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unwesentlicher Rückäußerungen der Ersten Kam⸗ mer. Bemerkenswerth ist, daß die Zweite Kammer
Schluß.) Die Vernehmung des Jakob Friedrich Schwab von Rainrod ergiebt, daß er unter dem Beirat der Marie
der Angeklagte besorgt, Marie Kröll hat die Nägel dazu
hätte die Wahrheit gesagt und die Sache so wie sie war
Gießen, Freitag, den 5. Juni
1896.
Ausgabe
Gießen.
ische Landeszeitung.
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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Hessischer Landtag.
Darmstadt, 3. Juni. Die Zweite Kammer beriet heute eine Reihe
ihren dem Antrag Wasserburg zustimmenden Beschluß auf Einführung direkter Landtags⸗ wahlen nicht aufrecht erhielt, sondern ihn heute in Uebereinstimmung mit der Ersten Kammer ablehnte. Wiederholt wurde beschlossen, die Aufhebung des Weinsteuergesetzes von 1876 zu befürworten, und nochmals werden Vorarbeiten für die projektirte Bahnverbindung vom Rhein, Oppenheim gegenüber, nach Darmstadt und nach Groß⸗Gerau empfohlen.(Die Arbeiten haben inzwischen begonnen.) Da Geh. Rath Emmerling erklärte, daß die Regierung im nächsten Staats⸗ budget die Anstellung von Assistentinnen der FJabrikinspektoren vorsehen werde, sah man ab vom Beitritt zum Beschlusse der Ersten Kammer, die bekanntlich Fabrikinspektorinnen befürwortet atte, und erklärte sich mit dem Vorhaben der egierung einverstanden. Die abweichenden Be⸗ schlüsse der Ersten Kammer wegen Herab— eka des Zinsfußes der Landeskre— ikkasse riefen eine längere Berathung hervor, die damit abschloß, daß der Zinsfuß auf 3 ½ Prozent und die Amortisationsquote auf/ Prozent festgesetzt wurde. Die Regierung hatte sich um so mehr mit dieser Sache einverstanden erklärt, als sie glaubt, die Erste Kammer zur Zustimmung bewegen zu können. Die Beleihungs⸗ grenze wurde f 50 Prozent des Schätzungs⸗ werthes der zu verpfändenden Grundstücke normirt. — Die Gesetzesvorlage über die Entschädigung ür Milzbrand und Rauschbrand wird durch eitritt zu allen Beschlüssen der Ersten Kammer endgiltig erledigt. Nächste Sitzung Freitag Vormittag 9 Uhr.
Lokales und Provinzielles.
W. Gießen, 4. Juni. Schwurgerichtssitzung.
Kröll, ihres Bruders und des Angeklagten die Karten geschrieben habe. Das Anheften der Karten habe er und
gereicht. Der Zeuge deponiert weiter, daß der Angeklagte seiner Vernehmung in Schotten ihm gesagt habe, er
eingestanden. Marie Kröll von Rainrod giebt zu, beim Adressenschreiben ihren Rat erteilt zu haben. Schwab war der Hauptmann bei der Kartenschreiberei, auch Fritzges hat mit gesprochen. Sie giebt zu, daß sie die Nägel gereicht, um die Karten anzuheften. Jakob Kröll VII von
Rainrod war bei der Kartenschreibung zugegen, hat sich
aber dabei nicht beteiligt. Er schildert den Vorsall wie die Vorzeugen. Er hat im Vorverfahren gegen Schwab, wo er Mitbeschuldigter war, geleugnet, etwas zu wissen und sich erst später zum Geständnis bequemt. Gustav Seipel von Rainrod, einer derjenigen, an den die schmutzigen Karten gerichtet waren, deponiert: Der An⸗ geklagte habe ihm am 2. Januar auf sein Befragen sofort mitgeteilt, wer die Karten geschrieben und wer dabei ge— wesen ist. Seiner Meinung nach ist Fritzges ein gut⸗ mütiger Mensch. Jakob Kröll VI, der Dienstherr des Angeklagten, bekundet, daß