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Gießen, Dienstag, den 5. Mai
1896.
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Ausgabe
Gießen.
adeszeitung
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Redaktion: 14 Kreuzplatz Nr. 4.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. 5 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles. * Gießen, 4. Mai. Das Krauße⸗Konzert stern Nachmittag in Steins⸗Saalbau war trotz r überaus günstigen Witterung sehr gut be⸗ 105 Herr Schwarz erfreute die Hörer durch Piston⸗Solo, während die Herren Christel und Hoffmann auf 2 Piccoloflöten„Die beiden Finken“, komponiert von Kling, zum Besten aben. Musikdirektor Krauße war genötigt, in olge des Beifalls, den seine Kapelle fand, ein⸗ zelne Märsche als Einlagen spielen zu lassen. * Gießen, 6. Mai. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag gegen 1½ brach in dem u den Tiefenweg stoßenden Nebengebäude des Kuses Neustadt 11 Feuer aus und griff so heftig um sich, daß die Bewohner desselben(2 Fami⸗ lien) sich in größter Lebensgefahr befanden. ieselben mußten teils unbekleidet durch die ster gerettet werden, da der Treppenbau in mmen stand. Die Feuerwehr war verhältnis—
5 rasch zur Stelle, allein es erforderte viel
eit und große Wassermengen, um des Feuers in dem alten Holzgebäude Herr zu werden. Schon war die Feuerwehr abgerückt, als sich das Gebälk und das Dachwerk des Hauptgebäudes infolge des starken Luftzuges wieder entzündete, und mußte dieselbe nochmals zur Brandstelle ellen. Den Umständen nach liegt Brandstiftung bor, jedoch haben die bis jetzt gemachten Er⸗
hebungen ein bestimmtes Resultat bezüglich des
andstifters nicht ergeben. Die eine Familie
t ihr Moboiliar versichert, während die Ver⸗ Kerungs Bolte der anderen am 1. April ab⸗ gelaufen war und eine Erneuerung bis jetzt 1 stattgefunden hat. Es ist mithin fraglich, ob eine Vergütung stattfinden muß.
* Gießen, 4. Mai. Jufolge des heftigen
turmes, der in den letzten Tagen wütete, mehrfache Beschädigungen an Häuser Ul.. w. vorgekommen. Auch unser alter Heiden⸗ turm hat dabei leiden müssen. In der Nacht im Samstag zum Sonntag büßte er die Wetter⸗ ne ein. Schöner ist der Heidenturm durch diese Einbuße nicht geworden.
* Bad Nauheim, 3. Mai. Die erste Kurliste ist ausgegeben worden. Bis zum 29. April sind 341 Fremde angemeldet worden. Die Zahl der Aerzte ist auf 23 gestiegen. Die Kur⸗ kapelle spielt täglich morgens von 7½—8½ Uhr an dem Kurbrunnen, nachmittags von 3 bis 6 Uhr— bis die Kurhausterrasse hergestellt ist Das Großh. Kurhaus⸗ Theater wird am Montag, den 11. Mai, unter Mitwirkung von Mitgliedern des Herzogl. Sachsen⸗ Meiningischen Hoftheaters(Direktion Hofschau⸗ spieler C. v. Maixdorff) eröffnet.
* Londorf, 3. Mai. Bei der Wahl eines Bürgermeisters erhielten der bisherige Bei⸗
eordnete Aumann 62 Stimmen, Kaufmann raun 36, Fr. Deuber 32 und Postverwalter
Kammer 6 Stimmen. Somit hat die Stich— wahl zwischen Braun und Aumann stattzu⸗ fin den.
