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4.6.1896
 
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Gießen, Donnerstag, den 4. Juni

1896.

Ausgabe

Gießen.

ssche Landeszeikung,

Redaktion:

6 Kreuzplatz Nr. 4. 8

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.

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Hessischer Landtag. N Darmstadt, 2. Juni.

J Die zweite Kammer nahm heute Vormittag ihre Hlenarberatungen auf. In der Beratung des Antrags F und seiner politischen Freunde auf Auf⸗

hebung des Jesuitengesetzes begründete dieser den Antrag ausführlich. Aus dem Prinzip des gleichen Rechts ji Alle sei der Antrag hervorgegangen; man hätte die ther schon verhandelte Frage ruhig ihrer weiteren Ent⸗ pickelung überlassen können, wenn nicht die hessische bandessynode ein Gesuch an das Staatsministerium ge⸗ ichtet habe, daß der hessische Vertreter im Bundesrat istruiert werde, gegen die Aufhebung des Jesuitengesetzes wirken. Sofort habe das Oberkonsistorium erklärt, ah das Konsistorium bereits bei dem Staatsministerium Sinne des Ersuchens vorstellig geworden und eine be⸗ igende Erklärung erhalten habe. Wohl könne jeder tsbürger sich über Reichsgesetze äußern, zur Wahrung saatsbürgerlicher Rechte aber sei die Landessynode nicht

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und Mundslesh berufen. Im Namen des katholischen Volkes protestiere

er gegen die unverfrorene Einmischung der Synode in die

Ic Karten, Angelegenheit der Katholiken. An der Haltung der Natio⸗ cutter T8 00 h zalliberalen bei den früheren Verhandlungen und an dem

fetzt vorliegenden Ausschußberichte wird scharfe Kritik geübt. stedner rühmt dann die Verdienste der Jesuiten im deutsch⸗ französischen Kriege und bedauert, daß sie bei den vor⸗

üährigen Jubiläumsfeiern trotz ihrer damaligen patriotischen

Hingebung noch in Bann und Acht leben müssen. Hervor⸗ tagende Protestanten, wie z. B. Gustav Adolph, haben sich zu Gunsten der Jesuiten ausgesprochen, deren Moral lesneswegs verwerflich sei, was des Näheren ausgeführt wird.

Zum Schluß fordert Redner Zustimmung zu seinem Antrag. Denn kommen würden die Jesuiten doch, wenn nicht mit, soß gegen den Willen der Kammer. Staats⸗ minister Finger bezeichnet die Frage als abgedroschen. Er müsse Wasserburg antworten, es sei nicht üblich, im Voraus Mitteilung über die Instruktion der Bundesrats⸗ gesandten zu machen, allein die hessische Regierung könne 90 Vertreter nicht anders als gegen die Aufhebung des

Jeguitengesetzes instruieren, da diese ja durch das hessische densgesetz bedingt sei. Bei dem vorliegenden Antrag handle es sich weniger um Bethätigung des Rechtsgefühls

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Antragsteller, als darum, von Zeit zu Zeit auf⸗ fülschenden Stoff in die Masse zu werfen(Bravo!), ob⸗ gleich man wisse, daß derartige Anträge von keinem Erfolg

eitet sein könnten. Daß protestantische Körperschaften

gewisse Scheu vor den Jesuiten haben, erklärt sich aus der Geschichte dieses Ordens. Vor 24 Jahren sei ble Jesultenfrage im Reichstage unter Zustimmung des ganzen Volkes dauernd gelöst worden; glänzend habe man bargethan, daß dieser Orden die Negation des Reiches der Staatsgewalt darstellt. Die Jesuiten sind eine