ihm dieser, ehe er die Vor⸗ ladung erhielt, mitgeteilt habe, wer die Karten geschrieben. Dr. Ackermann ⸗Schotten hatte den Angeklagten eidlich vernommen. Er erklärt, daß der Angeklagte zuerst nichts gestehen wollte. Auf eindringlichen Vorhalt hat er ein Geständnis wegen des Schreibens der Karten gemacht. Eine Frage, wer die Karten angeheftet, hat der Amts⸗ richter nicht an Fritzges gerichtet. Ebensowenig ist dem Angeklagten bei seiner Vernehmung der Hinweis gegeben, daß er seine Aussage verweigern könne, wenn er sich durch seine Aussage etwa selbst belasten könne. Es sei dem Fritzges aber gesagt, er müsse alles sagen, was er von der Sache wisse. Der Angeklagte ist vor einem Meineid eindringlich verwarnt worden. Der Amtsrichter hat den Angeklagten auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft zuerst wegen des Verdachts des Meineides vernommen und da hat er auf Vorhalt zugestanden, daß er falsch geschworen habe und zuerst gemeint, er habe nicht daran gedacht, daß die Anheftung der Karten von Bedeutung sei und dann sei er ja danach nicht gefragt. Der Bürger⸗ meister Diel-Rainrod schildert den Angeklagten als einen ordentlichen fleißigen Dienstkuecht, der sich allerdiugs ab und zu betrinkt. Die weitere Beweisaufnahme bringt nichts Wesentliches mehr zu Tage. Der Gerichtshof be— schließt, die Zeugin Marie Kröll, den Zeugen Jakob Kröll VII und den Zeugen Schwab nicht zu vereidigen. Hiermit ist die Beweisaufnahme erschöpft.— Den Ge⸗ schworenen wurden 3 Frageu vorgelegt. Ob wissentlich falscher Eid aus§ 154 d. R.⸗Str.⸗G. vorliege, und im Falle der Bejahung dieser Frage: Ob dem Angeklagten der Milderungsgründe zuzubilligen seien. Im Fall der Verneinung der ersten Frage, ob dem Angeklagten ein falscher Eid zur Last fällt. Der Verteidiger Rechts- anwalt Katz stellt den Antrag, auf Grund der§§ 158, 163 weitere Fragen an die Geschworenen zu stellen. Der Gerichtshof zieht sich hierüber zur Beratung zurück. Nach Widereintritt in den Saal eröffnet der Vorsitzende aufs Neue die Beweiserhebung und konstatirt das Folgende aus den Akten. In Folge der zeugeneidlichen Angaben des Angeklagten vor dem Amtsgerichtshof Schotten, wurden die wegen des Vergehens wieder die Sittlichkeit Verdäch⸗ tigen, die bis dahin ebenfalls das Vergehen geleugnet, wieder verantwortlich vernommen und räumten nun die That ein. Die Akten wurden darauf von der Staatsan⸗ waltschaft der Beschluß⸗Kammer des Landgerichts Gießen übergeben mit dem Antrage, dem Anklagebeschluß zu er⸗ lassen und die Sache zur Verhandlung an das Amtsge⸗ richt Schotten zu überweisen. Das Landgericht Gießen gab aber die Akten an das Amtsgericht Schotten zurück, weil eben zwischen der Aussage des Zeugen, des jetzigen Angeklagten und den Zugeständnissen der Beschuldigten ein krasser Unterschied lag. Das Amtsgericht lud und vernahm den Fritzges und derselbe ergänzte auf Befragen des ihn vernehmenden Richters seine Aussage. Einige Tage später
