bis 9 Uhr, so lange der Käferflug dauert also etwa drei Wochen unter Aufsicht und nach Anleitung erwachsener, von dem betreffenden Gemeinde vorstand bestimmter Personen bei dem Abschütteln, Sammeln und Vertilgen der Käfer beteiligen. Gießen, 5. Mai. Die gestrige Auffüh⸗ rung des Grillparzer'schen TrauerspielsDes Meeres und der Liebe Wellen erfreute sich eines außerordentlich zahlreichen Besuchs. Die Zuhörer spendeten der vortrefflichen Leistung des Kölner⸗Schauspiel⸗Ensembles lebhaften Bei⸗ fall. Betreffs der literarischen Bedeutung des Stückes und der hiesigen Aufführung desselben nehmen wir auf unsere Rezersion über die Auf führung in Marburg Bezug.

Gießen, 5. Mai. Universitäts⸗Musik⸗ direktor Herr Adolf Felchner wurde gestern Abend in der kleinen Aula, wo er eine Gesangs probe leitete, von einem leichten Schlaganfall getroffen und mußte mittelst Droschke in seine Wohnung befördert werden.

Gießen, 5. Mai. Unsere Kriminalpolizei machte gestern in einem Hause der Schanzen straße einen grausigen Fund. In einer Senkgrube entdeckte man die Leiche eines an⸗ scheinend neugeborenen Kindes männlichen Ge schlechts, mit durchgeschnittenem Halse. Die so⸗ fort benachrichtigte Staatsanwaltschaft leitete schleunigst die Untersuchung ein.

* Gießen, 5. Mai. Die Oberhessische Ge⸗ sellschaft für Natur und Heilkunde hält morgen Mittwoch, in der Aulau der Universität eine Sitzung ab, in welcher der Privatdozent Dr. StickerUeber die Geschichte des Keuch hustens sprechen wird.

* Gießen, 5. Mai. Unsere Stadt dehnt sich nach allen Seiten aus. Es wird den Bürgern in der Altstadt zu enge. Man verlangt jetzt mit Recht mehr Luft und Licht. Unsere Stadtverwaltung kommt diesem Begehren verständnißvoll entgegen. Im Süd⸗Westen der Stadt soll gründlichganze Arbeit gemacht werden. Durch den Ankauf der ehemals von Rabenauschen Besitzung ist die Stadt allerdings mit in erster Linie dabei interessirt, in diesem Gelände Bauquartiere zu bekommen, und so hat man denn auf dem Stadtbauamt einen vollständigen Be⸗ bauungsplan zur Einsichtnahme offen gelegt. Diesem Plan zufolge wird die alte rumpliche Hollergasse ausgebaut und zu einer einseitigen Villenstraße weitergeführt längs der Eisenbahn. Die später in dieser Straße zu erbauenden Häuser sind mit Vorgärten gedacht. Man hat die Freilassung der Seite nach dem Bahnkörper für die Hollergasse darum gewählt, um den dereinstigen Be⸗ wohnern derselben hier den wunderbaren Blick auf das Lahnthal und hinüber auf die Berge, Burgen und Wälder zu ermöglichen. Ein weiterer Straßenzug wird von der Frankfurterstraße nach dem erst vor einigen Jahren ge⸗ schaffenen Uebergang zu den Bahnhöfen angelegt. Hier wird die linke Seite desselben ebenfalls Vorgärten erhalten. Die teilweise schon bestehende Hoffmannstraße wird bis

zur Eisenbahn, also in die Hollergasse mündend, weiter⸗ geführt und sind auch hier auf beiden Seiten Häuser mit Vorgärten im Bebauungsplan in Aussicht genommen. Die Verbindungsstraße zwischen der eisernen über den Bahn⸗ körper sich spannenden Ueberführung und der Frankfurter straße, welche die Fortsetzung der Klinikstraße bildet, ist ebenfalls zur Bebauung von Gebäuden auf beiden Seiten mit Vorgärten vorgesehen, Der jetzige Fahrweg nach den Kohlensträngen ist als Straße ohne Vorgärtenanlage durch⸗ gehend bis zur Hollergasse geplant. Als letzte Verbindung zwischen Frankfurterstraße und Hollergasse wird die Ver⸗ längerung der Straße längs der Pspychiatrischen Klinik vorgenommen werden. In der Mitte der Hoffmannstraße, zwischen der Frankfurterstraße und der Hollergasse, wird eine Parallelstraße, in der Richtung nach Klein-Linden zu laufend, ausgeführt, bei welcher man auf die Anlage von Vorgärten absehen wird. Endlich soll zur vorteilhafteren Ausnutzung des Geländes für Bauzwecke zwischen der ver⸗ längerten Klinikstraße und dem jetzigen Zufahrtweg nach dem Kohlenstrange noch eine kurze Straße eingefügt werden, welche aber nur in die neue Parallelstraße, also nicht bis zur Hollergasse, durchgeführt ist. So wird denn auf der westlichen Seite des Seltersberges Raum ge⸗ schaffen für hunderte von Wohnhäuser in gesunder Lage.