Aus dem Kreise Alsfeld. Im vor⸗ jährigen Frühjahre wurde der Wintersamen (Raps) durch schwarze Käferchen, welche die kaum aufgegangenen Blüten zerfraßen, größten— theils vernichtet. Diese Käferchen traten in den Rapsfeldern so massenhaft auf, daß oft 3 bis 5 Stück in einer einzigen Blüte anzutreffen waren. Man nannte diese Käferchen schwarze Erdflöhe, mit denen sie jedoch nichts gemein hatten, und staunte über ihr Erscheinen, da sich niemand an ein solches Vorkommnis aus früheren Jahren erinnern konnte. Mit dem Eintritt wärmeren Wetters verschwanden die Rapsfeld⸗ zerstörer ebenso plötzlich, wie sie gekommen. Im
jetzigen Frühjahre treten diese gefährlichen Rapsfeinde wieder auf. Schon haben sie die noch in den Knospen sitzenden Blüten
des Rapses massenhaft besetzt und die zu er— wartende Rapsernte fällt wieder der Vernichtung anheim. Die kalten Reifnächte, wie wir seither einige gehabt, scheinen ihnen nicht im geringsten zu schaden, da sie nach denselben noch ebenso zahlreich zu erblicken sind. Gerade in diesem Frühjahre versprach der Wintersamen, der bei dem gelinden Winter sich vortrefflich erhalten hatte, das beste Ergebnis. Nun wird diese Hoffnung des Landwirts wieder größtenteils zu nichte gemacht. Wer zu schätzen weiß, welche Rolle das Rapsöl in einer landwirtschaftlichen Familie jahraus jahrein spielt, der kann den mit der Zerstörungsarbeit des Käfers eingetretenen Schaden ermessen. Neben ihm wird auch der Imker in Mitleidenschaft gezogen, da in hiesiger Gegend die Rapsblüte für die Bienen die Haupt⸗ tracht des Frühlings bildet.
* Neu⸗Ülrichstein, 1. Mai. Im heutigen Termine hatte die Arbeiter⸗Kolonie 46 Kolonisten, davon 11 aus dem Großherzogtum, 7 aus dem Reg. ⸗Bez. Cassel, 5 aus dem Reg.⸗ Bez. Wiesbaden. Der Beschäftigung nach waren es 24 Arbeiter, je 3 Kaufleute und Bäcker, je 2 Kürschner und Kappenmacher, Maurer, Schneider, Schuhmacher u. s. w. Die Mehrzahl, 15, war zwischen 50 und 60 Jahre alt; ledig waren 37. In Arbeit durch die Kolonie wurden 5 Personen, auf eigenen Wunsch 27 entlassen. Im Monat April zählte man 1462 Arbeitstage. Die Anstalt hat seit ihrem Bestehen 3042 Kolonisten auf⸗ genommen. 7
Aus dem Kreise Lauterbach, 30. April. Auf Anordnung des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz werden sowohl in hie⸗ sigen wie in andren Kreisen der Provinz Ober⸗ hessen Ermittlungen über die Lage der Hand⸗ weberei insbesondere der Leinen weberei im Vogelsberge angestellt. Zweck der Erhebungen ist die Frage über das Bedürfnis zur Errichtung
einer Webeschule in Lauterbach. Die Erhebungen
werden sich hauptsächlich erstrecken über die Hand⸗ weberei als Haupt⸗ wie als Nebenerwerb auf die Art der Webwaren(bessere Leinen, Gebilde, Damaste, Bettzeuge, glatte und Halbleinen, ordi⸗ näbe Weberei, Packtuch, Putzlumpen), über die Höhe des Arbeiterverdienstes im Zeit⸗ und Stück⸗ lohn, die durchschnittliche Jahresproduktion, die Dauer der Handweberei während des Jahres oder eines Teils desselben, sowie über etwaige Hilfskräfte, beschäftigte Familienangehörige und dergleichen mehr.
* Darmstadt, 3. Mai. Der Professor der Maschinenbaukunde an der Technischen Hochschule Ernst Reichel ist als Nachfolger Reuleaux an die Technische Hochschule zu Charlotten-⸗ burg berufen worden. Professor Reichel wird dem Rufe Folge leisten.
Darmstadt, 3. Mai. Prinz und Prinzessin Ludwig von Battenberg trafen gestern Nachmittag, von Malta kommend, hier ein. Sie reisen mit dem großherzoglichen Paar zu den Krönungsfeierlichkeiten nach Moskau ab.
*Darmstadt, 2. Mai. Der Gesetz⸗ gebungs-Ausschuß der 2. hessischen Kammer
hat den von der Regierung vorgelegten Gesetz⸗
entwurf, betreffend die Polizei, beraten und zur Berichterstattung dem Abgeordneten Metz⸗ Gießen übertragen. Der von demselben für die 2. Kammer erstattete Bericht wird in den nächsten Tagen dem Druck übergeben und dann zur Ver— teilung gelangen.
* Darmstadt, 3. Mai. Oberlandesgerichtsrat Pickel wurde zum Ministerialrat ernannt, Land⸗ gerichtsrat Pr. Zimmermann zum Oberlandes— gerichtsrat befördert. Staatsanwalt Dr. Buff wurde zum Landrichter, Amtsrichter Dr. Stein zum Staatsanwalt in Darmstadt ernannt.