erst stellte die Staatsanwaltschaft den Antrag, gegen Fritzges strafrechtlich wegen Meineid einzuschreiten. Hierauf wurden den Geschworenen folgende Fragen vorgelegt: 1. Hat der Angeklagte vor dem Amtsgericht Schotten am 14. Februar 1891 wissentlich ein falsches Zeugnis abgelegt? Für den Fall der Bejahung der Frage I: 1.„Konnte die Angabe der Wahrheit eine Verfolgung wegen eines Verbrechens oder Vergehens nach sich ziehen? Auf Antrag der Verteidigung: Hat der Angeklagte, bevor eine Anzeige gegen ihn erfolgte oder eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet und bevor ein Rechtsnachteil für einen andern aus der falschen Aussage entstanden war, diese bei derjenigen Be⸗ hörde bei der sie abgegeben war, widerrufen? Im Fall der Verneinung der Frage 1: Hat der Angeklagte, bevor eine Anzeige gegen ihn erfolgte oder eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet und bevor ein Rechtsnachteil für einen Anderen aus der falschen Aussage entstanden war, diese bei derjenigen Behörde bei der sie abgegebeu war, wider- rufen? Staatsanwalt Koch plaidirte auf Schuldig im Sinne der ersten Frage. Rechtsanwalt Katz ist im Gegensatz zum Staatsanwalt der Meinung, daß der An⸗ geklagte nie und nimmer wissentlich falsch geschworen habe. So feine juristische Unterschiede zu machen, wle der Staatsanwalt es verlange, könne man von dem einfachen Menschen, der auch etwas schwer von Begriff sei, wie mehrere Zeugen bekundet, nicht verlangen. Der Verteidiger ist der Meinung, daß sein Klient auch nicht fahrlässig falsch ge⸗ schworen habe und daß auch die Geschworenen, nachdem sie die Frage wegen Meineid verneint haben, die VI. Frage nach fahrlässigem Falscheid verneinen können. Nach eingehender Rechtsbelehrung zogen sich die Geschwo— renen zur Beratung, die eine halbe Stunde währte, zurück. Das. Ergebnis, welches als Obmann Fabrikant Otto Schäfer⸗Büdingen verkündete, war, daß die Frage wegen wissentlich falschen Eides verneint wurde. Die Geschwo⸗ renen fanden den Angeklagten des fahrlässigen falschen Eides für schuldig und verneinten die aus§ 163, Abs. 1 des R.⸗Str.⸗G. an sie gerichtete 5. Frage, durch deren Bejahung der Angeklagte straffrei hätte ausgeheu müssen. Staatsanwalt Koch beantragte hierauf, auf 9 Monate Gefängnis zu erkennen, Rechtsanwalt Katz bat um ein milderes Strafmaß. Der Gerichtshof erkannte auf 6 Mo⸗ nate Gefängnis.
W. Gießen, 4. Juni.(Schwurgerichtssitzung.) Clemens Carl Rothe von Gießen ist des Meineids an⸗ geklagt. Die Staatsbehörde wird vom Staatsanwald Koch vertreten. Die Vertheidigung führt Rechtsanwald Grünewald. Es sind 14 Zeugen zu vernehmen. Der Anklage liegt folgender Thatbestand zu Grunde. Am 10. Juni 1895, am Tage des Jugendfestes, fand im Hause der Kratzenbergerschen Wirthschaft in der Stein⸗ straße ein Streit statt, zwischen der Ehefrau Kratzenberger und der im gleichen Hause wohnenden Ehefrau Pitzer, bei welchem die Letztere sich eines Ausdrucks in Betreff des Großherzogs bediente, welcher zu einem Strafver⸗ fahren wegen Majestätsbeleidigung führte. Das Ende dieses Verfahrens war vorerst, daß die Pitzer am 10. Dezember 1895 zu 3 Monat Gefängniß verurtheilt wurde. Am 22. Januar l. J. beantragte die Verur⸗ theilte die Wiederaufnahme des rechtskräftig gewordenen Verfahrens, indem sie behauptete, einen neuen Zeugen gefunden zu haben, der ihre Unschuld bezeugen könne; sie nannte außer der Zeugin Frau Haus, den jetzigen Angeklagten Rothe als denjenigen Zeugen, welcher sie ent⸗