Nacht, die zurückgekehrt, gefährlich werden könne. Dabsl bon Köth polemisiert gegen die Ausführungen des Mi⸗ nisters; auch er stellt die Rückkehr der Jesuiten in sichere Aussicht. Jöst für die Sozialdemokraten und Metz (Gießen) für die Freisinnigen geben die Erklärung ab, daß sie dem Antrag auf Aufhebung des Jesuitenge setzes zustimmen werden. In Bezug auf Ausführung des letzteren hebt Osann hervor, daß das Jesuitengesetz nicht ein Werk Bismarcks sei, sondern aus freisinnigen Anregungen hervor⸗ ging. Die hessischen Freisinnigen ständen mit bedeutenden Führern ihrer Partei im Reichstag im Widerspruch, die, wie Richter, Rickert, Gegner der Aufhebung des Jesuitengesetzes selen. Redner erörtert sodann den bekannten ablehnenden Standpunkt der Nationalliberalen: die Landessynode habe

geglaubt, daß die Wiederzulassung der Jesuiten eine Gefahr für die ihr anvertrauten Interessen sei. Daher war ihr Beschluß durchaus gerechtfertigt. Schmitt protestirt gegen die Aeußerungen des Staatsministers Finger, als sei das Thema abgedroschen und wendete sich gegen den evange lichen Bund, der den Kampfgegen Rom in erster Linie auf seine Fahne geschrieben habe und zur Ver nichtung des Katholizismus gegründet sei. Was würde wohl die Regierung sagen, wenn Bischof und Domkapitel heute die Regierung um Aufhebung dieses Bundes an⸗ gehen würden? Die Jesuiten, wenn sie sich vergehen, müsse man vor Gericht stellen. Wenn nur der Ausnahme⸗ paragraph falle, sei man mit Verschärfung der Gesetze ein⸗ verstanden. Gegenüber Osann bemerkt Redner, daß der Papst nur in Glaubenssachen der Katholiken, nicht aber in politischen Dingen maßgebend sei. Den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit des Zentrums weise er entrüstet zurück. Schröder: Der evangelische Bund stehe mit der evange lischen Kirche in keinem Zusammenhang, er sei zur Ab⸗ wehr gegenüber bestehenden und langjährigen Angriffen gegründet, ein Vergleich mit dem Jesuitenorden daher un⸗ zutreffend.

Nach dem Schlußwort des Referenten Hechler ergiebt die namentliche Abstimmung Ablehnung des Antrages Wasserburg mit 24 gegen 17 Stimmen. Neben den An⸗ tragstellern, Freisinnigen und Sozialdemo⸗ kraten stimmten auch die Antisemiten für Beseitigung des Jesuitengesetzes. Die Nationalliberalen stimmten geschlossen dagegen.

Lokales und Provinzielles.

W. Gießen, 3. Juni. Schwurgerichtssitzung. Landgerichtsrat Kullmann eröffnet um 9 Uhr vor⸗ mittags die Sitzung. Nach Auslosung der Geschworenen wird in die Verhandlung gegen den 36 Jahre alten Dienstknecht Johannes Fritzges von Rainrod wegen Meineid eingetreten. Die Staatsbehörde wird vom Staatsanwalt Koch vertreten. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt Katz. Es sind 9 Zeugen zu vernehmen. Der der Anklage zu Grunde liegende Thatbestand ist folgender: In der Solvesternacht dieses Jahres waren alter Sitte gemäß in der Wohnung des Jakob Kröll zu Rainrod eine Gesellschaft junger Leute zusammen. Man amüsierte sich mit Gesang und Tanz und Bier, wünschte sich um 12 Uhr alles Gute und trennte sich erst ziemlich spät, nachdem man sich in der allerbesten Laune befand. Nur einige der jungen Leute blieben noch zusammen; es kam das Gespräch auf Neujahrskarten. Die heute als Zeugin zu vernehmende Marie Kröll, Tochter des Jakob Kröll VI., erzählte, sie habe auch schon Witzkarten Je⸗ kommen und holte diese herbei. Nun machte sich die ausgelassene Gesellschaft daran, die Adressen zu ändern und die Karten noch mit unsittlichen Bildern und Texten zu versehen, welche Bezug hatten auf einzelne Personen im Ort. Man heftete mit Nägeln die Karten darauf an das Gemeinde⸗Backhaus, wo dieselben am andern Morgen gefunden und abgenommen wurden. Es erfolgte Anzeige und nun wurde das Verfahren gegen Jakob Fried⸗ rich Schwab und Genossen wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit eingeleitet und der Angeklagte, sowie die Marie Kröll vom Amtsanwalt als Zeugen vernommen. Beide erklärten, von der ganzen Sache nichts zu wissen. Hierauf wurde der Angeklagte vor dem Amtsgericht Schotten am 14. Februar d. J. zeugeneidlich vernommen. Bei diesem Vernehmen hat der Angeklagte nur teilweise An⸗ gaben gemacht, aber zur Sache gehöriges verschwiegen und

