Ausgabe 
4.11.1896
 
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das deutsche Volk und ihre Wähler verraten haben.

der Witwe

während Sie die Aufgabe haben,

die ganze Strenge des Gesetzes.

sagte er.Nun, ich will Ihnen meine

geben und Sie warnen. Meine Worte werden,

Gießen, Mittwoch, den 4. November

Posiztg. Nr. 3239 a Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion:

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Ausgabe

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Gießen.

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Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.

Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für die Zspaltige Vettltzeile.

edition: K 170 latz Nr. 4.

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Lokales und Provinzielles.

Gießen, 3. November. Gestern Nachmittag hielt die deutsch⸗soziale Reformpartei aus Anlaß der für Donnerstag dieser Woche anstehenden Reichstags⸗ Ersatzwahl in der Restauration Luft(Zum goldenen Obwen) eine öffentliche Versammlung ab. Zu Beginn

war der Raum nur sehr schwach besucht; nach und nach

öffnete sich die Thür öfter, und um vier Uhr waren etwa

110 Personen anwesend. Um diese Zeit begann unter

den Versammelten, die bis dahin ruhig auf den Beginn

gewartet, die erste Demonstration, die den Anfang er⸗ zwingen sollte. Es gelang auch. Herr Fleischhauer erhob sich und erklärte, daß mit dem Beginn so lange gewartet worden, weil von Leuten, die an der Kaontroll⸗ bersammlung teilnehmen müßten, dahingehend Wünsche an ihn gerichtet worden seien. In der Dliskusston werde

Jedem das Wort gegeben.(Bravo bei einem großen Teil der Versammlung, die vorher den eintretenden sozialdemo⸗ kratischen Kandidaten Redakteur Scheidemann mit Hoch⸗ rufen begrüßt hatten.) Nachdem sich zwischen Fleisch⸗ hauer und Scheidemann eine kurze Geschäftsordnungs⸗ debatte entwickelt hat, die sich um die Bureauwahl drehte, auf die Scheidemann schließlich verzichtet, ergreift das

Wort Reichstagsabgeordneter Zimmermann⸗Dresden.

Er rechnet zu Beginn mit dem Judentum und dem Aberalismus, die er beide für identisch ausgiebt, scharf ab. Der Liberalismus mit seinem manchesterlichen Grundsatz des freien Spiels der Kräfte habe den Boden geschaffen, auf dem die internationale Sozialdemokratie

erwachsen sei, mit der man ja auch in unserem Wahlkreis

zu rechnen habe. Als klassisches Beispiel führt Redner

England an mit seiner Latifundienwirtschaft, neben der

unser deutscher Bauer nicht bestehen könnte. Nachdem er

im Anschluß hieran der Sozialdemokraten gedacht und

deren Grundsatz der Vergesellschaftlichung kritistert hat,

wobei mannigfache Zwischenrufe erfolgen, setzt er aus⸗ einander, wie gefährlich die Vermögensanhäufung der

Rothschildgruppe und des verstorbenen Baron Hirsch für

die Monarchie im Allgemeinen und das deutsche Volk im

Besonderen sich erweist. Seine Partei habe, fährt Redner

fort, im Reichstag dem Bauschwindel entgegengearbeitet

und in der Petroleumfrage Stellung genommen. Auch der Fall Bashford wird von Zimmermann zitiert. Er

9 emerkt, daß die deutsch⸗nationale Ehre dadurch aufs Schwerste beleidigt sei. Die antisemitische Partei sei auch bett wieder totgesagt worden; nun, ein Totgesagter habe

ein langes Leben. Die Bewegung werde nicht schwinden, sondern immer weiter gehen. Denn die Erfolge der Partei

Wettbewerb, deren Wirkungen jetzt schon beobachtet werden könnten, werde den Gleichgültigen schon die Augen öffnen. Mit einem Appell, am Wahltage Köhler zu wählen und für dessen Wahl zu agitieren, schließt Zimmermann. In der Diskussion ergreift zuerst das Wort Redakteur