lasten würde. Hierauf beantragte die Strafkammer ein Mitglied des Landgerichts mit der Vornahme der Beweis⸗ aufnahme und am 6. Februar wurde der Angeklagte als Zeuge eidlich vernommen. Er bekundete, daß die Ehefrau Pitzer die ihr zur Last gelegte Majestätsbeleidigung nicht gethan habe. Auf Grund dieser Aussage wurde dem bean⸗ tragten Wiederaufnahme⸗Verfahren stattgegeben. Am 12. März l. J. kam es zur Hauptverhandlung und obzwar der damalige Zeuge Rothe vor der Strafkammer die Ange⸗ klagte Pitzer entlastete, endete auch diese Verhandlung mit der Verurteilung der Pitzer. Das erkennende Gericht schenkte den Angaben der übrigen Zeugen Glauben und bezeichnete die Aussagen des Zeugen Rothe als durchaus unglaubwürdig, ja als direkt erfunden. Nach dieser Ver⸗ handlung wurde Rothe in Haft genommen und wird er heute beschuldigt, am 6. Februar 1896 vor dem Land⸗ gerichtsrat Seeger eine wissentlich falsche Aussage unter Eid gemacht zu haben. Der Angeklagte, am 10. Juli 1872 zu Lengenfeld geboren, ist unbestraft und will sich zuletzt in Gießen als Agent ernährt haben. Er behauptete heute noch, die Wahrheit beschworen zu haben. Hätte die Frau Pitzer am 10. Juli die fragliche Aeußerung gethan, er hätte sie unbedingt hören müssen. Der An⸗ geklagte will die ganzen Vorgänge des Streites, die sich auf dem Flur des Hauses abspielten, beobachtet haben. Er will zu Anfang im 3. Stock gestanden haben, sel dann nach dem Hof gegangen und zwar als eine Pause im Streite eingetreten war. Als Rothe nun wieder zum 3. Stock hinaufgewollt und vom Hof in den Hausflur getreten gewesen, da seien die Worte gefallen, die eine Majestätsbeleidigung enthalten sollen.— Der Angeklagte will sogar in den Streit mit eingesprochen haben. Nach Beendigung der Affaire sei er in 3. Stock zur Frau Haus gegangen, um seinen Geburtsag in angenehmer Gesell⸗ schaft zu erleben. Es seien verschiedene Personen zur Frau Haus gekommen, die noch als Zeugen veruommen werden. Maurer Konrad Wachester von Alten⸗Buseck und Hch. Becker III von Gießen wollen die Majestätsbeleidigung gehört haben. Tapezier Feldhaus deponiert, nachdem er vom Vorsitzenden vor seiner Vereidigung streng zur Wahrheit ermahnt, er sei am Abend des Jugendfestes ebenfalls in der Kratzenbergerschen Wirtschaft gewesen. Auch der Pitzersche Ehemann habe dort sein Bier getrunken, da sei dessen Ehefrau in die Wirtschaft gekommen und habe vor ihren Mann einen Zahlungsbefehl hingelegt. Aus diesem Anlaß sei der Streit der Frauen Pitzer und Kratzenberger entstanden und am Schluß habe die Pitzer eine Majestätsbeleidigung ausgesprochenen, die dieser Zeuge aber anders schildert als die Vorzeugen. Auch dieser Zeuge hat den Rothe weder im Hofe noch im Hausflur gesehen. Feldhaus will, als er die Kratzenbergersche Wirt⸗ schaft verlassen, nach dem Festplatz(Oswalds Garten) gegangen sein. Es mochte etwa 9 Uhr abends gewesen sein, da sei ihm der Angeklagte an der Stadtknabeuschule begegnet. Der Angeklagte erklärt, daß dies am Tag vorher gewesen sel. Der Zeuge bleibt dabei, es war am 10. Juni am Abend des Jugendfestes zum Mittel⸗ rheinischen Turnfest.(Die Verhandlung dauert bei Schluß der Redaktion fort.)
* Mainzlar, 4. Juni. Bei dem gestrigen Gewitter schlug der Blitz an drei verschiedenen Stellen des Dorfes ein. Es waren sogenannte „kalte Schläge“, durch welche zwar die betreffen⸗
Ehrenschulden. Novelette von Berta Katscher. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Sie hat es ja so gewollt!“ brummte Bela.