darin sieht die Anklage das Verbrechen des Meineides. Der Angeklagte erklärt, wegen Diebstahl mit 6 Monaten vorbestraft zu sein. Die Karten werden vom Vorsitzenden verlesen und haben sämtlich einen recht schlüpfrigen Inhalt. Der Angeklagte schildert nun, wie sich die Karten⸗ schreibung zugetragen. Nicht er habe dieselben geschrieben, sondern Jakob Friedrich Schwab. Er sowohl wie die andern Anwesenden haben aber dabei mitgewirkt, indem sie drein sprachen. Er habe zwei der Karten an das Gemeindebackhaus angeheftet, die anderen habe der Schwab angeheftet. Als die Sache ruchbar wurde, nahmen sich die Genossen vor, nichts zu gestehen. Ihre Vernehmung war demnach resultatlos. Nachdem der Angeklagte die Ladung als Zeuge vor das Amtsgericht erhalten, sprach er mit der Marie Kröll uud deren Bruder. Sie nahmen sich vor, so lange zu leugnen, bis es ans Schwören gehe. Der Angeklagte schildert nun seine zeugeneidliche Ver⸗ nehmung vor dem Amtsrichter. Dieser habe ihn gefragt, und er habe geantwortet; darnach wer die Karten an⸗ geheftet, sei er nicht gefragt worden. Er sei auch nicht darauf hingewiesen, daß er Aussagen, die ihn selbst be⸗ lasten könnten, nicht abzugeben brauche. Der Angeklagte ist damols nach seiner Vernehmung vereidigt. Dem An⸗ geklagten wird nun der Vorwurf gemacht, daß er ver⸗ schwiegen habe, daß die Marie Kröll und er bei der Ab⸗ fassung der Karten mit hineingesprochen. Ferner hat der Angeklagte beschworen, daß Jakob Schwab die Adressen geschrieben, während dieser auch die Textseite teilweise be⸗ schrieben hat. Auch die Bekundung des Zeugen, daß er nicht wisse, an wen die Karten adressiert gewesen, soll falsch gewesen sein. Besonders trifft aber den Angeklagten der Vorwurf, daß er bei seiner Zeugenvernehmung kein Wort über das Anheften der Karten am Gemeindebackhaus gefragt. Der Angeklagte erklärt, daß er erstens vom Amtsrichter nicht danach gefragt worden sei und zweitens habe er geglaubt, er könne verschweigen, was ihn selbst belaste.(Die Verhandlungen dauern bei Schluß der Redaktiou fort.)

* Gießen, 3. Juni. Das gestrige Konzert zum Besten des Baufonds für die Errichtung eines Kriegerdenkmals in Gießen war gut besucht. Unsere Regimentskapelle leistete wieder Vorzügliches. Musikdirektor Krauße hat mit seiner Künstlerschar bei dieser Gelegenheit wieder bewiesen, daß sie den größten Auforderungen ge⸗ nügt. Die Leistungen der Kämmersängerin Frau Marie Wittich wurden mit rauschendem Beifall nach jedem Auftritt reichlich gelohnt. Es ist gewiß bei dieser Gelegenheit der Wunsch am Platze, dem wir hiermit Ausdruck geben, daß sich unsere Landsmännin öfter in der Heimat hören lassen möge. Der Klavierbegleitung des Herrn Paul Polster wollen wir unsere Aner⸗ kennung nicht versagen.