* Darmstadt, 3. Mai. Der Kabinetts bibliothekar Dr. Hermann Sahl, früher Kabinetts⸗ sekretär der Königin von England ist gestorben.
* Offenbach a. M., 29. April. Der Vorstand des Vereins für Ferienversorgung kränk⸗ licher Offenbacher Schulkinder hilfsbedürftiger Eltern schreibt der„Offb. Ztg.“ u. a. über seine Thätigkeit im Jahre 1895: Im vorigen Jahre haben wir 244 bedürftigen Schulkindern(134 Mädchen und 110 Knaben) eine 25tägige Ferien⸗ pflege durch Milchkur gewähren können und 43 kränkliche Schulkinder(21 Mädchen und 22 Knaben) zum Gebrauch einer 3ö5tägigen Sool⸗ badkur teils in das Elisabethhaus nach Nauheim, teils in das Viktoriastift nach Kreuz⸗ nach geschickt. Außerdem hat die Stadt Offen⸗ bach 20 kränkliche Kinder(8 Knaben und 12 Mäd⸗ chen) nach Nauheim geschickt, so daß im vorigen Jahre im ganzen 63 bedürftige skropulöse Offen⸗ bacher Kinder eine Solbadkur genossen haben.
— Worms, 30. April.(In Lebensgefahr) befand sich am verflossenen Montag der 23 Jahre alte Maschinist einer hiesigen Bierbrauerei infolge Einatmung von Ammoniak. An dem Compressor war plötzlich der
Deckel geplatzt, infolgedessen der Ammoniak entströmte. Der in dem Raum beschäftigte Maschinist konnte noch auf Händen und Füßen kriechend das Freie erreichen, wo⸗ selbst er bewußtlos liegen blieb. Zufällig war ein Kollege in der Nähe, welcher veranlaßte, daß eln Arzt und sonstige Hülfe alsbald zur Stelle gerufen wurde; es wurden sofort Wiederbelel ungsversuche angestellt, welche auch von Erfolg begleitet waren, so daß der Mann bald wieder zu sich kam und sich jetzt außer Lebensgefahr befindet.
Mainz, 3. Mai. Der Verein Mainzer Kaufleute hatte vor Jahressrist sich in einer Ein⸗ gabe an das Ministerium in Darmstadt gewandt, mit dem Ersuchen, die Handhabung der Sonntagsruhe in den offenen Laden⸗ geschäften in Rheinhessen einer einheitlichen Regelung zu unterziehen. Einer Deputation des Vereins erwiderte der Minister damals in einer Audienz, daß die Regierung nicht abgeneigt sei, sie wolle jedoch vorher Erhebungen anstellen, inwieweit sich diese Regelung mit der Handhabung der 1 in den angrenzenden Nachbar⸗ staaten in Einklang bringen lasse. Das Mini⸗ sterium des Innern und der Justiz hat nunmehr laut einem vom 27. April datierten Schreiben eine Entschließung gefaßt und das Kreisamt beauftragt, die Bürgermeisterei Mainz aufzu⸗ fordern, sich mit der Handelskammer und dem Vorstand des Vereins Mainzer Kaufleute zu benehmen, inwieweit eine andere Festsetzung der Verkaufsstunden für alle oder die besonders ge⸗ schädigten Handelsgewerbe angebracht erscheine. Das Ministerium ersucht dabei, den vom Verein Mainzer Kaufleute gemachten Eventualantrag, die Verkaufsstunden unter Wegfall der Früh stunden jahraus, jahrein in die Stunden zwischen 10% und 2 Uhr zu verlegen, bei der Beratung in Erwägung zu ziehen.
Vermischtes.
Wiesbaden, 30. April. Der König von Dänemark trifft Anfang Juni zu längerem Kuraufenthalte hier ein.
— Mannheim, 30. April. Von den Bierbraue⸗ reien in Speyer ist beim hiesigen Landgericht ein Prozeß anhängig gemacht worden, der sich gegen den Direktor der Mannheimer Eichbaumbrauerei Edmund Hoffmann richtet, welchem von den Speyerer Brauereien der Vorwurf ge⸗ macht wird, daß er den Bierbrauer-Ausstand in Speyer und den Boykott über das Speyerer Bier veranlaßt habe. Die Speyerer Bierbrauereien verlangen als Schaden⸗ ersatz von Direktor Hoffmann zunächst 150 000 KA.