„Nein, nicht sie hat es so gewollt. Ich habe zwar versprochen, das Geheimnis zu hüten, aber ich weiß, Du bist ein Ehrenmann und so erfahre denn Alles. Nicht aus Ehrgeiz, nicht aus Liebe zum Luxus hat Maresa Dich aufgegeben, nein, nur um den Namen ihres Vaters zu retten und ihre Geschwister vor Elend zu bewahren. Lange, ehe sie Dich kannte, hatte Vizes um ihre Hand angehalten, aber sie liebte ihn nicht und gab dem mächtigen Freier einen Korb, trotzdem ihre Eltern in sie drangen, das Glück nicht von sich zu weisen. In⸗ zwischen waltete Onkel Szabo weiter seines Amtes. Du weißt, wie klein das Gehalt eines Dorfnotars ist. Mir war es schon immer ein Rätsel, wie er, bei einer so zahlreichen Familie damit sein Aus⸗ kommen finden konnte. Die Lösung sollte bald an den Tag kommen— er war ein leidenschaftlicher Spieler und da er am„grünen Tisch“ nicht immer Glück hatte, vergriff er sich an den Amtsgeldern. Lange vermochte er die Geschichte zu vertuschen. Im vergangenen April jedoch erging an alle Stuhl⸗ richter und Notare die Weisung, sich zum Empfang des Obergespans bereit zu halten, der seine Revisions⸗ reise in einigen Tagen antreten werde. Da gab es kein Vertuschen mehr. Du kannst Dir die Ver⸗ zweiflung Szabo's denken. Es handelte sich für ihn um keine kleine Summe,— 3000 Gulden fehlten in seiner Kasse und fast ebenso viel aus der Waisenkasse, deren Verwalter er ist. Was war da zu thun? Schon sah er sich entehrt, seines Amtes enthoben, seine Familie in Not. Konnte er das überleben? War's da nicht besser, wenn er sich eine
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Kugel vor den Kopf jagte? Würde aber damit die Sache aus der Welt geschafft sein? Nein, nein! Wie stets, wenn er sich in bedrängter Lage befand, nahm er seine Zuflucht zu Maresa; das kluge, energische Mädchen sollte ihm raten. Doch Du hörst ja nicht zu“, unterbrach sich Gyula, der jetzt erst bemerkte, daß Bela sich mit geschlossenen Augen in seinen Fauteuil zurückgelehnt hatte.
„O doch! Und Marcsa hat sich für ihren Vater für ihre Geschwister geopfert?“ rief Bela mit vor Erregung zitternder Stimme.
„Sie hat noch mehr gethan, sie hat ihren Stolz gedemütigt und Vizes ihre Hand selber angeboten, ihm aber die volle Wahrheit gestanden. Wie schwer es ihr wurde, das weiß nur ich allein, der ich seit ihrer frühesten Kindheit ihr Vertrauen hatte. Das gute Mädchen ahnte nicht, wie sehr ich sie liebte.“—
„Hast Du es ihr denn nie gestanden?“
„Nein, ich fühlte wohl, daß ihr Herz nicht für mich schlug, wozu sollte ich ihre Seelenruhe trüben? Sie soll es auch nie erfahren. Ich bin und bleibe für sie nur ein treuer Bruder.“
„Gyula, Du bist ein Prachtjunge! Wie konnte ich ahnen, daß unter der bunten Schmetterlingshülle ein so braves, tapferes Herz schlägt! Du bist tausendmal besser als ich“, rief Bela und umarmte den Freund stürmisch.„Erzähle, erzähle weiter!“
„Ich selbst habe den Postillion d'amour gemacht In dem Brief an Vizes schilderte Marcsa offen und ehrlich die verzweifelte Lage ihres Vaters und erklärte sich bereit, seine Gattin zu werden, wenn er diesen aus seiner schrecklichen Lage befreien wolle. „Meine Liebe kann ich Ihnen zwar nicht schenken, aber ich werde mich bemühen, Ihnen eine treue ge— horsame und aufopfernde Gattin zu sein. Wenn Sie sich damit begnügen wollen, bin ich bereit,
Ihnen an dem Tage meine Hand zu reichen, an
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welchem Sie die Ehrenschuld meines Vaters be— zahlen.“
„Und jetzt ist Maresa unglücklich, sie liebt den Gatten nicht, ihr Herz ist unbefriedigt! O, warum hat sie sich nicht mir anvertraut?“ rief Bela ver— zweifelt.