. das Börsengesetz und das Gesetz wider den unlauteren 1

Scheidemann. Er beleuchtet die Stellung der deutsch⸗ sozialen Reformer zur Frage des allgemeinen gleichen Wahlrechts, das von der Partei auf ihrem vorletzten Parteitag für die Bundesstaaten glattweg abgelehnt worden sel. Danach wendet sich Scheidemann der Besprechung des Antrags Kanitz zu und setzt ausführlich auseinander, daß es eine Interessengemeinschaft zwischen den großen Grundbesitzern des Ostens und den Bauern überhaupt nicht geben könne. Deswegen müßten die Bauern und die Städter gegen den Antrag Kanitz Front machen. Redner erklärt dann, daß die deutsch⸗sozlale Reformpartet bel Gelegenheit der Abstimmung über die Mil itärvorla 25 verliest aus einem Böckelschen Flugblatt, daß die Partei gegen die Militärvorlage schlankweg sei; ein paar Wochen

später hätte die Partel dem deulschen Volke die neue Last aufgeladen. Ebenso volksfeindlich hätte die Partei sich betragen bel der Branntwein⸗ und Zuckersteuer und der Hasenfrage. Ueber die Sozialdemokratie werde von den deutsch⸗sozialen Reformern die schlimmsten Dinge nach⸗ gesagt; anstatt über die Juden⸗Aktlen sollten die Deutsch⸗ sozialen lieber über die Böckelaktien Auskunft geben. Das möge wohl persönlich scheinen, aber er sei dazu gezwungen und wolle seine Beweise einem Unparteiischen gern mitteilen. Scheldemann schließt mit der Mahnung, nicht deutsch⸗sozlal, sondern sozialdemokratisch zu wählen; die ersteren versprächen viel und hielten nicht; die Sozial⸗ demokraten hielten aber, was sie versprächen.(Starker Beifall bei dem größeren Teil der Versammlung.) Abg. Zimmermann erklärt, daß er über Böckel⸗Aktien keine Auskunft geben könne, da Böckel nicht mehr zu seiner Partei zähle. Er sei ausgetreten, weil er die Einigung in der antisemitischen Partei nicht gebilligt, sondern seine eigenen Wege habe gehen wollen; außerdem habe er sich von der Politik vollständig zurückgezogen und gedenke bei der nächsten Wahl nicht mehr zu kandidieren. Danach erklärt Zimmermann, daß der Bund der Landwirte sich gewandelt habe und daß er jetzt nicht mehr mit den alten Parteien gehe, sodaß die deutsch⸗sozialen Reformer sehr gut mit ihm zusammengehen könnten. Nachdem Redner sich über den Zukunftsstaat verbreitet in übrigens ganz manchesterlicher Ausführung erklärt er bezüglich der Militärvorlage, daß die Börsensteuer die Kosten trage(Lachen). Seine Partei habe sich einen Verdienst um Deutschland errungen, indem sie für die Militärvorlage gestimmt habe. Die Versammlung wird allmählich recht lebhaft; die An⸗ hänger Zimmermanns, zu gutem Teil junge Leute(Stu⸗ denten), die vorläufig nicht das Wahlrecht haben, rufen alle Augenblick demonstrativ mit voller Lungenkraft Bravo, was gelegentlich bei den Gegnern Gegendemonstrationen veranlaßte. Die Erhöhung der Zuckerausfuhrprämien und der Verbrauchsabgabe verteidigt Abg. Zimmermann. Die Sozialdemokraten seien Bauernfeinde, weil sie den Grund und Boden verstaatlichen wollten.(Großer Beifall bei seinen Parteifreunden.) Der Vorsitzende Fleischhauer will jetzt die Versammlung schließen; es sei für den Abend noch mehr Arbeit vorhanden. Protestrufe. Scheldemann und ein zweiter Sozialdemokrat melden sich zum Wort; das sei die reine Vergewaltigung. Fleischhauer sucht sich zu rechtfertigen. Unter allgemeiner Erregung schließt Fleischhauer mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog die Versammlung und sucht sich dann im Privatgespräch gegen den Vorwurf der Mundtotmachung der Gegner zu verteidigen, was ihm aber nicht recht gelingen will.

(Ein nach Beendigung der Versammlung noch längere Zeit im Lokal verweilender Gast teilt uns mit, daß die⸗ jenigen Herren, die vorher keine Zeit hatten, die Diskusston fortzusetzen, noch eine Stunde nachher bei Speise und Trank beisammen saßen. Die Red.) 5

* Gießen, 3. Nov. In der gestrigen Ver⸗ sammlung der deutschen Sozialreformer hat der Vorsitzende, Herr Fleischhauer, in seiner Er⸗ öffnungsansprache die Ungeschicklichkeit begangen, zu erklären, daß die auf der Kontrollver⸗ sammlung befindlichen Anhänger seiner Partei ihn gebeten hätten, den Beginn der Versammlung so lange hinauszuschieben, daß ihnen Gelegenheit gegeben sei, der Ver⸗ sammlung beiwohnen zu können.(Siehe Versammlungsbericht. D. Red.) Nach dem Militärgesetz ist den Kontroll versamm⸗ lungspflichtigen verboten, am Tage der Kontrollversammlung öffentliche