Friedberg, 4. Mai. Auf Anregung des Herrn Geh. Regierungsrates Dr. Braden ergeht an die Bürgermeister und Beigeordneten des Kreises eine Einladung zur Teilnahme an einem gemeinschaftlichen Ausfluge nach dem Niederwald. Die Fahrt soll am 16. Mai über Frankfurt, Kastel, Rüdesheim und der Rückweg über Aßmannshausen, Bingen und Büdesheim erfolgen.

Seligenstadt, 3. Mai. Ein lange Ge⸗ suchter ist der Konrad Heintz II von Klein⸗ Krotzenburg, der sich auch Georg Schäfer von Kirrweiler nennt. Er wurde durch Urteil des Großh. Badischen Landgerichts Karlsruhe vom 27. August 1894 wegen mehrfachen, in wieder⸗ holtem Rückfall verübten schweren Diebstahls in eine Zuchthausstrafe von 6 Jahren verurteilt, wußte aber vor Vollzug seiner Strafe zu flüchten. Von den Gerichten in Zürich und Basel wurde er zu 9 Jahre Zuchthaus verurteilt. Beide Strafen sind noch nicht verbüßt. Der Staats⸗ anwalt in Karlsruhe erneuert den Steck- brief des seit 12 Jahren Flüchtigen. Wird jetzt wohl nichts mehr nützen.

* Darmstadt, 4. Mai. Der hessische Staats- minister Finger ist mit drei Verwaltungsräten der Hessischen Ludwigsbahn heute in der i nach Berlin ge reist.

* Offenbach a. M., 3. Mai. Der Schrift⸗ setzer Jost aus Büdingen, zuletzt in Offenbach, entfernte sich am 29. b. M., in geistesgestörtem Zustande von hier. Am Tag seines Weggangs sprang er bei Rumpenheim in den Main, wurde aber gerettet und entfernte er sich unbekleidet. Die hiesige Polizeiverwaltung bittet um Nach⸗ forschung und um Nachricht.

* Mainz, 3. Mai. In einer allgemeinen Buchdruckerversammlung, die heute Vor⸗ mittag imSchwarzen Bären stattfand, waren 180 Gehilfen erschienen. Der Vorsitzende der

örtlichen Tarifkommission, Herr Haas, referierte über die Ergebnisse eines an die Buch druckereien gerichteten Schreibens wegen Einführung des neuen in Leipzig vereinbarten Tarifs. Leider hätten, so berichtete der Referent, nicht alle Buch druckereien zustimmend geantwortet; ein Teil wolle der Einführung des neuen Tarifs erst nähertreten, wenn der gesamte Tarif durchberaten sei, während der andere Teil bereitwilligst zu⸗ gesagt habe. Vom 4. Mai ab werden demnach 98 Gehilfen nach den neuen und 102 Gehilfen nach den seitherigen Lohnsätzen arbeiten.