„Ersteus warst Du damals noch ein armer Teufel, der gleich mir von seiner Offiziersgage leben mußte. Zweitens hattest Du ihr Deine Liebe nicht offen gestanden und dann liebte sie Dich!... Weißt Du, mein Junge, ich vermochte den Jammer dieser Frau nicht länger mit anzusehen und machte mich auf den Weg, um den Prinzen zu suchen, der sie erlösen soll, und der bist Du!“
„Aber, Gyula, ich verstehe Dich nicht!“
„Das sollst Du sofort. Maresa ist vom Regen in die Traufe gekommen. War ihr Vater ein großer Spieler, so ist ihr Gatte ein noch größerer; er vernachlässigt sie schmählich und, was noch schlimmer ist, er hat sich, durch seine Verluste am Kartentisch gereizt, zu Rohheiten hinreißen lassen.“
„O der Schuft! Weshalb trennt sich Maresa nicht von ihm?“
„Dazu ist sie zu stolz; aber Du mußt diesen Stolz brechen und deshalb eben habe ich Dich auf— gesucht. Ich weiß, daß meine Kusine Dich liebt mehr denn je. Wenn Du wieder auf dem Plan erscheinst“—
„Marcsa liebt mich! Hörst Du es, Herz und stehst nicht still? O Freund, Freund wie soll ich Dir danken?“
„Indem Du das arme Weib aus dieser Ehe befreist?“
„Aber wie, wie? Doch das wird sich schon finden. Vor allem lasse ich mein Pferd satteln und kehre mit Dir zur Stadt zurück.... Janos, Janos!“
Ein Diener erschien und blieb in militärischer Haltung vor seinem Gebieter stehen, der ihm Be—
fehle erteilte, worauf er sich entfernte. Nach kurzer Zeit kam er mit der Meldung zurück, daß die Pferde gesattelt seien. Bela hatte sich mittlerweile in seine Uniform geworfen und jetzt jagten die beiden Freunde durch die winterliche Landschaft, dem vier Stunden entfernten O... zu.
Gyula v. Szabo hatte nicht zu viel gesagt, als er Marcsa Vizes schön, stolz, leidenschaftlich und opfermutig nannte. Die„Welt“ freilich— namentlich das jarte Geschlechts O...'s— hielt sie für eine Glücksjägerin, die ihre Netze schlau nach dem Größten der Comitatsstadt ausgeworfen hatte. Aber der Neid mußte es ihr lassen, sie verstand zu repräsentieren. Woher die kleine Notarstochter nur diesen Takt, diese Würde, diese Anmut und Liebens⸗ würdigkeit hatte? Und wie lustig sie lachen, wie gut sie tanzen konute! Arme Maresa! Kein Mensch ahnte, welche Qualen sie litt, während sie Gäste empfing oder Besuche machte. Beim Lachen und Scherzen krampfte sich ihr das Herz zusammen, denn sie wußte, daß im Nebenzimmer ihr Gatte am Kartentisch saß und spielte. O, wie sie das Spiel haßte, diese Krankheit Ungarns! Wie viele Opfer fordert sie täglich und stündlich! Wie viele Existenzen werden durch sie vernichtet! Jünglinge Greise, ja selbst Frauen erliegen ihr und wen sie erfaßt, den läßt sie nimmer los. Sie nagt an Leib und Seele des Patienten, bis beide zugrunde gehen und es giebt keinen Arzt für diese Krankheit. Die besten Vorsätze, die heiligsten Eide bricht der von ihr Ergriffene; Weib und Kind, Haus und Herd vergißt er, ja sogar Ehre und Pflichtgefühl. Für ihn giebt es nur ein Paradies— den Kartentisch; wie mit Zauberkraft zieht es ihn immer an diesen, er vermag ohne die Aufregungen desselben nicht
mehr zu leben. (Schluß folgt.)