Versammlungen zu besuchen. Wir hoffen, daß diese Mitteilung des Herrn Fleschhauerfsilr die in Betracht kommenden Besucher der Kon trollvbersammlung weitere Folgen nicht haben wird. Uebrigens haben wir nicht bemerkt, daß irgend ein Besucher der Kontroll versammlung in der Wählerversammlung an⸗ wesend war.

Gießen, 2. November.(Stadttheater.) 0 0 Oskar Bohns e, der erste Held und

iebhaber des Kölner Stadttheaters, gastiert am Donnerstag und Freitsg dieser Woche im hiesigen Theater. Herr Bohnse hat sich durch zahlreiche, von Erfolg begleitete Gast⸗ spiele einen bedeutenden Namen als gastierender Künstler erworben. Ueber Herrn Bohnées Auf treten am Viktoriatheater in Magdeburg berichtet man dort: Oskar Bohnse vom Kölner Stadt⸗ theater eröffnete sein Gastspiel mit Gutzkows Uriel Acosta und erzielte einen großen Erfolg. Besondere Anziehungskraft hatte der gute, dem Gast vorangehende Ruf ausgeübt. In der That gelang es Herrn Bohnse, durch sympathische Er⸗ scheinung, modulationsfähiges Organ, eine vor⸗ zügliche Deklamation und vornehmes, maßvolles Spiel den schwankenden, mehr Mitleid als Be⸗ wunderung erweckenden Helden in seinen ihn verzehrenden Seelenkämpfen ergreifend und wahr darzustellen. Reicher Beifall lohnte dem Gaste, welcher durch Blumenspenden ausgezeichnet wurde.

* Gießen, 2. November. Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Karl Stephan Bingel aus Busenborn, zuletzt in Friedberg, vom Amtsanwalt in Alsfeld wegen Diebstahls; derselbe von der Staatsauwalt⸗ schaft Gießen wegen Widerstands; Gardist Wilhelm Christ aus Egelsbach vom Gericht des 1. Großh. Hess. Inf.-(Leibgarde)Regts. Nr. 115 wegen Fahnenflucht; Taglöhner Hch. Repp aus Gießen vom dortigen Amtsan walt wegen Körperverletzung.

» Gießen, 3. Nov. Wie dieDarmst. Ztg. zu berichten weiß, wurde am Donnerstag voriger Woche zu Wölfersheim(Kreis Fried⸗ berg) ein Deserteur des hiesigen Infanterie⸗ Regiments festgenommen und nach Friedberg übergeführt, wo derselbe durch einen Sergeanten in Empfang genommen und nach hier zurück⸗ gebracht wurde. Der Soldat war erst diesen Herbst eingestellt und bald darauf flüchtig geworden. Er hat sich vierzehn Tage im Freien herumgetrieben und nachts in den Strohschobern geschlafen. Infolge dieses bei der seitherigen Ungunst der Witterung nichts weniger denn der Gesundheit zuträglichen Aufent⸗ haltsortes und wohl auch durch Mangel an Nahrung war der Flüchtling so zurückgekommen, daß er zuletzt kaum noch gehen konnte.

v. Wieseck, 3. November. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, spricht morgen Mittwoch Abend im Großen Saale desGam⸗ brinus in Wieseck der sozialdemokratische Reich s⸗ tagsabgeordnete Förster aus Hamburg

über die bevorstehende Reichstagswahl. In Gießen selbst stand den Sozialdemokraten kein Lokal zur Abhaltung einer Versammlung zur Verfügung.

Großen⸗Linden, 2. Nov. Je näher der Wahltag rückt, um so schärfer wird die per⸗ sönliche Agitation von Mann zu Mann. Da⸗ gegen wäre an und für stch nichts zu sagen, wenn nicht auch Ueberschreitungen hierin vor⸗ kämen. So hat der hiesige Gemeinderechner dem Polizeidiener Vorwürfe gemacht, weil dieser sich angeblich lobend über einen der Kandidaten aus⸗ gedrückt hat. Wir meinen, daß keinem Wähler über seine Stellungnahme Vorwürfe gebühren, auch einem Polizeidiener nicht. Das hat Jeder mit sich abzumachen, auch jeder Polizeidiener, der kein Staatsbürger zweiter Klasse ist. Die Wahlfreiheit muß unter allen Umständen für jeden Wähler gewahrt werden. Hoffentlich werden bei der jetzigen Wahl keine Beeinft i vorkommen. Das liegt im Interesse aller Parteien.

