Posizig. Nr. 3239 a Telephon⸗Nr. 112.
Gießen, Freitag, den 4. Dezember
andeszeitung
usgabe
Gießen.
Postztg. Nr 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion:. Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die§spaltige Petitzeile.
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
1 7 kokales und Provinzielles. Gießen, 3. Dezember. Gestern Nach⸗
ag von 2—6 Uhr fand hierselbst die Wahl r Handelskammer unter so zahlreicher teiligung statt, wie nie zuvor. Es war für ei ausgeschiedene Mitglieder der Kammer eine uwahl ausgeschrieben. Der noch junge De⸗ Alllisten⸗Verein in Gießen hatte beschlossen, aus ner Mitte ein Mitglied in die Handelskammer wählen, und handelte es sich daher beim igen Wahlgang um eine Machtprobe zwischen Aseren Großkaufleuten und den wahlberechtigten Ahabern der Detailgeschäfte. Der Detaillisten⸗ rein ging bei der Aufstellung seines Kandidaten die Handelskammer von der Erwägung aus, es für die Kammer selbst von Bedeutung müsse, in ihrer Mitte einen Detaillisten zu ben, denn erst dadurch erhalte sie die rechte fühlung mit dieser Gruppe des Handelsstandes. das Resultat der Wahl konnte gestern nicht sstgestellt werden, soviel verlautet indes, daß e konkurrierenden Kandidaten in der erhaltenen ö Flimmenzahl sich scharf gegenüberstanden, wobei 0 lerdings außer Acht geblieben ist, daß für einen Ir in Frage kommenden Kandidaten mehrere tunmzettel mit falsch geschriebenem Namen als sus gelten müssen, wenn man deren Giltigkeit erkennt. Der zum Wahlkommissar ernannte sommerzienrat Gail, welcher allerdings selbst⸗ 12 über diefe Frage entscheiden durfte, hat es abgelehnt und dem Plenum der Kammer sherlassen, hier das richtige zu treffen. In den reisen der interessierten Kaufleute ist man der einung, die ganze Wahlhandlung solle bei seser Sachlage für ungiltig erklärt werden md eine nochmalige Neuwahl stattfinden. Gießen, 3. Dezember.(Stadttheater,) hin Bericht aus Elberfeld über das Gast⸗ 4 von Käthe Basté, welche morgen hier auf⸗ tt, lautet: Erstes Gastspiel von Käthe Basté. Hestern Abend spielte Fräulein Käthe Baste zum ülsten Male vor dem Schweidnitzer Publikum. Als Antrittsrolle hatte sie den Cedric Errol in dem Schauspiel„Der kleine Lord“ von Mrs. hodgson Burnett, der amerikanischen Birch⸗ Pfeiffer, gewählt. Und in der That, vorteil- 1 hafter konnte sich Fräulein Baste wohl kaum in Schweidnitz einführen. Die Rolle eines 12jäh⸗ gen Knaben zu spielen, der lebhaft, geweckt und mit all den Jungensmanieren ausgestattet st, die ein Zeichen von geistiger und körperlicher HGesundheit sind, ist ohne Zweifel eine außer⸗ brdentlich schwere Aufgabe für eine Dame, bbrausgesetzt, daß der Junge auch ein echter und echter Junge sein soll, nicht nur eine pikante osenrolle. Und Fräulein Baste spielte einen ngen, so echt und wahr, daß man kaum noch glauben konnte, eine Dame als Vertreterin her Rolle zu sehen. Der Cedric springt auf
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die Tische, schlägt die Beine übereinander, steckt die Hände in die Hosentaschen, ganz wie es so ein Junge macht. Indessen das ist das Aeußer⸗ liche, das weniger Bedeutende; von viel größerem künstlerischem Werte ist die innere Versenkung in die Natur, in den Charakter eines Zwölf⸗ jährigen, und eben dies ist Fräulein Baste in geradezu überraschender Weise gelungen. Mit diesem ersten Gastspiel hat die Künstlerin den Beweis erbracht, daß sie thatsächlich den stolzen Titel Künstlerin mit vollem Recht führt. Ihr Spiel war geradezu entzückend. Das Publikum war tief ergriffen und manches thränende Auge verbarg sich oft hinter dem Taschentuche. Rauschender Beifall, auch bei offener Szene, dankte Fräulein Basts für ihr prächtiges Spiel.