* Gießen, 3. Juni. Zwischen einem Omnibuswagen und einer Abteilung Militär kam es heute Vormittag an der Einmündung des Seltersweg in den Kreuzplatz zu einer Karambolage. Der vom Bahnhof kommende Omnibus überholte das auf dem Nachhausewege befindliche Militär, es dürfte eine Kompagnie gewesen sein. Die Soldaten drückten sich nach einer Seite, sodaß der Omnibus bis ziemlich in die Mitte des ganzen Trupps gelangte, als der voranreitende Offtzier die Situation gewahrte. Derselbe schwenkte sofort sein Pferd, ritt vor den

Omnibus und versuchte, denselben unter allen Um⸗ ständen zum Stehen zu bringen. Der Omnibus⸗ kutscher, sich an diese Maßnahme nicht kehrend, fuhr ruhig weiter, bis der Offizier zwei Mann zum Festhalten der Pferde kommandirte. Ob dieser Vorfall ein Nachspiel haben dürfte, vermögen wir nicht zu beurteilen. Es entsteht nur die Frage, wie sich das Publikum zu einem solchen Vorkommnis stellen soll. Man nehme z. B. an, daß der Omnibus in der Richtung nach dem Bahnhof gefahren wär. Wer hätte dann die Omnibus⸗Passagiere für die mit der Zugver⸗ säumnis in Verbindung stehenden Verluste ent⸗ schädigt? Es dürfte Sache der Omnibusgesell⸗ schaft und der Stadtverwaltung, welche bedeu⸗ tende Zuschüsse leistet, sein, hier ein ernsthaftes Wort drein zu reden. Straßenverkehrs störungen durch Militär à la Berlin lassen sich wohl in Gießen leicht vermeiden.

* Gießen, 2. Juni. Am 15. März d. J. verhandelte unsere Strafkammer gegen den Ge⸗ richtsvollzieher Geiß ler hierselbst. Das Schöffen⸗ gericht hatte denselben wegen Vergehen gegen§ 3 des Reichsgesetzes vom 9. Mai 1891(das Feil⸗ halten und in den Vorkehrbringen von Hand⸗ feuerwaffen, ohne Einschußstempel) zu einer Geld⸗ strafe von 3 Mark excl. 1 Tag Haft verurteilt. Der Gerichtsvollzieher hatte im August v. J. in Sachen gegen v. Rabenau u. A. gepfändeten Hand⸗ feuerwaffen, die den Einschußstempel nicht trugen, öffentlich versteigert. Die Strafkammer verwarf die Berufung gegen das schöffengerichtliche Urteil und trotz vielfachen Abmahnens ließ Geißler durch seinen Vertreter Rechtsauwalt Grünewald die Sache vor das Oberlandesgericht Darmstadt bringen und hatte vor dieser Instanz die Genug⸗ thuung, daß vor 8 Tagen wo dieser Fall in Darmstadt verhandelt würde, der Vertreter der Staatsbehörde selbst die Revision für begründet erklärte und die Aufhebung des Urteils der Straf⸗ kammer Gießen beantragte. Gestern ist durch die Urteilsverkündung das Oberlandesgericht dieser Ansicht beigetreten. Wir haben s. Z. über die Verhandlung vor dem Schöffengericht sowohl als auch vor der Strafkammer eingehend berichtet.

Gießen, 2. Juni. Der auf der Bahn⸗ strecke Gießen-Wetzlar vorgestern aufgefundene schwer verletzte Peter Gans ist in verflossener Nacht an seinen Verletzungen gestorben, ohne vor⸗ her Angaben über den Unfall gemacht zu haben.

* Gießen, 2. Juni. Außer der kgl. Säch⸗ sischen Kammersängerin Frau Marie Wittich⸗ Dresden weilte gestern noch ein berühmter Sohn unserer Stadt in unserer Mitte, Wir bemerkten im gestrigen Konzert Herrn Hans⸗Gießen (Buff) der von seinen zahlreichen Freunden herz⸗ lich begrüßt wurde.