* Mainz, 3. Mai. In der Stadthalle tagte heute unter dem Vorsitz des Herrn Kauf⸗ mann Ludwig Buder-⸗Mainz eine Konferenz der Vorstände der Kaufleute von Mainz, Frankfurt⸗ Darmstadt, Wiesbaden und Homburg v. d. H. (Hanau und Mannheim waren entschuldigt) um über verschiedene wichtige Fragen zu beraten. Auf Antrag von Frankfurt wurde zuerst das Verbot des Detailreisens einer eingehenden Besprechung unterzogen, obwohl dieser Gegen- stand nicht auf der Tagesordnung stand. Herr Vielmetter⸗Frankfurt referierte. Es wurde be⸗ schlossen, den Reichstag zu ersuchen, den Art. 8 der Gewerbeordnungsnovelle in dritter Lesung abzulehnen. Ueber dieRegelung der Post⸗ stunden an Sonntagen entstand eine längere Diskussion. Es wurde Klage geführt, daß die Post gerade zu einer Zeit geöffnet sei, in der die Geschäfte geschlossen sein müßten. Die Reichspostverwaltung wird gebeten, den Sonn⸗ tagspostdienst in Einklang zu bringen mit den erlaubten Geschäftsstunden unter Ausschluß der Morgenstunden. Ueber die Errichtung von Schieds⸗ gerichten im Handelsgewerhe sprachen die Herrn Buder und Günther- Mainz, ferner die Herren Vielmetter und Hirschfeld⸗Fraukfurt. Herr Günther teilt mit, daß die Handelskammer Mainz sich bereits mit dieser Frage befaßt und ein Statut ausgearbeitet hat, das demnächst zur Beratung kommen soll. Eine Resolution billigt das Vorgehen der Mainzer und anderer Handels⸗ kammern in Bezug auf die Errichtung von Schiedsgerichten für Kaufleute. Herr Hirschfeld⸗ Frankfurt a. M. berichtet sodann über die Er⸗ richtung von Schiedsgerichten für die Kaufmaun⸗ schaft zur Schlichtung von Differenzen zwischen Prinzipal und Gehülfen; auch hier wird in einer Resolution die Errichtung von Schieds⸗ gerichten befürwortet, doch sollen diese nicht den gewerblichen Schiedsgerichten unterstellt sein. Schmitt⸗Darmstadt erstattet Bericht über die Errichtung eines Kaufhauses der deutschen Kolo nialgesellschaft in Berlin. Nachdem aber bekannt gegeben war, daß das Kaufhaus vorerst nicht ins Leben treten werde, sprach die Versammlung darüber ihre Genugthung aus mit der Hoffnung, daß das Projekt überhaupt nicht zu Stande kommen werde. Ueber die Offenhaltung der Schaufenster an den Sonntagen entspinnt sich ebenfalls eine längere Diskussion; es werden be⸗ sonders die Verhältnisse in Frankfurt a. M. in

Onkel Ebenso.

Von Edgar Reinhold. (Nachdruck verboten.)

Otto Will ging brummend und rauchend in seinem Zimmer auf und ab. Dichter Tabaks qualm, den er aus einer langen Pfeife sog und erregt zwischen den Zähnen hervorstieß, umhüllte seine stattliche, für einen Mann von noch nicht ganz dreißig Jahren etwas korpulente Gestalt, die rechte Hand steckte in der Tasche des Hausrocks und zer⸗ knitterte ein zierlich bekritzeltes Kärtchen und auf dem Bodenteppich lag fortgeschleudert ein aufge⸗ schlitzter kleiner Briefumschlag, der Otto's Adresse trug. Von Zeit zu Zeit ließ der zornige Qualmer ein knurrendes:So'n Blödsinn hören. Es war evident, die philosophische Behaglichkeit Otto Will's war gestört worden, ein Beweis, daß der junge Mann sich doch noch nicht, wie er gern behauptete, zu der erhabenen Weltanschauung absoluterWursch⸗ tigkeit durchgerungen hatte. Momentan wenigstens verstieß er auffallend und gröblich gegen die Grund⸗ prinzipien dieses philosophischen Systems. Die Schuld daran trug, wie immer in solchen Fällen, Otto's Nichte, Else.

Diese Nichte war eine richtige Nichte, das heißt, ein Wesen, das in seiner vorwitzigen Respektlosig keit sich in den Kopf gesetzt zu haben schien, den armen Onkel zu plagen und zu ärgern, wo, wie,

immer konnte. Sie war hübsch, diese Nichte Else, sie hatte einen reizenden Blondkopf mit leichtwelligem

Lippen und strahlenden, blauen Augen; sie war auch klug und voll drolliger Einfälle: aber was ging das Otto Will an! Weibliche Anmut konnte allerdings sein Wohlgefallen erregen, aber Else's drollige Einfälle richteten meist ihre Spitze gegen ihn, und zwar sehr oft unter Schädigung seiner Onkelwürde und Autorität. 5

Für Otto war seine Nichte eine Quelle be ständigen Aergers gewesen, seit sie das Licht der Welt erblickt hatte. Schon die Nachricht von der Geburt dieser kleinen Verwandten absteigender Linie hatte für ihn ein schmerzhaftes Begebnis zur unmittelbaren Folge gehabt. Otto war damals Quartaner und erbaute sich an den Lebensbeschrei bungen des Cornelius Nepos. Eines schönen Tages, grade als er sich morgens zum Schulgang rüstete, ward ihm das frohe Famielienereignis und sein Avancement zum Onkel kund. Freudestrahlend stürzte er fort in die Schule, riß die Thür des Klassenzimmers auf und schrie triumphirend:

Jungens, ich bin Onkel geworden!