* Gießen, 3. Dez. Gestern Vormittag wurde das Fuhrwerk eines Viehhändlers von Ettingshausen am Neuenwegerthor von der Schutzmannschaft angehalten und die aus Fleisch bestehende Ladung revidiert. Es schien den Beamten nicht alles in Ordnung und man schaffte daher das Fleisch, welches teilweise in einem Sack verpackt war, nach dem städt. Schlachthof, wo es von den Herren Schlachthofstierarzt Liebe und Professor Winkler auf seine Beschaffenheit nochmals untersucht wurde. Trotzdem der Fleischbeschauer in Ettingshausen das Fleisch für gut befunden hatte, erklärten die beiden Gießener Sachver⸗ ständigen übereinstimmend einen Teil des Fleisches für nicht ladenrein, den Rest aber überwiesen sie als gänzlich ungenießbar dem Abdecker!! Das Fleisch war, wie wir erfahren, für zwei hiesige Metzger bestimmt, die es für 20 Pfennige pro Pfund gekauft hatten. Das Quantum Fleisch, das zur Wurstfabrikation bestimmt war, bestand aus mehreren Kuhvierteln, welche total abgemagert, mit Fettschwund und Tuberkeln behaftet waren; ferner aus je einer Lunge und Leber, durchsetzt mit Schwindsuchtsknoten und Eiter höhlen. Weiter war bei dieser„Mustersendung“ ein halbes Ziegenviertel, mit ekelerregenden Geruch' behaftet, ebenso mehrere Ham⸗ mellungen und Lebern, mit Eiter⸗ beulen und Pa rasiten durchsetzt. Die nicht ladenreinen Kuhviertel sind der Freibant überwiesen worden, jedoch übernimmt die hiesige Fleischbeschau dafür, daß das für genießbar erklärte Fleisch der Gesund⸗ heit nicht schädlich sei, keinerlei Ga⸗ rantie, da bei dem Fleisch diejenigen Teile, die vornehmlich zur Feststellung des Gesund⸗ heitszustandes notwendig untersucht werden müssen, fehlten. Wie gesagt, das Fleisch war vom ländlichen Fleischbeschauer als für mensch⸗ liche Nahrung geeignet erklärt worden. Eine strafbare Handlung des abgefaßten Händ⸗
lers liegt demnach nicht vor. Dank der Auf⸗ merksamkeit unserer Polizeibehörde, sonst hätte man diese„Waare“ sraglos als Nahrungs⸗ mittel verarbeitet, und wären Menschen daran erkrankt, so hätte kein Hahn darnach ge⸗ kräht.— Dieser Fall, den wir in seiner ganzen Graßheit schildern, ist nicht der einzige der uns bekannt ist, er beweist, daß das fleischkonsumirende Publikum mit Recht verlangen kann, daß alles von außerhalb in die Stadt eingeführte Fleisch einer scharfen Controlle unterzogen werden muß. — Uebrigens wurde gestern auch eine Partie Schweinefleisch, welches ohne Gesund⸗ heitsschein bei einem hiesigen Metzger abgesetzt worden war, polizeilich zu einer Untersuchung in das Schlachthaus gebracht.
* Gießen, 3. Dez. Was ein Karussell einbringt. Aus Wiesbaden wird berichtet: „Ueber die Einkünfte der Karussellbesitzer giebt der am Donnerstag und Freitag hier stattfindende Andreasmarkt Auskunft. Bei der Vergebung der Plätze für die Karussells konkurrierten eine „Berg⸗ und Thalbahn“ und eine„Tunnelbahn“. Erstere siegte mit einem Gebot von 2050 Mark Platzmiete für die zwei Tage, die andere Kon⸗ kurrenz, die schon früher hier war, ging bis 2000 Mark. Was muß der Unternehmer nun in Wirklichkeit erst einnehmen, wenn er einen solchen Betrag im voraus nur für die Miete opfert?“— So gute Geschäfte wie in Wies⸗ baden werden die Karussellbesitzer auch nicht überall machen.