* Grünberg, 2. November. Die Natio⸗ nalliberalen hielten gestern Nachmittag im GasthauseZum Hirsch unter dem Vorsitze des Herrn Baurat Schnitzel, eine sehr schwach be⸗ suchteallgemeine Wählerversammlung ab, in welcher der Generalsekretär Patzig aus Berlin einen Vortrag über dasProgramm der nationalliberalen Partei hielt. Den Erfolg, den Redner bei der ca. 40 Personen zählenden Zu hörerschaft erzielte, war ein sehr minimaler. Eine Diskussion fand nicht statt. Am selben Tage fanden noch Versammlungen in Ober-Ohmen und Ruppertenrod statt, in welcher ebenfalls Herr Patzig referierte. Die Sozialdemo⸗ kraten hielten gestern in hiesiger Gegend in den Ortschaften Ettingshausen und Göbelnrod Ver⸗ sammlungen ab, in welchen als Referent Herr Karl Orbig aus Gießen auftrat. Der hiesige Ortsgewerbeverein beabsichtigt bei Beginn des Wintersemesters in der Handwerkerschule einen neuen Lehrplan einzuführen, wodurch den jungen Leuten Gelegenheit gegeben ist, sich in denjenigen Fächern auszubilden, die das Geschäftsleben be⸗ dingen.

* Grünberg, 3. Nov. Am Sonntag hielt der Kreisfeuerwehr⸗Inspektor, Herr Loos aus Gießen, nach einer vorausgegangenen Inspektion in Lauter, seine erste Feuerwehr-Inspektion in unserer Stadt ab. Trotz des schlechten Wetters ließ derselbe kurz nach 4 Uhr die gerüstete Mann⸗ schaft am Marktplatz antreten. Das Fußexer⸗ zieren sowie der darauf folgende Brandangriff waren, wie aus der Ansprache des Herrn In⸗ spektors hervorging, als eine zufriedenstellende zu bezeichnen. Nach der Uebung versammelten sich die Kameraden mit ihrer eigenen Kapelle im GasthausZum wilden Mann, wo man bei einem guten Glas Bier und den Kläugen der Musik bis zu später Stunde in echt kamerad⸗ schaftlicher Stimmung beisammen blieb.

* Wolfsheim, 30. Oktober. Einen erheb⸗ lichen Jahresumsatz hatte die aus 56 Mitgliedern

Zwischen Liebe und Pflicht.

Roman aus dem australischen Buschleben

von G. Löffel. Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Sie sprachen früher selbst von ihnen, als von und Tochter eines enorm reichen Squatters.

Dafür gelten sie. Sind die Menschen immer

das, für was sie sich ausgeben? Sind Sie es,

wenn Sie jetzt hingehen und den Beschützer spielen, 19 1 915 sie zu verderben? Diese Aufgabe habe ich nicht! erwiderte ich sest.Ich habe die Aufgabe die Wahrheit zu er⸗ forschen. Das ist mein ehrlicher Wille. N i ie Sie sagen, dann treffe Frauen so schuldig, wie Sie sag Sn u Opfer eines Schuldigen, oder von diesem bedroht, dann werde ich sie zu schützen wissen, kraft meiner Amtsgewalt. 0 Der Sergant schüttelte e i überzeugen, Deu Sie lassen sich schwer überzeug e Ich wollte sie Ihnen nur zu 9 55 i weiß es, in Ihrem Gedächtnis haften bleiben und Sie vor blindem Vertrauen schützen. Sie wollen

aufzwingen.

dalso keine Ueberwachung der Milton⸗Park⸗ Station?

Ich werde meine mich nur meinen Parole ist:

Nein! sagte ich eutschieden. geheime Mission erfüllen und bitte, m eigenen Weg gehen zu lassen. Meine siegen oder unterliegen!. und Sie werden unterliegen, sagte in düstere

Vorschau der Sergeant.Gott schütze Sie, Deutscher! f

Wir waren jetzt bei dem Blockhaus wieder an⸗ gelangt und damit endete unser Gespräch.