Zwei ungeheure Ohrfeigen waren die Antwort auf die Verkündigung dieser frohen Botschaft. In seiner freudigen Erregung hatte Otto nicht bemerkt, daß dieJungens bereits in der weihevollen Andachtsstimmung der ersten Stunde dasaßen und daß der gestrenge Ordinarius schon im Klassen zimmer sich befand.

Otto hatte damals den Faust noch nicht ge lesen, sonst hätte er in jenem Augenblick schon, wie er später öfter that, des Mephistoles Worte sinn gemäß verändernd klagend ausgerufen:

Haar, ein frisches Gesichtchen mit rosigen, lächelnden

Weh Dir, daß Du ein Onkel bist.

Als Else dann bereits ihre Zähnchen hatte, und ihr Sprechanismus soweit ausgebildet war, daß sie sich geübten Ohren teilweise verständlich machen konnte, da packte Otto der Ehrgeiz, auch etwas zur Entwickelung der geistigen Fähigkeiten Else's beizu⸗ tragen und ihren Wortschatz zu bereichern. Sie sollte sagen lernen: Onkel Otto. Otto konnte sie schon ganz rein und tadellos sprechen, denn das hatte sie geübt, es war zufällig auch der Name ihres Papas. Das Onkel lernte sie auch bald, aber Onkel Otto, das brachte sie nicht heraus. Der Onkel plagte sich im Schweiße seines Angesichts.

Nun Elschen, sag einmalOnkel.

Snell

Und jetzt Onkel Otto.

Aber Elschen guckte mit ihren blauen Augen verwundert ringsum und schüttelte das Lockenköpfchen.

Sag, Elschen, wie heißt Dein Papa?

Otto, tönte es jubelnd von den herzigen Kinderlippen.

Nun siehst Du, Elschen, ich heiße ebenso. Wie heiße ich?

Onkel ebenso! lautete die prompte Antwort zum großen Gaudium der versammelten Familie. Else hatte ihren ersten Witz gemacht und ihrem Onkel einen Spitznamen angehängt, der ihn nicht mehr verließ. In der Familie bald auch in der Schule, weiterhin auf der Universität und selbst auch jetzt noch bis in die neueste Zeit hatte Otto seinen Onkel Ebenso an sich haften. Otto war wütend gewesen und er hatte einen heiligen Eidschwur ge than, sich nie mehr um dasnaseweise kleine Ding zu kümmern. Aber Else war anderer

Meinung gewesen. Sei es, daß ihr der Onkel imponierte, sei es, daß sie schon im Alter von drei Jahren imstande war wer kann die Tiefen eines weiblichen Herzens ergründen? jemandem mit Bewußtsein einen Schabernack zu spielen; wo auch immer Else ihrem Oukel begegnen mochte, im Hause ihrer Eltern oder dem der seinen, sie hing sich wie eine Klette an ihn und ließ sich durch un wirsches Wesen nicht abschrecken. Erblickte sie ihn auf der Straße, dann riß sie sich los von ihrer Begleitung, trollte ihm entgegen mit ausgebreiteten Aermchen und jauchzte:Onkel Ebenso! und die Vorübergehenden schauten sich um und lachten, und der ganze Chorus von Otto's Freunden jauchzte mitbrüllend:Onkel Ebenso!

Für Otto war jene Zeit eine Periode der per⸗ manenten Verzweiflung und es linderte seine Stim⸗ mung keineswegs, daß er von verschiedenen Familten mitgliedern, berechtigten und unberechtigten zu den letzten rechnete er insonderheit sämtliche Schwestern und Tanten eindringlich ermahnt wurde, gegen das herzige, kleine Wesen nicht so lieblos zu sein. Empörend aber fand es die ganze Familie, daß Otto, als Elschen ihm eines Abends ihr Mäulchen zum Gute nachtkuß hinhielt, sich einfach abwandte. Es galt als eine große Auszeichnung, wenn Else, die namentlich von den Tanten vielgeküßte, aus eigener Juitiative ihre Lippen darbot, und diese Ehre zu verschmähen zeugte von einem unverzeihlichen Ge fühlsmangel.

(Fortsetzung folgt.)