* Aus dem Vogelsberg, 2. Dez. Im vorigen Jahre wurden wegen der niedrigen Preise für fette Schweine vielfach von Privaten Schweine geschlachtet, selbst von Stadt⸗ bewohnern, die auf irgend welche Weise Ver⸗ bindung mit dem Lande hatten. Die niedrigen Fettviehpreise haben zur Zurückhaltung in der Aufzucht und Nästung gemahnt und so kommt es, daß dieses Mal die fetten Schweine ziemlich hoch im Preise stehen, so daß das Privatschlachten jetzt nicht lohnt.
„Butzbach, 3. Dezember. In das Hut⸗ geschäft der Firma Madern in Butzbach kam unlängst die Frau des David Grünebaum von Gambach und wählte einen Winterhut aus, ließ aber bei dieser Gelegenheit einen solchen, der für Fräulein Metzcher auf der „Schönen Aussicht“ bei Gambach angefertigt war, in ihren Henkelkorb verschwinden. Auf dem Heimweg begegnete ihr Fräulein Metzcher, der sie erzählte, sie habe sich in Butzbach einen neuen Winterhut„gekauft“. Fräulein Metzcher wunderte sich, daß sie mit Frau Grünebaum dieselbe Geschmacksrichtung gemein habe, denn der Hut sah genau so aus, wie der von ihr bestellte(Kein Wunder! Die Red.), zumal Frau Grünebaum vorgab, b f kauft“ zu haben, da der Madern ja nichts
in Henzels Geschäft„ge-
„Gescheit's“ habe. Fräulein Metzcher ging nun in das Geschäft von Madern, um ihren bestellten Hut in Empfang zu nehmen. Der Hut war nicht da, man suchte alle Ecken vergeblich aus. „Ei, soll ihn am End nicht Frau Grünebaum mitgenommen haben, die ist mir unterwegs be⸗ gegnet und hatte ein und denselben Hut wie den von mir bestellten, nur will sie ihn in Henzels gekauft haben.“ Sofort wurde in fragliches Geschäft geschickt und nachgefragt; es stellte sich heraus, daß das spitzbübische Weib gar nicht dort gewesen war. Nun wurde sofort bei dem Gendarm Schwarz Anzeige erhoben, welcher dann im Beisein vom Beigeordneten von Gam⸗ bach den fraglichen Hut bei Grünebaums vor⸗ fand. Als sich die Jüdin ihrer That überführt sah, eilte sie nach Butzbach und bezahlte den entwendeten 115 aber das gerichtliche Nachspiel dürfte dennoch nicht ausbleiben.
* Gedern, 2. Dezember. Die Winter⸗ saate a stehen ziemlich gut, besser als man im Angesicht des zur Herbstbestellung herrschenden feuchten Wetters erwartet hätte.— Zur Zeit wird im Vogelsberg mit dem Fällen der Christbäumchen begonnen. Die Bäumchen werden mit der Achse bis zu irgend einer Sta⸗ tion der Oberhessischen Nebenbahnen gebracht und dort in Eisenbahnwaggous nach Frankfurt verfrachtet. Durchschnittlich wird der Baum auf dem Stand mit 15 bezahlt. Sowohl aus der fiskalischen wie aus den Privatwaldungen werden Bäume an die aus Frankfurt erscheinenden Händler abgegeben. Man will auf den ge⸗ steigerten Bedarf au Christbäumen und deren durch die neu zu erbauenden Nebenbahnen er⸗ leichterten Transport bei Aufforstung von Oedungen und Hutweiden Rücksicht nehmen.— Der im Geröll bei Eichselsachsen vom Vogels⸗ berger Höhenklub angebrachte Wegweiser wurde in den letzten Tagen umgerissen und vernichtet, ferner ein großer, zwei Meter Durch⸗ messer haltender Fels block, der sich in einer kleinen Erhöhung über einem steinernen Tisch befand, auf letzteren gewälzt.(D. Z.
* Offenbach, 2. Dezember. Der Inhaber der hiesigen Mineralwasserhandlung Apotheker Wiemann wurde wegen Vergehens gegen das Nahrungsmiktelgesetz zu 20 Mark. Geldstrafe von der Strafkammer in Darmstadt verurteilt. Als strafmildernd war angenommen worden, daß Herr W. nur ein Verfahren fort⸗ setzte, das er von dem vorigen Inhaber der Firma übernommen hatte. In der Sache hatte das Offenbacher Schöffengericht auf Frei⸗ sprechung erkannt, die Verurteilung erfolgte auf Berufung des Amtsanwalts.