* Gießen, 3. Juni. Eine Sitzung der Ge⸗ samt vertretung des Evangelischen Bun⸗ des in Hessen wird am Donnerstag, den 11. Juni d. J., nachmittags 5 Uhr, im unteren Saale des städtischen Saalbaues zu Darmstadt mit folgender Tagesordnung abgehalten: 1) Or⸗

Ehrenschulden.

Novelette von Berta Katscher. (Nachdrud verboten.)

Potztausend! Also da steckst Du? Mit diesen Worten stürmte ein schmucker Husarenoffizier in das Arbeitskabinett seines Freundes Baron Bela v. Szatmary.Welches Donnerwetter ist in Dich gefahren, mitten in der Saison Urlaub zu nehmen und sich in dieses Eulennest zurückzuziehen? Ist das Freundschaft? Das ganze Regiment wütet und hat mich als Abgesandten zu Dir geschickt; ich habe Ordre, Dich lebend oder tot nach O.. zu bpingen. Sag' mal Junge, wie kann ein Mensch und noch dazu ein Husarenrittmeister, der jung, reich und von sämtlichen Schönheiten der Stadt angebetet ist, auf die absurde Idee verfallen, als

Leichenbittermiene er schneidet! Nicht einmal die Hand reicht er mir zum Willkommen! Ist das die Art und Weise, wie ein ungarischer Edelmann einen Freund empfängt, der gekommen ist, ihm die Grillen u vertreiben? Servus Bruder! Meine Gesellschaft bean Dir nicht gerade angenehm zu sein und ich

dahin von wo ich

ann wohl wieder gehen,

gekommen!

Aergerlich knallte der Offizier mit seiner Reit⸗

peitsche, drehte sich auf den Absätzen berum und machte ernstlich Miene, das Zimmer zu verlassen. Baron Bela, der bisher nicht gerade erfreut drein⸗ geblickt hatte, sah ein, daß er das Gassrecht ver⸗ letzt und rief, um seinen Fehler gutzumachen: Gyula, Du bleibst! Wozu unter Freunden Empfindeleien? Du solltest wissen, daß Du mir 8

Einsiedler in der Pußta zu leben? Und was für

stets willkommen bist. Dein plötzliches Erscheinen in meiner stillen Klause, wo ich mich so gut ver borgen wähnte, hat mich nur überrascht. Ich hätte eher den Geist meiner Ahnfrau erwartet, als Dich! Setz' Dich da an meiner Seite, alter Junge und erzähle mir, was es in der Garnison Neues gibt, was Dich veranlaßt hat, mich hier zu suchen, da ich Euch doch sagte, daß ich nach Paris reise. Was hast Du in all der Zeit getrieben, wie viele Herzen gebrochen?

Bah, das ist sonst Deine Sache! Der Teufel hole mich, wenn ich auch nur ein Wort mehr spreche ehe Du Wein hergiebst! Aber einen vernünftigen, denn die Zunge klebt mir am Gaumen. Es ist kein Spaß, vier Stunden im Trab zu reiten und das Alles nur, um einen langweiligen Maulwurf in seinem Bau zu überraschen!

Mit diesen Worten warf sich Gyula v. Szabo auf die Ottomane, streckte und dehnte sich behaglich, während Bela hinausging, um ein Frühstück zu bestellen.

Du, sei so freundlich und sorge auch dafür, daß meinBetzar untergebracht werde. Du kannst Dir ihn ansehen, ich habe das Prachttier vor einigen Tagen von meinem Alten geschenkt bekommen! rief Gyula dem Hausherrn nach.

Bald saßen die beide Freunde bei einem guten

Gabelfrühstück und tauschten Frag' und Autwort. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um das Garnisonleben. Apropos, weißt Du schon, daß die gauze Garnison in meine Kusine Marcsa verliebt ist? Nein, das weiß ich nicht! Wer ist diese

Bela gleichgiltig.