Ich verbrachte eine schlaflose Nacht. 5

Mit dem ersten Tagesgrauen verließ ich in aller Stille die Polizei⸗Station, um mit genügenden Mitteln versehen, nach der Distrikts⸗-Stadt zu reiten. a 5 f

Der Buschmann verwandelte sich in einen Gentleman und als solcher ritt ich abends mit wohlgepacktem Felleisen auf der Milton-Park⸗ Station wieder ein.

Mir wurde derselbe freundliche Empfang, an dem sich zu meiner geheimen Freude jetzt auch Fräulein Eugenie beteiligte. 5

Meine Zimmer standen bereit.

Ich fühlte mich wieder einmal als Mensch unter 2 en.

i war, als wenn ein Freund der Familie ein⸗ gekehrt wäre, nicht ein gänzlich Fremder, der noch gestern hier um Arbeit angesprochen hatte.

Von meinen Feustern Eckfenster genoß ich eine herrliche Fernsicht nach zwei Richtungen, zufällig oder absichtlich(7) nicht nach der Richtung der toten Schlucht. f a

Dieses Fragezeichen beweist, wie das Gift der Verläumdung bei mir wirkte.

Der Sergeant hatte Recht. Worte nicht vergessen.

Am Ende eines Ganges, meinen Zimmern ent⸗ gegengesetzt, führte eine eiserne Wendeltreppe nach

Ich konnte seine

dem flachen Dache hinauf.

In der oberen Etage wohnte ich jetzt allein. Besser konnte ich es mir nicht wünschen.

Die Thür zum Dach war unverschlossen. Niemand sah und hinderte mich also, wenn es mir einfiel, nächtlicher Weile dort oben Umschau zu halten, und das that ich schon heut.

Das Dach war für die Benutzung eingerichtet.

Das mit Bildwerken geschmückte Gesimse diente als Brustwehr.

Es war mit Blumen besetzt. Tisch und Garten⸗ stühle waren da.

In vollständiger Sicherheit, bequem sitzend und meine 1 rauchend, konnte ich hier auf der Lauer liegen, lauschen, spähen und meinen Gedanken nach⸗ hängen.

Würden diese Damen, fragte ich mich, das Dach nicht ängstlich vor mir verschlossen und mich anderswo einquartiert haben, etwa drüben in der Oekonomie, wenn sie für sich etwas zu fürchten hatten?

Ich wachte vergebens!

In dem Herrenhause und in seiner nächsten Umgebung blieb Alles still.

Im Lause des nächsten Tages lernte ich beide Damen näher kennen, als es bis dahin möglich gewesen, und ich fand nichts, was mir zu irgend welchen Bedenken Veranlassung hätte geben können, dagegen Manches, was mich zum Nachdenken anregte.

Mutter und Tochter waren einander so ungleich, als nur möglich.

Die Erstere war ganz Weltdame, überbildet,

ausgelebt, verwöhnt, launenhaft, gefallsüchtig, mit

einem starken Hang zur Unthätigkeit Ver⸗ schwendung, die sich hier nur in der fürstlichen Ein richtung und in ihren aus Paris() bezogenen Toiletten bekundete.

Die Tochter war weltabgewandt, einfach, thätig, lernbegierig.

Ihr Betragen war ernst und gemessen, und sie haßte den Prunk. Auf ihrem ganzen Wesen ruhte ein Hauch von Schwermut. Selten verzog sie ihre süßen Lippen zu einem Lächeln, nie, so sagte mir die Mutter, hörte man sie lachen. a Dennoch hingen Beide aneinander. Ein Jedes lebte für sich in dem durch Anlage und Lebensgang fest umzogenen Ideenkreis. Während Fräulein Eugenie auf dem Klavier ein Nocturno spielte, kam ich mit Mistreß Milton ins Plaudern. Eugenie ist im Kloster erzogen, sagte sie ge⸗ legentlich, was mich übrigens nicht Wunder nahm, da in Frankreich alle Töchter der höheren Stände im Klofter erzogen werden. Aber Sie, Madame, sagte ich lebhaft, wie konnten Sie, die lebensfrohe Pariserin, welche mir berufen scheint, eine Königin der Mode zu sein, in dieser Wald-Einsamkeit sich vergraben, wo Sie wie in einer stillen Verzauberung leben? Paris und die australische Wildnis sind doch wie zwei feindliche Pole, die nie zusammenkommen können.

mit großer Liebe

(Fortsetzung folgt.)