* Mainz, 2. Dezember. In ihrer gestrigen Sitzung beschloß die städtische Wasserver⸗ orgungs⸗Kommission nach Anhören eines schriftlichen Berichtes des zum Gutachter er⸗
Machte der Finsternis.
Roman von Helmuth Wolfhardt.
8(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Sie antwortete ihm bereitwillig, aber mit einer müden, schwermütigen Ergebung, die seltsam genug bon so jugendlichen Lippen klang; der Jüngling mochte unbewußt die Empfindung haben, daß es ihm eigentlich nicht anstehe, sein zierliches Gegen⸗ über wie ein Kind zu behandeln, und weil er sich auf den Verkehr mit jungen Damen vielleicht noch weniger verftand, so wagte er vorläufig nicht, eine weitere Frage an sie zu richten. Erst nach einer ge⸗ kaumen Weile kam ihm ein rettender Gedanke, wie das unterbrochene Gespräch fortzusetzen sein möchte. Er öffnete die kleine Touristentasche, welche über ihm auf dem Kofferbrett lag, und bot seinem jungen Schützling ein appetitlich aussehendes Brödchen an. Diesmal aber mußte er zu seinem Bedauern eine bestimmte Ablehnung erfahren..
0„Ich bin nicht hungrig“, erklärte die Kleine, „mir ist nur kalt— sehr kalt! Ich glaube dies ist ein Land, in welchem man nicht lange leben kann.“
„Etwas rauh ist es freilich“, versuchte er zu krösten,„aber daran gewöhnt man sich bald, und een hat es doch auch seine Vorzüge.“ 1. „Nein! es hat keine Berge und Alles ist so 3 grau und so öde. Aber die Tante sagt, da, wohin wir kommen, sei es noch viel schlimmer! Da werde ich gewiß sterben!“ 3 5 U 5 0 0 0 Du denn nicht wieder in Deine Heimat Zaurückkehren?“ 5 5 „Ich habe Niemand, zu dem ich gehen könnte,
seitbem meine liebe Mutter gestorben it. Ich sollte
in das Waisenhaus gebracht werden, als die Tante
kam, um mich zu holen.“ 5 „„Du hast also keine Eltern mehr und auch keine Geeschwister?“
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Die Kleine machte eine verneinende Bewegung und preßte die feinen Lippen zusammen, wie wenn sie ein Schluchzen nicht laut werden lassen wollte, das ihr die Kehle zusammenschnürte.
„Auch ich habe meine Mutter längst verloren und bin fast immer unter fremden Leuten gewesen“, fuhr der Knabe eifrig fort.„Ich weiß wohl, daß es einem da sehr schlecht gehen kann. Aber Du kommst ja nicht unter Fremde, und Du wirst es gewiß gut haben bei Deiner Tante.“ 8 5
Das Mädchen warf einen scheuen Seitenblick auf die harten Züge der schlafenden Frau und schüttelte trübe das Köpfchen. i
„Ich fürchte mich vor ihr“, sagte es leise. „Und so gut wie meine Mutter kann überhaupt Niemand sein.“ 4 15
Das war eine Behauptung, gegen die ein Wider⸗ spruch nicht wohl möglich war. Aber der Jüngling hatte das dringende Bedürfnis, etwas Tröstliches zu erwidern, und so sagte er, sich ein wenig vorneigend, mit gedämpfter Stimme: 5 a a
„Wenn es gar zu arg wird, mußt Du fort⸗ laufen! Ich bin schon oft fortgelanfen, und eigentlich befinde ich mich jetzt auch auf der Flucht.“ 5
Die Wirkung seiner vertraulichen Mitteilung entsprach nicht ganz seinen Erwartungen. Die Kleine betrachtete ihn beinahe ängstlich und schmiegte sich noch tiefer in ihre unbequeme Ecke.