— Lotto um ein Mittagessen. Auf meinen Wanderungen lenkte, so erzählt ein Besucher von Paris, in einem krummen, schmutzigen Gäßchen des Faubourg St. Marceau der Anblick eines seltsam elenden Hauses meine Blicke auf sich, denn eine über der Thür stehende Aufschrift reizte meine Neugierde. Sie hieß:„Auf Gabelglück ein Mittagessen für fünf Centimes.“ Rasch eutschlossen trat ich ein, gewahrte aber weder ge⸗ deckte Tische noch sonstige Speisehaus⸗Einrichtungen. Da⸗ gegen bemerkte ich in einer Nische einen Tritt, zu dem zwei Stufen hinaufführten. Dort brodelte in einem gewal
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s' Sarners Tonele. Ein Tiroler Geschichtchen von Arthur Achleitner. (Nachdruck verboten.)
Eines der landwirtschaftlich interessantesten Thä⸗ ler Tirols ist das Sarnthal, das sich am Fuße des steil abstürzenden Felskegels, der die altberühmte Veste Runkelstein trägt, nördlich zieht und durch seine wildromantischen Partien, durch eine gigantische Schlucht, das vielbesuchte Wanderziel von Malern und Touristen geworden ist. Mühsam sucht die tosende, weitschäumende Talfer den Weg durch die Felswildnis nach Bozen, vorbei an alten Burgen und Schlössern mit ihren mittelalterlichen Erinnerungen. Alle Reize des Hochgebirges drängen sich im untern Teile des Saruthals zusammen: wildgeformte Felsen, epheuumsponnene Wände, rau⸗ schende Sturzbäche, schwindelerregende Brücken, Burgruinen, erust aufragende Türme aus grauer Vorzeit, Tobel an Tobel und daun wieder lachendes Grün üppiger Wiesen, Gotteshäuser auf Felskegeln luftig hingebaut, wildschöne Einschnitte in die Porphyrformation: die richtige Bergromantik mit
all ihrem Zauber und ihren Schrecken, wenn die Wut der Elemente entfacht ist und der südliche
Himmel seine verderbendräuenden Schleusen öffnet. Der Wanderer stößt vielfach auf alte Erinnerungen in diesem herrlichen Thal; im idyllischen Dorf Sarnthein soll Aeneas Sylvius Piccolomini, der spätere Papst Pius II., wohlbestallter Pfarrer ge⸗
Mien sein, der 1450 die dörfliche Pfründe mit der 2
itra von Siena vertauschte und acht Jahre später auf dem heiligen Stuhl zu Rom das durch die Konzilbeschlüsse zu Basel erschütterte päpstliche Au⸗ sehen wieder zu befestigen versuchte. Die Erin- nerung an den Sarner Pfarrer⸗Papst hat die Be⸗ ebenso wenig abgehalteu, im 16. Jahr⸗
hundert sich den Widertäufern anzuschließen, als die Judifizierung des Irscher Bauern, der für die neue Lehre den Tod durch das Rad erlitt. Wie der Sarner Volksmund erzählt, ist Andreas Hofer durchaus nicht in Mantua erschossen worden, er lebt vielmehr in der sogenanten Sarner Scharte und wird wiederkommen, wenn es mit Oesterreich soweit gekommen sein wird, daß der Kasser mit seinen letzten zwei Soldaten durch den Kuntersweg hereinzieht, geschlagen von Wälschen!
Die Sarner Männerwelt wird gerühmt ob ihrer Größe, Stattlichkeit und der schlagfertigen Zunge wegen. Mundfaul sind die Sarner keineswegs, das hat im Jahre 1893 eine Sarner Deputation sogar dem Kaiser zu Junsbruck gegenüber bewiesen, als die herkulischen Sendboten um einen Staats- zuschuß zum Bau der 1891 durch einen furcht— baren Wolkenbruch verwüsteten Straße baten. Der Monarch betrachtete sich die strammen Sarner wohlgefällig und riet ihnen, die Bitte schriftlich einzubringen. Der Sprecher der Deputation das hören auf den Kaiser zugehen und sagen:„Sell han i scho im Sack, Herr Koaser!“ war Eins, und ehe der überraschte Monarch noch aufgucken konnte, hatte der Sarner ihm das Bittgesuch schon urkräftig in die Hände gedrückt.