Gyula, der nicht ohne Absicht das Gespräch auf seine Kusine gelenkt hatte, entgegnete mit einem lauernden Seitenblick auf seinem Freund:Wie Du nur so fragen kannst? Heutzutage schwärmt man nur für verheiratete Frauen. Maresa ist ein famoses Weib, sage ich Dir! Rasse, reine Rasse! Echtes Ungarblut, schön, stolz, leidenschaftlich. Aller Männer O... V schmachten, machen Gedichte auf die schöne Frau Stuhlrichter und vergöttern sie, alle Damen dagegen wüten, verlästern sie und empfinden pikante Geschichtchen. Darf ich Dir einschänken, Bela?

Nein, ich danke! Also Maresa von Szabo hat ihren Zweck erreicht! Sie ist nicht nur Frau Stuhl⸗ richter geworden, sie macht auch Furore! kam es bitter aus dem Munde Belas, während seine Finger nervös Brodkügelchen drehten und seine Augen vor verhaltenem Zorn blitzten.Nun ja jetzt wird sie wohl glücklich sein, Deine Frau Kusine, der neu aufgehende Stern am Firmamente O...! Was sagt ihr Gatte dazu, ist er nicht eifersüchtig?

Gyula war plötzlich ernst geworden, so ernst wie man es bei dem stets heitern Tollkopf garnicht für möglich gehalten hätte. Eine peinliche Pause trat ein, beide Jünglinge blickten nachdrücklich in ihre Gläser, endlich begann Gyula:

Eigentlich müßte ich Dich jetzt fordern, denn Du hast das edelste, opfermütigste und selbstloseste Weib beleidigt, ein Weib, das unglücklich ist, ein Weib, das meine Kusine ist und das ich liebe.

Auch Du? entschlüpfte es Bela. Ja auch ich und ich schäme mich nicht, es Dir

zu gestehen, wenn gleich meine Liebe eine hoffnungs⸗ lose war, ist und sein wird. Ich weiß, was Dich in diese Einöde getrieben; ich weiß, daß Du Marcsa liebtest, noch ehe sie Frau Stuhlrichter geworden, daß Du gehofft, das schöne Mädchen heimzuführen auf Dein stolzes Ahnenschloß. Ich weiß aber noch mehr; ich weiß, daß Maresa Dich geliebt hat und jeden Bluttropfen freudig für Dich geopfert hätte. Ja und dieselbe Maresa, dieses blühende, reizende Geschöpf, hat dem alternden einflußreichen Stuhl⸗ richter Vizes ihre Hand zum ewigen Bunde gereicht und Dich mit einigen trockenen Worten verabschiedet.

Der arme Baron Bela Szatmary konnte ihr freilich keine so glänzende Stellung bieten wie der einflußreiche Stuhlrichter Vizes! rief Bela bitter. Ja, wäre mein Onkel, der mich zu seinem Erben eingesetzt, um einige Monate früher gestorben!

Wie leicht ist es, einen Menschen anzuklagen! Glaube mir, Freund, die Dinge liegen nicht immer so wie sie aussehen! Marcsa ist unglücklich, sehr unglücklich; und wie geschickt sie ihr Leid vor der Welt zu verbergen weiß!

Vizes ist ja trotz seiner 60 Jahre noch ein stattlicher Mann, sie hat sich eine glänzende Stellung erobert, weshalb also ist sie unglücklich?

Bela, ich fange an, zu bezweifeln, daß Du Marcsa wirklich geliebt hast, denn sonst müßtest Du wissen, daß sie nicht zu jenen Weibern gehört, die in einer glänzenden gesellschaftlichen Stellung Glück suchen. Sie ist ein tiefangelegtes, liebebe⸗ dürftiges Wesen, ihr Herz hungert an der Seite des Mannes den sie nie geliebt hat und nicht lieben kann, ihre empfindsame Seele wird täglich verwundet und ihr Stolz verletzt.(Fortsetzung folgt.)