„Nein, das werde ich nicht thun“, erklärte sie bestimmt,„denn das wäre gewiß ein großes Un⸗ recht. Und wohin sollte ich auch gehen, da ich doch Niemand habe, der mich bei sich aufnehmen würde.“
„Im schlimmsten Falle könntest Du getrost zu uns kommen. Ich würde schon dafür sorgen, daß mein Vater Dir nicht die Thüre wiese. Merke Dir nur den Namen des Packmeisters Stephan Milow in Rothhaide, und den meinigen: ich heiße Bern⸗
hard Milow.“
Aber sie antwortete ihm nur durch dieselbe ver⸗ neinende Geberde. Er hatte durch seine Auffor⸗ derung offenbar sehr viel von dem Vertrauen ein⸗ gebüßt, das sie ihm anfänglich entgegengebracht. Wieder blickten sie lange Zeit schweigend auf die vorüberhuschenden Telegraphenstangen, bis Bernhard zögernd fragte:
„Willst Du mir nicht auch Deinen Namen nennen?“
„Ja“, sagte sie, ohne ihn anzusehen,„ich heiße Elisabeth Hemmen.—“
Er konnte das Wort nicht mehr verstehen, das sie da aussprach, denn ein furchtbares Rasseln, Knirschen und Krachen verschlang, zu donnerndem Getöse vereint, jeden schwachen Laut aus mensch⸗ lichen Munde. Der Wagen erhielt einen entsetz⸗ lichen Stoß, der seine Insassen von ihren Sitzen schleuderte; die Querwand wie die Decke des Waggons brachen in tausend Trümmer und Splitter, wie wenn sie statt von schwerem Holze nur von dünnem Glas gewesen wären. Die Koupeelampe erlosch, das schwerfallige Gefährt neigte sich auf die Seite— und der lange, schnaubende, ächzende Eisenbahnzug hatte sich innerhalb eines Zeitraumes, dessen Dauer nur nach wenigen Sekunden zu be⸗ messen war, in ein gräßlich wüstes Chaos von zer⸗ brochenem Holz und verbogenem Eisen verwandelt, über das der feuchtkalte Nordwestwind heulend dahinfuhr.
Zweites Kapitel.
Im Wartezimmer des kleinen Stationsgebäudes zu Rothhaide saß eine Anzahl von Männern, die auf das Einlaufen des um neun Uhr fälligen Zuges harrten. Eine großere Gruppe, die aus mehreren Landwirten und einigen Bahnbeamten zu bestehen schien, hatte sich plauderud an dem runden Tisch unter der düster brennenden Häugelampe niederge⸗
lassen und der kleine ungeschickte Kellnerbursche mußte
da ziemlich häufig die leeren Gläser durch frisch ge— füllte ersetzen. Ziemlich weit abseits von dieser heiter gestimmten Gesellschaft, vor einem kleinen Tischchen im halbdunklen Hintergrunde des kleinen Gemaches, befand sich noch ein einzelner Gast, ein gutgekleideter Mann mit ergrautem Haupthaar und mit einem ernsten, verschlossenen, bartlosen Gesicht. Er hatte sich ein Glas Madeira bestellt, aber seine Lippen hatten es noch nicht berührt, obwohl es schon länger als seit einer halben Stunde vor ihm stand. An den Gesprächen der Anderen beteiligte er sich nicht; seine scharfen, grauen Augen ruhten unverwandt auf dem Zifferblatt der Uhr, welche ihm gerade gegenüber hing, und das Vorrücken der Zeiger geschah ihm offenbar so langsam, daß er don Zeit zu Zeit mit einem kleinen Kopfschütteln seine Taschenuhr zum Vergleiche herauszog. Wie es schien, war seine Persönlichkeit den übrigen An⸗ wesenden sehr wohl bekannt, denn jeder von ihnen hatte beim Eintritt den grauhaarigen Mann mit einem sehr höflichen„Guten Abend, Herr Rode⸗ wald!“ begrüßt. Keiner aber hatte eine weitere Bemerkung an ihn gerichtet oder einen Versuch ge⸗ macht, ihn in die Unterhaltung zu ziehen. Jeden⸗ falls wußte man bereits, daß ein solches Beginnen nur von sehr geringem Erfolg gewesen sein würde, und fürchtete man sich davor, eine unangenehme Zurückweisung zu erfahren.
„Was für eine Geschichte war denn das mit dem Packmeister Milow?“ fragte einer der Männer am runden Tische den neben ihm sitzenden Bahnbe⸗ amten.„Ich hörte, er soll plötzlich aus dem Dieuste entlassen worden sein.“
„Jawohl, damit hat es seine Richtigkeit,“ er⸗ widerte der Gefragte.„Lange genug hatten wir beide Augen zugedrückt; jetzt aber ging es wirklich nicht mehr länger mit dem Manne!“
(Gortsetzung folgt.)