Der berühmteste Saruer ist jedoch das Tonele der Wirt am Zoll im Sarnthal, Anton Pircher von Sand, der schweigsame, originelle Alte, der seit etwa zwanzig Jahren am Zoll haust und ein Kauz sondergleichen geworden ist. Wenn jeder Tiroler Wirt es gerne sieht, daß Gäste den vor gesetzten Röthel vertilgen, je mehr desto besser, s' Tonele hält es auders. Wohl verabreicht er jeden zusprechenden Gast einen Halbliter Wein
gegen Barzahlung, doch keinen Tropfen mehr! Und
das Motiv? Der hochoriginelle Alte will jeglichem Unglück vorbeugen; nach seiner Ansicht ist der Marsch durch die Schlucht längs der wilden Falser mit unsichern Beinen und weinschwerem Kopf lebens— gefährlich, und Tonele will keine Schuld au solchem Unglück haben. Nach seiner Auffassung kann jeder wohl eine Halbe Wein„derpacken, ohne betrunken zu werden, mehr jedoch ist vom Uebel und wird unter keinen Umständen verabreicht. Möglicher— weise spielt hierin auch der Umstand, daß Toneles Weib bei Lebzeiten dem Rebensaft nicht feindlich gewesen ist.
Als wegen des Straßenbaues im Sarnthal eine Kommission von Bozen auch ins Zollwirtshaus kam und einige Beamte ziemlich herrisch vom Tonele Wein verlangten, paffte der Kauz ruhig an seinem kurzstieligen Merauer Pfeifchen weiter, verzog aber keine Miene und ließ die Herren völlig unbeachtet. J umer dringender wurde Wein und Atzung ver⸗ langt, ja dem Alten scharf befohlen, aufzutragen, was sich vorfinde in Küche und Keller. Tonele be⸗ trachtete sich den Chef der Kommission, doch rührte er sich nicht und rauchte gelassen weiter. Die Situation ward geradezu kritisch, da verfiel einer der Beamten auf den richtigen Gedanken, den Tounele um Wein und Atzung zu— ersuchen, statt zu fordern, und augenblicklich war Tonele jetzt dazu bereit. Jeder der Herren bekam seinen Halbliter Wein und eine getrocknete Wurst, nur der Chef er— hielt nichts. Wütend brauste dieser auf, drohte mit Anzeige, Konzessionsentzug und dergleichen. Tonele aber blieb steinruhig und sagte dem gestrengen Herrn gelassen ins Gesicht:„Thu', was Du magst, Du kriegst nix!“ Alles Zureden blieb vergeblich und der Kammissionschef weinlos.
Noch schöner ward die Situation indes, als die
Sarnthal kam und mit ihrer Begleitung bei Tonele um Wein und Brot vorsprach. Weil darum höflich ersucht wurde, brachte Tonele bereitwillig, doch wie immer wortkarg das Gewünschte, für die Erzher— zogin genau so einen Halbliter wie für die Hof— damen ud den begleitenden Kavalier. Der lachen⸗ den Mundes vorgebrachte Protest über das zu große Quantum hatte nicht die geringste Wirkung, Tonele erklärte im schönsten Sarner Deutsch, daß die Weibele die Halbe schon„verpacken“ würden, mehr gäbe es auf keinen Fall. Auf die Mitteilung des Hoflakaien, daß die blonde Dame die Kronprinzessin-Witwe sei, reagierte Tonele absolut nicht, dampfte aus seiner Pfeife ruhig weiter, bis die hohe Frau zu zahlen wünschte. Sie reichte dem Alten eine Fünfgulden⸗ Note mit dem Bemerken, daß er den Rest für sich behalten könne.
Gelassen, aber sehr bestimmt verweigerte Tonele die Annahme des Geldgeschenkes, berechnete die Zeche altgewohnt wie für jedermann und zählte den Rest auf den Tisch mit den Worten:„J dank für die Zech'— kauf Dir a ganzes Kload!“
Erst ob dieser Aeußerung verdutzt, lachte sowohl die hohe Frau wie ihre Begleitung herzlich über diese Mahnung des Tonele, der die ausgeschnittene Robe der hohen Frau für einen— Kleidermangel gehalten.
Die wenigen Haarbüschel auf Toneles interessantem Kopf sind völlig weiß geworden, doch der Alte ist sich gleich geblieben trotz des gewachsenen Verkehrs auf der neuen Sarnthaler Straße.
Ob er sein Prinzip der Herausgabe nur einer Halbe Wein auch in der neuen Zeit, im Zeichen des neuen Verkehrs aufrechterhalten wird?——


